Lehre von Prof. Dr. Lars Gertenbach
Sommersemester 2021
Kommentar:
Was ist damit gemeint und was muss man darunter verstehen, wenn die Soziologie dem Wortsinn nach die »Lehre von der Gesellschaft« ist? Betreibt und studiert man Soziologie, ist man mehr als in anderen Fächern mit dem Problem konfrontiert, den genauen Gegenstandsbereich des eigenen Faches zu bestimmen. Um über »die Gesellschaft« zu forschen, bedarf es daher immer auch theoretischer Grundannahmen darüber, was der Gegenstandsbereich der Soziologie ist (in Abgrenzung etwa zu anderen Fächern) und was die Soziologie erklären soll oder kann. Diese Fragen verweisen auf die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit soziologischer Theorie.
Einen möglichen Zugang zu den verschiedenen Ebenen und Grundpositionen soziologischer Theoriebildung stellen Konfliktlinien oder kontrastreiche Begriffspaare dar, die die Soziologie wiederkehrend beschäftigt haben und immer noch beschäftigen. Sie stecken auf markante Weise die Problemdimensionen, den Gegenstandsbereich und den Forschungszugang des Fachs ab und zeigen zugleich in exemplarischer Form sowohl die verschiedenen, konkurrierenden Paradigmen als auch die verbindenden Elemente der Soziologie. Anstatt also einzelne Autoren vertiefend zu lesen, soll im Seminar ein spezifischer Problemkreis gesellschaftlicher Wirklichkeitsdeutung erschlossen und diskutiert werden.
Als Begriffspaar/Problemkreis steht in diesem Seminar das Verhältnis von Individuum und Masse im Zentrum. Beide Begriffe prägen den soziologischen Diskurs der Moderne, sind aber in der Geschichte der Soziologie unterschiedlich relevant/bedeutsam und auch auf verschiedene Weise aufeinander bezogen. Beide Begriffe verweisen aber immer wieder aufeinander - wenn sich das Individuum in der Masse verliert, diese gar Individualität auslöscht; oder wenn der zeitgenössische Individualismus zu Vereinsamung führt, der "Einsamkeit in der Masse". Gleichzeitig sind in der Geschichte der Soziologie (und der Geschichte der modernen Gesellschaft) unterschiedliche Typen von Massen historisch relevant: von den revoltierenden Massen in den urbanen Großstädten um 1900 über die faschistischen Massen der 1930er Jahre bis zu den neuen Kollektiven der digitalen Gesellschaft. Im Seminar geht es darum, derartige Figuren kollektiven Verhaltens an verschiedenen exemplarischen Theoriepositionen gemeinsam zu lesen und mit Blick auf aktuelle Phänomene zu diskutieren.
Kommentar:
Dass gesellschaftliches Wissen immer auch einen Vorgriff auf eine noch nicht existente, aber bspw. als Bedrohung, Hoffnung oder schlicht Erwartung konturierte Zukunft beinhaltet, gehört zwar zu den Grundannahmen des soziologischen Denkens, wird aber im Fach nur selten systematisch in den Blick genommen. Dabei spielt das Zukünftige – ob als zukünftige Gegenwart oder als gegenwärtige Zukunft – gerade für sich modern verstehende (und das heißt: zeitlich verfasste) Gesellschaften eine zentrale Rolle. Nachdem derartige Fragestellungen angesichts des u.a. von Habermas in den 1980er Jahren konstatierten „Erschöpfen utopischer Energien” und der Kritik am Fortschritts- und Entwicklungsnarrativ etwas aus dem Blickfeld der Soziologie verschwanden, spielen sie seit einigen Jahren wieder eine stärkere Rolle. Im Seminar soll – angeregt durch neuere Forschungen etwa aus den Science & Technology Studies oder den an Foucault anschließenden Governmentality Studies – darum gehen, die verschiedenen Facetten einer (möglichen) Soziologie des Zukünftigen zu umreißen. In den Blick genommen werden nicht nur Utopien und konkrete Weltentwürfe, sondern auch gegenwärtige Modellierungen und Konstruktionen des Zukünftigen, wie sie etwa in Präventions- und Simulationstechniken zum Ausdruck kommen. Die Spannbreite der im Seminar zu diskutierenden Texte reicht dabei von klassischen Utopietheorien über die Futurologie als Wissensform zwischen Soziologie und Science Fiction bis zu konkreten Fallstudien zu kulturellen Techniken der Bearbeitung von Ungewissheit und Unsicherheit.
Eigene Themen- und Textvorschläge der Teilnehmer_innen werden gerne mit aufgenommen und können in den ersten Seminarsitzungen diskutiert werden.
Wintersemester 2019/20
Kommentar:
Die Vorlesung „Der soziologische Blick“ dient als allgemeine Einführung in die Soziologie. Ziel ist es, die Besonderheiten der soziologischen Forschungsperspektive an anschaulichen Fällen zu vermitteln und so den Einstieg in das Fach zu erleichtern. Die einzelnen Sitzungen zeigen, wie sich der soziologische Blick von Alltagsbeschreibungen unterscheidet und welche Besonderheiten mit dem Gegenstandsbereich des Faches einhergehen. Dabei verschafft die Vorlesung Zugang zu und Verständnis von unterschiedlichen Problem- und Fragestellungen des Faches, womit zugleich ein Überblick über die Forschungsschwerpunkte der Lehrenden der Fachgruppe Soziologie verbunden ist. Die Vorlesung ist konzeptionell verbunden mit den parallel dazu stattfindenden Propädeutika. Genaueres zum Ablauf und zu den Anforderungen finden Sie ab Oktober im Moodlekurs zu der Veranstaltung, zudem wird es in der ersten Sitzung (21.10.2019) vorgestellt.
Kommentar:
Die Kritische Theorie gilt als einer der klassischen und einflussreichen Theorierichtungen der Soziologie. Das Seminar zielt darauf, wesentliche Denkmotive ihrer zentralen Protagonisten herauszuarbeiten. Im Fokus steht dabei vor allem die sogenannte "erste Generation" der Kritischen Theorie, also etwa Adorno, Horkheimer, Benjamin und Marcuse. Das Seminar ist als Lektüreseminar konzipiert, wesentliche Teilnahmevoraussetzung ist daher die Bereitschaft, sich für jede Seminarsitzung intensiv mit den Texten zu befassen und aktiv mitzudiskutieren. Die genaue Auswahl der im Seminar zu lesenden Texte wird in den ersten Sitzungen gemeinsam beschlossen, Vorschläge können gerne auch vorab bereits per Mail an lars.gertenbach[at]uni-kassel[dot]de gemacht werden.
Literatur zur Vorbereitung:
Theodor W. Adorno: Einleitung in die Soziologie, Nachgelassene Schriften, Abteilung IV: Vorlesungen, Band 15, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2003.
Gertenbach, Lars, & Rosa, Hartmut (2009). Kritische Theorie, in: Gertenbach, Lars/Kahlert, Heike/Kaufmann, Stefan/Rosa, Hartmut/Weinbach, Christine (Hrsg.), Soziologische Theorien, Stuttgart: Fink, S. 175–254.
Demirovic, Alex (2004): Der Zeitkern der Wahrheit. Zur Forschungslogik kritischer Gesellschaftstheorie. In: Beerhorst, Joachim/ Alex Demirovic/ Michael Guggemos (Hrsg.): Kritische Theorie im gesellschaftlichen Strukturwandel. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 475-499.
Sommersemester 2019
Kommentar:
Niklas Luhmann gilt als einer der wichtigsten Soziologen des 20. Jahrhunderts. Sein Werk ist allerdings derart umfangreich und komplex, dass ein Zugang dazu oftmals schwerfällt. Das Seminar zielt darauf, diese Grundlagen anhand zentraler Texte Luhmanns gemeinsam zu erarbeiten. Es ist dementsprechend sowohl zum Einstieg als auch zur Vertiefung bestehender Kenntnisse geeignet.
Der genaue Seminarplan wird in der ersten Sitzung vorgestellt, er richtet sich aber nach den Interessen der Teilnehmenden und kann daher gerne angepasst werden. Vorschläge können gerne schon vorab per Mail (lars.gertenbach(at)uni-kassel.de) gesendet werden!
