Lehre von PD Dr. Carsten Ochs

Sommersemester 2026

Kommentar: 

Während von Werten und Werteverfall nicht nur in politischen Sonntagsreden gerne mal die Rede ist, sondern auch an der Börse, scheinen die beiden Begriffsverwendungen auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun zu haben. Im ersteren Fall wird damit auf Dinge, Handlungen und Vorstellungen verwiesen, die an und für sich als positiv gelten, demgegenüber betrifft der zweite Fall die Aufladung von mehr oder weniger konkreten Dingen (von materiellen „Gütern“ bis zu Wertpapieren) mit ökonomischem Potential. 
Und doch scheint es einen gemeinsamen Nenner zu geben, denn sowohl der soziale als auch der ökonomische Wert wird gemeinhin in irgendeiner Weise mit „dem Guten“ assoziiert.

Die beiden angeführten Verwendungsweisen finden sich indes auch in der Soziologie und in den Sozialwissenschaften im weiteren Sinne. So sprach etwa Max Weber von „wertrationalem Handeln“ (Handlungen mit Eigenwert), während Karl Marx‘ eine Theorie des „Mehrwerts“ entwickelte (Arbeit schafft mehr ökonomischen Wert, als für ihre Reproduktion zu verausgaben ist).

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie es dazu kommt, dass Glaubenssätzen, Vorstellungen, Handlungen und Dingen ideeller oder materieller Wert zugewiesen wird – wie funktioniert die Konstruktion von Wert und Werten in sozialer, technischer und ökonomischer Hinsicht? Während sich schon die sog. „Klassiker“ der Soziologie mit dem Phänomen der sozialen und ökonomischen Werte befassten, hat die Frage nach der Konstruktion von Werten und Wertungen in den letzten Jahren v.a. im Kontext der allgegenwärtigen digitalen Bewertungssysteme (Likes, Sternchen, Rankings, Ratings, Scoring…) neue Aufmerksamkeit erhalten. Das Seminar zeichnet diese Entwicklung nach und spannt so den Bogen den Wertdiskussionen der „Klassiker“ bis zu den empirischen Analysen digitaler Bewertungspraktiken der zeitgenössischen Valuation Studies.

Vorbereitende Lektüre:

Krüger, Anne K. (2022): Soziologie des Wertens und Bewertens. Bielefeld.

Helgesson, Claes-Fredrik/Muniesa, Fabian (2013): For What It’s Worth: An Introduction to Valuation Studies. In: Valuation Studies, Jg. 1, Nr. 1, S. 1-10.

Kropf, Jonathan/Laser, Stefan (Hg.) (2018): Digitale Bewertungspraktiken. Für eine Bewertungssoziologie des Digitalen. Wiesbaden: Springer VS.

Sommersemester 2024

Kommentar: 

Was ist damit gemeint und was muss man darunter verstehen, wenn die Soziologie dem Wortsinn nach die »Lehre von der Gesellschaft« ist? Betreibt und studiert man Soziologie, ist man mehr als in anderen Fächern mit dem Problem konfrontiert, den genauen Gegenstandsbereich des eigenen Faches zu bestimmen. Um über »die Gesellschaft« zu forschen, bedarf es daher immer auch theoretischer Grundannahmen darüber, was der Gegenstandsbereich der Soziologie ist (in Abgrenzung etwa zu anderen Fächern) und was die Soziologie erklären soll oder kann. Diese Fragen verweisen auf die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit soziologischer Theorie.

Einen möglichen Zugang zu den verschiedenen Ebenen und Grundpositionen soziologischer Theoriebildung stellen fundamentale Kontroversen bzw. Konfliktlinien dar, die die Soziologie wiederkehrend beschäftigen. Jene Kontroversen stecken auf markante Weise die Problemdimensionen des Fachs ab. Zugleich zeigen sie in exemplarischer Form sowohl die verschiedenen konkurrierenden Paradigmen als auch die verbindenden Elemente der Soziologie. Anstatt also einzelne Autoren vertiefend zu lesen, soll im Seminar ein spezifischer Problemkreis gesellschaftlicher Wirklichkeitsdeutung erschlossen und diskutiert werden.

Im Seminar „Norm und Abweichung” bilden diesen Gegenstand soziale Normen, d.h. die Spielregeln des Sozialen, die die sozialen Interaktionen und gesellschaftlichen Verhältnisse regeln. Sie gelten im Fach nicht nur seit jeher als zentraler Untersuchungsgegenstand; dass die Frage nach den Spielregeln des Sozialen vielmehr aktueller denn je ist, verdeutlichen die folgenden Beispiele: Einflussreiche Forscher:innen im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI) fordern eine Entwicklungspause für KI-Systeme, damit die Gesellschaft erst einmal Spielregeln für ihren Gebrauch festlegen kann; der Ex-Präsident eines der mächtigsten Länder der Welt verstößt gegen alle möglichen sozialen und politischen Speiregeln, und wird doch erneut Präsidentschaftskandidat; das größte Land der Erde verstößt willkürlich gegen die Spielregeln des Völkerrechts und greift ein Nachbarland an.

Worum genau handelt es sich vor diesem Hintergrund bei sozialen Spielregeln, und wie verhalten sie sich zur Abweichung von der Norm? Sind Normen Regeln, und wenn ja: in welchem Sinne? Üben sie Zwang aus und steuern Handlungen dementsprechend ganzheitlich? Haben sie eher orientierenden Charakter und formen Verhalten in gelockerter Weise? Oder handelt es sich sogar bloß um Erwartungen, von denen die anderen auch dann noch erwarten, dass wir sie auch haben, wenn sie selbst davon abweichen? Wenn Normen Regeln sind, (wie) unterscheiden sie sich dann von den Algorithmen irgendwelcher Software-Programme? Wie verhalten sich Normen zu Normalität? Und in welcher Beziehung stehen sie zu den in Sonntagsreden vielbeschworenen Werten?

Im Seminar werden wir uns mit einigen klassischen und neueren Positionen zum Verhältnis von Norm und Abweichung auseinandersetzen, um zunächst die formulierten Grundsatzfragen zu behandeln. Von dort ausgehend, werden dann einige der oben angedeuteten aktuelleren Probleme der Gegenwartsgesellschaft (Normen und Technik, Digitalisierung, KI; populistische Normbrüche) mithilfe des angeeigneten Instrumentariums in der Seminargruppe gemeinsam analysiert.

