Lehre von Prof. Dr. Jörn Lamla
Sommersemester 2026
Kommentar:
Die Vorlesung führt grundlegend und problemorientiert in die soziologischen Theorien ein. Soziologische Theorien I (Sommersemester) gibt einen Überblick über grundlegende klassische und zeitgenössische Beiträge zur Analyse der modernen Gesellschaft (von Comte, Spencer, Marx, Durkheim, Weber, Simmel und dem amerikanischen Pragmatismus bis hin zu den komplexen Gesellschaftstheorien von Parsons, Luhmann und Habermas sowie ergänzend Foucault, Bourdieu und dem Rational-Choice-Ansatz). Soziologische Theorien II (Wintersemester, verpflichtend nur für Hauptfach) führt anschließend in weitere einflussreiche Theorieströmungen ein (u.a. etwa Elias, Phänomenologie, philosophische Anthropologie, Goffman, Garfinkel, Giddens, Latour und Akteur-Netzwerk-Theorie sowie feministische Science and Technology Studies). Der Fokus wird dabei auf die in allen Theorieschulen wiederkehrenden Grundprobleme soziologischer Theoriebildung gerichtet. Sie reichen von methodologischen Problemen soziologischer Wissensgenerierung und grundbegrifflichen Bestimmungen des Sozialen über die Erklärung gesellschaftlichen Wandels und der Spezifika moderner gegenüber vormodernen Gesellschaften bis zur Zeitdiagnose aktueller Entwicklungen und zur wissenschaftlichen Begründung von normativen Haltungen zu gesellschaftlichen Missständen. Die Studierenden sollen an verschiedenen einflussreichen Positionen die Herausforderungen der Komposition einer komplexen Gesellschaftstheorie kennenlernen.
Literatur:
In der Vorlesung "Soziologische Theorien I" wird folgendes Lehrbuch begleitend verwendet:
Rosa, Hartmut/Strecker, David/Kottmann, Andrea (2018): Soziologische Theorien. 3., aktualisierte Aufl. Konstanz: UVK (Reihe: UTB basics).
Kommentar:
Das Seminar widmet sich den für demokratische Gesellschaften unverzichtbaren kritischen Kompetenzen ihrer Bürger:innen und fragt, was diese Kompetenzen konkret auszeichnet und wie sie wissenschaftlich bestimmt werden können. Hierzu werden grundlegende und neure Texte aus dem Umfeld der kritischen Theorie sowie der Soziologie der Rechtfertigung und der damit verwandten Valuation Studies gemeinsam gelesen, vorgestellt und diskutiert. Besonderes Augenmerk wird im Seminar dabei auf die Spannungen zwischen den Anforderungen alltäglicher Lebensvollzüge und jenen der kritischen Reflexion gelegt. Das Seminar sucht nach Ansätzen und einem Begriff von kritischer Kompetenz, die diese Spannungen erhellen und mit ihnen konstruktiv umzugehen verstehen. Als ein besonderes Anwendungsfeld werden Herausforderungen digitaler Umwelten in den Blick genommen, etwa Empfehlungsalgorithmen oder Künstliche Intelligenz.
Literatur:
Boltanski, Luc / Thévenot, Laurent (2007): Über die Rechtfertigung. Eine Soziologie der kritischen Urteilskraft. Konstanz: UVK.
Celikates, Robin (2009): Kritik als soziale Praxis. Gesellschaftliche Selbstverständigung und kritische Theorie. Frankfurt/M.; New York: Campus.
Jaeggi, Rahel / Wesche, Thilo (Hg.) (2009): Was ist Kritik? Frankfurt/Main: Suhrkamp.
Habermas, Jürgen (1983): Moralbewußtsein und kommunikatives Handeln. Frankfurt/M.: Suhrkamp, S. 127-206.
Hirschman, Albert O. (1984): Engagement und Enttäuschung. Über das Schwanken der Bürger zwischen Privatwohl und Gemeinwohl. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
Lamla, Jörn (2021): Kritische Bewertungskompetenzen, Selbstbestimmtes Verbraucherhandeln in KI-gestützten IT-Infrastrukturen. Expertise für das Projekt „Digitales Deutschland” von JFF –Jugend, Film, Fernsehen e.V., 31.01.2021.
Kommentar:
Der Lektürekreis Gesellschaftstheorie entspricht einem halben Seminar und findet im 14-täglichen Wechsel mit der Sozialwissenschaftlichen Theoriewerkstatt statt (s. dazu Bemerkung unten). Neue Teilnehmer:innen sind stets herzlich willkommen. Im Lektürekreis werden solche (überwiegend neueren, hin und wieder aber auch klassischen) Werke besprochen, von denen sich die Soziologie Impulse für die Weiterentwicklung der Gesellschaftstheorie erhoffen darf. Teilnahmevoraussetzung ist die hohe Motivation, schwierige, oftmals „dicke" Bücher vollständig zu lesen und gemeinsam zu diskutieren. Fortgeschrittene BA-Studierende sowie Master-Studierende können hier Studien- und Prüfungsleistungen ablegen, sofern sie den Lektürekreis über zwei Semester hinweg aktiv belegen (die beiden Semester sollten, müssen aber nicht zwingend direkt aufeinander folgen). Halbe Seminare können nicht verbucht werden.
Literatur:
Im Sommersemester 2026 lesen wir Tsing, Anna Lowenhaupt (2025): Friktionen. Eine Ethnographie globaler Verflechtungen. Berlin: Mattes & Seitz (38,- Euro).
Honneth, Axel (2011), Das Recht der Freiheit. Grundriß einer demokratischen Sittlichkeit, Berlin: Suhrkamp (Sommersemester 2013)
Stehr, Nico (2007), Die Moralisierung der Märkte. Eine Gesellschaftstheorie, Frankfurt/M.: Suhrkamp (Sommersemester 2013)
Renn, Joachim (2006): Übersetzungsverhältnisse. Perspektiven einer pragmatistischen Gesellschaftstheorie. Weilerswist: Velbrück Wissenschaft (Wintersemester 2013/14)
Latour, Bruno (2013): An Inquiry into Modes of Existence. An Anthropology of the Moderns. Cambridge, MA: Harvard University Press (Sommersemester 2014)
Tarde, Gabriel (2008): Die Gesetze der Nachahmung. Frankfurt/M.: Suhrkamp (Wintersemester 2014/15)
Dewey, John (2007): Erfahrung und Natur. Frankfurt/M.: Suhrkamp (Sommersemester 2015).
Sassen, Saskia (2008): Das Paradox des Nationalen: Territorium, Autorität und Rechte im globalen Zeitalter. Berlin: Suhrkamp (Wintersemester 2015/16)
Tomasello, Michael (2010): Warum wir kooperieren. Berlin: Suhrkamp [und Ergänzungen dazu] (Sommersemester 2016)
Rosa, Hartmut (2016): Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Berlin: Suhrkamp. (Wintersemester 2016/17)
Marres, Noortje (2017): Digital Sociology. The Reinvention of Social Research. New Jersey: Wiley. (Sommersemester 2017)
Latour, Bruno (2017): Kampf um Gaia. Acht Vorträge über das neue Klimaregime. Berlin: Suhrkamp. (Wintersemester 2017/18)
Reckwitz, Andreas (2017): Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne. Berlin: Suhrkamp. (Wintersemester 2018/19)
Mau, Steffen (2017): Das metrische Wir. Über die Quantifizierung des Sozialen. Berlin: Suhrkamp. (Wintersemester 2018/19)
Nassehi, Armin (2019): Muster. Theorie der digitalen Gesellschaft. München: C.H. Beck. (Wintersemester 2019/20)
Descola, Philippe (2018): Jenseits von Natur und Kultur. 2. Aufl. Berlin: Suhrkamp. (Wintersemester 2020/21)
Stäheli, Urs (2021): Soziologie der Entnetzung. Berlin: Suhrkamp (Sommersemester 2021)
Lindemann, Gesa (2014): Weltzugänge. Die mehrdimensionale Ordnung des Sozialen. Weilerswist: Velbrück (Wintersemester 2021/22)
Ehrenberg, Alain (2019): Die Mechanik der Leidenschaften. Gerhin, Verhalten, Gesellschaft. Berlin: Suhrkamp (Sommersemester 2022)
Schroer, Markus (2022): Geosoziologie. Die Erde als Raum des Lebens. Berlin: Suhrkamp (Wintersemester 2022/23)
Wright, Erik Olin (2017): Reale Utopien. Wege aus dem Kapitalismus. Berlin: Suhrkamp (Sommersemester 2023)
Puig de la Bellacasa, María (2017): Matters of Care. Speculative Ethics in More Than Human Worlds. Minneapolis; London: University of Minnesota Press (Wintersemester 2023/24)
Fourcade, Marion; Healy, Kieran (2024) The Ordinal Society. Harvard: Harvard University Press (Sommersemester 2024)
Whitehead, Alfred North (1979): Prozeß und Realität. Entwurf einer Kosmologie. Berlin: Suhrkamp (Wintersemester 2024/25)
Serres, Michel (1981): Der Parasit. Frankfurt/Main: Suhrkamp (Sommersemester 2025)
Simondon, Gilbert (2012): Die Existenzweise technischer Objekte. 2. Aufl. Zürich: diaphanes (Wintersemester 2025/26).