Literatur:
Luhmann, Niklas (1991). Soziologie als Theorie sozialer Systeme, in: Luhmann, Niklas (Hrsg.), Soziologische Aufklärung 1. Aufsätze zur Theorie sozialer Systeme, 6. Aufl., Wiesbaden: VS Verlag, S. 143–172.
Luhmann, Niklas (2007). Aufsätze und Reden, Stuttgart: Reclam.
Baraldi, Claudio, Corsi, Giancarlo, Esposito, Elena, & Schmidt, Johannes F. K. (Hrsg.) (2006). GLU: Glossar zu Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme, Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
Kommentar:
Der vielfach ausgerufene Cultural Turn hat auch die Soziologie nicht unberührt gelassen. Während klassische soziologische Konzepte »Kultur« eher als spezifischen Bereich von Gesellschaft begreifen (und von Wirtschaft, Recht, Politik usw. abgrenzen), wir nun stärker die grundsätzliche kulturelle Verankerung von Gesellschaften betont und Kultur zu einem allgemein zentralen Begriff der Soziologie erklärt.
Vor diesem Hintergrund zielt das Seminar auf eine grundlagentheoretische und theoriegeschichtliche Auseinandersetzung mit dem Begriff der Kultur - sowohl in der Soziologie wie auch in den Kulturwissenschaften. Gelesen werden zentrale Texte der Kultursoziologie sowie der Kulturkritik (Adorno/Horkheimer, Benjamin, Tenbruck u.a.). Ein Schwerpunkt des Seminars liegt hierbei in der Diskussion französischer Kulturtheorien, deren Rezeption (im deutsch- und englischsprachigen Raum) ganz wesentlich zur Etablierung des Cultural Turns beigetragen hat (Bourdieu, Debord, de Certeau, Baudrillard u.a.). Auf dieser Basis wenden wir uns im letzten Drittel des Seminars schließlich aktuellen Diskussionen der Kultursoziologie und -theorie zu (bspw. Kultur- vs. Medientheorie, These des kulturellen Kapitalismus oder auch den neueren Schriften von Descola und Reckwitz).
Literatur
Fischer, Joachim, & Moebius, Stephan (Hrsg.) (2014). Kultursoziologie im 21. Jahrhundert, Wiesbaden: Springer VS.
Moebius, Stephan, & Quadflieg, Dirk (Hrsg.) (2011). Kultur. Theorien der Gegenwart, 2. Aufl., Wiesbaden: VS Verlag.
Reckwitz, Andreas (2008). Die Kontingenzperspektive der „Kultur“. Kulturbegriffe, Kulturtheorien und das kulturwissenschaftliche Forschungsprogramm, in: Reckwitz, Andreas (Hrsg.), Unscharfe Grenzen. Perspektiven der Kultursoziologie, Bielefeld: Transcript, S. 15–45.
Bachmann-Medick, Doris (2006). Cultural Turns. Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften, Hamburg: Rowohlt.
Kommentar:
Was ist damit gemeint und was muss man darunter verstehen, wenn die Soziologie dem Wortsinn nach die »Lehre von der Gesellschaft« ist? Betreibt und studiert man Soziologie, ist man mehr als in anderen Fächern mit dem Problem konfrontiert, den genauen Gegenstandsbereich des eigenen Faches zu bestimmen. Um über »die Gesellschaft« zu forschen, bedarf es daher immer auch theoretischer Grundannahmen darüber, was der Gegenstandsbereich der Soziologie ist (in Abgrenzung etwa zu anderen Fächern) und was die Soziologie erklären soll oder kann. Diese Fragen verweisen auf die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit soziologischer Theorie.
Einen möglichen Zugang zu den verschiedenen Ebenen und Grundpositionen soziologischer Theoriebildung stellen fundamentale Kontroversen bzw. Konfliktlinien dar, die die Soziologie wiederkehrend beschäftigen. Jene Kontroversen stecken auf markante Weise die Problemdimensionen des Fachs ab. Zugleich zeigen sie in exemplarischer Form sowohl die verschiedenen, konkurrierenden Paradigmen als auch die verbindenden Elemente der Soziologie. Anstatt also einzelne Autoren vertiefend zu lesen, soll im Seminar ein spezifischer Problemkreis gesellschaftlicher Wirklichkeitsdeutung erschlossen und diskutiert werden.
Im Fokus dieses Seminars stehen die Grundbegriffe Macht und Herrschaft. Anhand verschiedener Autor_innen werden wir uns mit unterschiedlichen Machtkonzepten auseinandersetzen und dabei genauer auf die Differenz und/oder Ähnlichkeit von Macht und Herrschaft eingehen. Gelesen werden im Seminar u.a.: Max Weber, Heinrich Popitz, Hannah Arendt, Niklas Luhmann, Pierre Bourdieu und Michel Foucault. Der genaue Seminarplan wird in der ersten Seminarsitzung vorgestellt.
Literatur:
Jörn Lamla/Henning Laux/Hartmut Rosa/David Strecker (Hg.): Handbuch der Soziologie. Konstanz: UVK (Reihe: UTB), 2014.
Hans Joas/ Wolfgang Knöbl: Sozialtheorie. 20 einführende Vorlesungen, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2004 (2. Aufl.).
Hartmut Rosa/ David Strecker/ Andrea Kottmann: Soziologische Theorien, Konstanz: UVK, 2013 (2. Aufl.).
Georg Kneer/Stephan Moebius (Hg.): Soziologische Kontroversen - Beiträge zu einer anderen Geschichte der Wissenschaft vom Sozialen, Frankfurt: Suhrkamp, 2010.
Peter Wagner: Soziologie der Moderne, Frankfurt/NY: Campus, 1995.
Lars Gertenbach/Heike Kahlert/Stefan Kaufmann/Hartmut Rosa/Christine Weinbach: Soziologische Theorien, Stuttgart: UTB (Fink), 2009.
Wintersemester 2018/19
Kommentar:
Mit dem Erstarken rechter Parteien und Bewegungen ist der Populismusbegriff in den letzten Jahren über sozialwissenschaftliche Debatten hinaus zu einem zentralen Schlagwort der politischen Auseinandersetzung geworden. Im Seminar geht es darum, den aktuellen Gebrauch dieses Begriffs zu reflektieren. Im Zentrum steht dabei die Frage, was konzeptionell eigentlich als populistische Politik verstanden werden kann. Weil der Begriff dabei zugleich von der demokratischen Mitte genutzt wird, um tatsächlich oder vermeintlich undemokratische Positionen abzuwerten (und die eigene Politik als demokratisch zu markieren), steht dabei im Seminar vor allem das Verhältnis von Populismus und Demokratie im Fokus. Im Anschluss an jüngere Theorien des Politischen (Laclau, Mouffe, Ranciere u.a.) spielen dabei zwei Aspekte eine zentrale Rolle: die Logik der populistischen Politik selbst sowie der Bezug auf ein politisches Kollektiv. Dementsprechend besitzt das Seminar zwei zentrale Schwerpunkte: erstens geht es darum, den in der Auseinandersetzung um den Populismus stets präsenten Diskurs um die Masse als soziales Kollektivphänomen aufzuarbeiten. Hierbei relevante Theorien der Masse betreffen u.a. Freud, Le Bon, Tarde oder Canetti. Und zweitens stehen die jüngeren Auseinandersetzungen um den Populismusbegriff im Zentrum, die sich aus der Debatte um die Theorien des Politischen neu konturiert haben.
Voraussetzung für die Teilnahme am Seminar ist ein grundlegendes Interesse an Begriffs- und Theoriedebatten. Im Fokus steht nicht die Analyse einzelner populistischer Bewegungen oder Parteien (AfD, Front National, Trump etc.), sondern eine teils politikwissenschaftliche, teils philosophische Theoriedebatte um den Begriff der Politik. Die Bereitschaft, englische Texte zu lesen, wird vorausgesetzt.
Literatur zur Vorbereitung:
Jörke, Dirk, & Selk, Veith (2017). Theorien des Populismus zur Einführung, Hamburg: Junius.
Laclau, Ernesto (2005). On Populist Reason, London/ New York: Verso.
Jörke, Dirk, & Selk, Veith (2015). Der hilflose Antipopulismus, in: Leviathan. Zeitschrift für Sozialwissenschaft, Jg. 43, H. 4, S. 484–500.
