Lehre von Dr. Stefan Laser

Wintersemester 2018/19

Kommentar: 

Die aktuelle große Krise der Ökologie, Ökonomie und Politik lässt keinen Zweifel daran bestehen, dass eine nachhaltige Transformation der Gesellschaft nötig ist. Aber was kann man vor diesem Hintergrund unter Nachhaltigkeit verstehen? Wohin wird der Blick gerichtet, wer wird zur Verantwortung gezogen, was wird getan? Zwischen grünem Kapitalismus und sozialökologischer Transformation gibt es unterschiedliche Versionen einer nachhaltigen Gesellschaft. Wie werden mit konkreten Beispielen unterschiedliche theoretische Sichtweisen diskutieren, die die Grundlage bilden für eine Soziologie der Nachhaltigkeit.

Wir diskutieren neuere ökomarxistische Ansätze, die die gesellschaftlichen Naturverhältnisse kritisieren (etwa Elmar Altvater); wir gehen ein auf Thesen aus dem Umfeld der Wissenschafts- und Technikstudien, wodurch die Nebenfolgen der Moderne und problematische Infrastrukturen in den Blick geraten (etwa Bruno Latour, aber auch Ullrich Beck und Anna Tsing); wir besprechen Ansätze des Postwachstums und gehen auf die kritische Zeitdiagnose des "Anthropozäns" ein (Kritik an Verschwendungen; Kritik an Grünem Kapitalismus; Alternativen zum Wachstum); schließlich beleuchten wir auch Sighard Neckels neues Programm für eine "Gesellschaft der Nachhaltigkeit". Beispielhafte Themen sind Energiepolitik und Kohleproteste, Digitalisierung und Müll sowie globale Ungleichheiten der politischen Intervention. Zur Kick-Off-Veranstaltung wird ein Vorschlag für einen Seminarplan mitgebracht, Änderungen sind aber höchst erwünscht. Schlagen Sie Lesewünsche und Beispiele vor, die Sie diskutieren möchten!

 

Das Seminar findet in Form eines Blockseminars statt. Nach einer Kick-Off-Veranstaltung (30.10.) treffen wir uns an einem Wochenende im November (23./24.11) und einem Freitag im Dezember (14.12). Wir werden Texte lesen und uns vorher gemeinsam kreative didaktische Formate ausdenken (Kick-Off). Als Studienleistung sind klassische Referate oder Impulsreferate denkbar, am liebsten finden wir aber alternative Formate. Prüfungsleistung: Hausarbeiten (Länge je nach Prüfungsordnung).

 

Literatur zur Vorbereitung

Krebs, Stefan, Gabriele Schabacher, und Heike Weber, Hrsg. 2018. Kulturen des Reparierens: Dinge – Wissen – Praktiken. Bielefeld: transcript.

Latour, Bruno. 2008. Wir sind nie modern gewesen: Versuch einer symmetrischen Anthropologie. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Neckel, Sighard, Natalia Besedovsky, Moritz Boddenberg, Martina Hasenfratz, Sarah Miriam Pritz, und Timo Wiegand. 2018. Die Gesellschaft der Nachhaltigkeit: Umrisse eines Forschungsprogramms. Bielefeld: transcript.

Skidelsky, Barbara, Elmar Acosta, Maude Altvater, Christine Barlow, und Ulrich Bauhardt, Hrsg. 2015. Mehr geht nicht! der Postwachstums-Reader. Edition Blätter. Berlin: Blätter Verlagsgesellschaft mbH.

Tsing, Anna Lowenhaupt. 2018. Der Pilz am Ende der Welt: Über das Leben in den Ruinen des Kapitalismus. Berlin: Matthes & Seitz Berlin.

Sommersemester 2018

Kommentar: 

Was ist damit gemeint und was muss man darunter verstehen, wenn die Soziologie dem Wortsinn nach die »Lehre von der Gesellschaft« ist? Betreibt und studiert man Soziologie, ist man mehr als in anderen Fächern mit dem Problem konfrontiert, den genauen Gegenstandsbereich des eigenen Faches zu bestimmen. Um über »die Gesellschaft« zu forschen, bedarf es daher immer auch theoretischer Grundannahmen darüber, was der Gegenstandsbereich der Soziologie ist (in Abgrenzung etwa zu anderen Fächern) und was die Soziologie erklären soll oder kann. Diese Fragen verweisen auf die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit soziologischer Theorie. 