Kommentar:
Bei dieser gemischten Veranstaltung (s. auch Bemerkung unten) handelt es sich um eine dauerhafte Einrichtung der Professur für Soziologische Theorie (Begleitkolloquien für BA und MA sowie Promotionskolloquium). Die Veranstaltung findet 14-täglich im Wechsel mit dem Lektürekreis Gesellschaftstheorie statt. Die Theoriewerkstatt steht Studierenden der Abschlusssemester (BA und MA) sowie Doktorand:innen, aber auch Habilitand:innen sowie Forschungsprojekten offen, die sich eine Besprechung des theoretischen Rahmens, des Forschungsdesigns oder die gemeinsame Arbeit an empirischem Material ihrer Abschlussarbeiten, Qualifikationsschriften oder Projekte wünschen. Studierenden, die ihre Bachelor- oder Masterarbeit in Erstbetreuung bei einer Dozent:in des Fachgebiets Soziologische Theorie schreiben (s. Team-Übersicht des Fachgebiets), wird diese Veranstaltung als Begleitkolloquium angerechnet, sofern sie den Planungs-/Arbeitsstand in einer Sitzung vorstellen und die Veranstaltung über ein Semester hinweg besuchen.
Interesse an einem Werkstatttermin bitte vorab bis spätestens 10.04.2026 per Email an den Dozenten (lamla (at) uni-kassel.de) bekunden. Besonders willkommen sind Studien, die theoretische und empirische Forschung auf innovative Weise miteinander zu verknüpfen versuchen.
Kommentar:
Wichtige theoretische Impulse hat die Soziologie wiederholt – und in den letzten Jahrzehnten wieder vermehrt – aus der Nachbardisziplin Anthropologie erhalten. Aus diesem Grunde soll in dem Seminar das Verhältnis von Soziologie und Anthropologie genauer ausgelotet werden. In einem ersten Teil werden hierfür zunächst klassische Verbindungen und Diskussionen aufgearbeitet, etwa zur Philosophischen Anthropologie (Plessner, Gehlen) oder zur Strukturalen Anthropologie (Lévi-Strauss) sowie zum gemeinsamen Schnittfeld von Soziologie und Anthropologie in verschiedenen kulturwissenschaftlichen Debatten (etwa Geertz). Auch aktuelle Weiterführungen dieser Theorielinien sollen hier zur Sprache kommen (Lindemann). Anschließend soll dann an zwei Feldern die neue Attraktivität der Anthropologie für die Gegenwartssoziologie genauer in den Blick genommen werden. Dies sind einerseits Untersuchungen, in denen das Natur-Kultur-Verhältnis durch den vergleichenden Blick der Anthropologie kritisch beleuchtet wird (Descola, Viveiros de Castro, Tsing). Andererseits wird das Verhältnis von Menschen zu Nicht-Menschen aktuell durch technikanthropologische Fragen und Perspektiven konzeptionell bereichert (Latour, Kohn u.a.).
Literatur (zur Orientierung)
Descola, Philippe (2011): Jenseits von Natur und Kultur. Berlin: Suhrkamp.
Kauppert, Michael (2008): Claude Lévi-Strauss. Konstanz: UVK.
Kohn, Eduardo (2023): Wie Wälder denken. Eine Anthropologie jenseits des Menschlichen. Berlin: Matthes&Seitz.
Latour, Bruno (2014): Existenzweisen. Eine Anthropologie der Modernen. Berlin: Suhrkamp.
Lindemann, Gesa (2006): Soziologie – Anthropologie und die Analyse gesellschaftlicher Grenzregimes. In: Krüger, H.-P./Lindemann, Gesa (Hg.): Philosophische Anthropologie im 21. Jahrhundert. Berlin: Akademie Verlag, S. 42-62.
Plessner, Helmuth (1928): Die Stufen des Organischen und der Mensch. Einleitung in die
philosophische Anthropologie. Berlin: de Gruyter.
Wintersemester 2025/26
Kommentar:
Im Seminar "Gesellschaft als soziale Maschine" soll den Metamorphosen der Maschinenmetapher nachgespürt werden, die sich durch das Denken von Gesellschaft in verschiedenen Epochen zieht und deren Strukturentwicklung beeinflusst hat. In der Industrialisierung und bei Denkern wie Saint Simon, Comte oder Durkheim, aber auch Marx und in kritischer Absicht Adorno und vielen anderen sind solche Einflüsse unübersehbar. Mit Blick auf die digitale Entwicklung, speziell die rasante Expansion künstlicher Intelligenz in der Gegenwart, soll in diesem Seminar insbesondere die Rolle kybernetischer Denkströmungen und Experimente beleuchtet und kritisch diskutiert werden. Wir wollen gemeinsam herausarbeiten, inwieweit sich das kybernetische Denken in der Gegenwart manifestiert und unser soziales Leben prägt. Durch die systematische Verknüpfung von technisch gestalteten digitalen Umgebungen mit Erkenntnissen zur Steuerung und Programmierung des (sozialen) Verhaltens, so lautet eine mögliche Hypothese, werden heute neue Kontroll- und Überwachungsformen geschaffen sowie menschliche und künstliche Intelligenz zunehmend verschmolzen (hybridisiert). Doch welche Verluste an sozialer und demokratischer Intelligenz gehen mit einer solchen neuen Logik der maschinellen Organisation des Sozialen einher? Das wollen wir herauszufinden versuchen.
Literatur (Auswahl):
Engemann, Christoph; Sudmann, Andreas (Hg.) (2017): Machine Learning – Medien, Infrastrukturen und Technologien der Künstlichen Intelligenz. Bielefeld: transcript.
Lamla, Jörn (2022): Künstliche Intelligenz als hybride Lebensform. Zur Kritik der kybernetischen Expansion. In: Friedewald, M./Roßnagel, A./Heesen, J./Krämer, N./Lamla, J. (Hg.): Auswirkungen der Künstlichen Intelligenz auf Demokratie & Privatheit. Baden-Baden: Nomos, S. 77-100. [Open Access].
Nassehi, Armin (2019): Muster. Theorie der digitalen Gesellschaft. München: C.H. Beck.
Pickering, Andrew (2007): Kybernetik und Neue Ontologien. Berlin: Merve.
Seyfert, Robert; Roberge, Jonathan (2017): Algorithmuskulturen. Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit. Bielefeld: transcript.
Tiqqun (2024): Kybernetik und Revolte. Zürich: diaphanes.
Zuboff, Shoshana (2019): The age of surveillance capitalism. The fight for a human future at the new frontier of power. New York: PublicAffairs.
Kommentar:
Der Lektürekreis Gesellschaftstheorie entspricht einem halben Seminar und findet im 14-täglichen Wechsel mit der Sozialwissenschaftlichen Theoriewerkstatt statt (s. dazu Bemerkung unten). Neue Teilnehmer:innen sind stets herzlich willkommen. Im Lektürekreis werden solche (überwiegend neueren, hin und wieder aber auch klassischen) Werke besprochen, von denen sich die Soziologie Impulse für die Weiterentwicklung der Gesellschaftstheorie erhoffen darf. Teilnahmevoraussetzung ist die hohe Motivation, schwierige, oftmals „dicke" Bücher vollständig zu lesen und gemeinsam zu diskutieren. Fortgeschrittene BA-Studierende sowie Master-Studierende können hier Studien- und Prüfungsleistungen ablegen, sofern sie den Lektürekreis über zwei Semester hinweg aktiv belegen (die beiden Semester sollten, müssen aber nicht zwingend direkt aufeinander folgen). Halbe Seminare können nicht verbucht werden.
Im Wintersemester 2025/26 lesen wir entweder Simondon, Gilbert (2012): Die Existenzweise technischer Objekte. 2. Aufl. Zürich: diaphanes oder Tsing, Anna Lowenhaupt (2025): Friktionen. Eine Ethnographie globaler Verflechtungen. Berlin: Mattes & Seitz (jeweils 38,- Euro). Die Entscheidung fällt per Abstimmung in der Einführungssitzung am 20.10.2025.
Literatur:
Zur Orientierung folgt die Liste mit jenen Büchern, die in den vergangenen Semestern gelesen wurden (Neueinstieg ist aber jedes Semester möglich):
Honneth, Axel (2011), Das Recht der Freiheit. Grundriß einer demokratischen Sittlichkeit, Berlin: Suhrkamp (Sommersemester 2013)
Stehr, Nico (2007), Die Moralisierung der Märkte. Eine Gesellschaftstheorie, Frankfurt/M.: Suhrkamp (Sommersemester 2013)
Renn, Joachim (2006): Übersetzungsverhältnisse. Perspektiven einer pragmatistischen Gesellschaftstheorie. Weilerswist: Velbrück Wissenschaft (Wintersemester 2013/14)
Latour, Bruno (2013): An Inquiry into Modes of Existence. An Anthropology of the Moderns. Cambridge, MA: Harvard University Press (Sommersemester 2014)
Tarde, Gabriel (2008): Die Gesetze der Nachahmung. Frankfurt/M.: Suhrkamp (Wintersemester 2014/15)
Dewey, John (2007): Erfahrung und Natur. Frankfurt/M.: Suhrkamp (Sommersemester 2015).