Literatur: 

Oelkers, Nina, 2019. Abweichendes Verhalten. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 18.06.2019 [Zugriff am: 29.02.2024]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Abweichendes-Verhalten

Wintersemester 2023/24

Kommentar: 

Während der Begriff der Sorge auf eine gewisse philosophische Tradition zurückblickt, ist seine englische Entsprechung „care“ in den letzten Jahren v.a. in den science and technology studies (STS), im Feminismus und insbesondere im beide Gebiete überlappenden Bereich der ‚Feminist Technoscience‘ zur Analyse und Intervention fruchtbar gemacht worden. Während Foucault mit der „Sorge um sich“ (Bd. 3 von Sexualität und Wahrheit) noch den Versuch unternahm, seinem Werk in der Spätphase eine neue Wendung zu geben, bestimmte Annemarie Mol 2008 in bester STS-Tradition die „Logic of Care“ v.a. auf Basis ihrer empirischen Auseinandersetzung mit dem Gesundheitsbereich und in Abgrenzung zu den ökonomistischen und staatsbürgerlichen „Choice“-Konzepten neoliberaler Gesundheitspolitiken. Seither hat der Begriff nicht nur Einzug in Ansätze gefunden, die dem Neuen Materialismus nahestehen (Puig de la Bellacasa), sondern hat auch auf die verschiedensten Forschungsfelder Anwendung gefunden, von der (Nutz-)Tierhaltung über den Haushalt und die Wasserversorgung bis hin zur agilen Arbeit, Technikentwicklung und zur Konzeption informationeller Privatheit.

Im Seminar wird zunächst mithilfe der Lektüre und Diskussion einflussreicher Texte der Bogen von der Selbst-Sorge zur „Logic of Care“ und anschließbaren Konzepten wie dem der „Response-ability“ (Haraway) oder des therapeutischen Handelns (Oevermann) gespannt. In diesem Rahmen sollen nicht zuletzt die vielfältigen Bedeutungsschichten des Begriffs „care“ und ihr Verweis auf ebenso vielfältige Praktiken freigelegt werden: vom (sich) Sorgen übers (sich) Kümmern bis zur (Selbst-)Pflege, dem Aufpassen auf („taking care of“) und dem Wichtignehmen von etwas („care for st.“). Im zweiten Teil des Seminars werden dann unterschiedliche soziale Bereiche (s.o.) in den Blick genommen und daraufhin befragt, inwieweit der analytische und/oder politische Einsatz des Care-Konzeptes in diesen Bereichen neue Erkenntnisse oder Positionierungen ermöglicht. In diesem Rahmen werden auch zwei bis drei Forschende, die mit dem Konzept arbeiten, ins Seminar eingeladen um ihre Arbeit und ihre Verwendung des Care-Konzeptes vorzustellen.

Literatur:

Mol, Annemarie (2008): The Logic of Care. Health and the Problem of Patient Choice. London/New York: Routlede.

Sommersemester 2023

Kommentar

Wurde die Konstitution der digitalen Gesellschaft in den 1990er Jahren v.a. unter dem Gesichtspunkt der sozialen Vernetzung mit technischen Mitteln diskutiert (vgl. etwa Castells Diagnose einer „Netzwerkgesellschaft” 1996), so sind nach und nach aus versch. Gründen immer mehr (scheinbar rein) technische Aspekte ins Zentrum des sozialwissenschaftlichen Interesses gerückt. In den 2000er Jahren formierten sich etwa die Software Studies als interdisziplinärer Forschungsbereich, im Laufe der 2010er Jahre machte der Begriff der „Datafizierung” des Sozialen die Runde und aktuell gelten sog. „Künstliche Intelligenz”-Systeme (KI-Systeme) als die gewissermaßen paradigmatische Entwicklungsstufe der der digitalen Technologie und Gesellschaft. Die Basis all dieser Entwicklungen bilden indes die Algorithmen, die sich, verfasst in jeweils spezifischen Programmiersprachen, in die Software-System einkodiert finden, die Datenanalysen der Organisationen steuern und das algorithmische Lernen der Machine Learning-basierten KI-Systeme anleiten.

Das Seminar wird die solchermaßen geformte algorithmische Sozialität in den Blick nehmen, um so ein Verständnis für die soziale und kulturelle Rolle zu entwickeln, die Algorithmen in der digitalen Gesellschaft spielen. Software, Daten und KI-Systeme begegnen uns im Alltag ständig und gelten als Transformationstreiber sämtlicher Bereiche der Gegenwartsgesellschaft (inkl. des akademischen Forschungs- und Lehrbereichs – man denke nur an die intensiven aktuellen Debatten um ChatGPT). Wie aber lassen sich Algorithmen und KI-Systeme theoretisch konzipieren und empirisch erforschen? Welche gesellschaftlichen Veränderungen rufen sie hervor, und welcher Innovationsbedarf ergibt sich daraus für die Neuerfindung von Gesellschaft unter digitalen Bedingungen?

Wir werden diesen Fragen in der Veranstaltung nachgehen, indem wir die Lektüre einschlägiger klassischer und aktueller Texte mit der Durchführung spielerischer Übungen und Alltagsexperimente (Code Game; algorithmischer Spaziergang; KI interviewen) kombinieren. In der ersten Semesterhälfte werden wir auf diese Weise ein Grundverständnis für Algorithmen und KI-Systeme entwickeln, um uns in der zweiten Hälfte dann versch. Phänomen- und Problembereichen der algorithmischen Sozialität zuzuwenden (Öffentlichkeit, Privatheit, Ethik, Diskriminierung, Transparenz usw.).

Literatur: 

Beer, David (2017): The social power of algorithms. in: Information, Communication & Society 20(1): 1-13. https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/1369118X.2016.1216147
Ziewitz, Malte (2016): Governing algorithms: Myth, mess, and methods. In: Science, Technology, and Human Values 41(1): 3-16. https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/0162243915608948

Wintersemester 2022/23

Kommentar: 

Obwohl begrifflich einigermaßen vieldeutig, gilt „Öffentlichkeit” in der soziologischen und sozialphilosophischen Gesellschaftsforschung seit langem in doppelter Hinsicht als fundamentale Komponente moderner Gesellschaften: Zum einen in historisch-deskriptiver Perspektive als geschichtlich evolviertes Charakteristikum der Moderne überhaupt, sofern unter feudalen und absolutistischen Vorzeichen Öffentliches und Privates kaum in vergleichbarer Weise strukturell voneinander getrennt wurden, wie dies seit dem 18. Jh. der Fall ist. Zum anderen in normativer Perspektive, sofern „Öffentlichkeit” üblicherweise als eine notwendige Bedingung für die Herausbildung demokratischer Gemeinwesen verstanden wird.