Einen möglichen Zugang zu den verschiedenen Ebenen und Grundpositionen soziologischer Theoriebildung stellen fundamentale Kontroversen bzw. Konfliktlinien dar, die die Soziologie wiederkehrend beschäftigen. Jene Kontroversen stecken auf markante Weise die Problemdimensionen des Fachs ab. Zugleich zeigen sie in exemplarischer Form sowohl die verschiedenen, konkurrierenden Paradigmen als auch die verbindenden Elemente der Soziologie. Anstatt also einzelne Autoren vertiefend zu lesen, soll im Seminar ein spezifischer Problemkreis gesellschaftlicher Wirklichkeitsdeutung erschlossen und diskutiert werden.

Im Seminar Natur & Kultur werden wir einer grundlegenden Unterscheidung nachgehen, die derart grundsätzlich ist, dass wir sie oftmals gar nicht mehr wahrnehmen. Heutige westliche Gesellschaften nehmen es für gewöhnlich für gegeben hin, dass ein klarer Unterschied zwischen Natur und Kultur besteht, dabei hat die Trennung erst mit der Moderne Einzug in unser Denken erhalten und ist auch gar nicht so selbsterklärend, wie es immer scheint. Für die Soziologie ist diese Trennung seit der Institutionalisierung des Faches ein Grund anhaltender umfassenden Debatten. Das hat dazu geführt, das nunmehr viele Vorschläge kursieren, den "Dualismus" aus Natur und Kultur zu überwinden.

In diesem Seminar werden wir uns die Grundlagen dieses Dualismus anschauen und die Kritik daran prüfen. Es gilt, sowohl den Begriff der Kultur als auch den der Natur zu verstehen, um sich dann auf die Vermischung einzulassen. Einige Klassiker der soziologischen und anthropologischen Forschung sollen mit neueren Ansätzen in einen Dialog gebracht werden. Wir lesen dazu etwa bekannte Personen wie Marx und Simmel, steigen aber auch in die Megaparadigmen des Strukturalismus (via Lévi Strauss), Pragmatismus (Latour) und Konstruktivismus (Luhmann und/oder Berger/Luckmann) ein. Und damit das Thema greifbar bleibt, werden einige tagesaktuelle Phänomene Orientierung bieten: die Gefahren der Erderwärmung, technologische Innovationen bis hin zur Artificial Intelligence oder schlicht der Wandel der schriftlichen Sprache (nur ein Stichwort: Emoji). Als Studienleistung wird es Textkommentare und Referate geben, wobei nur jede zweite Woche ein Referat stattfinden soll. Die gemeinsame Diskussion wird das Wichtigste sein.

Literatur

Zur Vorbereitung und allgemeinen Einführung in den Gegenstandsbereich der soziologischen Theorie sind empfohlen:

Jörn Lamla/Henning Laux/Hartmut Rosa/David Strecker (Hg.): Handbuch der Soziologie. Konstanz: UVK (Reihe: UTB), 2014.
Hans Joas/ Wolfgang Knöbl: Sozialtheorie. 20 einführende Vorlesungen, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2004 (2. Aufl.).
Hartmut Rosa/ David Strecker/ Andrea Kottmann: Soziologische Theorien, Konstanz: UVK, 2013 (2. Aufl.).
Georg Kneer/Stephan Moebius (Hg.): Soziologische Kontroversen - Beiträge zu einer anderen Geschichte der Wissenschaft vom Sozialen, Frankfurt: Suhrkamp, 2010.
Peter Wagner: Soziologie der Moderne, Frankfurt/NY: Campus, 1995.
Lars Gertenbach/Heike Kahlert/Stefan Kaufmann/Hartmut Rosa/Christine Weinbach: Soziologische Theorien, Stuttgart: UTB (Fink), 2009.

