Lehre von Dr. Markus Uhlmann

Sommersemester 2024

Kommentar: 

Das Seminar widmet sich mit der Untscheidung von Privatheit und Öffentlichkeit einem grundlegenden Strukturprinzip moderner Gesellschaften, das seit seiner Entstehung zugleich zahlreichen Wandlungsprozessen unterworfen ist. Dabei gibt insbesondere auch die vernetzte Digitalisierung Anlass für theoretische und gesellschaftspolitische Neuverhandlungen des Privaten und des Öffentlichen, die vielfach im Zusammenhang mit Krisendiagnosen zum Thema gemacht werden. Die Reichweite dieser Krisen zeigt sich etwa an Kontroversen um die Zukunft und den Wert des Privaten. So wird Privatheit wahlweise als rückständige Institution oder als ein von privatwirtschaftlicher und öffentlicher Überwachung bedrohtes und daher zu schützendes Gut angesehen. Phänomene wie Fake News und Hate Speech oder Debatten um die Social Media-Nutzung Donald Trumps zeigen wiederum, dass auch Vorstellungen von demokratischer Öffentlichkeit unter Bedingungen der Digitalvernetzung herausgefordert werden. Die hohe politische Relevanz der Unterscheidung von Privatheit und Öffentilchkeit wird somit auch anhand aktueller Krisen des Rechtspopulismus überaus deutlich. So wird etwa bei der Abwehr migrantischer Bewegungen vielfach ein Rückzug in den privaten Raum der nationalen Selbstbestimmung gefordert, um den offenen Charakter der Öffentlichkeit zu begrenzen.

Um eine soziologisch gehaltvolle Einordnung der Wandlungsdynamiken von Privatheit und Öffentlichkeit zu ermöglichen und die oben genannten Themen zu diskutieren, werden wir im Seminar einerseits klassische Positionen (u.a. Hannah Arendt, Norbert Elias, Georg Simmel, Jürgen Habermas, John Dewey, Michel Foucault) in den Blick nehmen. Andererseits werden auch aktuelle Debatten zum Wandel von Privatheit und Öffentlichkeit eine Rolle spielen (u.a. Diskussionen zum digitalen Strukturwandel der Öffentlichkeit oder Herausforderungen der Verhaltensbeeinflussung und Steuerung des privaten Lebens durch künstliche Intelligenz und digitale Plattformen).

Kommentar: 

Die multiplen Krisen der Gegenwart scheinen die Öffentlichkeit vor eine Zerreißprobe zu stellen. Zu denken ist hier etwa an die Polarisierung öffentlicher Debatten (etwa in Fragen der Migration, in Bezug auf Diversität und Gender oder Klimaschutz), den Einfluss sozialer Medien auf die öffentliche Meinungsbildung (und assoziierte Phänomene, wie Fake News oder Hate Speech) oder die vermeintlich zunehmende Spaltung in ein rechtes und ein linkes gesellschaftliches Lager.

Ziel des Seminars ist es vor diesem Hintergrund einen Schritt zurückzutreten und anhand klassischer und neuerer soziologischer Texte den folgenden exemplarischen Fragen nachzugehen: Was ist (aus verschiedenen theoretischen Perspektiven) überhaupt unter „öffentlich“ und „Öffentlichkeit“ zu verstehen? Welche (demokratische) Rolle kommt der Öffentlichkeit dabei jeweils zu? Wie verändert sich Öffentlichkeit in der Gegenwartsgesellschaft?

Sommersemester 2019

Kommentar: 

Was ist damit gemeint und was muss man darunter verstehen, wenn Soziologie dem Wortsinn nach die »Lehre von der Gesellschaft« ist? Betreibt und studiert man Soziologie, ist man mehr als in anderen Fächern mit dem Problem konfrontiert, den genauen Gegenstandsbereich des eigenen Faches zu bestimmen. Um über »die Gesellschaft« zu forschen, bedarf es daher immer auch theoretischer Grundannahmen darüber, was der Gegenstandsbereich der Soziologie ist (in Abgrenzung etwa zu anderen Fächern) und was die Soziologie erklären soll oder kann. Diese Fragen verweisen auf die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit soziologischer Theorie. 

Einen möglichen Zugang zu den verschiedenen Ebenen und Grundpositionen soziologischer Theoriebildung stellen fundamentale Kontroversen bzw. Konfliktlinien dar, die die Soziologie wiederkehrend beschäftigen. Jene Kontroversen stecken auf markante Weise die Problemdimensionen des Fachs ab. Zugleich zeigen sie in exemplarischer Form sowohl die verschiedenen, konkurrierenden Paradigmen als auch die verbindenden Elemente der Soziologie. Anstatt also einzelne Autoren vertiefend zu lesen, soll im Seminar ein spezifischer Problemkreis gesellschaftlicher Wirklichkeitsdeutung erschlossen und diskutiert werden.

Im Seminar Privatheit und Öffentlichkeitbeschäftigen wir uns mit Prozessen der Digitalisierung, welche zentrale Ordnungsmechanismen der Moderne destabilisieren. Ein zentraler Ordnungsmechanismus der Moderne, bei dem sich krisenhafte Prozesse der Digitalisierung besonders bemerkbar machen, ist die Unterscheidung von Privatheit und Öffentlichkeit. Die Reichweite dieser Krise zeigt sich besonders an zahlreichen Kontroversen um den Wert und die Zukunft des Privaten - verhandelt werden in diesem Zusammenhang staatliche Massenüberwachung, privatwirtschaftliche Datenökonomien großer Internetunternehmen und digital-vernetzte Praktiken der Subjektkonstitution. In dieser Situation der Neuverhandlung der Unterscheidung von Privatheit und Öffentlichkeit ist es sinnvoll, soziologische Theorien zum Thema auf ihre Aktualität hin zu prüfen und dabei zu rekonstruieren, wie Privatheit und Öffentlichkeit mit dem Sozialen zusammenhängen. Eine wichtige Rolle spielen dabei insbesondere drei Perspektiven: Erstens ist die Geschichte von Privatheit und Öffentlichkeit eine Geschichte der modernen Gesellschaft und ihrer Transformationen. Zweitens ist die Geschichte von Privatheit und Öffentlichkeit eine Geschichte technischer Entwicklungen und verweist damit fundamental auf die Verschränkung von Sozialem und Materiellem. Drittens ist die Geschichte von Privatheit und Öffentlichkeit eine Geschichte der verschiedenen Art und Weisen, wie Menschen mit und durch Gesellschaft ein Verhältnis zu sich Selbst entwickeln.

Literatur: 

Jörn Lamla/Henning Laux/David Strecker (Hg.): Handbuch der Soziologie. Konstanz UVK (Reihe: UTB), 2014.

Hans Joas/Wolgang Knöbl: Sozialtheorie. 20 einführende Vorlesungen. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2004 (2. Aufl.).

Hartmut Rosa/David Strecker/Andrea Kottmann: Soziologische Theorien. Konstanz: UVK, 2013 (2. Aufl.).

Georg Kneer/Stephan Moebius (Hg.): Soziologische Kontroversen - Beiträge zu einer anderen Geschichte der Wissenschaft vom Sozialen. Frankfurt: Suhrkamp, 2010.

Peter Wagner: Soziologie der Moderne. Frankfurt/NY: Campus, 1995.

Lars Gertenbach/Heike Kahlert/Stefan Kaufmann/Hartmut Rosa/Christine Weinbach: Soziologische Theorien. Stuttgart: UTB (Fink), 2009.