Angefeuert durch weithin sichtbare Verfallserscheinungen – als jüngstes, weithin sichtbares Negativbeispiel lässt sich hier an die zuvor von vielen für schlichtweg undenkbar gehaltene Erstürmung des Kapitols, des Sitzes des US-amerikanischen Kongresses im Januar 2021 denken – ist aktuell eine Intensivierung der soziologischen Beschäftigung mit der Konzeption und Praktizierung von Öffentlichkeit unter zeitgenössischen Bedingungen zu beobachten. Vor diesem Hintergrund wird das Seminar sich zunächst mit einigen einschlägigen Beiträgen der Sozialtheorie zur klassischen Öffentlichkeitskonzeption auseinandersetzen (z.B. Habermas, Dewey, Luhmann etc.), um von dort ausgehend dann zu fragen, was diese Theorien noch heute zum Verständnis des aktuellen, digitalen Strukturwandels der Öffentlichkeit beitragen.

Sommersemester 2022

Kommentar: 

Eine der grundlegendsten und dauerhaften Kontroversen innerhalb der Soziologie betrifft die Frage nach dem Verhältnis zwischen den Akteuren und den Kollektivformen, in denen diese leben: Bringen die Einzelnen die Gesellschaft hervor, ist Gesellschaft also Resultat der Handlungen, Interaktionen, Kommunikationen etc. der Individuen? Dafür scheint einiges zu sprechen, denn ohne die genannten kollektiven Aktivitäten bliebe wohl von Gesellschaft nicht viel übrig – wie aber können dann die kollektiven Erwartungen, Gebräuche, Normen oder Regeln der Gesellschaft die Handlungen, Interaktionen und Kommunikationen der Akteure anleiten und formen? Wenn Gesellschaft zuweilen sogar als kollektiv wirkender Zwang erfahren wird, scheint es doch wohl plausibler, die Akteure und ihre Handlungen, Interaktionen und Kommunikationen ihrerseits als Produkt gesellschaftlicher Verhältnisse zu verstehen. Während auch für diese Sicht einiges zu sprechen scheint, kommt hier nun jedoch die Frage auf, wie sich dann gesellschaftlicher Wandel erklären ließe – wenn doch die Akteure bloß in roboterhafter Manier die gesellschaftlich immer schon vorgegebenen Regeln abspulen. Muss Gesellschaft also als Wechselspiel zwischen Akteuren und ihren kollektiven Orientierungen verstanden werden? Oder verzichtet man auf den Gesellschaftsbegriff am besten gleich ganz? Wie hängen Akteure und Kollektive genau zusammen?

Es sind diese Fragen, die im Zentrum des Seminars stehen, und die wir anhand einschlägiger Texte diskutieren werden, um so zu sehen, welche Antworten die soziologische Theorie hier jeweils gefunden hat. Aufgrund der nach wie vor unbestimmten Pandemie-Lage wird das Seminar als reine Online-Veranstaltung stattfinden. Der Seminarablauf sieht dabei drei Elemente vor: Zu jedem der Sitzungsinhalte wird die Seminarleitung einen INPUT (Video) liefern, der von den Teilnehmenden asynchron abgerufen werden kann; auf Grundlage der Input-Rezeption und ihrer eigenen Text-Lektüre werden die Teilnehmenden dann im TUTORIUM grundlegende Verständnisfragen klären und gemeinsam mit der Tutorin Diskussionspunkte für die Hauptsitzung zusammentragen. Im SEMINAR werden dann zum einen diese Punkte dozentenseitig aufgegriffen und behandelt; zum anderen wird jeweils ein*e Teilnehmende*r ein dafür verantwortlich sein, ein Fallbeispiel herauszusuchen und vorzustellen, auf den sich die jeweilige Seminarlektüre beziehen lässt (anstelle eines Referates), so dass der Seminarstoff jede Woche anhand eines Beispiels diskutiert werden kann.

Literatur: 

Jörn Lamla/Henning Laux/Hartmut Rosa/David Strecker (Hg.): Handbuch der Soziologie. Konstanz: UVK (Reihe: UTB), 2014.

Hans Joas/ Wolfgang Knöbl: Sozialtheorie. 20 einführende Vorlesungen, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2004 (2. Aufl.).

Hartmut Rosa/ David Strecker/ Andrea Kottmann: Soziologische Theorien, Konstanz: UVK, 2013 (2. Aufl.).

Georg Kneer/Stephan Moebius (Hg.): Soziologische Kontroversen - Beiträge zu einer anderen Geschichte der Wissenschaft vom Sozialen, Frankfurt: Suhrkamp, 2010.

Peter Wagner: Soziologie der Moderne, Frankfurt/NY: Campus, 1995.

Lars Gertenbach/Heike Kahlert/Stefan Kaufmann/Hartmut Rosa/Christine Weinbach: Soziologische Theorien, Stuttgart: UTB (Fink), 2009.

Wintersemester 2021/22

Kommentar:

Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre formierte sich eine radikal empirisch orientierte und von vornherein international aufgestellte Forschungsunternehmung, die sich der Analyse der praktischen Herstellung von (zunächst) science, d.h. von naturwissenschaftlichem Wissen und (später dann auch von) technology verschrieben hatte. Unzufrieden mit den hochgradig abstrakten und praxisfernen Vorstellungen von naturwissenschaftlicher Wissensproduktion, wie sie die philosophische Erkenntnistheorie (z.B. Popper) vertrat, sollte es darum gehen, die konkreten Praktiken und Arbeitsweisen von Naturwissenschaftler*innen und Ingenieur*innen im Feld zu erforschen. Auf diese Weise sollte ein empirisch fundiertes, soziologisches Verständnis der Genese von Wissen(schaften) und Technologien entwickelt werden.