Wintersemester 2017/18

Kommentar: 

Wissenschaft und Technik werden gern von der Soziologie kritisch kommentiert, der Umgang mit diesen Themen bleibt dabei aber teilweise an der Oberfläche. Dieses Seminar will einen anderen Weg gehen und folgt damit innovativen Forschungen der letzten Jahre. Zunächst allgemein, dann am Beispiel der Informationstechnologie orientiert werden grundlegende und provokative Texte aus den "Wissenschafts- und Technikstudien" gelesen (etwa von Bruno Latour, Annemarie Mol, Susan Leigh Star, Werner Rammert…). Es gilt zu verstehen, was das Soziologische an großformatigen Stromnetzen oder gescheiterten Mobilitätskonzepten ist und warum es spannend ist, die Domestikation von Muscheln in einer französischen Bucht genauer unter die Lupe zu nehmen.

Mit der Informationstechnologie rückt der Umgang mit Unsicherheit (über die Soziologie der Konventionen vermittelt), Risiko (via Ulrich Beck) und rapidem sozialen Wandel (das heißt der Postmoderne) in den Fokus. Das Seminar wird dadurch abgerundet, dass der zeitgenössische digitale Kapitalismus über seine Ökonomie der Bewertung untersucht wird. Dazu diskutieren wir Online-Plattformen, mobile Geräte und verdeckte aber mächtige Infrastrukturen. Diese scheinbar a-sozialen Gegenstände erweisen sich bei genauerem hinsehen als kontroverse soziologische Untersuchungsobjekte. Sie sind voller Werte. Und zur Bewertungsökonomie zählt dann auch die Ab- und Entwertung, ja nicht zuletzt auch das Verwerfen – kurz: die Produktion von Müll. Auch der gemeine Verbraucher muss sich etwa die Frage gefallen lassen, warum er oder sie denn so oft das eigene Smartphone austauschen muss.

Ein intrinsisches Interesse am Thema wird erwartet, ebenso wie regelmäßige Lektüre (es wird einen Reader geben; Studienleistung: Textkommentare). Es müssen keine Referate gehalten werden. Mit Hilfe von Feldstudien in Kassel werden wir uns mit dem Gegenstand auch aus der Nähe auseinanderzusetzen (darüber beraten wir in der ersten Sitzung).

Literatur zur Vorbereitung:

Beck, Stefan, Jörg Niewöhner, und Estrid Sörensen. 2012. Science and Technology Studies aus sozial- und kulturanthropologischer Perspektive. transcript.

Meier, Frank, Thorsten Peetz, und Désirée Waibel. 2016. ‘Bewertungskonstellationen. Theoretische Überlegungen zur Soziologie der Bewertung’. Berliner Journal für Soziologie 26 (3–4): 307–28.

Sommersemester 2017

Kommentar: 

Was ist damit gemeint und was muss man darunter verstehen, wenn die Soziologie dem Wortsinn nach die »Lehre von der Gesellschaft« ist? Betreibt und studiert man Soziologie, ist man mehr als in anderen Fächern mit dem Problem konfrontiert, den genauen Gegenstandsbereich des eigenen Faches zu bestimmen. Um über »die Gesellschaft« zu forschen, bedarf es daher immer auch theoretischer Grundannahmen darüber, was der Gegenstandsbereich der Soziologie ist (in Abgrenzung etwa zu anderen Fächern) und was die Soziologie erklären soll oder kann. Diese Fragen verweisen auf die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit soziologischer Theorie.

Einen möglichen Zugang zu den verschiedenen Ebenen und Grundpositionen soziologischer Theoriebildung stellen fundamentale Kontroversen bzw. Konfliktlinien dar, die die Soziologie wiederkehrend beschäftigen. Jene Kontroversen stecken auf markante Weise die Problemdimensionen des Fachs ab. Zugleich zeigen sie in exemplarischer Form sowohl die verschiedenen, konkurrierenden Paradigmen als auch die verbindenden Elemente der Soziologie. Anstatt also einzelne Autoren vertiefend zu lesen, soll im Seminar ein spezifischer Problemkreis gesellschaftlicher Wirklichkeitsdeutung erschlossen und diskutiert werden.

Im Seminar »Objektivität und Kritik« stehen ganz Grundlegende Fragen zur Disposition. Was ist eigentlich das soziologisch Relevante? Was ist es nicht? Und wie gehen wir mit dem zu Analysierenden um, wenn wir es ein Mal »entdeckt« haben? Haben Soziolog*innen zum Beispiel die Pflicht, soziale Schieflagen zu thematisieren, zu hinterfragen, vielleicht sogar – für alle sichtbar – zu verteufeln? Oder müssen sie sich vielmehr stets auf Distanz begeben? Wenn ja, wie?