Kommentar:
Die Vorlesung „Der soziologische Blick“ dient als allgemeine Einführung in die Soziologie. Ziel ist es, die Besonderheiten der soziologischen Forschungsperspektive an anschaulichen Fällen zu vermitteln und so den Einstieg in das Fach zu erleichtern. Die einzelnen Sitzungen zeigen, wie sich der soziologische Blick von Alltagsbeschreibungen unterscheidet und welche Besonderheiten mit dem Gegenstandsbereich des Faches einhergehen. Dabei verschafft die Vorlesung Zugang zu und Verständnis von unterschiedlichen Problem- und Fragestellungen des Faches, womit zugleich ein Überblick über die Forschungsschwerpunkte der Lehrenden der Fachgruppe Soziologie verbunden ist. Die Vorlesung ist konzeptionell verbunden mit den parallel dazu stattfindenden Propädeutika. Genaueres zum Ablauf und zu den Anforderungen finden Sie ab Oktober im Moodlekurs zu der Veranstaltung, zudem wird es in der ersten Sitzung (22.10.2017) vorgestellt.
Sommersemester 2018
Kommentar:
Gegenstand des Seminars sind neuere soziologische Theorieansätze, die im Wesentlichen nach der Phase der "großen Synthesetheorien" (also solcher Großtheorien, die als umfassende Theorien der Gesellschaft zugleich alle wesentlichen Perspektiven des Faches zusammenbringen und in EINE Theorie integrieren woll(t)en - insb. also: Habermas, Luhmann, Giddens, Bourdieu) formuliert wurden. Das Seminar interessiert sich also für solche Theorieansätze, die entweder nach den 1980er Jahren entstanden sind oder eine gewisse Distanz zu diesen Ansätzen besitzen. Gleichzeitig soll es aber nicht um "gegenwärtige soziologische Theorien", sondern eben "Soziologische Theorien der Gegenwart" gehen: d.h. solche Ansätze, die zugleich zeitdiagnostisch für eine Analyse der Gegenwartsgesellschaft interessant sind.
Das Seminar ist so konzipiert, dass pro Autor/Theorie je zwei Sitzungen zur Verfügung stehen. Die zu lesenden Autorinnen und Autoren sollen gemeinsam in den ersten Sitzungen festgelegt werden. Infrage kommen beispielsweise:
- Bruno Latour
- Luc Boltanski
- Jean-Claude Kaufmann
- Manuel Castells
- Zygmunt Baumann
- Gayatri Chakravorty Spivak/Homi K. Bhabha
- Ulrich Beck
- Daniel Bell
- Richard Sennett
- Saskia Sassen
- Hartmut Rosa
Weitere Vorschläge können gerne per Mail oder in der ersten Sitzung gemacht werden: Das Seminar zielt nicht darauf einen Kanon zentraler Autoren zu etablieren, sondern zusammen nach relevanten und interessanten (aktuellen!) Autorinnen und Autoren zu suchen.
Literatur:
S. Moebius/D. Quadflieg (Hg.): Kultur. Theorien der Gegenwart, VS, mittl. in der erweiterten 2. Aufl.
S. Moebius/L. Peter (Hg.): Französische Soziologie der Gegenwart, UTB.
Kommentar:
Was ist damit gemeint und was muss man darunter verstehen, wenn die Soziologie dem Wortsinn nach die »Lehre von der Gesellschaft« ist? Betreibt und studiert man Soziologie, ist man mehr als in anderen Fächern mit dem Problem konfrontiert, den genauen Gegenstandsbereich des eigenen Faches zu bestimmen. Um über »die Gesellschaft« zu forschen, bedarf es daher immer auch theoretischer Grundannahmen darüber, was der Gegenstandsbereich der Soziologie ist (in Abgrenzung etwa zu anderen Fächern) und was die Soziologie erklären soll oder kann. Diese Fragen verweisen auf die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit soziologischer Theorie.
Einen möglichen Zugang zu den verschiedenen Ebenen und Grundpositionen soziologischer Theoriebildung stellen fundamentale Kontroversen bzw. Konfliktlinien dar, die die Soziologie wiederkehrend beschäftigen. Jene Kontroversen stecken auf markante Weise die Problemdimensionen des Fachs ab. Zugleich zeigen sie in exemplarischer Form sowohl die verschiedenen, konkurrierenden Paradigmen als auch die verbindenden Elemente der Soziologie. Anstatt also einzelne Autoren vertiefend zu lesen, soll im Seminar ein spezifischer Problemkreis gesellschaftlicher Wirklichkeitsdeutung erschlossen und diskutiert werden.
Gegenstand des Seminars ist eine theoriegeschichtlich wesentliche Unterscheidung der Soziologie: die Differenz von Gesellschaft und Gemeinschaft. Sie hat vor allem im deutschen Sprachraum eine zentrale Rolle bei der Begründung der Soziologie gespielt und sie ist wie kaum eine andere des Faches auch von Anbeginn Teil der politischen Semantik moderner Gesellschaften. Das Seminar geht dieser Leitdifferenz der soziologischen Theorie auf den Grund, die in der Soziologie, aber auch in politischen und gesellschaftlichen Debatten ihren ersten Höhepunkt zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte. Den Ausgangspunkt bildet Ferdinand Tönnies’ einflussreiches Werk Gemeinschaft und Gesellschaft aus dem Jahr 1887, das zugleich eine maßgebliche Rolle als Gründungsschrift der deutschen Soziologie innehat. Im ersten Abschnitt des Seminars rekonstruieren wir die Auseinandersetzung um die beiden Begriffe in der klassischen soziologischen Theorie über den Anschluss an und die Abgrenzung von Tönnies bei Weber und Durkheim. Entscheidend ist hier auch über die fachinterne Diskussion hinaus, dass der Gemeinschafsbegriff sowohl als Gegenmodell zu Gesellschaft wie auch zum Phänomen der Masse artikuliert wird. An verschiedenen exemplarischen Positionen (Simmel, Freud, Tönnies u.a.) widmen wir uns dieser Diskussion, bevor wir uns den 1920er Jahren zuwenden, die von einer Radikalisierung des Gemeinschaftsdenkens geprägt sind, in denen zugleich aber auch ein ernstzunehmender Einspruch gegen die übersteigerte Gemeinschaftsgesinnung formuliert wird (Plessner).
Der zweite Abschnitt des Seminars diskutiert Positionen, die sich mit spezifischen Mechanismen der Vergemeinschaftung befassen und etwa auf die Rolle der Imagination (Anderson), des Gemeinschaftserlebens (Durkheim, Bataille) oder der Rituale (Turner) hinweisen. Auf der Basis dieser Positionen geht es schließlich im dritten Abschnitt des Seminars um neuere Debatten um die Differenz von traditionaler und posttraditionaler Vergemeinschaftung, die zu einer Auseinandersetzung mit verschiedenen aktuellen Studien und Fällen führt. Dabei geht es darum, nicht nur die Entwicklung dieser Unterscheidung im Fach, sondern auch die Bedeutung dieser Debatte in der soziologischen Zeitdiagnose zu rekonstruieren.
Ziel des Seminars ist es, in einem Querschnitt durch die Theoriegeschichte der Soziologie einen Überblick über die Entwicklung des Faches bekommen. Es geht daher nicht nur darum, anhand der Unterscheidung von Gemeinschaft und Gesellschaft einzelne Positionen der Soziologie zu rekonstruieren, wir wollen zugleich einen Überblick über die soziologische Theoriegeschichte als solches gewinnen. Die Differenz von Gemeinschaft und Gesellschaft wird dementsprechend nicht als beliebige, sondern als paradigmatische Unterscheidung begriffen.
Literatur:
Zur Vorbereitung auf das Seminar ist empfohlen:
Gertenbach, Lars/Laux, Henning/Rosa, Hartmut/Strecker, David (2010): Theorien der Gemeinschaft zur Einführung, Hamburg: Junius Verlag (erscheint im Frühjahr in 2. Aufl.).
Zur Vorbereitung und allgemeinen Einführung in den Gegenstandsbereich der soziologischen Theorie sind empfohlen:
Jörn Lamla/Henning Laux/Hartmut Rosa/David Strecker (Hg.): Handbuch der Soziologie. Konstanz: UVK (Reihe: UTB), 2014.
Hans Joas/ Wolfgang Knöbl: Sozialtheorie. 20 einführende Vorlesungen, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2004 (2. Aufl.).