Die provokative und produktive Forschungsunternehmung, anfangs v.a in England, Frankreich und den Niederlanden vorangetrieben, führte zunächst ein Nischendasein, hat mittlerweile jedoch nicht nur in den internationalen Forschungsdebatten für Furore gesorgt, sondern ist mit ein wenig Verspätung nun auch ins Zentrum der deutschsprachigen Forschungslandschaft gerückt. Die Gründe dafür dürften schnell einleuchten: Wissenschaften und Technologien durchziehen so offenkundig noch die alltäglichsten Alltagspraktiken zeitgenössischer Sozialformationen, dass ihre soziologische Relevanz für spätmoderne Gesellschaften wohl kaum noch von der Hand zu weisen ist. So bezeugen etwa im Bereich der Technologien die massiven sozialen Folgewirkungen des Einsatzes von Digitaltechnologie wie sehr zeitgenössische Gesellschaften und Praktiken technologisch strukturiert werden, während auf dem Gebiet der Wissenschaft aktuell die Corona-Pandemie kaum noch einen Zweifel daran lässt, dass das soziale Leben in spätmodernen Gesellschaften maßgeblich von technoscience (d.h. von technisch erzeugtem Wissen und komplexen wissensbasierten Technologien) dominiert wird – man denke nur an die mithin sozialpolitische Rolle, die virologisches und epidemiologisches Wissen seit 2019 weltweit spielt.

Die soziologische Relevanz der science and technology studies dürfte somit hinreichend dargelegt sein. Das Seminarziel besteht darin, zunächst mithilfe der Lektüre von Klassikern dieses Forschungsfeldes einige der einflussreichen Grundpositionen kennenzulernen (z.B. Sozialkonstruktivismus, Akteur-Netzwerk-Theorie, Soziale Welten/Arenen-Theorie, Praxeographie usw.), um dann in der zweiten Seminarhälfte verstärkt aktuelle Forschungsarbeiten und deren Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Problemen in den Blick zu nehmen (bspw. digitale Öffentlichkeiten, Algorithmisierung/Software/KI, medizinische Körperpraktiken, Finanzmärkte, Entwicklung). Die am Seminar Teilnehmenden sollen so in die Lage zu versetzen, sowohl die Entwicklung der theoretischen und methodologischen Grundpositionen anhand von konkreten Gegenständen kritisch zu würdigen, als auch behandelte Gegenstände und Phänomene selbst problematisierend und kontrovers zu diskutieren. Auf diese Weise soll im Seminar Gesellschaft ‚hands-on‘, d.h. als technowissenschaftliches Konstrukt und Veränderungsgeschehen behandelt werden.

Literatur: 

Bauer, Susanne/Heinemann, Torsten/Lemke, Thomas (Hg.): Science and Technology Studies. Klassische Positionen und aktuelle Perspektiven. Berlin 2017.

Beck, Stefan/Niewöhner, Jörg/Sörensen, Estrid (Hg.): Science and Technology Studies: Eine sozialanthropologische Einführung. Bielefeld 2012.

 

Sommersemester 2021

Kommentar: 

Eine der grundlegendsten und dauerhaften Kontroversen innerhalb der Soziologie betrifft die Frage nach dem Verhältnis zwischen den Akteuren und den Kollektivformen, in denen diese leben: Bringen die Einzelnen die Gesellschaft hervor, ist Gesellschaft also Resultat der Handlungen, Interaktionen, Kommunikationen etc. der Individuen? Dafür scheint einiges zu sprechen, denn ohne die genannten kollektiven Aktivitäten bliebe wohl von Gesellschaft nicht viel übrig – wie aber können dann die kollektiven Erwartungen, Gebräuche, Normen oder Regeln der Gesellschaft die Handlungen, Interaktionen und Kommunikationen der Akteure anleiten und formen? Wenn Gesellschaft zuweilen sogar als kollektiv wirkender Zwang erfahren wird, scheint es doch wohl plausibler, die Akteure und ihre Handlungen, Interaktionen und Kommunikationen ihrerseits als Produkt gesellschaftlicher Verhältnisse zu verstehen. Während auch für diese Sicht einiges zu sprechen scheint, kommt hier nun jedoch die Frage auf, wie sich dann gesellschaftlicher Wandel erklären ließe – wenn doch die Akteure bloß in roboterhafter Manier die gesellschaftlich immer schon vorgegebenen Regeln abspulen. Muss Gesellschaft also als Wechselspiel zwischen Akteuren und ihren kollektiven Orientierungen verstanden werden? Oder verzichtet man auf den Gesellschaftsbegriff am besten gleich ganz? Wie hängen Akteure und Kollektive genau zusammen?

Es sind diese Fragen, die im Zentrum des Seminars stehen, und die wir anhand einschlägiger Texte diskutieren werden, um so zu sehen, welche Antworten die soziologische Theorie hier jeweils gefunden hat.

Literatur: 

Jörn Lamla/Henning Laux/Hartmut Rosa/David Strecker (Hg.): Handbuch der Soziologie. Konstanz: UVK (Reihe: UTB), 2014.

Hans Joas/ Wolfgang Knöbl: Sozialtheorie. 20 einführende Vorlesungen, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2004 (2. Aufl.).

Hartmut Rosa/ David Strecker/ Andrea Kottmann: Soziologische Theorien, Konstanz: UVK, 2013 (2. Aufl.).

Georg Kneer/Stephan Moebius (Hg.): Soziologische Kontroversen - Beiträge zu einer anderen Geschichte der Wissenschaft vom Sozialen, Frankfurt: Suhrkamp, 2010.

Peter Wagner: Soziologie der Moderne, Frankfurt/NY: Campus, 1995.

Lars Gertenbach/Heike Kahlert/Stefan Kaufmann/Hartmut Rosa/Christine Weinbach: Soziologische Theorien, Stuttgart: UTB (Fink), 2009.

Wintersemester 2020/21

Kommentar: 

‚Teilhabe an Gesellschaft‘ kann nicht nur als zentrales Versprechen der Moderne gelten, sondern ebenso als politisch permanent umstrittene und immer wieder neu zu erkämpfende gesellschaftliche Praxis. Die Frage, wer wie an welchen gesellschaftlichen Gütern und ‚Tatbeständen‘ legitimerweise teilzuhaben in der Lage ist, lässt sich somit in die soziologische Fragestellung danach übersetzen, wie Teilhabe in unterschiedlichen Kontexten ‚gemacht‘ wird. Das Seminar wird dieser Frage nachgehen, indem es einschlägige Forschungsbestände zur Thematik v.a. aus dem Bereich der science and technology studies in Beziehung zueinander setzt. Dabei geht es insbesondere um die praktische (epistemische, technische, materielle usw.) Herstellung von Teilhabeformen unterschiedlicher Reichweite: Wir wird (lokale) Partizipation in verschiedenen Kontexten genau hergestellt? Wie formieren sich Öffentlichkeiten, und wie kommt es dabei zu Ein- oder Ausschlüssen? Wie lassen sich demokratische Institutionen herstellen, und welche sozialen und technischen Prozesse müssen dazu wie auf Stabilität und Dauer gestellt werden?