Fragen wie diese begleiten jede soziologische Forschung. Und sie interessieren die Öffentlichkeit. Zur Zeit wird hitzig über Wahrheit, sogenannte alternative Fakten, das Postfaktische, fake news oder auch die Implikationen von filter bubbles gestritten. Grenzen verwischen. Explizit, mindestens aber implizit, spielt die Spannung zwischen Objektivität und Kritik auch dabei eine entscheidende Rolle. Das Seminar wird insofern hochaktuell sein, weil dieser Zusammenhang in der Öffentlichkeit oftmals unterschlagen wird. Wenn Journalisten etwa fordern, dass man sich ja einfach nur an den Tatsachen orientieren solle, treten damit oftmals andere Mechanismen in den Hintergrund, die manchmal durchaus von Interesse wären. Ein stark geäußerter Ruf nach Wahrheit, ob von links oder rechts, spiegelt in vielen Fällen -- so hat etwa bereits die Kritische Theorie argumentiert -- das Verlangen nach einer starken Autorität. In anderen Fällen erscheint dies wiederum als ein Versuch, jeglichen konstruktiven Dialog zu sprengen, um einen wahrgenommenen Feind zu schwächen und sich bzw. die eigene Gruppe zu stärken. Derartige Entwicklungen deuten darauf hin, dass Kritik als Praxis zu hinterfragen ist. Das sind nur zwei von vielen Thesen, die in diesem Kontext soziologisch untersucht werden können.

Objektivität und Kritik sind schwer zu fassende Begrifflichkeiten – und das obwohl sie doch auf den ersten Blick so klar zu definiert scheinen. Die Geschichte des Fachs ist geprägt von harten Kämpfen um die »wahre« Objektivität, und die »richtige« Kritik (was auch heißen mag: gar keine!). Im Seminar sollen einige der klassischen Kontroversen der Soziologie zu diesen Themen vorgestellt werden. Im Fokus steht die These, dass Objektivität und Kritik eng miteinander zusammenhängen. Die Ausprägung und das Verständnis des Einen beeinflussen meist unvermeidlich das Antlitz des Anderen. Das Seminar wird sich zusätzlich explizit an den aktuellen politischen Debatten orientieren, um die Erkenntnisse der Soziologie ganz praktisch greifbar und nutzbar zu machen.

 

Literatur:

Zur Vorbereitung und allgemeinen Einführung in den Gegenstandsbereich der soziologischen Theorie sind empfohlen:

Jörn Lamla/Henning Laux/Hartmut Rosa/David Strecker (Hg.): Handbuch der Soziologie. Konstanz: UVK (Reihe: UTB), 2014.

Hans Joas/ Wolfgang Knöbl: Sozialtheorie. 20 einführende Vorlesungen, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2004 (2. Aufl.).

Hartmut Rosa/ David Strecker/ Andrea Kottmann: Soziologische Theorien, Konstanz: UVK, 2013 (2. Aufl.).

Georg Kneer/Stephan Moebius (Hg.): Soziologische Kontroversen - Beiträge zu einer anderen Geschichte der Wissenschaft vom Sozialen, Frankfurt: Suhrkamp, 2010.

Peter Wagner: Soziologie der Moderne, Frankfurt/NY: Campus, 1995.

Lars Gertenbach/Heike Kahlert/Stefan Kaufmann/Hartmut Rosa/Christine Weinbach: Soziologische Theorien, Stuttgart: UTB (Fink), 2009.

Sommersemester 2016

Kommentar: 

Nun also auch noch eine Soziologie des Mülls – wie weit will es die Soziologie noch treiben? In der Tat mutet der Titel dieses Seminar auf den ersten Blick wie ein schlechter Witz an. Auf den zweiten Blick, in einer bewusst offenen und spielerischen Interpretation, bietet Müll hingegen eine fruchtbare Perspektive auf unsere Gesellschaft. Lässt man sich die vielfältigen Bedeutungen vom Ausgestoßenen, Überflüssigen, Dreckigen, Unnützen, Ekeligen oder auch Zerstörten durch den Kopf gehen, zeigt sich ein unerwartetes Potenzial. Müll zeigt Grenzen auf, verweist auf das (nicht-)Wertvolle, erzählt die Geschichte ökonomischer Expansion. Und er ist Aufhänger wiederkehrender politischer Problematisierungen, vorschneller Lösungsstrategien und weitreichender Missverständnisse.

