Lehre von Dr. Johanna Leinius

Wintersemester 2021/22

Kommentar: 

Die Vorlesung „Der soziologische Blick” dient als allgemeine Einführung in die Soziologie. Ziel ist es, die Besonderheiten der soziologischen Forschungsperspektive an anschaulichen Fällen zu vermitteln und so den Einstieg in das Fach zu erleichtern. Die einzelnen Sitzungen zeigen, wie sich der soziologische Blick von Alltagsbeschreibungen unterscheidet und welche Besonderheiten mit dem Gegenstandsbereich des Faches einhergehen. Dabei verschafft die Vorlesung Zugang zu und Verständnis von unterschiedlichen Problem- und Fragestellungen des Faches, womit zugleich ein Überblick über die Forschungsschwerpunkte der Lehrenden der Fachgruppe Soziologie verbunden ist. 

Zu jeder Sitzung der Ringvorlesung wird eine*r der Lehrenden der Fachgruppe Soziologie eines der zentralen Themen der Soziologie in einem Video vorstellen und dieses mit Ihnen in einer Sitzung auf zoom diskutieren. Der*die Vortragende stellt weiterhin einen vorbereitenden Text zum Thema der Sitzung zur Verfügung, der vor der Sitzung gelesen werden muss.

Folgende Vortragenden/Themen sind vorgesehen:

01.11.21: Prof.Dr. Heinz Bude: Ungleichheit

08.11.21: Prof.Dr. Elisabeth Tuider und Jennifer Stoll: Geschlecht

15.11.21: Prof.Dr. Tanja Bogusz: Natur und Kultur: „Was heißt Anthropozän?“

22.11.21: Prof. Dr. Georg Krücken: Wissens- und Informationsgesellschaft

29.11.21: Prof.Dr. Bettina Langfeldt: Bildung und Sozialisation

06.12.21: Dr. Manuela Pötschke: Soziologische Daten und Big Data

10.01.22: Dr. Johanna Leinius: (Post-)kolonialität

17.01.22: Dr. Dieter Gawora: Internationalisierung

24.01.22: Dr. Sonja Fehr: Klasse, Geschlecht, Migration. Intersektionale Ungleichheitsforschung

31.01.22: Dr. Carsten Ochs: Das Ende der Privatheit?

07.02.22: Prof. Dr. Kerstin Jürgens: Digitalisierung in der Hochschulbildung

14.02.22: Dr. Oliver Kuhn: Vertrauenskrise und Kontrarianismus. Über das Misstrauen in Politik, Medien und Wissenschaft

Kommentar

Wodurch legitimiert sich Eigentum? Auf der Basis welcher politischen Denkfiguren und gesellschaftlichen Entwicklungen konnten sogenannte „natürliche“ Ressourcen bzw. „die Natur“ überhaupt zum „Eigentum“ erklärt/gemacht werden? Warum spielt die Idee, den eigenen Körper „zu besitzen“ eine so machtvolle Rolle in der Etablierung moderner Gesellschaften? Wie korrelieren Vorstellungen von „Natur als Eigentum“ oder „der Körper als Eigentum“ mit Rassismus, ökonomischer Ausbeutung, Kolonialismus und heteronormativen Geschlechterkonzepten bzw. Geschlechterungleichheit? Welche Rolle spielen „moderne/westozentrische“ Eigentumskonzepte (über sich selbst, über Andere) für die Etablierung und Legitimierung (globaler) Ungleichheitsverhältnisse und ökologischer Zerstörung? Inwieweit kommt jedoch der Forderung von einem Besitz des „eigenen Körpers“ eine zentrale Bedeutung in feministischen und queeren Kämpfen für sexuelle/geschlechtliche Selbstbestimmung zu? Gibt es dekoloniale, indigene, feministische oder ökologische „Alternativen“ zu westozentrischen Eigentumskonzepten? Und welche Relevanz haben all diese Fragen gerade vor dem Hintergrund einer anhaltenden Klimakrise?  

Diesen Fragen werden wir in dem Seminar auf der Basis unterschiedlicher Zugänge und (geschlechter-)theoretischer Perspektiven (u.a. aus dem Bereich queerer, feministisch-ökologischer, post-/dekolonialer, materialistischer und kommunitaristischen Theorien) nachgehen. Wir werden verschiedene Zugänge erarbeiten, welche herkömmliche Deutungen und Interpretationen von Natur/Körper sowie damit im Wechselverhältnis stehende Eigentums- und Subjektverständnisse (wie z.B. die „Natur als Eigentum“, der „eigene Körper als Eigentum“, der „Mensch als Nicht-Tier“) aufbrechen und in Frage stellen. 

