Lehre von David Schwarzer, M.A.

Sommersemester 2026

Kommentar: 

Die wohl entscheidende Nebenfolge der Modernisierung, die immer stärker zum Austragungsort zahlreicher gesellschaftlicher Konflikte avanciert, ist die Klimakrise. Dieses Konfliktpotenzial rührt allem voran daher, dass deren Eindämmungsversuch durch eine sozialökologische Transformation ebenfalls Nebenfolgen produziert, die für zahlreiche etablierte Funktionsprinzipien moderner Gesellschaften ein erhebliches Risiko darstellen. So bewirkt etwa die Aufwertung nachhaltiger Produktentwicklung, Konsumgewohnheiten und Produktionszyklen zugleich eine fundamentale Abwertung von bewährten, karbonintensiven Geschäftsmodellen und Infrastruktursystemen (sog. Carbon Lock-Ins). Dies treibt, wie sich beispielsweise an der Debatte um den sog. „Heizungshammer“ gezeigt hat, die ökonomischen, sozialen und politischen Kosten einer nachhaltigen Transformation eminent in die Höhe: Die Risiken einer Umstellung werden als zu hoch wahrgenommen, was bei vielen Verbraucher:innen und Produzent:innen starke Beharrungskräfte hervorruft, die letztlich das Verbleiben in eingeschlagenen (fossilen) Pfaden gegenüber einer Umstellung auf klimafreundliche Alternativen privilegieren. 

Doch vor allem weil Energieerzeugung, Verkehr, Industrie und Landwirtschaft die meisten Treibhausgase emittieren, ist unsere Art und Weise zu wirtschaften – wie also gesellschaftlich produziert und konsumiert wird – zugleich entscheidender Hebel für eine sozialökologische Transformation. Wie es schon Karl Marx im Kapital beschrieben hat, sind ökologischer und ökonomischer Stoffwechsel untrennbar miteinander verbunden. Ziel des Seminars ist es in diesem Sinne einerseits, den Stoffwechsel zwischen Natur und Gesellschaft, der sich in unserer Wirtschaftsweise manifestiert, aus einer soziologischen Perspektive in den Blick zu nehmen. Dabei soll genauer herausgearbeitet werden, inwiefern ökonomische Praktiken gesellschaftliche Naturverhältnisse vermitteln. Andererseits soll mit Blick auf die ökologische Krise der Gegenwart darüber hinaus analysiert werden, worin die Bedingungen des Scheiterns und Gelingens einer sozialökologischen Transformation unserer Wirtschaftsweise liegen. Im Fokus der Analyse stehen dabei ökonomische Bewertungs- und Klassifizierungspraktiken, Finanzierungsmöglichkeiten und -strategien sowie die Rolle technologischer Innovation. 

Im Seminar wollen wir gemeinsam versuchen, uns einer Beantwortung folgender Fragen anzunähern: Welche Risiken und Probleme treten durch die sozialökologische Transformation unseres Wirtschaftssystems hervor und wie lassen sich diese bewältigen? Wie sind Transformationsrisiken unter verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen verteilt und wie lassen sie sich minimieren? Was lässt sich überhaupt als eine nachhaltige Wirtschaftsweise definieren und inwiefern stimmt dies mit etablierten Konzepten nachhaltiger Entwicklung überein? Das Seminar richtet sich an Studierende, die ein Interesse an Wirtschaftssoziologie, Nachhaltigkeitskonflikten, gesellschaftlichen Naturverhältnissen und soziologischen Perspektiven auf die nachhaltige Transformation haben.

Literatur: 

Sona – Netzwerk Soziologie (2021): Soziologie der Nachhaltigkeit. Transcript: Bielefeld. Abrufbar unter: https://elibrary.utb.de/doi/book/10.5555/9783839451991.

Degens, Philipp/Neckel, Sighard (2024): Das Scheitern des grünen Kapitalismus. Befunde, Gegenstimmen, Alternativen. Frankfurt/New York: Campus. Abrufbar unter: https://content-select.com/de/portal/media/view/65c63694-bb14-49be-9f39-47f9ac1b000f.