Sneak-Peak auf den Seminarplan:

Wir beginnen mit Einführungstexten, die uns die Bedeutungsvielfalt des Begriffs aufzeigen. So zeigt sich, welche Relevanz Metaphern bei der Gestaltung des Themas spielen. Der ungarischen Soziologin Zsuzsa Gille folgend lernen wir zudem eine sozialtheoretische Differenzierung kennen, welche bei der Auswahl von soziologisch relevanten Themen hilft: die Unterscheidung zwischen 1) der Produktion, 2) der Repräsentation und 3) der Politik des Mülls. Jeweils sollen diese Ebenen durch empirische, praxisnahe Phänomene erschlossen werden. Ein paar Beispiele: Im ersten Teil diskutieren wir etwa die sozioökonomischen Grundlagen der Müllproduktion (die Notwendigkeit schöpferischer Zerstörung im Kapitalismus oder auch die paradoxe Rolle von Müll im Sozialismus). Im zweiten Teil betrachten wir bspw. die seltsame Diskussion am Finanzmarkt (warum werden Aktien auf „Ramsch”-Niveau abgestuft?). Außerdem tauchen wir in die Rolle von Reinheit, Dreck und co. bei der Konstruktion von Identität ein. Im dritten Teil schauen wir uns politische Diskurse der Nachhaltigkeit an (Effizienz, Konsistenz und Suffizienz treffen auf Obsoleszenz). Aus aktuellem Anlass setzen wir uns auch mit den Grundlagen von Globalisierung, Terrorismus und Rassismus auseinander: der metaphorischen „Reinigung” bzw. dem Wunsch, sich vor „Infektionen” zur schützen.

Sommersemester 2015

Ziel des Moduls
Was ist damit gemeint und was muss man darunter verstehen, wenn die Soziologie dem Wortsinn nach die „Lehre von der Gesellschaft“ ist? Betreibt und studiert man Soziologie, ist man mehr als in anderen Fächern mit dem Problem konfrontiert, den genauen Gegenstandsbereich des eigenen Faches zu bestimmen. Um über „die Gesellschaft“ zu forschen, bedarf es daher immer auch theoretischer Grundannahmen darüber, was der Gegenstandsbereich der Soziologie ist (in Abgrenzung etwa zu anderen Fächern) und was die Soziologie erklären soll oder kann. Diese Fragen verweisen auf die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit soziologischer Theorie.

Einen möglichen Zugang zu den verschiedenen Ebenen und Grundpositionen soziologischer Theoriebildung stellen fundamentale Kontroversen bzw. Konfliktlinien dar, die die Soziologie wiederkehrend beschäftigen. Jene Kontroversen stecken auf markante Weise die Problemdimensionen des Fachs ab. Zugleich zeigen sie in exemplarischer Form sowohl die verschiedenen, konkurrierenden Paradigmen als auch die verbindenden Elemente der Soziologie. Anstatt also einzelne Autoren vertiefend zu lesen, soll im Seminar ein spezifischer Problemkreis gesellschaftlicher Wirklichkeitsdeutung erschlossen und diskutiert werden. 

Seminarbeschreibung

Was ist eigentlich das soziologisch Relevante? Was ist es nicht? Und wie gehen wir mit dem zu Analysierenden um, wenn wir es ein mal „entdeckt“ haben? Inwieweit sind wir zum Beispiel angehalten, „soziale Schieflagen“ zu thematisieren, zu hinterfragen, vielleicht sogar – für alle sichtbar – anzufechten? Oder müssen wir uns vielmehr stets auf Distanz begeben? Wenn ja, wie? Und überhaupt: Wie soll die Soziologie die eigene Rolle, im spezifischen Feld oder der sozialen Wirklichkeit allgemein, reflektieren? Fragen wie diese begleiten jede soziologische Forschung, und sie interessieren die Öffentlichkeit. Oft explizit, mindestens aber implizit, spielt die Spannung zwischen Objektivität und Kritik – die sich hinter den genannten, grob umrissenen Fragestellungen versteckt – also eine entscheidende Rolle. 