In diesem Kontext werden wir auch diskutieren, welche analytische und politische Relevanz diese Ansätze hinsichtlich aktueller weltgesellschaftlicher Phänomene und Entwicklungen (u.a. ökologische Zerstörung und Klimakrise) entfalten und welche Handlungsmöglichkeiten, Widerstandsformen und Alternativen sich auf deren Basis konzeptualisieren lassen.

Literatur zur Vorbereitung: 

Anzaldúa, Gloria E.(2002): Now Let Us Shift...The Path of Conocimiento...Inner Work, Public Acts. In: Gloria E. Anzaldúa / AnaLouise Keating (Hg.): This Bridge We Call Home: Radical Visions for Transformation). New York: Routledge.

Federici, Silvia (20212): Caliban und die Hexe: Frauen, der Körper und die ursprüngliche Akkumulation. Wien: Mandelbaum.

von Redecker, Eva (2020): Revolution Für Das Leben. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlage.

Sommersemester 2021

Kommentar: 

Meanings are historically, geographically, and socially specific. This insight from poststructuralist theories is taken as starting point to critically discuss two terms that are usually imagined as natural and fixed: Land and territory. The seminar focuses on the role social relations (and power) play in the – often conflictual – (re-)production of territory and land. The two terms are seen as interlinked and inherently ambiguous, meaning that they can mean different things in different contexts: Notions of boundary-making and ownership arise when scrutinizing the role of territory in conflicts over land and land use. But territory, in feminist and indigenous understandings of the term, is also taken to be the grounds for sustaining social relations that reproduce life. 

In the seminar, we trace how the notion of territory emerged during colonization as a thoroughly modern concept based on developments in cartography, statistics and land surveying methodologies and discuss how it relates to other notions of territory and land that underline its embeddedness in social relations of care and life. We examine classic theories of territoriality as well as recent debates in which the separation between culture and nature is being questioned, from Latin American indigenous theories and ecofeminism to political ontology. We read and discuss theories anchored in European modernity as well as theories rooted in struggles over the defense of territory and land led by indigenous peoples and First Nations especially in the Americas.

Literatur: 

Haesbart, Rogério 2020: Territory/ies from a Latin American Perspective. In: Journal of Latin American Geography 19(1), 258-268.

Elden, Stuart 2013: The Birth of Territory. University of Chicago Press.

Massey, Doreen 2007: For Space. Sage.

von Redecker, Eva 2020: Revolution für das Leben. S. Fischer Verlage.

Zaragocin, Sofia/Caretta, Martina Angela 2020: Cuerpo-Territorio: A Decolonial Feminist Geographical Method for the Study of Embodiment. DOI: 10.1080/24694452.2020.1812370.

Kommentar: 

Was ist damit gemeint und was muss man darunter verstehen, wenn die Soziologie dem Wortsinn nach die »Lehre von der Gesellschaft« ist? Betreibt und studiert man Soziologie, ist man mehr als in anderen Fächern mit dem Problem konfrontiert, den genauen Gegenstandsbereich des eigenen Faches zu bestimmen. Um über »die Gesellschaft« zu forschen, bedarf es daher immer auch theoretischer Grundannahmen darüber, was der Gegenstandsbereich der Soziologie ist (in Abgrenzung etwa zu anderen Fächern) und was die Soziologie erklären soll oder kann. Diese Fragen verweisen auf die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit soziologischer Theorie.

Einen möglichen Zugang zu den verschiedenen Ebenen und Grundpositionen soziologischer Theoriebildung stellen fundamentale Kontroversen bzw. Konfliktlinien dar, die die Soziologie wiederkehrend beschäftigen. Jene Kontroversen stecken auf markante Weise die Problemdimensionen des Fachs ab. Zugleich zeigen sie in exemplarischer Form sowohl die verschiedenen, konkurrierenden Paradigmen als auch die verbindenden Elemente der Soziologie. Anstatt also einzelne Autoren vertiefend zu lesen, soll im Seminar ein spezifischer Problemkreis gesellschaftlicher Wirklichkeitsdeutung erschlossen und diskutiert werden.