Wintersemester 2025/26

Kommentar: 

Krisen(-diagnosen) sind ein dauerhaftes Anhängsel moderner Gesellschaften geworden. Unlängst sind sie kein besonderes Ereignis, sondern eine paradoxe Form der Normalität, die sich, wie es etwa der vielzitierte Begriff Polykrise nahelegt, in jüngster Vergangenheit wechselseitig verstärkt und verknüpft haben. Die Kernfrage, die wir im Seminar in diesem Sinne aufwerfen wollen, lautet, wie sich Gesellschaft angesichts der Allgegenwärtigkeit von Sicherheitsrisiken (Krieg, Klima, technologischer Fortschritt etc.) organisieren kann. Virulent scheint diese Frage, weil Risiken nicht vollständig kontrolliert und antizipiert werden können; auch deshalb, wie der Soziologe Ulrich Beck es in Risikogesellschaft beschrieben hat, weil moderne Gesellschaften ihre eigenen Gefährdungspotenziale durch den technisch-ökonomischen Fortschritt unweigerlich selbst hervorbringen.

Passend hierzu beschreibt Michel Foucault schon in seinen historischen Analysen der Herausbildung moderner Staaten, dass diese sich spezifischer Sicherheitstechniken bedienen, die Risiken zwar berechen- und vorhersehbar machen, vollständige Prävention in Massengesellschaften mit freiem Güter- und Personenverkehr jedoch unmöglich ist. Kalkül der modernen Staatskunst ist demnach weniger das Verhindern von Krisen als vielmehr die Minimierung ihrer negativen Folgen für die Gesamtbevölkerung. Hierfür muss sie die ständigen Risiken zu berechenbaren Risiken machen, wofür es vor allem eines braucht: Wissen über die Beschaffenheit des Territoriums und über die Eigenschaften der Bevölkerung. Denn demographische Daten, kriminologische Statistiken, Wetterdaten oder die Bemessung der Wirtschaftsleistung im Bruttoinlandsprodukt, ermöglichen es erst, einen gesamtgesellschaftlichen Normalzustand zu definieren, Abweichungen zu identifizieren und weitere Entwicklungen zu prognostizieren. Die Erhebung statistischer Daten wird somit zur grundlegenden Sicherheitstechnik moderner Staaten, da sie Dynamiken der gesamten Bevölkerung (Pandemien, globale Erwärmungsrate, Wirtschaftskrisen) beschreibbar macht und aufzeigt, an welchen Stellen aktiv interveniert werden muss, um Gefahren zu minimieren.

Gegenwärtig werden wir jedoch Zeuginnen davon, dass diese Vermessung und Quantifizierung des Sozialen (Steffen Mau) insbesondere durch die Allgegenwärtigkeit digitaler Technologien auch negative Konsequenzen hat. Kontroverse Debatten um Vorratsdatenspeicherung durch Sicherheitsbehörden, die Verwendung personenbezogener Daten durch generative KI und algorithmisches Nudging machen deutlich, dass die fortschreitende Datafizierung selbst erhebliche Sicherheitsrisiken birgt – genug für kritische Stimmen, um eine neue Ära des Überwachungskapitalismus (Shoshana Zuboff) einzuläuten. 

In diesem lektürebasierten Seminar wollen wir uns gemeinsam mittels einschlägiger soziologischer Theorien einer theoretischen Bestimmung des gesellschaftlichen Umgangs mit Risiko und Sicherheit versuchen. Dieser theoretische Zugang soll dabei auch auf gegenwärtige Debatten und Entwicklungen übertragen werden. Das Seminar richtet sich an alle, die ein Interesse an Konsequenzen des technologischen und ökonomischen Fortschritts und der Datafizierung u. Digitalisierung moderner Gesellschaften haben.

Literatur: 

Luhmann, Niklas (1991): Soziologie des Risikos. Berlin: De Gruyter.

Beck, Ulrich (2016): Risikogesellschaft. Auf dem Weg in einer andere Moderne. Berlin: Suhrkamp. 

Mau, Steffen (2017): Das metrische Wir. Über die Quantifizierung des Sozialen. Berlin: Suhrkamp.

Foucault, Michel (2004): Geschichte der Gouvernementalität I. Sicherheit, Territorium, Bevölkerung. Frankfurt/Main: Suhrkamp. 

 

Sommersemester 2025

Kommentar: 

Ein spannendes Phänomen für eine soziologische Analyse ist Geld, wie der Wirtschaftssoziologe Aaron Sahr nahelegt, vor allem deshalb, weil es sich durch eine kuriose Gleichzeitigkeit von Mangel und Überfluss auszeichnet. Gerade in gegenwärtigen politischen Debatten zeigt sich einerseits, dass es überall an Geld zu mangeln scheint; etwa, wenn es um den Ausbau ziviler Infrastruktur, Investitionen in die grüne Transformation der Industrie oder – wie gegenwärtig – um die Bereitstellung von Militärhilfen geht. Zugleich hat sich andererseits das real existierende Geldvermögen insbesondere seit der Deregulierung der Kreditwirtschaft in den 70er Jahren exponentiell ausgedehnt und Jahr für Jahr vermeldet auch der deutsche Staat neue Rekordsteuereinnahmen. Das täuscht jedoch über die starke Vermögenspreisinflation durch spekulative Finanzgeschäfte (etwa beim Wohneigentum), seither gestiegene Verbraucherpreise und die sich getreu dem Matthäus-Effekt (Robert K. Merton) entwickelnde Konzentration des Geldes in den Händen weniger hinweg. 