Objektivität und Kritik sind hingegen nur schwer zu fassende Begrifflichkeiten – und das obwohl sie doch auf den ersten Blick so klar scheinen. Die Geschichte unseres Fachs zeigt dies deutlich auf, ist sie doch geprägt von harten Kämpfen um die „wahre“ Objektivität, und die „richtige“ Kritik (was auch heißen mag: gar keine!). Im Seminar wollen wir einige, besonders interessante Kontroversen heuristisch nutzen, um wesentliche theoretische und methodologische Argumentationslinien der Soziologie herauszuarbeiten. Im Fokus steht die These, dass Objektivität und Kritik eng miteinander zusammenhängen; die Ausprägung und das Verständnis des Einen beeinflussen meist unvermeidlich das Antlitz des Anderen. Und daraus können paradoxe Situationen erwachsen – wenn zum Beispiel Kritik von den Kritisierten zur Stabilisierung der eigenen Macht aufgegriffen wird, also umgekehrte Folgen auf die Wirklichkeit hatte, als "geplant".

Der Seminarplan versammelt entsprechende soziologische Kontroversen, die in der frühen, entwickelten und (aktuellen) späten Moderne erwachsen sind, und korreliert sie mit den zentralen Bausteinen von Theorie, sprich: Sozial- und Gesellschaftstheorie, Methodologie und Zeitdiagnostik. Dass die Kontroversen oftmals nah an empirisch

Wintersemester 2014/15

Kommentar: 

Was ist hier eigentlich los, in unserer globalen und komplexen Welt? Eine Antwort auf diese Frage schuldet die Sozialwissenschaft vor allem mit Blick auf wirtschaftliche Prozesse, die unseren Planeten zu überziehen scheinen. Wie lässt es sich zum Beispiel erklären, dass Horden von Jugendlichen und jungen Erwachsenen T-Shirts für 2,50 Euro bei Primark kaufen? Diese Konsumenten kümmern sich dabei interessanterweise nicht nur überhaupt nicht um den sozialen und ökologischen "Rucksack", das heißt die oft zweifelhafte Herstellung dieses Stück Stoffes im globalen Süden, den sie sozusagen stets "mit sich tragen". Nein, der Kauf dient oft sogar nur für einen kurzen Augenblick – und sei es für die nächste „Holi-Party“, wo man sich in Anlehnung an das indische Frühlingsfest exzessiv mit Farben bewirft. Danach wird das T-Shirt meist ungewaschen weggeworfen, sodass endlich ein neuer Fetzen gekauft werden kann. Man kann es den Konsumenten trotz allem nicht übel nehmen; die Prozesse sind zu komplex, als das sie oder andere vereinzelte Akteure die alleinige Verantwortung übernehmen können.

Die These dieses Seminar lautet daher, dass wir geeignete Erkenntniswerkzeuge benötigen, um solche Phänomene zu verstehen. Der Vorschlag lautet, dass dazu vor allem die Begriffe „Wert“ und „Wertschöpfung“ fruchtbar sind. Das Primarksche T-Shirt scheint zum Beispiel gleich mehrere Bedeutungen von Wert zu kombinieren (hipp, aber günstig), was sich jedoch nicht einordnen lässt, ohne die Produktion dieses Wertes nachzuzeichnen (als physischer Prozess der Herstellung, aber auch als mentaler und sozialer Prozess des Begehrens).

Ausblick auf den Seminarplan

Update: Im Anschluss an die Erörterung der verschiedenen Wert-Perspektiven ist eine Kooperation (nicht nur ein Besuch!) mit dem konsumkritischen Stadtrundgang (Kopiloten e.V.) in Vorbereitung.

Wert und Wertschöpfung sind allgegenwärtig und werden genau deswegen oft übersehen, zumindest aber selten präzise hinterfragt. Da aber davon auszugehen ist, dass Kämpfe um Wert und Wertschöpfung im Laufe des 21. Jahrhunderts eine zunehmend entscheidende Rolle spielen werden, müssen wir uns diesen Themen systematisch nähern.