Im Zuge des Seminars wird die intensive Arbeit am Text immer wieder auf die hochaktuelle Diskussion über Chancen, Probleme und Verfallsformen von Teilhabe in zeitgenössischen Gesellschaften bezogen (Beispiele: digitale Partizipationschancen; ‚Fake News‘-Öffentlichkeiten; Big Data vs. Demokratie usw.), um so den Blick über den Tellerrand der behandelten Forschungsarbeiten hinaus zu öffnen und Möglichkeiten der Neuerfindung von Teilhabe unter zeitgenössischen Bedingungen auszuloten.

Sommersemester 2020

Kommentar: 

Das Seminar behandelt die sowohl sozial als auch soziologisch grundlegende Trennung zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten. Obwohl politisch und theoretisch höchst umstritten („Das Private ist politisch!”) und begrifflich schwer zu fassen, gilt die Unterscheidung öffentlich/privat als Strukturprinzip moderner Vergesellschaftung, dessen Entstehungsgeschichte sich bis in die Gesellschaftsstrukturen antiker Stadtstaaten zurückverfolgen lässt (polis/oikos in der griechischen Antike). Trotz oder wegen der zentralen soziologischen Rolle der Unterscheidung weist diese nicht nur vielfältige Bezugsdimensionen auf (öffentliche Gewalt des Staates, mediale Öffentlichkeit, öffentliche Güter etc. einerseits sowie Privatwohnung, Privatwirtschaft, private Daten usw. andererseits), sondern wird zudem auch in regelmäßigen Abständen wahlweise als politisch rückständige Institution kritisiert oder zur demokratischen Grundinstitution erklärt. Die Veranstaltung wird diese theoretischen und politischen Diskussionen anhand ausgewählter soziologischer Klassikerinnen nachvollziehen und so die Rolle dieses Strukturprinzips für die Konstitution moderner Gesellschaften rekonstruieren.

Literatur: 

Jörn Lamla/Henning Laux/Hartmut Rosa/David Strecker (Hg.): Handbuch der Soziologie. Konstanz: UVK (Reihe: UTB), 2014.

Hans Joas/ Wolfgang Knöbl: Sozialtheorie. 20 einführende Vorlesungen, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2004 (2. Aufl.).

Hartmut Rosa/ David Strecker/ Andrea Kottmann: Soziologische Theorien, Konstanz: UVK, 2013 (2. Aufl.).

Georg Kneer/Stephan Moebius (Hg.): Soziologische Kontroversen - Beiträge zu einer anderen Geschichte der Wissenschaft vom Sozialen, Frankfurt: Suhrkamp, 2010.

Peter Wagner: Soziologie der Moderne, Frankfurt/NY: Campus, 1995.

Lars Gertenbach/Heike Kahlert/Stefan Kaufmann/Hartmut Rosa/Christine Weinbach: Soziologische Theorien, Stuttgart: UTB (Fink), 2009.

Kommentar: 
Während die Digitalisierungsprozesse der 1970er und 1980er Jahre sich vor allem auf den Arbeitsbereich bezogen, haben sie sich mit der weltweit auftretenden Vernetzung durch Internet und world wide web seit etwa Mitte der 1900er Jahre darangemacht, in atemberaubenden Tempo sämtliche gesellschaftlichen Bereiche tiefgreifend zu transformieren. Dabei wurde einerseits der seit Anfang der 2000er Jahre beobachtbare Einzug digitaler Sozialtechnologien („Soziale Medien“: Blogs, User Generated Content, Online Social Networks usw.) in lebensweltliche Felder durch die rasend schnelle Verbreitung von Mobiltechnologie und Apps noch einmal extrem befeuert, während andererseits das Versprechen von Big Data, gesellschaftliche Prozesse durch Datenanalyse optimieren zu können, umfassende gesellschaftliche Datafizierungsprozesse angeschoben hat. Das Seminar wird die soziologische Auseinandersetzung mit Grundbegriffen der Digitalisierung (Vernetzung, Algorithmus, Plattform etc.) in den Blick nehmen und aktuelle Digitalisierungsforschungen in verschiedenen Sozialdimensionen (Subjektivierung, Vergemeinschaftung, Öffentlichkeit, Arbeit usw.) zueinander in Beziehung setzen, um diese an konkreten Gegenständen aus der Praxis zu diskutieren.

Kommentar: 

Während der soziologische Mainstream des 20. Jh. dazu tendierte, binär zwischen vor-moderner und moderner Gesellschaft zu unterscheiden (bspw. bei Niklas Luhmann als stratifizierte/funktional differenzierte Gesellschaft), lassen sich seit geraumer Zeit zunehmend Versuche beobachten, interne Transformationsprozesse innerhalb des historischen Verlaufs der Moderne konzeptionell zu erfassen. Aus dieser Perspektive können unterschiedliche gesellschaftliche Formationstypen (wie bspw. die frühe Industriegesellschaft des 19. Jh., der europäische Faschismus und Totalitarismus des 20. Jh., die Konsumgesellschaft der Nachkriegszeit, die spätmoderne Gesellschaft nach dem Ende des Organisierten Kapitalismus usw.) in Rechnung gestellt und dennoch als historisch je spezifische Ausprägung von Modernitätsphasen perspektiviert werden. Dadurch wird es dann möglich, zeitgenössische gesellschaftlichen Strukturen („Datengesellschaft” etc.) aus ihrer gesellschaftshistorischen Entwicklung heraus zu verstehen. Genau dieser Versuch wird im Seminar unternommen, indem die Entwicklung von der Organisierten Moderne des frühen 20. Jh. hin zur Reflexiven Moderne am Jahrtausendende nachvollzogen wird, um auf dieser Grundlage dann schließlich aktuelle Wandlungsprozesse in den Blick zu nehmen.