Hartmut Rosa/ David Strecker/ Andrea Kottmann: Soziologische Theorien, Konstanz: UVK, 2013 (2. Aufl.).
Georg Kneer/Stephan Moebius (Hg.): Soziologische Kontroversen - Beiträge zu einer anderen Geschichte der Wissenschaft vom Sozialen, Frankfurt: Suhrkamp, 2010.
Peter Wagner: Soziologie der Moderne, Frankfurt/NY: Campus, 1995.
Lars Gertenbach/Heike Kahlert/Stefan Kaufmann/Hartmut Rosa/Christine Weinbach: Soziologische Theorien, Stuttgart: UTB (Fink), 2009.
Wintersemester 2016/17
Kommentar:
In den Sozial- und Kulturwissenschaften ist in den letzten Jahren ein verstärktes Interesse an einer Analyse der ökonomischen Wissensproduktion zu beobachten. Während sich die klassische Wirtschaftssoziologie oftmals eher als alternative, sozialwissenschaftliche Wissenschaft der Ökonomie (und der ökonomischen Verhältnisse) verstanden hat, lässt sich unter dem Stichwort der „Sociology of Economics” seit einigen Jahren eine verstärkte Auseinandersetzung mit ökonomischen Wissen und Denken beobachten. Im Zentrum stehen dabei u.a.: die soziale Genese und die gesellschaftlichen Folgen ökonomischen Wissens, die Art und Weise, wie sich die Ökonomik als Wissenschaft konstituiert und inszeniert sowie die Wirkungen/die Performativität ökonomischen Denkens. Stärker als in der klassischen Wirtschaftssoziologie rückt damit nicht nur die Ökonomie, sondern gerade die Ökonomik – als Wissensdisziplin und selbst spezifisch ökonomische Denkweise – in den Blick.
Da es sich bei der „Soziology of Economics” um eine relativ junge und zunächst vor allem international geführte Debatte handelt, versteht sich das Seminar im ersten Schritt als Einführung in diese Diskussion. Inhaltlich besteht das Ziel des Seminars darin, die Entstehung, die spezifische Ausprägung und die Wirkmächtigkeit ökonomischer Wissensproduktion zu thematisieren und damit die institutionellen Wirkmechanismen, Praktiken und Diskurse sichtbar zu machen, die dem gesellschaftlichen Einfluss der Wirtschaftswissenschaft zugrunde liegen.
Die Themen und die im Seminar zu lesenden Autor_innen werden zu Beginn des Seminars vorgestellt bzw. abgestimmt. Themenvorschläge sind erwünscht, eigene Lektürewünsche können gerne eingebracht werden. Wesentliche theoretische Referenzpunkte des Seminars könnten dabei sein: die Governmentality Studies (Foucault), die Akteur-Netzwerk-Theorie (Callon), die Soziologie der Rechtfertigung (Boltanski/Thevenot) sowie die Soziologie der Finanzmärkte (Knorr Cetina et al).
Kommentar:
Durch die Vorstellung aktueller Forschungsarbeiten verschiedener Dozent_innen der Fachgruppe Soziologie erhalten die Studierenden nicht nur einen Überblick über das Fach der Soziologie (in Kassel, aber auch darüber hinaus), sondern auch einen Einblick in die konkrete berufliche Praxis des alltäglichen wissenschaftlichen Arbeitens und Forschens. Diskussionen mit Gästen aus Wissenschaft und Praxis dienen dazu, die gesellschaftliche Relevanz soziologischer Forschung zu verdeutlichen, Praxis- und Berufsfelder der Soziologie kennenzulernen, Eindrücke über konkrete Einsatzfelder von Soziolog_innen zu vermitteln und soziologische Sichtweisen von anderen Fachdisziplinen zu unterscheiden.
Damit verfolgt die Ringvorlesung folgende Ziele:
- Sie will den Studierenden anhand exemplarischer Forschungs- und Arbeitsfelder Einblicke in die Breite des Aufgaben- und Tätigkeitsspektrums der Soziologie geben.
- Sie will die Hauptfachstudierenden möglichst früh mit vielen Lehrenden der Fachgruppe bekannt machen und ins Gespräch bringen.
- Sie soll eine Orientierung darüber ermöglichen, was das Fach dem eigenen Studium und Leben der Kasseler Soziologiestudierenden (auch noch nach dem Studium) zu bieten hat.
- Und sie will zum forschenden Lernen motivieren und Lust auf das Studium der Soziologie verbreiten.
Die inhaltliche Klammer der Ringvorlesung besteht in der Frage nach soziologischer Praxis. Gemeint sind damit u.a. folgende Aspekte:
- das soziologische Verständnis von sozialer Praxis selbst
- die Praxisrelevanz und Wirkungsfelder soziologischen Wissens (etwa in Sozialpolitik, Marktforschung, Werbung, Arbeitsmarktpolitik, Kriminologie, Stadtplanung u.a.)
- die konkrete Forschungs- und Arbeitspraxis der Soziolog_innen (in Unternehmen, Forschungseinrichtungen, Drittmittelprojekten, an der Universität, in der Lehre etc.)
Der Vorlesungsplan, die Anforderungen und die relevante Literatur werden in der ersten Sitzung (zweite Semesterwoche) sowie auf moodle vorgestellt.
Sommersemester 2016
Kommentar:
Gegenstand des Seminars sind neuere soziologische Theorieansätze, die im Wesentlichen nach der Phase der "großen Synthesetheorien" (also solcher Großtheorien, die als umfassende Theorien der Gesellschaft zugleich alle wesentlichen Perspektiven des Faches zusammenbringen und in EINE Theorie integrieren woll(t)en - insb. also: Habermas, Luhmann, Giddens, Bourdieu) formuliert wurden. Das Seminar interessiert sich also für solche Theorieansätze, die entweder nach den 1980er Jahren entstanden sind oder eine gewisse Distanz zu diesen Ansätzen besitzen. Gleichzeitig soll es aber nicht um "gegenwärtige soziologische Theorien", sondern eben "Soziologische Theorien der Gegenwart" gehen: d.h. solche Ansätze, die zugleich zeitdiagnostisch für eine Analyse der Gegenwartsgesellschaft interessant sind.
Das Seminar ist so konzipiert, dass pro Autor/Theorie je zwei Sitzungen zur Verfügung stehen. Die zu lesenden Autorinnen und Autoren sollen gemeinsam in den ersten Sitzungen festgelegt werden. Infrage kommen beispielsweise:
- Bruno Latour
- Luc Boltanski
- Jean-Claude Kaufmann
- Manuel Castells
- Zygmunt Baumann
- Gayatri Chakravorty Spivak/Homi K. Bhabha
- Ulrich Beck
- Daniel Bell
- Richard Sennett
- Saskia Sassen
- Hartmut Rosa
Weitere Vorschläge können gerne per Mail oder in der ersten Sitzung gemacht werden: Das Seminar zielt nicht darauf einen Kanon zentraler Autoren zu etablieren, sondern zusammen nach relevanten und interessanten (aktuellen!) Autorinnen und Autoren zu suchen.
Literatur:
S. Moebius/D. Quadflieg (Hg.): Kultur. Theorien der Gegenwart, VS, mittl. in der erweiterten 2. Aufl.
S. Moebius/L. Peter (Hg.): Französische Soziologie der Gegenwart, UTB.
Kommentar:
Was ist damit gemeint und was muss man darunter verstehen, wenn die Soziologie dem Wortsinn nach die »Lehre von der Gesellschaft« ist? Betreibt und studiert man Soziologie, ist man mehr als in anderen Fächern mit dem Problem konfrontiert, den genauen Gegenstandsbereich des eigenen Faches zu bestimmen. Um über »die Gesellschaft« zu forschen, bedarf es daher immer auch theoretischer Grundannahmen darüber, was der Gegenstandsbereich der Soziologie ist (in Abgrenzung etwa zu anderen Fächern) und was die Soziologie erklären soll oder kann. Diese Fragen verweisen auf die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit soziologischer Theorie.
Einen möglichen Zugang zu den verschiedenen Ebenen und Grundpositionen soziologischer Theoriebildung stellen fundamentale Kontroversen bzw. Konfliktlinien dar, die die Soziologie wiederkehrend beschäftigen. Jene Kontroversen stecken auf markante Weise die Problemdimensionen des Fachs ab. Zugleich zeigen sie in exemplarischer Form sowohl die verschiedenen, konkurrierenden Paradigmen als auch die verbindenden Elemente der Soziologie. Anstatt also einzelne Autoren vertiefend zu lesen, soll im Seminar ein spezifischer Problemkreis gesellschaftlicher Wirklichkeitsdeutung erschlossen und diskutiert werden.