Einleitend soll die viel beachtete These von Tomáš Sedláček diskutiert werden, dass der Ökonomie ein über Mythen, Geschichten und Erwartungshaltungen kulturell tiefes verankertes Verständnis von Gut und Böse zu Grunde liegt, was heute bewusst wie unbewusst ausgeblendet wird. In einem ersten Themenblock will das Seminar dazu (u.a.) den Wertbegriff der neoklassischen Wirtschaftswissenschaft der Marxschen Wertform gegenüberstellen. Ein zweiter Themenblock soll dann den Begriff der Wertschöpfung einführen, um globale Organisationsleistungen vor dem Hintergrund transnationaler Ungleichgewichte verstehen zu können. Beide Themenblöcke sollen keine rein theoretischen Debatten sein, sondern als Hilfsmittel zur Erkenntnis von verschiedenen empirischen Beispielen dienen, zum Beispiel vom global erfolgreichen Unternehmen wie Coca Cola oder den Wertschöpfungen der Agrar- und Elektronikindustrie. Eine erste radikale Verschmelzung der zwei Begriffe scheint zunächst das Geld zu geben, was als Medium der Wirtschaft bzw. als absolutes Mittel schlechthin auftritt. Die Finanzindustrie zeigt die Widersprüchlichkeit dieses Mediums ideal auf; sie verweist aber auch darauf, dass dieser eine Begriff nur ein Anfang der Analyse sein kann. Im letzten Themenblock soll daher die Antwort auf die Verstrickung von Wert und Wertschöpfung gegeben werden, indem wir es als wahrlich komplexes "Hybrid" ernst nehmen. Ökonomie erscheint dann als Wissenschaft der leidenschaftlichen Interessen, in der mit verschiedenen privaten und öffentlichen Bewertungsmaßstäben hantiert wird – weit über die rigide Kategorie des Geldes hinausgehend.

Sommersemester 2014

Kommentar: 

Die Geburt der Soziologie im 19. Jahrhundert ist eng verknüpft mit der Frage nach »der Gesellschaft«. Doch was ist damit gemeint und was muss man darunter verstehen, wenn die Soziologie dem Wortsinn nach die »Lehre von der Gesellschaft« ist? Betreibt und studiert man Soziologie, ist man mehr als in anderen Fächern mit dem Problem konfrontiert, den genauen Gegenstandsbereich des eigenen Faches zu bestimmen. Um über »die Gesellschaft« zu forschen, bedarf es daher immer auch theoretischer Grundannahmen darüber, was der Gegenstandsbereich der Soziologie ist (in Abgrenzung etwa zu anderen Fächern) und was die Soziologie erklären soll oder kann. Diese Fragen verweisen auf die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit soziologischer Theorie, die im Seminar exemplarisch an zwei Autoren stattfinden soll.

Die Veranstaltung ist dabei konzipiert als intensives Lektüreseminar, das zwei bedeutende soziologische Theoriepositionen vorstellen, diskutieren und kritisch reflektieren will, darüber hinaus gleichzeitig aber auch einen Einblick in die soziologische Theoriebildung im Allgemeinen liefern möchte. Die Veranstaltung will also einerseits in die zentralen Annahmen und Theorien beider Autoren einführen und zugleich an diesen beiden Autoren die Argumentationsweise und den Gegenstandsbereich soziologischen Denkens verdeutlichen. Das Ziel ist es dabei, den ersten Umgang mit der Argumentationsweise und dem Gegenstandsbereich soziologischer Theorie zu erleichtern und die spezifische Fragerichtung soziologischen Denkens zu verdeutlichen und „einzuüben“.
Im Zentrum des Seminars stehen dazu die Systemtheorie Niklas Luhmanns und die Akteur-Netzwerk Theorie Bruno Latours. Beide Theoretiker haben ein ehrgeiziges Programm ausgearbeitet, die Moderne radikal neu zu deuten. Gleichzeitig fordern sie damit unser Alltagsdenken wie nur wenige andere Denker heraus. Aus soziologischer Perspektive ist dies zweifelsohne erhellend, denn mit der vergleichenden Analyse lässt sich eine Aussichtsplattform für alle weiteren Theoretiker aufbauen. In ihrer Ausrichtung liegen die Autoren einander nämlich diametral gegenüber: Für Luhmann muss ‚das Soziale’ in klaren Grenzen betrachtet werden, nur dann gelingt eine angemessene Analyse unser hochkomplexen Welt; Latour hingegen verflucht dieses reduzierte ‚Soziale’ als klägliche theoretische Fiktion, die uns an der Analyse der Komplexität hindert. Bei Luhmann stehen die Hauptwerke „Soziale Systeme“ und „Gesellschaft der Gesellschaft“ im Fokus des Seminars (natürlich nur Bruchteile daraus), angereichert durch Ausschnitte aus spezifischen Systemstudien, z.B. aus der kritischen Reflektion über „Ökologische Kommunikation“. Im Zuge der Lektüre von Latour lesen wir sowohl seine Zeitdiagnose „Wir sind nie modern gewesen“, das theoretische Überblickswerk „Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft“ (wiederum beides nur in Ausschniten) wie auch ausgewählte Abhandlungen, in denen mit kontroversen empirischen Beobachtungen gearbeitet wird (z.B. im Zuge der Studie über Louis Pasteur und der spannenden Durchsetzung der „Pasteurization“). Neben den theoretischen Grundbegriffen steht aber auch die Aktualität der Autoren im Vordergrund, die mit der reflektierten Analyse öffentlicher Geschehnisse kreativ erörtert werden soll. Zum Seminar gehört auch ein Tutorium, dass freitags von 10-12 Uhr stattfinden soll. (Weitere Informationen folgen zur konstituierenden Sitzung)