Sassen, Saskia (2008): Das Paradox des Nationalen: Territorium, Autorität und Rechte im globalen Zeitalter. Berlin: Suhrkamp (Wintersemester 2015/16)
Tomasello, Michael (2010): Warum wir kooperieren. Berlin: Suhrkamp [und Ergänzungen dazu] (Sommersemester 2016)
Rosa, Hartmut (2016): Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Berlin: Suhrkamp. (Wintersemester 2016/17)
Marres, Noortje (2017): Digital Sociology. The Reinvention of Social Research. New Jersey: Wiley. (Sommersemester 2017)
Latour, Bruno (2017): Kampf um Gaia. Acht Vorträge über das neue Klimaregime. Berlin: Suhrkamp. (Wintersemester 2017/18)
Reckwitz, Andreas (2017): Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne. Berlin: Suhrkamp. (Wintersemester 2018/19)
Mau, Steffen (2017): Das metrische Wir. Über die Quantifizierung des Sozialen. Berlin: Suhrkamp. (Wintersemester 2018/19)
Nassehi, Armin (2019): Muster. Theorie der digitalen Gesellschaft. München: C.H. Beck. (Wintersemester 2019/20)
Descola, Philippe (2018): Jenseits von Natur und Kultur. 2. Aufl. Berlin: Suhrkamp. (Wintersemester 2020/21)
Stäheli, Urs (2021): Soziologie der Entnetzung. Berlin: Suhrkamp (Sommersemester 2021)
Lindemann, Gesa (2014): Weltzugänge. Die mehrdimensionale Ordnung des Sozialen. Weilerswist: Velbrück (Wintersemester 2021/22)
Ehrenberg, Alain (2019): Die Mechanik der Leidenschaften. Gerhin, Verhalten, Gesellschaft. Berlin: Suhrkamp (Sommersemester 2022)
Schroer, Markus (2022): Geosoziologie. Die Erde als Raum des Lebens. Berlin: Suhrkamp (Wintersemester 2022/23)
Wright, Erik Olin (2017): Reale Utopien. Wege aus dem Kapitalismus. Berlin: Suhrkamp (Sommersemester 2023)
Puig de la Bellacasa, María (2017): Matters of Care. Speculative Ethics in More Than Human Worlds. Minneapolis; London: University of Minnesota Press (Wintersemester 2023/24)
Fourcade, Marion; Healy, Kieran (2024) The Ordinal Society. Harvard: Harvard University Press (Sommersemester 2024)
Whitehead, Alfred North (1979): Prozeß und Realität. Entwurf einer Kosmologie. Berlin: Suhrkamp (Wintersemester 2024/25).
Serres, Michel (1981): Der Parasit. Frankfurt/Main: Suhrkamp (Sommersemester 2025)
Kommentar:
Bei dieser gemischten Veranstaltung (s. auch Bemerkung unten) handelt es sich um eine dauerhafte Einrichtung der Professur für Soziologische Theorie (Begleitkolloquien für BA und MA sowie Promotionskolloquium). Die Veranstaltung findet 14-täglich im Wechsel mit dem Lektürekreis Gesellschaftstheorie statt. Die Theoriewerkstatt steht Studierenden der Abschlusssemester (BA und MA) sowie Doktorand:innen, aber auch Habilitand:innen sowie Forschungsprojekten offen, die sich eine Besprechung des theoretischen Rahmens, des Forschungsdesigns oder die gemeinsame Arbeit an empirischem Material ihrer Abschlussarbeiten, Qualifikationsschriften oder Projekte wünschen. Studierenden, die ihre Bachelor- oder Masterarbeit in Erstbetreuung bei einer Dozent:in des Fachgebiets Soziologische Theorie schreiben (s. Team-Übersicht des Fachgebiets), wird diese Veranstaltung als Begleitkolloquium angerechnet, sofern sie den Planungs-/Arbeitsstand in einer Sitzung vorstellen und die Veranstaltung über ein Semester hinweg besuchen.
Bemerkung:
Die zwei Veranstaltungen Sozialwissenschaftliche Theoriewerkstatt und Lektürekreis Gesellschaftstheorie finden alternierend statt und können unabhängig voneinander besucht und verbucht werden. Es findet allerdings eine gemeinsame Einführungssitzung zu Beginn der Vorlesungszeit statt. Ziel beider Veranstaltungen ist es, zusammen einen intensiven akademischen Austausch zu soziologischen Theorien in Kassel zu organisieren und zu etablieren (Kolloquium des Fachgebiets Soziologische Theorie). Neue Teilnehmer:innen sind jederzeit willkommen.
Kommentar:
"Konsum" hat viele Seiten, die soziologisch allesamt relevant sind: Der Konsum hat standardisierende Seiten, trägt aber auch zur Singularisierung der Gesellschaft (Reckwitz) bei; er reproduziert soziale Klassenunterschiede und manipuiert doch auch alle gleichermaßen; bei ihm spielt sich viel im Kopf ab, so dass Konsum als primär virtuelles Phänomen erscheint, aber zugleich ist er auch wesentlich dinglich-materiell und bindet die menschlichen Körper in vielfältige Stoffkreisläufe ein; er folgt einem semiologischen Spiel der Zeichen -- etwa in der Mode -- und bleibt doch auch abhängig von den Aneignungstaktiken des Alltags; er ist durchdrungen von kulturellen Narrationen, aber auch getrieben von ökonomischen Anreizen und Zwängen; er ist Medium der Vergemeinschaftung (z.B. Brands) ebenso wie der Vergesellschaftung (z.B. Geld); nicht zuletzt ist er zumeist höchst oberflächlich und berührt er häufig doch existenzielle Fragen. Es ist nicht einfach, diese vielfältigen Aspekte theoretisch unter einen Hut zu bringen. Im Seminar wollen wir gemeinsam untersuchen, welche Anläufe hierzu in der Soziologie gemacht wurden und wie überzeugend diese ausfallen. Ggf. muss eine soziologische Theorie des Konsums auch neu ansetzen oder verschiedene Bausteine aus der Soziologie des Konsums auf neue Weise kombinieren. Von hoher Relevanz ist diese Aufgabe nicht zuletzt deshalb, weil der anthropogene Klimawandel, der globale Ressourcenverbrauch und die weiteren ökologischen Folgeprobleme unseres "Lebensstils" wesentlich ein "Konsum-Problem" sind.
Literatur zur Orientierung / Einführung:
Certeau, Michel de (1988): Kunst des Handelns. Berlin: Merve.
Jäckel, Michael (2006): Einführung in die Konsumsoziologie: Fragestellungen- Kontroversen- Beispieltexte. Wiesbaden: VS
Lamla, Jörn (2021): Die symbolischen Ordnungen des Konsums – und die Fallstricke produktivistischer Soziologie. In: Lenz, Sarah / Hasenfratz, Martina (Hg.): Capitalism unbound. Ökonomie, Ökologie, Kultur. Frankfurt/Main; New York: Campus, S. 283-299.
Lamla, Jörn (2024): Nachhaltiges Konsumieren im Anthropozän. Strukturelle Widersprüche, lebenspraktische Konflikte und die Zukunft der Verbraucherdemokratie. In: Zeitschrift für Wirtschafts- und Unternehmensethik (zfwu), Jg. 25, Heft 1, S. 7-27 (Link)
Veblen, Thorstein (2007 [1899]): Theorie der feinen Leute. Eine ökonomische Untersuchung der Institutionen. Frankfurt/M.
Kommentar:
Die neue Vorlesung Soziologische Theorien II schließt an die Vorlesung Soziologische Theorien des Wintersemesters an und gibt einen einführenden Überblick über weitere, insbesondere auch neuere soziologische Theorieströmungen. Es handelt sich um eine Pflichtveranstaltung für BA-Hauptfachstudierende und begleitet die für diesen Kreis vorgesehenen Theorie-Seminare. (Sie ersetzt die früher zu diesen Seminaren angebotenen seminarbegleitenden Tutorien, s. Bemerkung.) Die VL kann aber auch von allen anderen Interessierten, die gern einen breiteren Überblick über die soziologische Theorienlandschaft bekommen möchten, besucht werden. Inhaltlich werden neben einigen Klassikern der Soziologischen Theorie, die in der VL I nicht behandelt oder allenfalls angerissen werden konnten (etwa Norbert Elias, Harold Garfinkel, Erving Goffman, Ralf Dahrendorf u.a.) wichtige neuere Theorien und Theoriedebatten vorgestellt. Dazu zählen etwa Theorieströmungen der Wissenssoziologie wie die Sozialphänomenologie (Alfred Schütz, Maurice Merleau-Ponty, Karl Mannheim u.a.) oder die Philosophische Anthropologie (Helmuth Plessner), die Praxistheorie und Theorie der Strukturierung (Anthony Giddens), Theorien reflexiver Modernisierung, die Akteur-Netzwerk-Theorie (Bruno Latour u.a.), neuere pragmatistische Theorieentwicklungen, feministische Theorieansätze, Weiterentwicklungen der Kritischen Theorie u.v.m.