Das im Seminar zu behandelnde Verhältnis von Norm und Konflikt betrifft eine Grundfrage der Soziologie ebenso wie der politischen Theorie: wie sich soziale Ordnung stiftet und erhält. Die Grundidee des Seminars besteht darin, dass der Erhalt von Normen und sozialer Ordnung gerade nicht aus der Abwesenheit (oder der Abwehr/Leugnung) von Konflikten und Streit resultiert: stattdessen sind Konflikte wesentlich an der Etablierung von Ordnung beteiligt und in dem Sinne auch fundamental für die moderne (demokratische!) Gesellschaft.
Neben Klassikern in Bezug auf den Begriff der Norm (Heinrich Popitz, Ralf Dahrendorf) und die Konflikttheorie (Georg Simmel, Lewis A. Coser) sollen exemplarische Texte gelesen werden, mit denen das Verhältnis von Norm/normativer Ordnung und Konflikt/Streit genauer in den Blick genommen werden kann (Jürgen Habermas, Robert K. Merton). Anschließend beschäftigen wir uns im Seminar mit neueren Ansätzen der Soziologie, die in Bezug auf diese Fragen besonders vielversprechend erscheinen (Bruno Latour, Alain Ehrenberg).
Literatur:
Zur Vorbereitung zum Thema ist empfohlen:
Simmel, Georg (1992): Der Streit, in: Simmel, Georg (Hrsg.): Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, S. 284–382.
Zur Vorbereitung und allgemeinen Einführung in den Gegenstandsbereich der soziologischen Theorie sind empfohlen:
Jörn Lamla/Henning Laux/Hartmut Rosa/David Strecker (Hg.): Handbuch der Soziologie. Konstanz: UVK (Reihe: UTB), 2014.
Hans Joas/ Wolfgang Knöbl: Sozialtheorie. 20 einführende Vorlesungen, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2004 (2. Aufl.).
Hartmut Rosa/ David Strecker/ Andrea Kottmann: Soziologische Theorien, Konstanz: UVK, 2013 (2. Aufl.).
Georg Kneer/Stephan Moebius (Hg.): Soziologische Kontroversen - Beiträge zu einer anderen Geschichte der Wissenschaft vom Sozialen, Frankfurt: Suhrkamp, 2010.
Peter Wagner: Soziologie der Moderne, Frankfurt/NY: Campus, 1995.
Lars Gertenbach/Heike Kahlert/Stefan Kaufmann/Hartmut Rosa/Christine Weinbach: Soziologische Theorien, Stuttgart: UTB (Fink), 2009.
Wintersemester 2015/16
Kommentar:
Das Seminar versteht sich primär als ein Lektüreseminar, in dem der Gehalt und die Bedeutung der Schriften und Konzepte Michel Foucaults für die Soziologie herausgearbeitet werden soll. Es soll dabei - konträr zur dominanten Rezeption in Deutschland - weniger um die Machttheorie, sondern vor allem um den Begriff des Diskurses und den der Gouvernementalität gehen. Im Zentrum des Seminars stehen dabei zunächst einige frühe Schriften von Foucault, die für die Entwicklung des Diskurskonzepts zentral sind (Die Ordnung der Dinge, Archäologie des Wissens, Die Ordnung des Diskurses u.a.). Inhaltlich wird es dabei unter anderem darum gehen, den von Foucault entwickelten Diskursbegriff mit dem aktuell populären Verständnis von Diskursanalyse zu kontrastieren (insbesondere in der Form der Wissenssoziologischen Diskursanalyse). Anschließend soll auf der Basis dieser Überlegungen der Blick auf den Begriff der Gouvernementalität gelegt werden, der von Foucault eingeführt wurde, um bestimmte politische Rationalitäten des Regierens (insb. Liberalismus und Neoliberalismus) zu untersuchen. Hier steht schließlich auch ein zeitdiagnostischer Aspekt im Zentrum, der die aktuellen gesellschaftlichen Veränderungen (Aktivierung, Flexibilisierung etc.) aus einer foucaultschen Perspektive thematisieren soll.
Literatur zur Einführung:
Foucault, Michel: Die Ordnung des Diskurses, Frankfurt am Main: Fischer, 1991.
Sarasin, Philipp: Diskursanalyse, in: Goertz, Hans-Jürgen (Hrsg.): Geschichte. Ein Grundkurs, 3. Aufl. Hamburg: Rowohlt, 2007, 199–217 (Zum Diskursbegriff).
Sarasin, Philipp: Michel Foucault zur Einführung, Hamburg: Junius (mehrere Auflagen seit 2005) (allgemein zu Foucault).
Bröckling, Ulrich/Krasmann, Susanne/Lemke, Thomas: Gouvernementalität der Gegenwart: Studien zur Ökonomisierung des Sozialen, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2007 (Gouvernementalitätsstudien).
Kommentar:
Durch die Vorstellung aktueller Forschungsarbeiten verschiedener Dozent_innen der Fachgruppe Soziologie erhalten die Studierenden nicht nur einen Überblick über das Fach der Soziologie (in Kassel, aber auch darüber hinaus), sondern auch einen Einblick in die konkrete berufliche Praxis des alltäglichen wissenschaftlichen Arbeitens und Forschens. Diskussionen mit Gästen aus Wissenschaft und Praxis dienen dazu, die gesellschaftliche Relevanz soziologischer Forschung zu verdeutlichen, Praxis- und Berufsfelder der Soziologie kennenzulernen, Eindrücke über konkrete Einsatzfelder von Soziolog_innen zu vermitteln und soziologische Sichtweisen von anderen Fachdisziplinen zu unterscheiden.
Damit verfolgt die Ringvorlesung folgende Ziele:
- Sie will den Studierenden anhand exemplarischer Forschungs- und Arbeitsfelder Einblicke in die Breite des Aufgaben- und Tätigkeitsspektrums der Soziologie geben.
- Sie will die Hauptfachstudierenden möglichst früh mit vielen Lehrenden der Fachgruppe bekannt machen und ins Gespräch bringen.
- Sie soll eine Orientierung darüber ermöglichen, was das Fach dem eigenen Studium und Leben der Kasseler Soziologiestudierenden (auch noch nach dem Studium) zu bieten hat.
- Und sie will zum forschenden Lernen motivieren und Lust auf das Studium der Soziologie verbreiten.
Die inhaltliche Klammer der Ringvorlesung besteht in der Frage nach soziologischer Praxis. Gemeint sind damit u.a. folgende Aspekte:
- das soziologische Verständnis von sozialer Praxis selbst
- die Praxisrelevanz und Wirkungsfelder soziologischen Wissens (etwa in Sozialpolitik, Marktforschung, Werbung, Arbeitsmarktpolitik, Kriminologie, Stadtplanung u.a.)
- die konkrete Forschungs- und Arbeitspraxis der Soziolog_innen (in Unternehmen, Forschungseinrichtungen, Drittmittelprojekten, an der Universität, in der Lehre etc.)
Der Vorlesungsplan, die Anforderungen und die relevante Literatur werden in der ersten Sitzung (zweite Semesterwoche) sowie auf moodle vorgestellt.
Sommersemester 2015
Kommentar:
Bei dieser gemischten Veranstaltung handelt es sich um eine dauerhafte Einrichtung der Professur für Soziologische Theorie. Die Werkstatt steht insbesondere Studierenden der Abschlusssemester (BA und MA) sowie Doktorandinnen und Doktoranden offen, die sich eine Besprechung des theoretischen Rahmens, des Forschungsdesigns oder die gemeinsame Arbeit an empirischem Material ihrer Abschlussarbeiten, Dissertationen oder Projekte wünschen (Werkstatttermin bitte vorab per Email reservieren). Besonders willkommen sind Studien, die theoretische und empirische Forschung auf innovative Weise miteinander zu verknüpfen versuchen. Auch ein bis zwei Gastvorträge sind pro Semester vorgesehen.