In diesem Seminar werden mit Bewegung und Konflikt zwei grundlegende theoretische Perspektiven auf Instabilitäten und Wandel von Gesellschaften behandelt. Auf den ersten Blick scheinen sich diese weitreichend zu überschneiden, stellen doch Protestbewegungen eine verbreitete Form gesellschaftlicher Konfliktartikulation dar. Aber bei genauerer Betrachtung wird deutlich, dass sich Bewegung und Konflikt je nach theoretischem Zugang sehr unterschiedlich konzeptionalisieren und deuten lassen. Ziel des Seminars ist es, einen Überblick über das Spektrum dieser konzeptionellen Zugänge zu erhalten.

Literatur: 

Zur Einführung in die soziologischen Theorien eignen sich:

Jörn Lamla/Henning Laux/Hartmut Rosa/David Strecker (Hg.): Handbuch der Soziologie. Konstanz: UVK (Reihe: UTB), 2014.

Hans Joas/ Wolfgang Knöbl: Sozialtheorie. 20 einführende Vorlesungen, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2004 (2. Aufl.).

Hartmut Rosa/ David Strecker/ Andrea Kottmann: Soziologische Theorien, Konstanz: UVK, 2013 (2. Aufl.).

Georg Kneer/Stephan Moebius (Hg.): Soziologische Kontroversen - Beiträge zu einer anderen Geschichte der Wissenschaft vom Sozialen, Frankfurt: Suhrkamp, 2010.

Lars Gertenbach/Heike Kahlert/Stefan Kaufmann/Hartmut Rosa/Christine Weinbach: Soziologische Theorien, Stuttgart: UTB (Fink), 2009.

 

Zur Einführung in den Themenkomplex "Bewegung und Konflikt" eignen sich:

Priska Daphi/Nicole Deitelhoff/Dieter Rucht/Simon Teune (Hrsg.): Protest in Bewegung? Zum Wandel von Bedingungen, Formen und Effekten politischen Protests. Leviathan Sonderband 33, 2017. 

Jochen Roose/Hella Dietz (Hrsg.): Social Theory and Social Movements, Wiesbaden: Springer, 2017. 

Judith Vey/Johanna Leinius/Ingmar Hagemann (Hrsg.): Handbuch Poststrukturalistische Perspektiven auf Soziale Bewegungen: Ansätze, Methoden und Forschungspraxis. Bielefeld: transcript, 2019. 

Bonacker, Thorsten (Hrsg.): Sozialwissenschaftliche Konflikttheorien. 4. Auflage. Wiesbaden 2008.

Wintersemester 2020/21

Kommentar: 

Die Vorlesung „Der soziologische Blick” dient als allgemeine Einführung in die Soziologie. Ziel ist es, die Besonderheiten der soziologischen Forschungsperspektive an anschaulichen Fällen zu vermitteln und so den Einstieg in das Fach zu erleichtern. Die einzelnen Sitzungen zeigen, wie sich der soziologische Blick von Alltagsbeschreibungen unterscheidet und welche Besonderheiten mit dem Gegenstandsbereich des Faches einhergehen. Dabei verschafft die Vorlesung Zugang zu und Verständnis von unterschiedlichen Problem- und Fragestellungen des Faches, womit zugleich ein Überblick über die Forschungsschwerpunkte der Lehrenden der Fachgruppe Soziologie verbunden ist. 
Die Vorlesung ist konzeptionell verbunden mit den parallel dazu stattfindenden Seminaren zur Einführung in das soziologische Arbeiten.

Kommentar: 

Die Fähigkeit, wissenschaftlich zu schreiben und zu recherchieren, ist eine der zentralen Ressourcen, die Sie in Ihrem Studium benötigen. Wissenschaftliches Schreiben und Zitieren erfordert Präzision, Genauigkeit, Klarheit und Ehrlichkeit in Bezug auf Informationsquellen. Die Fähigkeit, sich deutlich auszudrücken, wird Ihr ganzes Leben lang wichtig sein, egal, ob Sie wissenschaftlich arbeiten werden oder nicht. Im Mittelpunkt des Seminars stehen daher das Verständnis und die Interpretation wissenschaftlicher Texte, das wissenschaftliche Schreiben sowie die Selektion von Inhalten für und die Strukturierung von wissenschaftlichen Texten.