Literatur:
Als Einführung bzw. als Überblick kann neben dem Lehrbuch zur VL I (s.u. Rosa et al. 2018) u.a. nachfolgende Literatur empfohlen werden:
Gertenbach, Lars/Laux, Henning (2019): Zur Aktualität von Bruno Latour. Einführung in sein Werk. Wiesbaden: Springer VS.
Hoppe, Katharina/Lemke, Thomas (2021): Neue Materialismen zur Einführung. Hamburg: Junius.
Joas, Hans/Knöbl, Wolfgang (2004): Sozialtheorie. Zwanzig einführende Vorlesungen. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
Lamla, Jörn (2003): Anthony Giddens. Frankfurt/New York: Campus (Reihe: Campus-Einführungen).
Lamla, Jörn/Laux, Henning/Rosa, Hartmut/Strecker, David (Hg.) (2014): Handbuch der Soziologie. Konstanz (Reihe: UTB).
Rosa, Hartmut/Strecker, David/Kottmann, Andrea (2018): Soziologische Theorien. 3., aktualisierte Aufl. Konstanz: UVK (Reihe: UTB basics)
sowie die
Reihe "Klassiker der Wissenssoziologie", die im Herbert von Halem-Verlag erschienen ist.
Sommersemester 2025
Kommentar:
In komplexen Wissens- und Informationsgesellschaften spielt Beratung eine zunehmend wichtige Rolle. Gleichzeitig lässt sich das Feld nicht leicht abgrenzen, erscheinen doch der Besuch beim Arzt, der „gute Rat“ von der Großmutter, ein Gespräch im Fachhandel, die Rechtsvertretung durch einen Anwalt, ältere Formen der Mund-zu-Mund-Propaganda ebenso wie neue Formen des Anschauens von Influencer-Videos, große Bereiche der Sozialen Arbeit, das Aufsuchen einer Verbraucherzentrale und vieles mehr auf den ersten Blick gleichermaßen als Beratungspraktiken. Die Aufgabe einer „Soziologie der Beratung“ besteht darin, die Anwendungsfelder und Spezifika von Beratung genauer zu bestimmen. Dabei interessiert hier vor allem der große Graubereich einer Beratung, die nicht Teil einer professionellen Therapie oder juristischen Klärung von Rechtsfragen ist, sondern dort stattfindet, wo zwar die Unsicherheit der Ratsuchenden groß, aber ihre eigene Handlungs- und Entscheidungsfähigkeit – oder Autonomie – (noch) nicht infrage steht. Ein gutes Beispiel für eine solche Konstellation bieten Konsumentscheidungen, die angesichts einer unübersichtlichen Angebotsvielfalt und verwirrender Informationslagen zunehmend mit Beratungsbedarf einhergehen. Das hatte schon David Riesman in seinem soziologischen Klassiker über „Die einsame Masse“ sehr deutlich gesehen, weshalb er vorschlug, den Konsumierenden geschulte „Freizeitberater“ an die Seite zu stellen. Aber was kennzeichnet eine professionelle Konsum- oder Verbrauchsberatung?
Dieser Frage soll das empirische Praktikum / Lehrforschungsprojekt nachgehen. Um empirische Einsichten in das breite und nicht leicht abgrenzbare Feld der Beratung zu gewinnen, konzentrieren wir uns in der Veranstaltung auf den (immer noch recht breiten) Ausschnitt an Beratungsphänomenen, die sich dem digitalen Verbraucher*innenschutz widmen. Das Spektrum reicht hier von digitalen Beratungsangeboten oder -informationen, die von professionellen Organisationen (etwa dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik, der Stiftung Warentest oder den Verbraucherzentralen der Länder) ins Netz gestellt werden, bis zu solchen, die sich in Sozialen Medien mehr oder weniger von selbst herausbilden und organisieren (z.B. thematisch ausgerichtete Foren, Influencer, Peer-Beratungspraktiken). Ziel ist es, über die vergleichende empirische Erforschung solcher Beratungsphänomene einer Antwort auf die Frage, was (professionelle) Konsumberatung kennzeichnet, näher zu kommen.
Am Fachgebiet Soziologische Theorie wird zu diesen Fragen derzeit ein durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördertes Projekt zur „Beratung der Nutzenden“ durchgeführt. Darin wird untersucht, wie die Fähigkeit zur Selbstbestimmung der Verbraucherinnen und Verbraucher in den komplexen Informationsumwelten heutiger digitaler Medien gestärkt und sichergestellt werden kann. Die Lehrveranstaltung soll durch die Vernetzung mit diesem Forschungsprojekt Einblicke in aktuelle soziologische Beratungsforschung erhalten und diese durch eigene empirische Erhebungen und Auswertungen zugleich flankieren.
Literatur zur Einführung:
Lamla, Jörn (2024): Professionalisierung im Verbraucher:innenschutz. Herausforderungen, Möglichkeiten und Grenzen. In: Bala, Christian et al. (Hrsg.): Professionalisierung im Verbraucherschutz. Jahrbuch Konsum & Verbraucherwissenschaften. Düsseldorf.
Riesman, David, Reuel Denney & Nathan Glazer (1956 [1950]): Die einsame Masse. Eine Untersuchung der Wandlungen des amerikanischen Charakters. Darmstadt.
Tiefel, Sandra (2004): Beratung und Reflexion. Eine qualitative Studie zu professionellem Beratungshandeln in der Moderne. Wiesbaden.
Kommentar:
Bei dieser gemischten Veranstaltung (s. unten Bemerkung) handelt es sich um eine dauerhafte Einrichtung der Professur für Soziologische Theorie. Die Werkstatt steht insbesondere Studierenden der Abschlusssemester (BA und MA) sowie Doktorandinnen und Doktoranden offen, die sich eine Besprechung des theoretischen Rahmens, des Forschungsdesigns oder die gemeinsame Arbeit an empirischem Material ihrer Abschlussarbeiten, Dissertationen oder Projekte wünschen. Studierenden, die ihre Bachelor- oder Masterarbeit im Fachgebiet Soziologische Theorie schreiben, kann diese Veranstaltung als BA- oder MA-Kolloquium angerechnet werden.
Interesse an einem Werkstatttermin bitte vorab bis spätestens 15.04.2025 per Email an den Dozenten (lamla (at) uni-kassel.de) bekunden. Besonders willkommen sind Studien, die theoretische und empirische Forschung auf innovative Weise miteinander zu verknüpfen versuchen.
50% der Sitzungen werden als gemeinsamer Lektürekreis gestaltet, der einem halben Seminar entspricht (s. Bemerkung). Darin werden solche (überwiegend neueren, hin und wieder aber auch klassischen) Werke besprochen, von denen sich die Soziologie Impulse für die Weiterentwicklung der Gesellschaftstheorie erhoffen darf. Teilnahmevoraussetzung ist die hohe Motivation, schwierige, oftmals „dicke" Bücher vollständig zu lesen und gemeinsam zu diskutieren.
Im Sommersemester 2025 werden wir das folgende Buch lesen (Anschaffung als Printexemplar dringend empfohlen): Serres, Michel (1981): Der Parasit. Frankfurt/Main: Suhrkamp. (22,- Euro)
Kommentar:
Die Vorlesung führt grundlegend und problemorientiert in die soziologischen Theorien ein. Soziologische Theorien I (Sommersemester) gibt einen Überblick über grundlegende klassische und zeitgenössische Beiträge zur Analyse der modernen Gesellschaft (von Comte, Spencer, Marx, Durkheim, Weber, Simmel und dem amerikanischen Pragmatismus bis hin zu den komplexen Gesellschaftstheorien von Parsons, Luhmann und Habermas sowie ergänzend Foucault, Bourdieu und dem Rational-Choice-Ansatz). Soziologische Theorien II (Wintersemester, verpflichtend nur für Hauptfach) führt anschließend in weitere einflussreiche Theorieströmungen ein (u.a. etwa Elias, Phänomenologie, philosophische Anthropologie, Goffman, Garfinkel, Giddens, Latour und Akteur-Netzwerk-Theorie sowie feministische Science and Technology Studies). Der Fokus wird dabei auf die in allen Theorieschulen wiederkehrenden Grundprobleme soziologischer Theoriebildung gerichtet. Sie reichen von methodologischen Problemen soziologischer Wissensgenerierung und grundbegrifflichen Bestimmungen des Sozialen über die Erklärung gesellschaftlichen Wandels und der Spezifika moderner gegenüber vormodernen Gesellschaften bis zur Zeitdiagnose aktueller Entwicklungen und zur wissenschaftlichen Begründung von normativen Haltungen zu gesellschaftlichen Missständen. Die Studierenden sollen an verschiedenen einflussreichen Positionen die Herausforderungen der Komposition einer komplexen Gesellschaftstheorie kennenlernen.