Die verbleibenden Sitzungen werden als gemeinsamer Lektürekreis gestaltet. Darin werden solche neueren Werke besprochen, von denen sich die Soziologie Impulse für die Weiterentwicklung der Gesellschaftstheorie erhoffen darf. Teilnahmevoraussetzung ist die hohe Motivation, schwierige, oftmals „dicke" Bücher vollständig zu lesen und gemeinsam zu diskutieren.
In den vergangenen Semestern wurden u.a. folgende Bücher gelesen:
Honneth, Axel (2011), Das Recht der Freiheit. Grundriß einer demokratischen Sittlichkeit, Berlin: Suhrkamp (Sommersemester 2013).
Stehr, Nico (2007), Die Moralisierung der Märkte. Eine Gesellschaftstheorie, Frankfurt/M.: Suhrkamp (Sommersemester 2013)
Renn, Joachim (2006): Übersetzungsverhältnisse. Perspektiven einer pragmatistischen Gesellschaftstheorie. Weilerswist: Velbrück Wissenschaft (Wintersemester 2013/14)
Latour, Bruno (2013): An Inquiry into Modes of Existence. An Anthropology of the Moderns. Cambridge, MA: Harvard University Press (Sommersemester 2014).
Gabriel Tarde (2009/1890): Die Gesetze der Nachahmung, Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Interessierte Studierende sind herzlich eingeladen, an der Veranstaltung teilzunehmen. Die Lektüre für das Sommersemester 2015 wird gemeinsam mit allen Beteiligten über den Moodle-Kurs zu dieser Veranstaltung festgelegt. Bei Interesse melden sie sich einfach bei lars.gertenbach(at)uni-kassel.de
Kommentar:
Was ist damit gemeint und was muss man darunter verstehen, wenn die Soziologie dem Wortsinn nach die »Lehre von der Gesellschaft« ist? Betreibt und studiert man Soziologie, ist man mehr als in anderen Fächern mit dem Problem konfrontiert, den genauen Gegenstandsbereich des eigenen Faches zu bestimmen. Um über »die Gesellschaft« zu forschen, bedarf es daher immer auch theoretischer Grundannahmen darüber, was der Gegenstandsbereich der Soziologie ist (in Abgrenzung etwa zu anderen Fächern) und was die Soziologie erklären soll oder kann. Diese Fragen verweisen auf die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit soziologischer Theorie.
Auf dieser Basis soll es im Seminar zunächst um verschiedene soziologische Argumentationsweisen und Theoriemodelle gehen, Kultur und Natur aufeinander zu beziehen oder einen Bereich der Kultur von einem solchen der Natur zu unterscheiden. Neben der Lektüre von klassischen Texten und der „theoriearchitektonischen“ Frage, wie die Unterscheidung in die Argumentationsweise(n) der Soziologie eingelassen ist, wird es in der zweiten Hälfte des Seminars vermehrt um die zeitgenössischen Auflösungserscheinungen des Dualismus von Kultur und Natur gehen, die vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen zu beobachten sind – sei es in Hinblick auf technische Entwicklungen (Human Enhancement, Körpertechnologien), Phänomene im Bereich der Medizin (ADHS, Burn-Out u.a.) oder Neuberechnungen der Geochronologie (sog. Anthropozän als Erdzeitalter, das durch den Einfluss des Menschen charakterisiert ist). Der zweite Teil hat dabei nicht zuletzt das Ziel, die oft recht abstrakte Diskussion um die (nicht nur soziologisch zentrale) Unterscheidung von Kultur und Natur an aktuellen und (hoffentlich) bekannten Phänomenen, d.h. am Fall zu diskutieren.
Durch die problembezogene Ausrichtung des Seminars handelt es sich nicht um eine Einführung in einzelne/bestimmte soziologische Theorien (oder das Werk einzelner Autor_innen), sondern um einen Querschnitt durch das soziologische Denken und ein exemplarisches Theorieproblem des Faches.
Zur Vorbereitung und allgemeinen Einführung in den Gegenstandsbereich der soziologischen Theorie sind empfohlen:
Jörn Lamla/Henning Laux/Hartmut Rosa/David Strecker (Hrsg.): Handbuch der Soziologie. Konstanz: UVK (Reihe: UTB), 2014.
Hans Joas/ Wolfgang Knöbl: Sozialtheorie. 20 einführende Vorlesungen, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2004 (2. Aufl.).
Hartmut Rosa/ David Strecker/ Andrea Kottmann: Soziologische Theorien, Konstanz: UVK, 2013 (2. Aufl.).
Georg Kneer/Stephan Moebius: Soziologische Kontroversen - Beiträge zu einer anderen Geschichte der Wissenschaft vom Sozialen, Frankfurt: Suhrkamp, 2010.
Peter Wagner: Soziologie der Moderne, Frankfurt/NY: Campus, 1995.
Lars Gertenbach/Heike Kahlert/Stefan Kaufmann/Hartmut Rosa/Christine Weinbach: Soziologische Theorien, Stuttgart: UTB (Fink), 2009.
Kommentar:
Die Unterscheidung normal/anormal ist zuallererst eine unserer Alltagssprache. Dass dies so ist und dass es überhaupt Sinn macht, etwas als "normal" zu begreifen, hat historische Ursachen und ist eng verbunden mit der Entstehung der Soziologie. Als im 19. Jahrhundert die Gesellschaft als eigenlogischer Wirklichkeitsbereich entdeckt wurde, fiel dies zusammen mit der Etablierung der aus der früheren »Polizeywissenschaft« entwachsenen Statistik als der wesentlichen auf die Bevölkerung zielenden Wissensform. Eine in der Breite der Gesellschaft relevante Unterscheidung zwischen Normalem und Anormalem bzw. Gesundem und Pathologischem ist erst seit dieser Zeit auffindbar, sie beginnt mit dem Aufstieg der Moderne als "Normalisierungsgesellschaft" (Foucault) im ausgehenden 18. Jahrhundert.
Das Seminar widmet sich vor diesem Hintergrund insbesondere drei Aspekten: a) historischen Überlegungen zur Rolle von Norm und Normalität in der modernen Gesellschaft (Michel Foucault, Jürgen Link) , aktuellen Diskussionen um den Wandel der Grenzen des Normalen und c) grundsätzlichen Überlegungen zur Konstruktion von Normalität - nicht nur, aber auch in Alltagssituationen. Gelesen werden sowohl klassische Texte, die überhaupt erst zu einer Hinwendung auf Phänomene des Anormalen geführt haben (Georges Canguilhem, Michel Foucault, Erving Goffman) als auch neuere Texte, die sich mit der aktuellen gesellschaftlichen Bedeutung und der Transformation der Unterscheidung normal/anormal beschäftigen (Jürgen Link u.a.). Vorkenntnisse sind wünschenswert, aber nicht zwingend erforderlich. Als Einstiegs- und Vertiefungslektüre sei empfohlen: Jürgen Link: Versuch über den Normalismus, mittlerweile in der 4. Auflage, früher Westdt. Verlag, jetzt Vandenhoeck & Ruprecht.
Literatur:
Jürgen Link: Versuch über den Normalismus, 4. Auflage, Vandenhoeck & Ruprecht
Wintersemester 2014/15
Kommentar:
Metaphern und Sprachbilder sind in der Soziologie allgegenwärtig. Während deren Präsenz lange Zeit als Indikator einer unwissenschaftlichen oder „unsauberen“ Sprache galt, setzt sich immer mehr die Überzeugung durch, dass eine Sprache nicht ohne Metaphern auskommt – auch in der Wissenschaft. Sie erfüllen eine sprachlich wichtige Funktion, da mit ihnen schwer darstellbare und oftmals ungegenständliche Phänomene (vor allem natürlich: „Gesellschaft“) plastisch vermittelt und beschrieben werden können. Vor dem Hintergrund dieser konstitutiven Bedeutung von Metaphern ist es soziologisch wichtig (und erkenntnisreich), sich mit deren Präsenz, deren Geschichte und deren Folgen und Wirkungen für die Wahrnehmung und Darstellung von Gesellschaft zu beschäftigen – es macht schließlich nicht nur soziologisch, sondern auch politisch einen Unterschied, ob Gesellschaft als „stählernes Gehäuse“ (Weber), „selbstregulierendes soziales System“ (Luhmann) oder „flaches, hierarchieloses Netzwerk“ (Management-Diskurs) begriffen wird. Entsprechend lässt sich Soziologiegeschichte auch als Geschichte der Gesellschaftsmetaphern schreiben – eine Diskussion, die seit einigen Jahren in der Soziologie geführt wird und die im Zentrum des Seminars stehen soll.