Das Seminar ist an die Ringvorlesung "Der soziologische Blick" gekoppelt; die Prüfungsleistung des Moduls wird in diesem Seminar erbracht.

Sommersemester 2020

Kommentar: 

Intersektionale und postkoloniale Perspektiven nehmen ineinandergreifende Strukturen von Ungleichheit, Macht und Herrschaft in den Blick. Ein besonderer Fokus liegt auf der wechselseitigen Konstitution von Rassismus und Sexismus in ihren gesellschaftsstrukturierenden Formen ebenso wie auf der Ebenen der kulturellen Repräsentation, der alltäglichen Interaktionen sowie der Subjektformation.

Wie diese Perspektiven die Diversität und Heterogenität gegenwärtiger Gesellschaften greifen und welche Effekte sich daraus ergeben, wollen wir im Seminar auf Grundlage einer konzeptionellen und theoretisch fundierten Analyse der Genealogien und Gegenstandsbereiche der beiden Perspektiven diskutieren.

Fragen, die wir im Seminar diskutieren wollen, sind unter anderem:

– Welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten haben die beiden Perspektiven? Aus welchen gesellschaftlichen, aktivistischen und wissenspolitischen Kontexten stammen sie und wie wurden sie in der deutschsprachigen Soziologie rezipiert?

– Wie wird aus einer intersektionalen und/oder postkolonialen Perspektive gesellschaftliche Diversität betrachtet? Welche Fragestellungen und welche Positionalitäten werden von wem stark gemacht und welche Effekte hat dies?

– Wie intervenieren intersektionale und/oder postkoloniale Perspektiven in die Debatte um das Verhältnis von Gleichheit und Differenz?

Im Seminar lernen Sie intersektionale und postkoloniale Konzepte kennen, die wir nutzen wollen, um die Diversitätspolitik der Universität Kassel zu untersuchen.

Literatur: 

Wendy Brown: Regulating Aversion: Tolerance in the Age of Identity and Empire. Princeton und Oxford: Princeton University Press, 2006.

Combahee River Collective: A Black Feminist Statement. In: Moraga, Cherríe/Anzaldúa, Gloria (Hrsg.): This Bridge Called My Back. Writings by Radical Women of Color. New York: Kitchen Table: Women of Color Press, 210-218, 1981.

Ina Kerner: Postkoloniale Theorien zur Einführung. Hamburg: Junius, 2012.

Cornelia Klinger, Gudrun‐Axeli Knapp (Hrsg.): ÜberKreuzungen. Fremdheit, Ungleichheit, Differenz. Münster: Westfälisches Dampfboot, 2013.

Nina Lykke: Feminist Studies. A Guide to Intersectional Theory, Methodology and Writing. London und New York: Routledge, 2010.

Kommentar: 

Was ist damit gemeint und was muss man darunter verstehen, wenn die Soziologie dem Wortsinn nach die »Lehre von der Gesellschaft« ist? Betreibt und studiert man Soziologie, ist man mehr als in anderen Fächern mit dem Problem konfrontiert, den genauen Gegenstandsbereich des eigenen Faches zu bestimmen. Um über »die Gesellschaft« zu forschen, bedarf es daher immer auch theoretischer Grundannahmen darüber, was der Gegenstandsbereich der Soziologie ist (in Abgrenzung etwa zu anderen Fächern) und was die Soziologie erklären soll oder kann. Diese Fragen verweisen auf die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit soziologischer Theorie.Einen möglichen Zugang zu den verschiedenen Ebenen und Grundpositionen soziologischer Theoriebildung stellen fundamentale Kontroversen bzw. Konfliktlinien dar, die die Soziologie wiederkehrend beschäftigen. Jene Kontroversen stecken auf markante Weise die Problemdimensionen des Fachsab. Zugleich zeigen sie in exemplarischer Form sowohl die verschiedenen, konkurrierenden Paradigmen als auch die verbindenden Elemente der Soziologie. Anstatt also einzelne Autoren vertiefend zu lesen, soll im Seminar ein spezifischer Problemkreis gesellschaftlicher Wirklichkeitsdeutung erschlossen und diskutiert werden.