Literatur:
In der Vorlesung "Soziologische Theorien I" wird folgendes Lehrbuch verwendet:
Rosa, Hartmut/Strecker, David/Kottmann, Andrea (2018): Soziologische Theorien. 3., aktualisierte Aufl. Konstanz: UVK (Reihe: UTB basics).
Kommentar:
Netzwerke und soziale Relationen haben Konjunktur. Das gilt nicht nur für das digitale Leben, sondern auch für die soziologische Theorie. Soziale Formen der Relationalität erhalten derzeit größte Aufmerksamkeit in der soziologischen Theorie. Und der Begriff des (sozialen) Netzwerkes ist seit längerem zu einem ihrer Schlüsselbegriffe geworden, der in den unterschiedlichsten Feldern dieser Disziplin auftaucht. Egal, ob es um den flexiblen Kapitalismus, die Informationsgesellschaft, Korruption, die Soziologie der Märkte, soziale Ungleichheit, Wissenschafts- und Technikforschung oder den Wandel von Freundschaftsbeziehungen geht -- Relationen und Netzwerke sind stets am Werk.
Aber was wird darunter jeweils verstanden? Hat die Soziologie einen einheitlichen Relationalitäts- und Netzwerkbegriff oder gibt es ganz unterschiedliche Theoriemodelle für die relationale Soziologie und Netzwerkanalyse? Diesen Fragen will das Seminar nachgehen, indem es die verschiedenen Verwendungsweisen von Relationalität und Netzwerk innerhalb soziologischer Theorien vergleicht. Dazu wird es sich u.a. mit Theorien der Netzwerkgesellschaft (Castells), klassischen und neueren Ansätzen der relationalen Soziologie (Simmel, Elias, Bourdieu, White, Granovetter u.a.), der Akteur-Netzwerktheorie (Latour, Callon u.a.), Verbindungen von System- und Netzwerktheorie (Baecker, Holzer, Schneider u.a.) sowie spezielleren Theorien zum "Social Web" befassen.
Literatur:
Castells, Manuel (2004): Der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft, Bd. 1. Opladen: Leske+Budrich.
Fuhse, Jan Arendt (2018): Soziale Netzwerke. Konzepte und Forschungsmethoden. 2., überarb. Aufl. UVK: Konstanz.
Holzer, Boris (2006): Netzwerke. Bielefeld: transcript.
Latour, Bruno (2007): Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft. Einführung in die Akteur-Netzwerk-Theorie. Frankfurt/Main: Suhrkamp.
Laux, Henning (2014): Soziologie im Zeitalter der Komposition. Koordinaten einer integrierten Netzwerktheorie. Weilerswist: Velbrück.
Seyfert, Robert (2019): Beziehungsweisen. Elemente einer relationalen Soziologie. Weilerswist: Velbrück.
Wintersemester 2024/25
Kommentar:
In komplexen Wissens- und Informationsgesellschaften spielt Beratung eine zunehmend wichtige Rolle. Gleichzeitig lässt sich das Feld nicht leicht abgrenzen, erscheinen doch der Besuch beim Arzt, der „gute Rat“ von der Großmutter, ein Gespräch im Fachhandel, die Rechtsvertretung durch einen Anwalt, ältere Formen der Mund-zu-Mund-Propaganda ebenso wie neue Formen des Anschauens von Influencer-Videos, große Bereiche der Sozialen Arbeit, das Aufsuchen einer Verbraucherzentrale und vieles mehr auf den ersten Blick gleichermaßen als Beratungspraktiken. Die Aufgabe einer „Soziologie der Beratung“ besteht darin, die Anwendungsfelder und Spezifika von Beratung genauer zu bestimmen. Dabei interessiert hier vor allem der große Graubereich einer Beratung, die nicht Teil einer professionellen Therapie oder juristischen Klärung von Rechtsfragen ist, sondern dort stattfindet, wo zwar die Unsicherheit der Ratsuchenden groß, aber ihre eigene Handlungs- und Entscheidungsfähigkeit – oder Autonomie – (noch) nicht infrage steht. Ein gutes Beispiel für eine solche Konstellation bieten Konsumentscheidungen, die angesichts einer unübersichtlichen Angebotsvielfalt und verwirrender Informationslagen zunehmend mit Beratungsbedarf einhergehen. Das hatte schon David Riesman in seinem soziologischen Klassiker über „Die einsame Masse“ sehr deutlich gesehen, weshalb er vorschlug, den Konsumierenden geschulte „Freizeitberater“ an die Seite zu stellen. Aber was kennzeichnet eine professionelle Konsum- oder Verbrauchsberatung?
Dieser Frage soll das empirische Praktikum / Lehrforschungsprojekt nachgehen. Um empirische Einsichten in das breite und nicht leicht abgrenzbare Feld der Beratung zu gewinnen, konzentrieren wir uns in der Veranstaltung auf den (immer noch recht breiten) Ausschnitt an Beratungsphänomenen, die sich dem digitalen Verbraucher*innenschutz widmen. Das Spektrum reicht hier von digitalen Beratungsangeboten oder -informationen, die von professionellen Organisationen (etwa dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik, der Stiftung Warentest oder den Verbraucherzentralen der Länder) ins Netz gestellt werden, bis zu solchen, die sich in Sozialen Medien mehr oder weniger von selbst herausbilden und organisieren (z.B. thematisch ausgerichtete Foren, Influencer, Peer-Beratungspraktiken). Ziel ist es, über die vergleichende empirische Erforschung solcher Beratungsphänomene einer Antwort auf die Frage, was (professionelle) Konsumberatung kennzeichnet, näher zu kommen.
Am Fachgebiet Soziologische Theorie wird zu diesen Fragen derzeit ein durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördertes Projekt zur „Beratung der Nutzenden“ durchgeführt. Darin wird untersucht, wie die Fähigkeit zur Selbstbestimmung der Verbraucherinnen und Verbraucher in den komplexen Informationsumwelten heutiger digitaler Medien gestärkt und sichergestellt werden kann. Die Lehrveranstaltung soll durch die Vernetzung mit diesem Forschungsprojekt Einblicke in aktuelle soziologische Beratungsforschung erhalten und diese durch eigene empirische Erhebungen und Auswertungen zugleich flankieren.
Literatur zur Einführung:
Lamla, Jörn (2024): Professionalisierung im Verbraucher:innenschutz. Herausforderungen, Möglichkeiten und Grenzen. In: Bala, Christian et al. (Hrsg.): Professionalisierung im Verbraucherschutz. Jahrbuch Konsum & Verbraucherwissenschaften. Düsseldorf.
Riesman, David, Reuel Denney & Nathan Glazer (1956 [1950]): Die einsame Masse. Eine Untersuchung der Wandlungen des amerikanischen Charakters. Darmstadt.
Tiefel, Sandra (2004): Beratung und Reflexion. Eine qualitative Studie zu professionellem Beratungshandeln in der Moderne. Wiesbaden.
Kommentar:
Wissen, so scheint es, steht auf immer dünnerem Eis. Die Ausbreitung von Fake News in den digitalen Netzen, das Leugnen der Klimakrise durch populistische Parteien oder die Attraktivität von Verschwörungstheorien signalisieren eine Krise des Wissens, die in den digitalen Medien günstige Ausbreitungsbedingungen findet. Die Krise ist jedoch auch hausgemacht: Sie betrifft die Wissenschaft und die Soziologie selbst, die mitwirken an einer Pluralisierung und Dekonstruktion von Wissen, Theorien, empirischer Evidenz oder Glauben an Objektivität. Wo Fakten und Objekte als soziale Konstruktionen sichtbar werden, wird der Vorstellung von einer unabhängigen Realität oder Natur ein heftiger Schlag versetzt. Inzwischen hat diese Entwicklung aber den Konstruktivismus selbst ereilt, so dass neuere postkonstruktivistische Ansätze zwar keine Rückkehr zu einem schlichten Realismus oder Positivismus anstreben, aber doch danach fragen, was bei der Abkehr davon eigentlich schiefgelaufen ist.