Im Seminar wird es zunächst um den Stellenwert von Metaphern in der Sprache allgemein und in der wissenschaftlichen Beschreibung von Gesellschaft gehen (u.a. in der Lektüre von Hans Blumenberg sowie George Lakoff/Mark Johnson). Daran anschließend soll es vor allem darum gehen, an paradigmatischen Beispielen aus der Soziologie die Bedeutung und Konsequenzen von spezifischen Metaphern zu diskutieren – relevant sind hier vor allem die Beschreibung von Gesellschaft als Organismus (u.a. Durkheim), System (u.a. Luhmann) oder als Netzwerk (u.a. Latour). Dabei soll vor allem danach gefragt werden, welche Bedeutung und Gründe dafür zu finden sind, dass bestimmte Metaphern durch andere abgelöst werden – denn während die klassische Soziologie um 1900 eher auf biologisch-organische Konzepte (wie des Organismus) setzte, setzt sich gegenwärtig ein Netzwerkdenken durch. Abschließend geht es um einige neuere Debatten, die sich neben soziologischen Themen vor allem auf aktuelle politische Selbstbeschreibungen beziehen und die jeweils spezifische Sprachbilder bemühen – von der Forderung nach Transparenz über die (biopolitischen) Immunitätsfiguren u.a. in der Terrorismus- und Sicherheitspolitik bis zur Vorstellung des (neoliberalen) Marktes als „spontane Ordnung“ (F.A. Hayek).
Neben der allgemeinen Frage nach der sprachlichen und sozialen Bedeutung von Metaphern verfolgt das Seminar damit zwei Ziele: eine Beschäftigung mit der soziologischen Konstruktion ihres Gegenstandsbereiches „Gesellschaft“ (mithilfe einer kursorischen Auseinandersetzung mit Positionen der soziologischen Theorie) sowie eine Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitischen Metaphern der Gegenwart. Es geht daher im Seminar nicht um Klassikerexegese oder eine Theorieeinführung im üblichen Sinne, sondern darum, sich mit den Selbstverständlichkeiten und Konstruktionsweisen soziologischen Denkens (und der alltäglichen Wahrnehmung von Gesellschaft) zu beschäftigen. Vorkenntnisse in der Metaphertheorie sind nicht erforderlich, dies wird gemeinsam im Seminar erschlossen. Seminarplan und Anforderungen werden in der ersten Stunde (zweite Semesterwoche) bekannt gegeben. Bei spezifischen Themeninteressen oder Wünschen können sie sich gerne vorab bei mir melden. Einführende Literatur wird über moodle zur Verfügung gestellt.
Kommentar:
Durch die Vorstellung aktueller Forschungsarbeiten verschiedener Dozent_innen der Fachgruppe Soziologie erhalten die Studierenden nicht nur einen Überblick über das Fach der Soziologie (in Kassel, aber auch darüber hinaus), sondern auch einen Einblick in die konkrete berufliche Praxis des alltäglichen wissenschaftlichen Arbeitens und Forschens. Diskussionen mit Gästen aus Wissenschaft und Praxis dienen dazu, die gesellschaftliche Relevanz soziologischer Forschung zu verdeutlichen, Praxis- und Berufsfelder der Soziologie kennenzulernen, Eindrücke über konkrete Einsatzfelder von Soziolog_innen zu vermitteln und soziologische Sichtweisen von anderen Fachdisziplinen zu unterscheiden.
Damit verfolgt die Ringvorlesung folgende Ziele:
- Sie will den Studierenden anhand exemplarischer Forschungs- und Arbeitsfelder Einblicke in die Breite des Aufgaben- und Tätigkeitsspektrums der Soziologie geben.
- Sie will die Hauptfachstudierenden möglichst früh mit vielen Lehrenden der Fachgruppe bekannt machen und ins Gespräch bringen.
- Sie soll eine Orientierung darüber ermöglichen, was das Fach dem eigenen Studium und Leben der Kasseler Soziologiestudierenden (auch noch nach dem Studium) zu bieten hat.
- Und sie will zum forschenden Lernen motivieren und Lust auf das Studium der Soziologie verbreiten.
Die inhaltliche Klammer der Ringvorlesung besteht in der Frage nach soziologischer Praxis. Gemeint sind damit u.a. folgende Aspekte:
- das soziologische Verständnis von sozialer Praxis selbst
- die Praxisrelevanz und Wirkungsfelder soziologischen Wissens (etwa in Sozialpolitik, Marktforschung, Werbung, Arbeitsmarktpolitik, Kriminologie, Stadtplanung u.a.)
- die konkrete Forschungs- und Arbeitspraxis der Soziolog_innen (in Unternehmen, Forschungseinrichtungen, Drittmittelprojekten, an der Universität, in der Lehre etc.)
Der Vorlesungsplan, die Anforderungen und die relevante Literatur werden in der ersten Sitzung (zweite Semesterwoche) sowie auf moodle vorgestellt.
Sommersemester 2014
Kommentar:
Die Geburt der Soziologie im 19. Jahrhundert ist eng verknüpft mit der Frage nach »der Gesellschaft«. Doch was ist damit gemeint und was muss man darunter verstehen, wenn die Soziologie dem Wortsinn nach die »Lehre von der Gesellschaft« ist? Betreibt und studiert man Soziologie, ist man mehr als in anderen Fächern mit dem Problem konfrontiert, den genauen Gegenstandsbereich des eigenen Faches zu bestimmen. Um über »die Gesellschaft« zu forschen, bedarf es daher immer auch theoretischer Grundannahmen darüber, was der Gegenstandsbereich der Soziologie ist (in Abgrenzung etwa zu anderen Fächern) und was die Soziologie erklären soll oder kann. Diese Fragen verweisen auf die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit soziologischer Theorie, die im Seminar exemplarisch an zwei Autoren stattfinden soll.
Die Veranstaltung ist dabei konzipiert als intensives Lektüreseminar, das zwei bedeutende soziologische Theoriepositionen vorstellen, diskutieren und kritisch reflektieren will, darüber hinaus gleichzeitig aber auch einen Einblick in die soziologische Theoriebildung im Allgemeinen liefern möchte. Die Veranstaltung will also einerseits in die zentralen Annahmen und Theorien beider Autoren einführen und zugleich an diesen beiden Autoren die Argumentationsweise und den Gegenstandsbereich soziologischen Denkens verdeutlichen. Das Ziel ist es dabei, den ersten Umgang mit der Argumentationsweise und dem Gegenstandsbereich soziologischer Theorie zu erleichtern und die spezifische Fragerichtung soziologischen Denkens zu verdeutlichen und „einzuüben“.
Dazu sollen in einem ersten Schritt jeweils zentrale theoretische Grundannahmen von Karl Marx und Michel Foucault rekonstruiert werden. Beide Theorien sollen dabei zunächst in Grundzügen vorgestellt und in ihren wesentlichen Annahmen und Aussagen nachvollzogen werden. Ein wesentliches Ziel des Seminars liegt dabei in der Einführung in die bzw. Darstellung der Themen, Fragestellungen und Grundbegrifflichkeiten der beiden Theorien. Bei Marx wird es hier im Wesentlichen um die Beschreibung der Grundstrukturen kapitalistisch-bürgerlicher Gesellschaft gehen, bei Foucault geht es demgegenüber stärker um die Analytik der Macht und die – an Marx anschließende – These der Moderne als Disziplinar- und Normalisierungsgesellschaft. Im Zentrum steht dabei jeweils ein zentrales Werk beider Autoren („Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie“ bei Marx, „Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses“ bei Foucault). Nach der Rekonstruktion der jeweiligen Grundannahmen wird es anschließend um einen Vergleich beider Autoren gehen, der mit Blick auf derzeitige gesellschaftliche Entwicklungen und Zeitdiagnosen auch die Frage nach der Aktualität beider Autoren stellt.
Anforderungen und Literatur
Wichtige Voraussetzung der Teilnahme am Seminar ist die Bereitschaft, sich mit schwierigen Texten differenziert auseinanderzusetzen, diese für die Sitzungen vorzubereiten und aktiv zu den Diskussionen im Seminar beizutragen. Der genaue inhaltliche Plan und die zu lesenden Texte werden in der ersten Seminarsitzung vorgestellt. Zur Vorbereitung und allgemeinen Einführung in den Gegenstandsbereich der soziologischen Theorie sind empfohlen:
Hans Joas/ Wolfgang Knöbl: Sozialtheorie. 20 einführende Vorlesungen, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2004 (2. Aufl.).