In diesem Seminar werden mit Bewegung und Konflikt zweigrundlegende theoretische Perspektiven auf Instabilitäten und Wandel von Gesellschaften behandelt. Auf den ersten Blick scheinen sich diese in hohem Maße zu überschneiden, stellen doch Protestbewegungen eine verbreitete Form gesellschaftlicher Konfliktartikulation dar. Aber bei genauerer Betrachtung wird deutlich, dass sich Bewegung und Konflikt je nach theoretischem Zugang sehr unterschiedlich konzeptionalisieren und deuten lassen. Ziel des Seminars ist es, einen Überblick über das  Spektrum dieser konzeptionellen Zugänge zu erhalten.

Literatur zur Einführung: 

Priska Daphi/Nicole Deitelhoff/Dieter Rucht/Simon Teune (Hrsg.): Protest in Bewegung? Zum Wandel von Bedingungen, Formen und Effekten politischen Protests. Leviathan Sonderband 33, 2017.

Jochen Roose/Hella Dietz (Hrsg.): Social Theory and Social Movements, Wiesbaden: Springer, 2017.

Judith Vey/Johanna Leinius/Ingmar Hagemann (Hrsg.): Handbuch Poststrukturalistische Perspektiven auf Soziale Bewegungen: Ansätze, Methoden und Forschungspraxis. Bielefeld: transcript, 2019.

Bonacker, Thorsten (Hrsg.): Sozialwissenschaftliche Konflikttheorien. 4. Auflage. Wiesbaden 2008.

Wintersemester 2019/20

Kommentar: 

Im Seminar beschäftigen wir uns mit zwei Fragen: Wie spiegeln sich feministische Praxen in der akademischen und aktivistischen Wissensproduktion wider? Wie beeinflussen die Strukturen der Wissensproduktion feministische Praxen? Wir beleuchten somit ein Kerngeschäft wissenschaftlicher Arbeit: Das Verfassen und Publizieren wissenschaftlicher Texte. Dafür beschäftigen wir uns im Seminar mit zentralen feministischen Publikationen, die wir im Seminar diskutieren, um dann entweder die Herausgeber*innen, Autor*innen oder Verleger*innen dieser Werke einzuladen, in einer öffentlichen Ringvorlesung über feministische Publikationspolitik zu sprechen. Fragen, die wir stellen, sind: Was sagen uns die ausgewählten Bücher und ihre Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte über die Frauen- und Geschlechterforschung? Wie ist diese gesellschaftlich verankert und auf welche Genealogien kann sie zurückgreifen? Wie sehen Verlags- und Veröffentlichungspolitiken aus und wie beeinflussen sie feministische Theoriebildung? Das Seminar erlaubt daher nicht nur die Diskussion von feministischen Forschungsergebnissen und - ansätzen sondern auch einen Einblick in die Forschungspraxis und den beruflichen Alltag der Forschung.

Wir orientieren uns an den Konzepten von Dialog und Übersetzung: Dialog ist Gegenstand feministischer Auseinandersetzungen und Voraussetzung für den Austausch zwischen Theorie und Praxis ebenso wie für die Kommunikation über Grenzen hinweg. Wissenschaftliche Publikationen treten in einen Dialog mit den Leser*innen, der Fachdisziplin, und im Falle feministischer Publikationen auch mit einem aktivistischen Publikum. Die Entstehung eines Buches ist aber auch das Resultat vorherigen Dialogs mit Autor*innen, Verleger*innen und anderen Akteur*innen. Wissensproduktion baut so notwendigerweise auf lebendigen, teils konfliktreichen Dialog auf. Dennoch kann Dialog nicht als gegeben angesehen werden, sondern ist harte (Vermittlungs-)arbeit.

Übersetzung bildet daher das zweite Konzept. Die im Seminar untersuchten wissenschaftlichen Publikationen sind das konkrete Ergebnis von Übersetzungsarbeit zwischen feministischer Praxis und wissenschaftlichen Debatte sowie zwischen regional unterschiedlich situierten Frauenbewegungen. Praktiken der kulturellen, politischen, sprachlichen, aber auch zeitgeschichtlichen Übersetzung sind hier zentral. Die von uns besprochenen Publikationen gibt es jeweils in einer Wieder- bzw. Neuauflage. Dies erlaubt es, den Einfluss zeitlicher Übersetzung zu diskutieren, die Wissensbestände aktualisiert und intergenerationalen Austausch gestaltet. 

Bisher zugesagt haben Prof. Dr. Nikita Dhawan (Universität Gießen) und Prof. Dr. Maria do Mar Castro Varela (ASH Berlin), die Ko-Autor*innen des Werkes „Postkoloniale Theorie: Eine kritische Einführung“ (2015 [2005]). Weitere Referent*innen und die im Seminar besprochenen Werke werden wir in der Einführungssitzung vorstellen. 