Diese Frage will das Seminar aufgreifen. Um wieder festeren Grund unter die Füße zu bekommen, versucht es, das Problem auf mehreren Ebenen anzugehen. Der Titel des Seminars bringt diese Vielschichtigkeit zum Ausdruck. Er kann nämlich metaphorisch gelesen werden. Dann geht es um die allgemeine Frage, wie soziologisches Wissen empirisch fundiert oder verankert („geerdet“) werden kann – wie etwa in der Rede von einer „Grounded Theory“. Er kann aber auch wörtlicher verstanden werden. Dann geht es um eine Erdung von (digitalem) Wissen, die das Verhältnis zwischen der Erde, auf der wir stehen und von der wir abhängig sind, und ihren symbolischen Repräsentationen in diversen Wissensformen ins Visier nimmt. Das betrifft etwa das gewachsene Interesse an Fragen des Terrestrischen (Latour), an der Permakultur (Puig de la Bellacasa) oder das noch junge Gebiet einer Geosoziologie (Schroer). Noch konkreter kann dieses Verhältnis in den Blick genommen werden, wenn untersucht wird, wie eine durch Satelliten und digitale Technologien gestützte Kartierung die Erdoberfläche in digitale Daten überführt und ob diese „Übersetzung“ angemessen ist (hierzu ist ein Gastvortrag vorgesehen). Und auch die Informatik hat interessanterweise einen Begriff, der wichtig wird, sobald die Güte von Daten, die etwa für das Trainieren einer KI wie ChatGPT eingesetzt werden, auf dem Spiel steht – und dieser Begriff lautet ebenfalls „Ground Truth“.
Kurzum: Das Verhältnis von Erde und digitalem Wissen zu untersuchen, das nicht zuletzt für das Gelingen einer Nachhaltigkeitstransformation von großer Bedeutung sein wird, scheint zugleich ein Schlüssel dafür zu sein, bei den Wissens- und Erkenntniskrisen unserer Gegenwartsgesellschaft einen Schritt voran zu kommen.
Literatur:
Ein Schlüsseltext, in dem Erkenntnistheorie und Geosoziologie bereits miteinander verknüpft werden, ist das Kapitel zur "zirkulierenden Referenz" im nachfolgenden Buch von Bruno Latour. Es kann gut zur Vorbereitung und Einführung in das Thema gelesen werden. Es wird aber auch im Seminar noch ausführlich besprochen (wird also nicht vorausgesetzt)
Latour, Bruno (2000): Die Hoffnung der Pandora. Untersuchungen zur Wirklichkeit der Wissenschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 36–95 (=Kapitel: Zirkulierende Referenz. Bodenstichproben aus dem Urwald am Amazonas).
Kommentar:
Bei dieser gemischten Veranstaltung (s. unten Bemerkung) handelt es sich um eine dauerhafte Einrichtung der Professur für Soziologische Theorie. Die Werkstatt steht insbesondere Studierenden der Abschlusssemester (BA und MA) sowie Doktorandinnen und Doktoranden offen, die sich eine Besprechung des theoretischen Rahmens, des Forschungsdesigns oder die gemeinsame Arbeit an empirischem Material ihrer Abschlussarbeiten, Dissertationen oder Projekte wünschen. Studierenden, die ihre Bachelor- oder Masterarbeit im Fachgebiet Soziologische Theorie schreiben, kann diese Veranstaltung als BA- oder MA-Kolloquium angerechnet werden.
Interesse an einem Werkstatttermin bitte vorab bis spätestens 15.10.2024 per Email an den Dozenten (lamla (at) uni-kassel.de) bekunden. Besonders willkommen sind Studien, die theoretische und empirische Forschung auf innovative Weise miteinander zu verknüpfen versuchen.
50% der Sitzungen werden als gemeinsamer Lektürekreis gestaltet, der einem halben Seminar entspricht (s. Bemerkung). Darin werden solche (überwiegend neueren, hin und wieder aber auch klassischen) Werke besprochen, von denen sich die Soziologie Impulse für die Weiterentwicklung der Gesellschaftstheorie erhoffen darf. Teilnahmevoraussetzung ist die hohe Motivation, schwierige, oftmals „dicke" Bücher vollständig zu lesen und gemeinsam zu diskutieren.
Im Wintersemester 2024/25 werden wir das folgende Buch lesen (Anschaffung als Printexemplar dringend empfohlen): Whitehead, Alfred North (1979): Prozeß und Realität. Entwurf einer Kosmologie. Berlin: Suhrkamp. (28,- Euro)
Kommentar:
"Konsum" hat viele Seiten, die soziologisch allesamt relevant sind: Der Konsum hat standardisierende Seiten, trägt aber auch zur Singularisierung der Gesellschaft (Reckwitz) bei; er reproduziert soziale Klassenunterschiede und manipuiert doch auch alle gleichermaßen; bei ihm spielt sich viel im Kopf ab, so dass Konsum als primär virtuelles Phänomen erscheint, aber zugleich ist er auch wesentlich dinglich-materiell und bindet die menschlichen Körper in vielfältige Stoffkreisläufe ein; er folgt einem semiologischen Spiel der Zeichen -- etwa in der Mode -- und bleibt doch auch abhängig von den Aneignungstaktiken des Alltags; er ist durchdrungen von kulturellen Narrationen, aber auch getrieben von ökonomischen Anreizen und Zwängen; er ist Medium der Vergemeinschaftung (z.B. Brands) ebenso wie der Vergesellschaftung (z.B. Geld); nicht zuletzt ist er zumeist höchst oberflächlich und berührt er häufig doch existenzielle Fragen. Es ist nicht einfach, diese vielfältigen Aspekte theoretisch unter einen Hut zu bringen. Im Seminar wollen wir gemeinsam untersuchen, welche Anläufe hierzu in der Soziologie gemacht wurden und wie überzeugend diese ausfallen. Ggf. muss eine soziologische Theorie des Konsums auch neu ansetzen oder verschiedene Bausteine aus der Soziologie des Konsums auf neue Weise kombinieren. Von hoher Relevanz ist diese Aufgabe nicht zuletzt deshalb, weil der anthropogene Klimawandel, der globale Ressourcenverbrauch und die weiteren ökologischen Folgeprobleme unseres "Lebensstils" wesentlich ein "Konsum-Problem" sind.
Literatur zur Orientierung / Einführung:
Certeau, Michel de (1988): Kunst des Handelns. Berlin: Merve.
Jäckel, Michael (2006): Einführung in die Konsumsoziologie: Fragestellungen- Kontroversen- Beispieltexte. Wiesbaden: VS
Lamla, Jörn (2021): Die symbolischen Ordnungen des Konsums – und die Fallstricke produktivistischer Soziologie. In: Lenz, Sarah / Hasenfratz, Martina (Hg.): Capitalism unbound. Ökonomie, Ökologie, Kultur. Frankfurt/Main; New York: Campus, S. 283-299.
Lamla, Jörn (2024): Nachhaltiges Konsumieren im Anthropozän. Strukturelle Widersprüche, lebenspraktische Konflikte und die Zukunft der Verbraucherdemokratie. In: Zeitschrift für Wirtschafts- und Unternehmensethik (zfwu), Jg. 25, Heft 1, S. 7-27 (Link)
Veblen, Thorstein (2007 [1899]): Theorie der feinen Leute. Eine ökonomische Untersuchung der Institutionen. Frankfurt/M.
Wintersemester 2023/24
Kommentar:
Das Seminar befasst sich mit einem Übergangsbereich, der Grauzone zwischen Soziologie und Sozialphilosophie. Es fragt danach, wie Aspekte der Gerechtigkeit und die Konzeptualisierung von Gesellschaft in einen gemeinsamen Theorierahmen integriert werden können. Es ist zu einfach, hier von einer strikten Arbeitsteilung auszugehen und Gerechtigkeit als Problem normativer Art allein der sozialphilosophischen Theoriebildung zu überantworten, wohingegen sich die Soziologie lediglich mit der empirisch gegebenen gesellschaftlichen Wirklichkeit zu befassen habe. In einem solchen, strikt arbeitsteiligen Verständnis sucht und findet die Moral- oder Sozialphilosophie überzeitlich geltende "universelle" Regeln. Die Soziologie dagegen fragt dann allenfalls nach vorhandenden oder sich wandelnden Gerechtigkeitseinstellungen und -vorstellungen in der Bevölkerung oder diagnostiziert ein vom normativen Sollen so und so weit entfernten Zustand des gesellschaftlichen Seins. Tatsächlich kommen sozialphilosophische Gerechtigkeitstheorien aber ebensowenig ohne Annahmen über Gesellschaft aus wie soziologische Theorien der Gesellschaft zwangsläufig zu kurz greifen, sofern sie sich nicht auch der spezifischen Logik, Bildung und Wirkungsweise moralischer Normen und Gerechtigkeitsprinzipien in ihren kulturellen und institutionellen Strukturen zuwendet.