Hartmut Rosa/ David Strecker/ Andrea Kottmann: Soziologische Theorien, Konstanz: UVK, 2013 (2. Aufl.).
Peter Wagner: Soziologie der Moderne, Frankfurt/NY: Campus, 1995.
Lars Gertenbach/ Heike Kahlert/ Stefan Kaufmann/ Hartmut Rosa/ Christine Weinbach: Soziologische Theorien, Stuttgart: UTB (Fink), 2009.
Kommentar:
Glaubt man den Ankündigungen von Google, wird im April die erste Version der „google glass“ käuflich zu erwerben sein. Die bisherigen Diskussionen um diese sog. „Google Brille“ haben bereits gezeigt, dass dieses neuartige technologische Objekt zahlreiche politische, ethische, technische und nicht zuletzt datenrechtliche Debatten nach sich ziehen wird. Sie bestärken aber auch die Vermutung, dass hierin möglicherweise eine neuartige Stufe der „Technikevolution“ anzufinden ist, die auf eine viel intimere Weise Körper und Technik miteinander verknüpft und in der Technik mit einer bisher ungekannten Intensität in den menschlichen Wahrnehmungsapparat eingreift.
Dieses aktuelle Phänomen als Ausgangspunkt nehmend, kreist das Seminar um solche technischen Entwicklungen, die auch in den Sozial- und Geisteswissenschaften bereits vielfach zu einer Kritik der klassischen Konzeption des Verhältnisses von Mensch, Technik und Gesellschaft geführt haben. Denn die stetig wachsenden Möglichkeiten des Eingriffs in den menschlichen Körper, die sog. „Human Enhancement Technologies“ – von leistungssteigernden Mitteln wie Doping und Ritalin über kosmetische Chirurgie und Prothesen bis zu Präimplantations- und Reproduktionstechnologien –, lassen die vermeintlich klare Trennung zwischen Körper und Technik ebenso fragwürdig erscheinen wie unser eingespieltes Körper- und Menschenbild, das auf der grundsätzlichen Trennung von Kultur und Natur basiert.
Vor diesem Hintergrund soll es im Seminar um eine prinzipielle Diskussion dieser aktuellen Entwicklung gehen, wobei das Hauptaugenmerk einerseits auf der grundsätzlichen soziologischen Deutung dieser Phänomene und andererseits auf den Konsequenzen für die soziologische Begriffsbildung und Forschung liegen wird. Das Seminar ist dabei explizit als „experimentelles Seminar“ angelegt; d.h.: es wird weniger um eine Einführung in einen bestimmten, fest anerkannten Forschungsbereich der Soziologie gehen, im Zentrum steht vielmehr der gemeinsame Versuch einer soziologischen Öffnung und Kartographie dieses Themenbereiches. Anstatt also nach bereits bestehenden Antworten zu suchen, wird es im Wesentlichen darum gehen, überhaupt erstmal zu fragen, was soziologisch zu diesem Thema überhaupt für Fragen zentral sind, wie also eine soziologische Perspektive (im Unterschied zu einer politisch-ethischen, moralischen oder technologischen) in diesem Bereich im Einzelnen aussehen könnte.
Inhaltlich werden wir uns zunächst grundlegender Überlegungen zum Verhältnis von Mensch und Technik zuwenden, wobei neben dem Cyborg-Manifest von Donna Haraway vor allem die neueren Texte Bruno Latours zum Anthropozän im Zentrum stehen. Da das Seminar einen experimentellen und kollaborativen Charakter hat, soll der genaue Seminarablauf erst gemeinsam in den ersten Stunden erarbeitet werden. Verschiedene thematische und inhaltliche Ideen werden von mir hierzu in der ersten Sitzung präsentiert; vorstellbar sind etwa die genauere Auseinandersetzung mit exemplarischen technischen Entwicklungen und „Erfindungen“ (etwa RFID-Chips), die Beschäftigung mit dem utopischen (und/oder dystopischen) Gehalt solcher Technologien – auch in der entsprechenden Science-Fiction-Literatur (etwa bei Stanislaw Lem) oder im Film (etwa Cyber-Punk/ Ghost in the Shell/ Blade Runner etc.) oder auch die historisch-soziologische Auseinandersetzung mit ähnlich weitgreifenden technischen Entwicklungen. Da das Seminar darauf zielt, überhaupt erst nach einer möglichen soziologischen Erforschung dieses Themas zu fragen, soll es explizit nicht (primär) um ethisch-politische Fragen gehen; im Zentrum steht stattdessen der Versuch, überhaupt erstmal konzeptionell zu verstehen, was es gesellschaftlich mit solchen Entwicklungen auf sich hat und welche gesamtgesellschaftliche und zeitdiagnostische Bedeutung ihnen zukommt.
Wintersemester 2013/14
Kommentar:
Die Auseinandersetzungen um das Verhältnis von Gemeinschaft und Gesellschaft sind nicht nur ein zentraler Ausgangspunkt soziologischen Denkens, sondern auch ein wesentlicher Bestandteil der politischen Selbstverständigung moderner, demokratisch verfasster Gesellschaften. Im Begriff der Gemeinschaft wird daher nicht nur die soziologische und auch sozialanthropologische Frage nach den Grundformen von Sozialität gestellt, er ist auch ein zentraler Reflexionsort für allgemeine Fragen des sozialen Zusammenhalts, Forderungen nach Integration und Ansprüche an Teilhabe und Solidarität. Diese doppelte Stellung des Gemeinschaftsbegriffs – als soziologischer Grundbegriff und als Objekt politischer Auseinandersetzung – bildet den Ausgangspunkt des Seminars, das sich konzeptionell und inhaltlich demzufolge an zwei Aspekten orientiert: einerseits geht es um eine Auseinandersetzung mit den theoretischen und begrifflichen Prämissen des eigenen Faches und andererseits um die (auch politische) Frage nach den Bedingungen und Strukturen aktueller Gemeinschaftsbildung. Beide Fragen beziehen sich in ihrer inhaltlichen Ausrichtung auf die These eines grundlegenden Wandels der Formen und Mechanismen von Vergemeinschaftung, die in der soziologischen Forschung insbesondere mit dem Begriff der »post-traditionalen Vergemeinschaftung« diskutiert wird. Damit ist das Seminar von seiner Grundanlage zwar vorwiegend theoriebezogen, zugleich jedoch auf einen Ausschnitt bzw. ein Problem sozialer Wirklichkeit bezogen. Das Ziel ist es, auf diese Weise zentrale theoretische Fragen des Faches mit einer dezidierten Gegenstandsorientierung zu verknüpfen. Als Seminar im Modul »Theorien sozialen Wandels« ist es nicht allein als Beitrag zu den in diesem Bereich diskutierten theoretischen Modellen zu verstehen, es zielt vielmehr gleichermaßen auf eine Erklärung der konkreten Umbrüche und Differenzen von der klassischen Moderne zur gegenwärtigen Gesellschaft. Damit besteht ein wesentliches Ziel des Seminars darin, die Studierenden nicht nur mit klassischen und aktuellen theoretischen Konzepten des Faches zu konfrontieren, sondern ihnen ebenso einen Einblick in gegenwärtige Entwicklungstendenzen moderner Gesellschaften zu geben.
Kommentar:
Die Ringvorlesung verfolgt folgende Ziele:
1. Sie will den Studierenden anhand exemplarischer Forschungs- und Arbeitsfelder Einblicke in die Breite des Aufgaben- und Tätigkeitsspektrums der Soziologie geben.
2. Sie will die Hauptfachstudierenden möglichst früh mit vielen Lehrenden der Fachgruppe bekannt machen und ins Gespräch bringen.
3. Sie soll eine Orientierung darüber ermöglichen, was das Fach dem eigenen Studium und Leben der Kasseler Soziologiestudierenden (auch noch nach dem Studium) zu bieten hat.
4. Und sie will zum forschenden Lernen motivieren und Lust auf das Studium der Soziologie verbreiten.
Ein Vorlesungsplan und -konzept wird in der ersten Sitzung verteilt.