Literatur: 

Castro Varela, María do Mar/Dhawan, Nikita (2005): Postkoloniale Theorie: Eine Kritische Einführung. Bielefeld.

Connell, Raewyn/Collyer, Fran/Maia, João/Morrell, Robert (2017): Toward a global sociology of knowledge: Post-colonial realities and intellectual practices. International Sociology 31 (1): 21-37.

Sommersemester 2019

Kommentar: 

Die politische Landschaft im globalen Süden ist heutzutage ohne Frauenbewegungen kaum vorstellbar. Sie setzen sich neben der Vertretung von geschlechterspezifischen Interessen (wie dem Recht auf sexuelle Selbstbestimmung oder dem Kampf gegen sexualisierte Gewalt) auch mit allgemeinen politischen Themen auseinander (wie der Kritik an der neoliberalen Durchdringung der Gesellschaft oder dem Widerstand gegen Diktatur und Unterdrückung). Auch wenn Frauenbewegungen häufig als eine einheitliche Gruppierung wahrgenommen werden, sind sie weder homogen noch monolithisch. Sie sind sowohl von lokalen und globalen Dynamiken geprägt; beeinflussen diese zugleich aber auch entscheidend mit.  

In diesem Seminar setzen wir uns vor allem mit emanzipatorischen Bewegungen, sowie deren Strategien und Praktiken, auseinander. Im ersten Teil des Seminars legen wir die theoretischen und historischen Grundlagen für die im zweiten Teil des Seminars besprochenen Beispiele zu spezifischen Frauen- und feministischen Bewegungen, Themen und Konfliktlinien. 

Wir erwarten von Seminarteilnehmer*innen Grundkenntnisse an postkolonialen Studien. Ebenso sollten Teilnehmer*innen ein Interesse an historischen und aktuellen Entwicklungen im globalen Süden, insbesondere in den Ländern Lateinamerikas und Afrikas, mitbringen. Neben der Bereitschaft zur Lektüre englischsprachiger Texte gilt eine aktive und regelmäßige Teilnahme am Seminar als Voraussetzung für den Scheinerwerb.

Kommentar: 

Was ist damit gemeint und was muss man darunter verstehen, wenn die Soziologie dem Wortsinn nach die »Lehre von der Gesellschaft« ist? Betreibt und studiert man Soziologie, ist man mehr als in anderen Fächern mit dem Problem konfrontiert, den genauen Gegenstandsbereich des eigenen Faches zu bestimmen. Um über »die Gesellschaft« zu forschen, bedarf es daher immer auch theoretischer Grundannahmen darüber, was der Gegenstandsbereich der Soziologie ist (in Abgrenzung etwa zu anderen Fächern) und was die Soziologie erklären soll oder kann. Diese Fragen verweisen auf die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit soziologischer Theorie.

Einen möglichen Zugang zu den verschiedenen Ebenen und Grundpositionen soziologischer Theoriebildung stellen fundamentale Kontroversen bzw. Konfliktlinien dar, die die Soziologie wiederkehrend beschäftigen. Jene Kontroversen stecken auf markante Weise die Problemdimensionen des Fachs ab. Zugleich zeigen sie in exemplarischer Form sowohl die verschiedenen, konkurrierenden Paradigmen als auch die verbindenden Elemente der Soziologie. Anstatt also einzelne Autoren vertiefend zu lesen, soll im Seminar ein spezifischer Problemkreis gesellschaftlicher Wirklichkeitsdeutung erschlossen und diskutiert werden.

In diesem Seminar werden mit Bewegung und Konflikt zwei grundlegende theoretische Perspektiven auf den gesellschaftlichen Wandel behandelt. Auf den ersten Blick scheinen sich diese weitgehend zu überschneiden, artikulieren soziale Bewegungen doch durch ihren Protest Unzufriedenheit mit den gesellschaftlichen Status Quo und generieren Konflikt, um gesellschaftlichen Wandel zu erreichen. Und doch drücken sich Konflikte nicht allein durch Mobilisierung durch soziale Bewegungen aus; gesellschaftlicher Konflikt ist Grundlage der Gesellschaft und somit allgegenwärtig. 