Tatsächlich enthalten also sozialphilosophische Theorien der Gerechtigkeit implizite oder explizite Gesellschaftstheorien und wenden sich zahlreiche soziologische Ansätze dem Eigensinn des Normativen und speziell der Gerechtigkeit als Kernelement des gesellschaftlichen Wandels und Zusammenhalts zu. Dafür will das Seminar sensibilisieren. Das Vorhandensein solcher Übergangszonen bedeutet freilich nicht, dass hiermit schon ein gemeinsames oder auch nur ähnliches Verständnis von Gerechtigkeit und Gesellschaft vorliegt. Eben deshalb sind verschiedene Ansätze daraufhin zu vergleichen und kritisch zu diskutieren, wie sie denn Gerechtigkeit und Gesellschaft genau zusammendenken. Beispielhaft sei etwa auf die Theorie der Gerechtigkeit von John Rawls verwiesen, die von funktionierenden institutionellen Grundstrukturen einer liberalen Marktgesellschaft ausgeht, oder auf die "Sphären der Gerechtigkeit" bei Michael Walzer, die eher das Bild einer funktional differenzierten Gesellschaft im Sinne Luhmanns zu erkennen geben. Wieder anders zeigt sich das Spannungsverhältnis von Faktizität und Geltung als Theorierahmen für das Wirken prozeduraler Gerechtigkeitsprinzipien in der Demokratie- und Rechtsstaatstheorie bei Jürgen Habermas oder die Idee des "Kampfes um Anerkennung" als verbindendes Theoriestück im Werk von Axel Honneth. Kommunitaristische Theorien der Gemeinschaft enthalten ebenso soziologische Annahmen und Deutungsrahmen für ihre Gerechtigkeitsargumente wie politische Theorien des modernen Sozialstaats in beide Richtungen, also Soziologie und Sozialphilosophie, ausgreifen müssen. Im Ergebnis will das Seminar aufzeigen, welche verschiedenen Aspekte mit dem normativen Gerechtigkeitskonzept verbunden sind. So sollen etwa Aspekte wie Leistungsgerechtigkeit, Bedarfsprinzip oder auch menschenrechtliche Gleichheitsvorstellungen konturiert und diskutiert werden. Ebenso soll deutlich werden, wie diese Aspekte in unserer Gegenwartsgesellschaft verankert sind und in ihrem Wirken empirisch erfasst und soziologisch nachgezeichnet werden können.
Literatur zur Einführung:
Corsten, Michael/ Rosa, Hartmut/ Schrader, Ralph (Hg.) (2005): Die Gerechtigkeit der Gesellschaft. Wiesbaden: VS Verl. für Sozialwiss.
Heidenreich, Felix (2011): Theorien der Gerechtigkeit. Eine Einführung. Opladen: Barbara Budrich (UTB).
Müller, Hans-Peter/ Wegener, Bernd (Hg.) (1995): Soziale Ungleichheit und soziale Gerechtigkeit. Opladen: Leske und Budrich.
Kommentar:
Bei dieser gemischten Veranstaltung handelt es sich um eine dauerhafte Einrichtung der Professur für Soziologische Theorie. Die Werkstatt steht insbesondere Studierenden der Abschlusssemester (BA und MA) sowie Doktorandinnen und Doktoranden offen, die sich eine Besprechung des theoretischen Rahmens, des Forschungsdesigns oder die gemeinsame Arbeit an empirischem Material ihrer Abschlussarbeiten, Dissertationen oder Projekte wünschen. Masterstudierenden, die ihre Masterarbeit im Fachgebiet Soziologische Theorie schreiben, kann diese Veranstaltung als Masterkolloquium anerkannt werden.
Interesse an einem Werkstatttermin bitte vorab bis spätestens 15.10.2023 per Email an den Dozenten (lamla (at) uni-kassel.de) bekunden. Besonders willkommen sind Studien, die theoretische und empirische Forschung auf innovative Weise miteinander zu verknüpfen versuchen. Auch ein bis zwei Gastvorträge sind pro Semester vorgesehen.
50% der Sitzungen werden als gemeinsamer Lektürekreis gestaltet, der einem halben Seminar entspricht (s. Bemerkung). Darin werden solche (überwiegend neueren) Werke besprochen, von denen sich die Soziologie Impulse für die Weiterentwicklung der Gesellschaftstheorie erhoffen darf. Teilnahmevoraussetzung ist die hohe Motivation, schwierige, oftmals „dicke" Bücher vollständig zu lesen und gemeinsam zu diskutieren.
Im Wintersemester 2023/24 werden wir das folgende Buch lesen (Anschaffung als Printexemplar dringend empfohlen): Puig de la Bellacasa, María (2017): Matters of Care. Speculative Ethics in More Than Human Worlds. Minneapolis; London: University of Minnesota Press.
Kommentar:
"Konsum" hat viele Seiten, die soziologisch allesamt relevant sind: Der Konsum hat standardisierende Seiten, trägt aber auch zur Singularisierung der Gesellschaft (Reckwitz) bei; er reproduziert soziale Klassenunterschiede und manipuiert doch auch alle gleichermaßen; bei ihm spielt sich viel im Kopf ab, so dass Konsum als primär virtuelles Phänomen erscheint, aber zugleich ist er auch wesentlich dinglich-materiell und bindet die menschlichen Körper in vielfältige Stoffkreisläufe ein; er folgt einem semiologischen Spiel der Zeichen -- etwa in der Mode -- und bleibt doch auch abhängig von den Aneignungstaktiken des Alltags; er ist durchdrungen von kulturellen Narrationen, aber auch getrieben von ökonomischen Anreizen und Zwängen; er ist Medium der Vergemeinschaftung (z.B. Brands) ebenso wie der Vergesellschaftung (z.B. Geld); nicht zuletzt ist er zumeist höchst oberflächlich und berührt er häufig doch existenzielle Fragen. Es ist nicht einfach, diese vielfältigen Aspekte theoretisch unter einen Hut zu bringen. Im Seminar wollen wir gemeinsam untersuchen, welche Anläufe hierzu in der Soziologie gemacht wurden und wie überzeugend diese ausfallen. Ggf. muss eine soziologische Theorie des Konsums auch neu ansetzen oder verschiedene Bausteine aus der Soziologie des Konsums auf neue Weise kombinieren. Von hoher Relevanz ist diese Aufgabe nicht zuletzt deshalb, weil der anthropogene Klimawandel, der globale Ressourcenverbrauch und die weiteren ökologischen Folgeprobleme unseres "Lebensstils" wesentlich ein "Konsum-Problem" sind.
Literatur zur Einführung:
Certeau, Michel de (1988): Kunst des Handelns. Berlin: Merve.
Jäckel, Michael (2006): Einführung in die Konsumsoziologie: Fragestellungen- Kontroversen- Beispieltexte. Wiesbaden: VS
Lamla, Jörn (2021): Die symbolischen Ordnungen des Konsums – und die Fallstricke produktivistischer Soziologie. In: Lenz, Sarah / Hasenfratz, Martina (Hg.): Capitalism unbound. Ökonomie, Ökologie, Kultur. Frankfurt/Main; New York: Campus, S. 283-299.
Veblen, Thorstein (2007 [1899]): Theorie der feinen Leute. Eine ökonomische Untersuchung der Institutionen. Frankfurt/M.
Kommentar:
Die Vorlesung führt grundlegend und problemorientiert in die soziologischen Theorien ein. Sie gibt einen Überblick über die wichtigsten klassischen und zeitgenössischen Beiträge zur Analyse der modernen Gesellschaft (von Marx, Durkheim, Weber und Simmel bis hin zu den komplexen Theorien von Parsons, Luhmann und Habermas sowie ergänzend auch Foucault, Bourdieu, dem Rational-Choice-Ansatz, Giddens, Latour usw.). Der Fokus wird dabei auf die in allen Theorieschulen wiederkehrenden Grundprobleme soziologischer Theoriebildung gerichtet. Sie reichen von methodologischen Problemen soziologischer Wissensgenerierung und grundbegrifflichen Bestimmungen des Sozialen über die Erklärung gesellschaftlichen Wandels und der Spezifika moderner gegenüber vormodernen Gesellschaften bis zur Zeitdiagnose aktueller Entwicklungen und zur wissenschaftlichen Begründung von normativen Haltungen zu gesellschaftlichen Missständen. Die Studierenden sollen an verschiedenen einflussreichen Positionen die Herausforderungen der Komposition einer komplexen Gesellschaftstheorie kennenlernen.
Literatur:
In der Vorlesung wird folgendes Lehrbuch verwendet:
Rosa, Hartmut/Strecker, David/Kottmann, Andrea (2018): Soziologische Theorien. 3., aktualisierte Aufl. Konstanz: UVK (Reihe: UTB basics).
Sommersemester 2023
Kommentar:
Der russische Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 hat den Krieg zurück in unsere westeuropäische Gesellschaft gebracht. Zwar gab es auch zuvor immer Kriege. Diese haben das Denken und Handeln hierzulande aber nicht in vergleichbarem Maße verunsichert und verändert. Die existenziellen Irritationen, die uns mit den Bildern zerstörter Städte und von unmenschlichen Gräueltaten, im Angesicht von geflüchteten und entwurzelten Menschen aus der Ukraine und anderen Krisenregionen, mit der atomaren Bedrohung und der für unsere Generationen neuen Präsenz des Militärischen erfassen, betreffen jedoch nicht nur uns selbst. Sie betreffen auch die Soziologie als Fach. Denn es fällt in solchen Momenten auf, dass sich die Soziologie in einer Vorstellung von Gesellschaft eingerichtet hat, in der Krieg ein nur wenig beachtetes Randphänomen ist.