Kommentar: 

Bei dieser gemischten Veranstaltung handelt es sich um eine dauerhafte Einrichtung der Professur für Soziologische Theorie. Die Werkstatt steht insbesondere Studierenden der Abschlusssemester (BA und MA) sowie Doktorandinnen und Doktoranden offen, die sich eine Besprechung des theoretischen Rahmens, des Forschungsdesigns oder die gemeinsame Arbeit an empirischem Material ihrer Abschlussarbeiten, Dissertationen oder Projekte wünschen. Interesse an einem Werkstatttermin bitte vorab bis spätestens 19.04.2020 per Email an den Dozenten (carsten.ochs (at) uni-kassel.de) bekunden. Besonders willkommen sind Studien, die theoretische und empirische Forschung auf innovative Weise miteinander zu verknüpfen versuchen. Auch ein bis zwei Gastvorträge sind pro Semester vorgesehen.   50% der Sitzungen werden als gemeinsamer Lektürekreis gestaltet. Darin werden solche neueren Werke besprochen, von denen sich die Soziologie Impulse für die Weiterentwicklung der Gesellschaftstheorie erhoffen darf. Teilnahmevoraussetzung ist die hohe Motivation, schwierige, oftmals „dicke" Bücher vollständig zu lesen und gemeinsam zu diskutieren.

Im Sommersemester 2020 werden wir gemeinsam das folgende Werk lesen und diskutieren: Lévi-Strauss, Claude (1978): Strukturale Anthropologie I. Frankfurt/M.: Suhrkamp. die relevanten Textauszüge werden von der Seminarleitung per Moodle-Kurs bereitgestellt.

Sommersemester 2019/20

Kommentar: 

Die Digitalisierung erfasst immer mehr Lebensbereiche und führt zu einem tiefgreifenden Strukturwandel von Wirtschaft und Gesellschaft. Permanent erzeugen Menschen in einer hochgradig vernetzten Welt Daten. Von der Selbst-Konstitution („Quantified Self”) über die Gruppenbildung (Soziale Netzwerke) und Partnerwahl (Datingplattformen) bis zu Wissensgenerierung (Computational Social Science) und Arbeitswelt (Industrie 4.0) werden immer mehr soziale Vorgänge unter Rückgriff auf Techniken der digitalen Datenverarbeitung (Senden, Sammeln, Aufbereiten, Auswerten) gestaltet. Gleichzeitig werden diese Datenverarbeitungsprozesse von Unternehmen zur Verfügung gestellt und institutionalisiert, die vor allem an der profitorientierten Verwertung dieser sozialen Daten interessiert sind. Die daraus resultierenden Ökonomien der Daten führen zu einem grundlegenden Wandel des Verhältnisses zwischen Ökonomie, Kultur und Gesellschaft.

Im Empiriepraktikum „Datenökonomien” sollen die datenökonomischen Netzwerke von den Studierenden im Rahmen einjähriger Forschungsprojekte erforscht werden. Dabei soll zunächst ein Verständnis für die vielfältigen Einstiegspunkte in das Feld der Datenökonomien entwickelt werden. Neben wirtschaftssoziologischen Grundlagen liegt der Fokus auf überwachungsbasierten Wertschöpfungsprozessen, dem ökonomischen Design der Plattform-Infrastrukturen, datenintensiven Subjektivierungsprozessen sowie den Sozialitätsformen und Nutzungspraktiken selbst. Die Studierenden sollen nach einer Einführung in das Forschungsfeld in einem nicht vorgegebenen Praxisfeld für ein ausgewähltes Thema Fragestellungen entwickeln. Durch die Aneignung entsprechender Methodenkenntnisse im Bereich der (Online-)Ethnografie sollen die Studierenden schließlich in die Lage versetzt werden, im Rahmen des Empiriepraktikums auf einen jeweiligen Teilausschnitt bezogene kleine Forschungsprojekte durchzuführen, diese zu dokumentieren und schließlich in abschließende Thesen zu überführen.

Das Empiriepraktikum ist auf zwei Semester angelegt. Es handelt sich um einen sehr arbeitsintensiven Baustein des Bachelor-Soziologie-Studiums mit einem hohen Anteil an selbstständiger Arbeit neben dem eigentlichen Seminarbesuch und verlangt allen Teilnehmenden einiges persönliches Engagement ab. Wer dies mitzubringen gewillt ist, kann sich auf eine intensive, einjährige Forschungsunternehmung freuen.

Wintersemester 2018/19

Kommentar: 

Die Digitalisierung erfasst immer mehr Lebensbereiche und führt zu einem tiefgreifenden Strukturwandel von Wirtschaft und Gesellschaft. Permanent erzeugen Menschen in einer hochgradig vernetzten Welt Daten. Von der Selbst-Konstitution („Quantified Self”) über die Gruppenbildung (Soziale Netzwerke) und Partnerwahl (Datingplattformen) bis zu Wissensgenerierung (Computational Social Science) und Arbeitswelt (Industrie 4.0) werden immer mehr soziale Vorgänge unter Rückgriff auf Techniken der digitalen Datenverarbeitung (Senden, Sammeln, Aufbereiten, Auswerten) gestaltet. Gleichzeitig werden diese Datenverarbeitungsprozesse von Unternehmen zur Verfügung gestellt und institutionalisiert, die vor allem an der profitorientierten Verwertung dieser sozialen Daten interessiert sind. Die daraus resultierenden Ökonomien der Daten führen zu einem grundlegenden Wandel des Verhältnisses zwischen Ökonomie, Kultur und Gesellschaft.

Im Empiriepraktikum „Datenökonomien” sollen die datenökonomischen Netzwerke von den Studierenden im Rahmen einjähriger Forschungsprojekte erforscht werden. Dabei soll zunächst ein Verständnis für die vielfältigen Einstiegspunkte in das Feld der Datenökonomien entwickelt werden. Neben wirtschaftssoziologischen Grundlagen liegt der Fokus auf überwachungsbasierten Wertschöpfungsprozessen, dem ökonomischen Design der Plattform-Infrastrukturen, datenintensiven Subjektivierungsprozessen sowie den Sozialitätsformen und Nutzungspraktiken selbst. Die Studierenden sollen nach einer Einführung in das Forschungsfeld in einem nicht vorgegebenen Praxisfeld für ein ausgewähltes Thema Fragestellungen entwickeln. Durch die Aneignung entsprechender Methodenkenntnisse im Bereich der (Online-)Ethnografie sollen die Studierenden schließlich in die Lage versetzt werden, im Rahmen des Empiriepraktikums auf einen jeweiligen Teilausschnitt bezogene kleine Forschungsprojekte durchzuführen, diese zu dokumentieren und schließlich in abschließende Thesen zu überführen. Eine Veröffentlichung der Ergebnisse im Internet wird angestrebt.