Jedoch ist es nicht nur diese ungleiche Verteilung, die modernes Geld so spannend macht, sondern auch, dass es entgegen alltäglicher Vorstellungen offenbar aus dem Nichts zu entstehen scheint. Das zeigte sich jüngst am 100 Milliarden schweren Sondervermögen für die Bundeswehr oder den kreditfinanzierten Wirtschaftshilfen in der Corona-Krise. Spannend hieran ist, dass bei beidem allein durch politischen Willen neues Geld geschaffen wurde. Während in den Wirtschaftswissenschaften jedoch nach wie vor die Annahme vorherrscht, dass einer (politischen) Ausweitung der Geldmenge ein allgemeiner Anstieg der Verbraucherpreise (Inflation) entgegensteht, zeigte sich real nur ein deutlich geringfügigerer Anstieg, der in beiden Fällen viel eher auf den Einbruch globaler Lieferketten zurückgeführt werden kann. Steht dieser unterstellte kausale Zusammenhang zwischen Geldvermehrung und -entwertung nun erstmal in Zweifel, drängen sich sogleich einige Fragen auf: Wo sind die Grenzen der Geldschöpfung, wenn neues Geld nicht zwangsläufig die Preise hochtreibt? Wodurch erhält Geld überhaupt seinen Wert, wenn es offenbar nicht knapp zu sein scheint? Welchen sozialen Sinn erfüllt unser gegenwärtiges Geldsystem und wie wird Geld eigentlich hergestellt? Der Beantwortung dieser Fragen wollen wir uns im Seminar gemeinsam durch eine Kombination klassischer und kontemporärer Theorien aus Soziologie und Politökonomie annähern.

Das Seminar richtet sich an alle, die ein Interesse an Dynamiken globaler Ungleichheit, Wirtschaftssoziologie und Gestaltungsperspektiven progressiver Finanzpolitik haben.

Literatur: 

Kellermann, Paul (2014): Soziologie des Geldes. Grundlegende und zeithistorische Einsichten. Wiesbaden: Springer VS. 

Sahr, Aaron (2017): Das Versprechen des Geldes. Eine Praxistheorie des Kredits. Hamburg: Hamburger Edition.

Wintersemester 2024/25

Kommentar: 

In diesem Seminar gehen wir den Fragen nach, wie das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft im Laufe der Zeit verstanden und interpretiert wurde. Ausgangspunkt ist die Aufklärung, als die Idee des autonomen Individuums entstand, das selbstbestimmt und frei die Welt erkennt. Doch wie viel Freiheit haben wir wirklich in unserem Denken und Handeln? Und welche Rolle spielen gesellschaftliche Strukturen dabei? Wir betrachten unterschiedliche soziologische Theorien, die sich mit der Frage beschäftigen, ob und wie wir uns selbst als eigenständiges „Ich“ wahrnehmen können. Dabei vergleichen wir verschiedene Ansätze, die sich darin unterscheiden, wie viel Einfluss sie dem Individuum im Verhältnis zu den sozialen Rahmenbedingungen zusprechen. Im Seminar werden wir gemeinsam herausfinden, wie sich das Verständnis von Individualität im Modernisierungsprozess entwickelt hat und welche unterschiedlichen Perspektiven die Soziologie dazu bietet. Durch den Vergleich von Theorien werden wir ein kritisches und vielseitiges Verständnis von „Individualisierung“ erarbeiten. Das Seminar richtet sich an alle, die sich für die Wechselwirkungen zwischen Individuum und Gesellschaft interessieren und bereit sind, diese aus verschiedenen Blickwinkeln zu beleuchten.

Literatur: 

Feldmann, Klaus/Immerfall, Stefan 5(2021): Individualisierung, Privatisierung und Rationalisierung. In: dies.: Soziologie kompakt. Eine Einführung. Wiesbaden: Springer VS: S. 115- 130. 

Schroer, Markus (2008): Individualisierung. In: Baur, Nina/Korte, Herrmann/Löw, Martina/Schroer, Markus (Hrsg.): Handbuch Soziologie. Wiesbaden: VS Verlag: S. 139-162.