Ziel des Seminars ist es, einen Überblick über die verschiedenen theoretischen Zugänge zu Bewegung und Konflikt zu erhalten und nachzuvollziehen, welche Aspekte die unterschiedlichen Perspektiven aufzeigen können, auch um aktuelle Dynamiken von Protest und Konflikt zu analysieren. 

Literatur: 

Jörn Lamla/Henning Laux/Hartmut Rosa/David Strecker (Hg.): Handbuch der Soziologie. Konstanz: UVK (Reihe: UTB), 2014.

Hans Joas/ Wolfgang Knöbl: Sozialtheorie. 20 einführende Vorlesungen, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2004 (2. Aufl.).

Hartmut Rosa/ David Strecker/ Andrea Kottmann: Soziologische Theorien, Konstanz: UVK, 2013 (2. Aufl.).

Georg Kneer/Stephan Moebius (Hg.): Soziologische Kontroversen - Beiträge zu einer anderen Geschichte der Wissenschaft vom Sozialen, Frankfurt: Suhrkamp, 2010.

Peter Wagner: Soziologie der Moderne, Frankfurt/NY: Campus, 1995.

Lars Gertenbach/Heike Kahlert/Stefan Kaufmann/Hartmut Rosa/Christine Weinbach: Soziologische Theorien, Stuttgart: UTB (Fink), 2009.

 

Zur Einführung in die Themenkomplexe "Bewegung" und "Konflikt":

Kern, Thomas (2008): Soziale Bewegungen: Ursachen, Wirkungen, MechanismenWiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Bonacker, Thorsten (Hrsg.): Sozialwissenschaftliche Konflikttheorien. 4. Auflage. Wiesbaden 2008

Wintersemester 2018/19

Kommentar: 

Dass die Produktions- und Lebensweise der modernen Gesellschaften in einer Krise steckt, ist die Grundlage für eine Vielzahl zeitgenössische Krisen-, und Transformationsdiskurse. Es wird argumentiert, dass die planetaren und sozialen Grenzen nur einzuhalten seien, wenn es zu einer „Großen Transformation“ der Gesellschaft käme. Doch von welcher Krise/welchen Krisen ist die Rede? Der ökologischen? Der sozialen? Der kapitalistischen? Der modernen? Oder sind es verschränkte und multiple Krisen? Und welche Gesellschaftsentwürfe für eine sozial-ökologische Transformation werden artikuliert? Von wem? Und mit welchen Konsequenzen? Konzepte wie Postwachstum, Degrowth, Neo-Extraktivismus und Anthropozän bieten hier sowohl Krisendiagnosen als auch unterschiedliche Perspektiven auf die Herausforderungen einer als notwendig gesehenen sozial-ökologischen Transformation. 

In diesem Seminar werden wir uns mit diesen Fragen beschäftigen und soziologische Theorien sowie Praktiken sozialökologischer Transformation aus einer poststrukturalistischen und postkolonialen Perspektive auf ihre Vorstellungen des Mensch-Natur-Verhältnisses sowie ihre (Macht-)Effekte überprüfen. Dabei wird davon ausgegangen, dass die Umwelt als (globales) Problem, welches die Veränderung von grundsätzlichen gesellschaftlichen Strukturen und Spielregeln, aber auch individuellen Verhaltens, herausfordert, gesellschaftlich geschaffen ist. Umwelt-, Krisen-, und Transformationsdiskurse können somit als Spiegelbild für die Verfasstheit der Gesellschaft dienen. 

Zu Beginn des Seminars erarbeiten wir, wie sich die Vorstellung des Mensch-Natur-Verhältnisses in der soziologischen Theorie entwickelt hat und beschäftigen uns mit den aktuellen Konzepten, die sozial-ökologische Veränderungsprozesse erklären und verstehen wollen. Darauf aufbauend werden wir uns mit den verschiedenen Theorien und Praktiken der sozialökologischen Transformation im globalen Süden und Norden auseinandersetzen. Abschließend diskutieren wir, was die aktuellen Diskussionen um die Notwendigkeit einer sozial-ökologischen Transformation über ‚unsere‘ Gesellschaft aussagen und welche Konsequenzen dies für die Möglichkeit der Überwindung der sozialökologischen Krise(n) hat. 

Die Bereitschaft zur Lektüre englischsprachiger Texte wird vorausgesetzt. 