Das Empiriepraktikum ist auf zwei Semester angelegt. Es handelt sich um einen sehr arbeitsintensiven Baustein des Bachelor-Soziologie-Studiums mit einem hohen Anteil an selbstständiger Arbeit neben dem eigentlichen Seminarbesuch und verlangt allen Teilnehmenden einiges persönliches Engagement ab. Wer dies mitzubringen gewillt ist, kann sich auf eine intensive, einjährige Forschungsunternehmung freuen.

WICHTIG. Seminar findet in der Unteren Königsstraße 71 (neben Rossmann) statt, nicht am HoPla!

Sommersemester 2017

Kommentar: 

Die Soziologie entwickelt und konstituiert sich als Disziplin just in einer historischen Phase, in der die Unterscheidung zwischen Individuum und Gesellschaft soziale Praktiken tiefgreifend zu prägen beginnt: Die Kultur des 19. Jahrhunderts formt die Subjekte als unteilbare (wörtlich: ‚in-dividuelle‘) Selbste, welche obwohl – oder gerade weil – sie in der differenzierten Gesellschaft eine Vielzahl sozialer Existenzen parallel ausgestalten, dazu aufgerufen sind, einen einheitlichen inneren Wesenskern auszubilden. Mit diesem "Gründungsparadox" im Gepäck versucht die Soziologie seither, beide Seiten der Unterscheidung Individuum/Gesellschaft theoretisch zu bestimmen, miteinander auszusöhnen – oder offensiv zu unterlaufen.

Das Seminar wird die auf das Individuum bezogene Seite der Unterscheidung in den historisierenden Blick nehmen. Ansatzpunkt der Seminardiskussion bildet dabei die (im Seminarverlauf zu überprüfende) Prämisse, dass Selbste nicht immer Individuen waren, und dass sie dies auch nicht bis in alle historische Ewigkeit notwendigerweise bleiben müssen. „In-dividuum” ist ein historisch spezifisches Selbst-Format – welche weiteren Formate finden sich in den Beschreibungen der Soziologie? Um der Frage nach der historischen Transformation von Selbstkonzepten nachzugehen, werden wir uns zunächst mit den „Technologien des Selbst” (M. Foucault), d.h. mit den Praktiken der Selbstkonstitution auseinandersetzen, wie sie (spätestens) seit der europäische Antike bekannt sind; zwar haben sich diese durch das Mittelalter hindurch stetig verändert, verschwunden sind wir aber keineswegs. Mit der neuzeitlichen Auflösung der Ständeordnung kommen die Selbstkonzeptionen dann verstärkt in Bewegung, werden die Subjekte im Zuge dieser Bewegung doch von einer als überzeitlich verstandenen natürlich-sozialen Ordnung abgelöst, und in einen offenen Raum alternativer Selbst- und Subjektivierungslogiken geworfen.

Wir werden diese Transformation anhand der Lektüre einiger Klassiker (z.B. Simmel, Elias, Goffman, Luhmann) nachvollziehen, um dann neuere theoretische und diagnostische Deutungen (z.B. Giddens, Reckwitz, Sennett, Rose, Schroer, Bröckling) vergleichend zu betrachten. Auf diese Weise soll der historische Weg vom innerlichen (Taylor) zum vernetzten Selbst (Cohen) analytisch nachgezeichnet werden.

Sommersemester 2016

Kommentar: 

Einflussreichen Vertreter*innen der soziologischen und politischen Theoriebildung gilt die Unterscheidung öffentlich/privat als der zentrale Ordnungsmechanismus moderner Gesellschaften (Bobbio 1989; Weintraub 1997; Sassen 2008). Außerdem beschäftigt sich eine ganze Reihe soziologischer Klassiker mit der historischen Genese und Entwicklung dieser Unterscheidung (Arendt 1960; Habermas 1962; Sennett 1983), wobei die die Autor*innen sich jedoch in erster Linie als an der Öffentlichkeitsseite der Medaille interessiert zeigen. Demgegenüber kann der rechtswissenschaftliche, sozialphilosophische und informatische Diskurs ganze Bücherregale füllende, theoretisch-konzeptionelle Auseinandersetzungen mit dem Gegenstand der Privatheit vorweisen. Dass die soziologische Forschung zur Unterscheidung öffentlich/privat bislang v.a. auf das Öffentliche fokussierte, mag nicht zuletzt mit der Tendenz zusammenhängen, Öffentlichkeit zumindest implizit mit Gesellschaft, Privatheit hingegen mit bürgerlichen Vorstellungen von Individualität und Rückzug vom Sozialen gleichzusetzen.

Offenkundig reichen solche Privatheitsverständnisse vor Hintergrund digital gestützter Vernetzungspraktiken nicht mehr hin. Gerade deshalb ist es lohnenswert, soziologische Erkenntnisse zum Thema Privatheit auf ihre analytischen Potentiale hin zu befragen, und mit den theoretischen und empirischen Wissensbeständen anderer Disziplinen zu konfrontieren. Privatheitstheorien werden (zumindest potentiell) fast unmittelbar praktisch und somit politisch wirksam, sofern sie normative Debatten in Rechts- und Technikwissenschaften informieren. So ist es bspw. durchaus kein Zufall, dass zum einen der Rechtsdiskurs die Unterscheidung nicht nur zur eigenen Systematisierung nutzt (öffentliches Recht/Privatrecht), sondern darüber hinaus auch äußerst großes Interesse an der Entscheidung von Fragen hegt, welche sich aus soziologischer Sicht allesamt um die Unterscheidung öffentlich/privat ranken (z.B. Fragen legitimer Datenflüsse, Eigentumsfragen, Fragen der körperlichen Integrität usw.). Zum anderen nehmen technikwissenschaftlich orientierte Interventionen vielfach diskursive (so etwa die Einlassungen des ehemaligen Google CEO Eric Schmidt zum Thema „Privacy“) oder technische Normsetzungen vor (so z.B. die ausdrückliche Umsetzung von Privatheitsvorstellungen des Facebook-Gründers Marc Zuckerberg im Design der Plattform).

Das Seminar wird den Versuch unternehmen, den z.T. verstreuten Schatz soziologischer Privatheitstheorie zu heben, um diesen dann auf verschiedene rechts- und technikwissenschaftliche Wissensbestände und Normsetzungen der Vergangenheit und Gegenwart analytisch anzuwenden. Entsprechend wird von den Seminarteilnehmer*innen nicht nur ein ausgeprägtes Interesse an soziologischer Theoriebildung erwartet, sondern auch die Bereitschaft, sich auf interdisziplinäre Diskurse sowie auf den Versuch eines Transfers soziologischer Theorie in das Feld praktischer Fragen einzulassen.