Anforderungen und Literatur

Wichtige Voraussetzung der Teilnahme am Seminar ist die Bereitschaft, sich mit schwierigen Texten differenziert auseinanderzusetzen, diese für die Sitzungen vorzubereiten und aktiv zu den Diskussionen im Seminar beizutragen. Der genaue inhaltliche Plan und die zu lesenden Texte werden in der ersten Seminarsitzung (17.04.) vorgestellt. Zur Vorbereitung und allgemeinen Einführung in den Gegenstandsbereich der soziologischen Theorie sind empfohlen:

  • Hans Joas/ Wolfgang Knöbl: Sozialtheorie. 20 einführende Vorlesungen, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2004 (2. Aufl.).
  • Hartmut Rosa/ David Strecker/ Andrea Kottmann: Soziologische Theorien, Konstanz: UVK, 2013 (2. Aufl.).
  • Peter Wagner: Soziologie der Moderne, Frankfurt/NY: Campus, 1995.
  • Lars Gertenbach/ Heike Kahlert/ Stefan Kaufmann/ Hartmut Rosa/ Christine Weinbach: Soziologische Theorien, Stuttgart: UTB (Fink), 2009.

Wintersemester 2013/14

Kommentar: 

Das Propädeutikum soll die Studierenden zur fachlichen und organisatorisch-zeitlichen Selbstorganisation des Soziologie-Studiums befähigen und so wesentlich zur Gestaltung des Übergangs Schule/Universität beitragen. Lehrziele sind die Fähigkeit (1) zur Anwendung der Techniken und Methoden wissenschaftlicher Recherche und des wissenschaftlichen Schreibens, (2) zum Verständnis und Interpretation wissenschaftlicher Texte und (3) zur Selektion und Strukturierung von Inhalten und zu deren Aufarbeitung für Referate und Hausarbeiten. Dazu werden die Arbeitsmethoden und Arbeitsmittel des Soziologie-Studiums vorgestellt und gemeinsam mit den Studierenden problembezogen angewandt. Im einzelnen werden folgende Techniken erarbeitet: wissenschaftliche Beobachtung, Literaturrecherche und Erstellen einer thematisch fokussierten Literaturliste, systematische Lektüre wissenschaftlicher Texte, Exzerpt-Erstellung eines wissenschaftlichen Textes, Nutzung von Handbüchern, Fachlexika und wissenschaftlichen Zeitschriften, Definition von Fachbegriffen, das Erlernen von Regeln des wissenschaftlichen Zitierens, Verfassen von Exposés und Hausarbeiten.

Lehrziel des Propädeutikums ist es zudem, dass die Studierenden die spezifisch soziologische Perspektive auf gesellschaftliche Strukturen und Prozesse verstehen und sich grundlegende fachliche Kenntnisse sozialer Prozesse aneignen.