Wintersemester 2017/18

Kommentar: 

Das Seminar beschäftigt sich mit der Frage, wie aus einer poststrukturalistischen Perspektive sozial-ökologische Konflikte analysiert werden können. Prämisse ist, dass das, was wir unter „Natur“ verstehen, als Ausdruck gesellschaftlicher Machtverhältnisse verstanden werden muss. Unterschiedliche Vorstellungen der Beziehung zwischen Mensch und Natur, dem Wert der Natur und dem ‚richtigen’ Umgang mit ihr sind mit Ideen über Gerechtigkeit und dem „guten Leben” verknüpft. Aktuelle Debatten um den Klimawandel, das Anthropozän und Extraktivismus zeigen, wie eng soziales Handeln und ökologische Folgen miteinander verknüpft sind und verdeutlichen die gesellschaftliche Relevanz sozial-ökologischer Fragestellungen. Aber wie können Konflikte um „Natur“ verstanden werden und welche Einblicke geben sie in gesellschaftliche Beziehungen?
Wir lesen und diskutieren zentrale Texte der poststrukturalistischen Theorie und der politischen Ökologie und beschäftigen wir uns mit der Nutzbarmachung dieser Konzepte für empirische Forschung. Anhand aktueller Beispiele diskutieren wir den Mehrwert der poststrukturalistischen Blickverschiebung für empirische Analysen des Mensch-Natur-Verhältnisses.

Kommentar: 

Das Propädeutikum hilft mit der Vermittlung von Informationen und Kompetenzen zur Selbstorganisation des Studiums beim Übergang von der Schule in die Universität. Im Mittelpunkt stehen Verständnis und Interpretation wissenschaftlicher Texte, wissenschaftliches Schreiben sowie die Selektion und Strukturierung von Inhalten zur Aufarbeitung für Hausarbeiten. Einen weiteren Fokus bildet die Entwicklung einer soziologischen Perspektive auf soziale Phänomene. Das Seminar ist an die Ringvorlesung "Der soziologische Blick" gekoppelt.

Sommersemester 2017

Kommentar: 

Im Rahmen des Seminars untersuchen wir die Kämpfe der sozialen Bewegungen in Lateinamerika aus einer intersektionalen Perspektive. Wir zeichnen nach, wie lateinamerikanische soziale Bewegungen hegemoniale Machtstrukturen in Frage stellen und welche Vorstellungen von Gleichheit, Gerechtigkeit und dem guten Leben sie leiten.

Wir werden uns den Gesellschaften und der Politik Lateinamerikas aus der Perspektive derjenigen annähern, die gegen ihre Exklusion und Marginalisierung in der Mehrheitsgesellschaft kämpfen. Wir werden aber auch die Machtdynamiken innerhalb der Bewegungen in den Blick nehmen. Der besondere Fokus des Kurses wird auf den feministischen und den Frauenbewegungen Lateinamerikas sowie der Rolle von Frauen innerhalb gemischter sozialer Bewegungen sein.

Im ersten Teil des Kurses erarbeiten wir ein konzeptionelles Gerüst, mit dem soziale Bewegungen in Lateinamerika untersucht werden können. Nach der Vorstellung der grundlegenden Theorien sozialer Bewegungen werden wir uns mit den pädagogischen Praktiken und Strategien sozialer Bewegungen sowie mit der Rolle von Gender im lateinamerikanischen Aktivismus beschäftigen.

Im zweiten Teil des Seminars nutzen die Studierenden dieses konzeptionelle Gerüst, um eine der sozialen Bewegungen Lateinamerikas in Hinblick auf eine gemeinsam erarbeitete Fragestellung genauer zu untersuchen und dann im Seminar vorzustellen.

Im dritten Teil des Seminars wenden wir das erarbeitete Wissen an, um die breiteren Dynamiken der sozialen Bewegungen in Lateinamerika, ihre Potentiale und Schwierigkeiten besser zu verstehen.

Die Bereitschaft intensiver Textlektüre (auch englischer Texte) und die aktive Mitarbeit in einer der Gruppen werden vorausgesetzt.

Literatur: 

Aus Politik und Zeitgeschichte (HG.) (2016): Zeitenwende in Lateinamerika? Bonn: Bundeszentrale für Politische Bildung.

Alvarez, Sonia/Evelyn Dagnino/ Arturo Escobar (1998): Cultures of Politics - Politics of Cultures: Re-Visioning Latin American Social Movements, Westview Press.