Literatur: 

Jurczyk, Karin/Oechsle, Mechtild (2008): Privatheit: Interdisziplinarität und Grenzverschiebungen. Eine Einführung. In: Dies. (Hg.): Das Private neu denken. Erosionen, Ambivalenzen, Leistungen. Münster: Westfälisches Dampfboot, S. 8-47.

Wintersemester 2015/16

Kommentar: 

Menschen leben in Gesellschaften – so zumindest lautet eine innerhalb und außerhalb der Soziologie weit verbreitete Ansicht. Entsprechend ist die Soziologie seit mehr als einhundert Jahren damit befasst, die beiden Größen Mensch und Gesellschaft zu bestimmen und zueinander in Beziehung zu setzten. Im Seminar soll es deshalb um jene Entitäten gehen, die in der Soziologie wahlweise als Menschen, Handelnde, Akteure, Individuen, Selbste, Subjekte u.v.m. gelten. Nie können Menschen dabei als natürlich gegebene Konstante vorausgesetzt werden, sondern immer werden sie gesellschaftlich hergestellt und stellen sich selbst her. Die sozialen Formen, die Menschen dabei annehmen können, sind immer auch Vorschriften – man darf nicht nur Mensch sein, man muss es. So ist die (Selbst)Produktion von menschlichen Einzelwesen immer verbunden mit Freiheiten, Ansprüchen und Zumutungen, durch die die Einzelwesen ermächtigt, unterdrückt, motiviert oder gelenkt werden.

Das Seminar wird sich auf zwei Theoriestränge konzentrieren, die besonders fruchtbare Beiträge zum Thema geliefert haben, und diese in einen Dialog bringen: erstens die Subjektivierungtheorien von Michel Foucault und jenen, die er inspiriert hat, und zweitens Ansätze der Akteur-Netzwerk-Theorie (Bruno Latour u.a.). Subjektivierungstheorien beschreiben wie Menschen in soziale Formungsprozesse eingebunden sind und sich selbst einbinden, Prozesse in denen gesellschaftliche Zurichtung und Selbstmodellierung zusammenwirken. Im Mittelpunkt stehen die Verfahren, Institutionen und Technologien, die solche Formen der Macht und Subjektivierung hervorbringen. In der Akteur-Netzwerk-Theorie entstehen Menschen indes als Effekte ganzer Schwärme von menschlichen und nicht-menschlichen Entitäten. Materielle und technische Objekte sind hier ebenso integral für die Menschwerdung wie Erziehung und Sprache. Wir werden beide Theorien vergleichend auf ihre Ausgangsprämissen befragen, auf ihre Technologiekonzepte, Machtkonzeptionen, politischen Implikationen etc. um so zu einer robusten Vorstellung der Prozesse der Menschwerdung zu kommen.

Sommersemester 2015

Kommentar: 

Im deutschsprachigen Raum werden sozialwissenschaftliche Zugänge, die das Soziale anhand der theoretischen und/oder empirischen Bestimmung von „Praxis“ oder „Praktiken“ aufzuschließen suchen seit Anfang der 2000er Jahre verstärkt diskutiert. Anhänger*innen von Praxistheorie(n) vertreten dabei oftmals die Position, dass Theorien, Heuristiken oder Methodologien, die Sozialität als Ergebnis praktischen Tuns begreifen, Phänomendimensionen in den Blick bekommen, die sowohl handlungs- als auch strukturtheoretisch gelagerten Ansätzen systematisch entgehen. So werde in praxistheoretischen Zugängen bspw. die Rolle materieller Aspekte der Erzeugung von Sozialität, etwa die Rolle von Körperlichkeit und materiellen Artefakten, angemessen in Rechnung gestellt – und zwar ganz im Gegensatz zu älteren, klassischen Sozialtheorien. Zudem seien praxistheoretische Ansätze in der Lage die implizite Logik, und damit auch die Routinehaftigkeit sozialen Handelns einerseits und die Kreativität des Tuns andererseits in den Fokus zu rücken, wobei weder eine Überbetonung von Intentionalität noch von struktureller Determination erfolge. Kritiker der mehr oder weniger offensiv propagierten „praxistheoretischen Wende“ sehen in den Praxistheorien dagegen tendenziell „alten Wein in neuen Schläuchen“: hier fände eine bloße Umetikettierung existierender Theoriebestände statt, die die Erklärungsreichweite klassischer Sozialtheorien nicht nennenswert erhöhe; zudem wiesen Praxistheorien mitunter analytische Defizite auf, die unter Rückgriff auf klassische Konzepte durchaus in den Griff zu kriegen seien.

Im Seminar werden die einschlägigen Praxistheorien systematisch aufgearbeitet. Ausgehend von den grundsätzlichen Überlegungen zu einem „kleinsten gemeinsamen Nenner“ unterschiedlicher Praxistheorien (Reckwitz) werden zwei kanonische, am Praxisbegriff orientierte  Theorien (Giddens, Bourdieu) behandelt, um von dieser Basis aus dann einen Durchgang durch die unterschiedlichen theoretischen und empirischen Felder zu initiieren, in denen praxistheoretische Zugänge entwickelt worden sind (z.B. Sozialphilosophie, Ethnomethodologie, gender studies, Akteur-Netzwerk-Theorie, Soziale Welten-Analyse usw.). Das Seminarziel besteht darin, die gemeinsamen Grundbegriffe der verschiedenen praxistheoretischen Zugänge kennenzulernen, diese auf ihr Erklärungspotential hin kritisch zu überprüfen, Bezüge zwischen den verschiedenen praxistheoretischen Zugängen herzustellen und deren Leerstellen zu identifizieren. Seminarteilnehmer*innen sollen dementsprechend im Laufe der Veranstaltung nicht nur einen Überblick über das Feld der Praxistheorien erhalten, sondern darüber hinaus auch die Debatte innerhalb des Feldes und den Disput zwischen Anhänger*innen und Kritiker*innen des behaupteten „practice turn“ nachvollziehen können, um die Praxistheorien solchermaßen auch in die weitere soziologische Theorielandschaft einordnen zu können.

Literatur: 

Schatzki, Theodore/Knorr-Cetina, Karin/Savigny, Elke von (Hg.) (2001): The Practice Turn in Contemporary Theory. London/New York: Routledge.

Hillebrandt, Frank (2014): Soziologische Praxistheorien: Eine Einführung. Wiesbaden: Springer-VS.