Aus diesem Grunde widmet sich das Masterseminar dem Thema Krieg und Gesellschaft. Es soll auf der einen Seite gemeinsam erarbeitet werden, welche Beiträge soziologische Theorien zur Einordnung und Erklärung von Kriegsgeschehen in der modernen Gesellschaft beisteuern. Hierzu werden wir verschiedene Ansätze und Konzepte kennen lernen. Beispielsweise haben Norbert Elias oder Anthony Giddens die Rolle des Krieges im Prozess der Zivilisation bzw. Entstehung der Moderne hervorgehoben. Jean Baudrillard hat viel diskutierte Thesen zur Rolle der Medienberichterstattung über Kriege in der Gesellschaft beigesteuert. Und Harald Welzer ist der Frage nachgegangen, was heutige und zukünftige Kriege mit dem Klimawandel und ökologischen Gefährdungen zu tun haben. Dem werden wir jeweils nachgehen.
Zum anderen soll aber auch Literatur einbezogen werden, die sich mit den Defiziten der Soziologie in solchen Bereichen befassen, die mit Krieg und Gewalt zu tun haben. So gibt es seit einigen Jahrzehnten Anläufe, eine "Soziologie der Gewalt" zu entwickeln, um diese Defizite auszugleichen. Dennoch bleibt mit Hans Joas und Wolfgang Knöbl zu diagnostizieren, dass in der Geschichte der modernen soziologischen Theorie eine "Kriegsverdrängung" stattgefunden hat. Was bedeutet das für unser Fach in der heutigen Zeit? Welche Anstrengungen sind zu unternehmen, um die Soziologie auf die Höhe der Zeit zu bringen und der Rückkehr des Krieges sozial- und gesellschaftstheoretisch angemessen Rechnung zu tragen? In diesem Zusammenhang soll auch die Frage diskutiert werden, was eine solche Soziologie des Krieges zur Regulierung von Konflikten und zur Stabilisierung einer gesellschaftlichen Friedensordnung beisteuern könnte.
Literatur:
Bamme, Arno (2015): Die Normalität des Krieges. Ein blinder Fleck der Soziologie. In: Soziologie - Forum der deutschen Gesellschaft für Soziologie, 44. Jg., Heft 3, 2015, S. 277-291.
Giddens, Anthony (1985): The Nation-State and Violence. Cambridge: Polity.
Joas, Hans / Knöbl, Wolfgang (2016): Kriegsverdrängung. Ein Problem in der Geschichte der Sozialtheorie. Frankfurt/Main: Suhrkamp.
Kuchler, Barbara (2013): Kriege. Eine Gesellschaftstheorie gewaltsamer Konflikte. Frankfurt/Main; New York: Campus Verlag.
Trotha, Trutz von (1997) (Hg.): Soziologie der Gewalt. Sonderheft 37 der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie. Opladen: Westdeutscher Verlag.
Warburg, Jens (2008): Das Militär und seine Subjekte. Zur Soziologie des Krieges. Bielefeld: transcript.
Welzer, Harald (2010): Klimakriege. Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird. 2. Aufl. Frankfurt/Main: Fischer.
Kommentar:
Ist die Art und Weise der Lebensführung Privatsache? Sollten wir uns in Fragen der Lebensführung, des Lebenswandels oder der Lebensform von Individuen oder Gruppen nicht einmischen? Kommt es darauf an, gesellschaftliche Bedingungen zu schaffen, in denen die Freiheiten, zu tun und zu lassen, was mensch will, maximiert sind? Oder rückt mit den Krisen des Anthropozän eine Situation näher, in der über die rechtliche Regulierung des Zusammenlebens hinaus auch Einmischung in den Lebens- und Konsumstil der anderen gefragt ist, in den Umgang mit Reichtum, freier Zeit, etwa das Ausmaß der Nutzung des Autos oder die Häufigkeit von Fernreisen per Flugzeug betreffend? Das Seminar wird solchen Fragen nachgehen. Es thematisiert Bereiche, in denen, und Bedingungen, unter denen eine Politik der Lebensführung stattfindet, möglich ist oder nötig wird. Und es fragt auch nach den Grenzen einer solchen Politik in der modernen Gesellschaft.
Der Ausdruck "Politik der Lebensführung" oder im englischen Original "Life Politics" stammt vom britischen Soziologen Anthony Giddens, der damit einen Gegenpol zum - aus seiner Sicht dominanten - Paradigma linker Sozialpolitik einführen wollte, welches er als "Emancipatory Politics" bezeichnet. Während letzteres sich auf eine negative Ermöglichung von erweiterten Freiheiten des Handelns und Lebens beschränke, sollte mit ersterem auf das Problem hingewiesen werden, dass es zur Nutzung entsprechender Freiheiten auch einer positiven Befähigung bedürfe. Wir werden uns mit Giddens' theoretischen Hintergrundüberlegungen zu diesen Fragen ebenso auseinandersetzen wie mit seinen umstrittenen sozialpolitischen Schlussfolgerungen daraus. Darüber hinaus werden wir aber auch weitere Beiträge kennenlernen, die an das Konzept der "Politik der Lebensführung" anschließen (etwa von Zygmunt Bauman oder Ronald Hitzler). Aus sozialphilosophischer Perspektive hat etwa Rahel Jaeggi die Frage verfolgt, inwiefern "Lebensformen" entgegen aller liberalen Enthaltsamkeitspostulate zum Gegenstand von Kritik gemacht werden dürfen und sollten.
Darüber hinaus lassen sich auch aktuelle Diskurse und Protestphänomene - etwa der Klimawandel-Bewegung - daraufhin analysieren, inwiefern Lebensformen und Lebensführung darin zum Gegenstand politischer Auseinandersetzung gemacht werden. Z.B. wird in bestimmten Bewegungsmilieus das Konzept der "Prefiguration" verfolgt, dem die Idee zugrunde liegt, dass eine nachhaltige Transformation der Gesellschaft die Vorwegnahme zukünftiger, utopischer Lebensformen in der Gegenwart erfordert. Kurzum: Eine "Politik der Lebensführung" findet in unserer Gesellschaft in unterschiedlichen Arenen statt. Das Seminar soll dafür sensibilisieren und Konzepte bereitstellen, um diese Auseinandersetzungen zu analysieren, theoretisch einzuordnen und kritisch zu bewerten.
Literatur zur Einführung:
Giddens, Anthony (1997): Jenseits von Links und Rechts. Die Zukunft radikaler Demokratie. Frankfurt/Main: Suhrkamp.
Jaeggi, Rahel (2014): Kritik von Lebensformen. Berlin: Suhrkamp.
Lamla, Jörn (2003): Anthony Giddens. Frankfurt/Main; New York: Campus (=Reihe Campus Einführungen), insbes. ab S. 117.
Starodub, Alissa (2020): Lasst es glitzern, lasst es knallen! Politische Theorie und Praxis für die Utopie. Münster: edition assemblage.
Kommentar:
Bei dieser gemischten Veranstaltung handelt es sich um eine dauerhafte Einrichtung der Professur für Soziologische Theorie. Die Werkstatt steht insbesondere Studierenden der Abschlusssemester (BA und MA) sowie Doktorandinnen und Doktoranden offen, die sich eine Besprechung des theoretischen Rahmens, des Forschungsdesigns oder die gemeinsame Arbeit an empirischem Material ihrer Abschlussarbeiten, Dissertationen oder Projekte wünschen. Masterstudierenden, die ihre Masterarbeit im Fachgebiet Soziologische Theorie schreiben, kann diese Veranstaltung als Masterkolloquium anerkannt werden.
Interesse an einem Werkstatttermin bitte vorab bis spätestens 12.04.2023 per Email an den Dozenten (lamla (at) uni-kassel.de) bekunden. Besonders willkommen sind Studien, die theoretische und empirische Forschung auf innovative Weise miteinander zu verknüpfen versuchen. Auch ein bis zwei Gastvorträge sind pro Semester vorgesehen.
50% der Sitzungen werden als gemeinsamer Lektürekreis gestaltet, der einem halben Seminar entspricht (s. Bemerkung). Darin werden solche (überwiegend neueren) Werke besprochen, von denen sich die Soziologie Impulse für die Weiterentwicklung der Gesellschaftstheorie erhoffen darf. Teilnahmevoraussetzung ist die hohe Motivation, schwierige, oftmals „dicke" Bücher vollständig zu lesen und gemeinsam zu diskutieren.
Im Sommersemester 2023 werden wir das folgende Buch lesen (Anschaffung als Printexemplar dringend empfohlen: Wright, Erik Olin (2017): Reale Utopien. Wege aus dem Kapitalismus. Berlin: Suhrkamp (stw 2192, 26,- Euro).
Kommentar:
Was ist damit gemeint und was muss man darunter verstehen, wenn die Soziologie dem Wortsinn nach die »Lehre von der Gesellschaft« ist? Betreibt und studiert man Soziologie, ist man mehr als in anderen Fächern mit dem Problem konfrontiert, den genauen Gegenstandsbereich des eigenen Faches zu bestimmen. Um über »die Gesellschaft« zu forschen, bedarf es daher immer auch theoretischer Grundannahmen darüber, was der Gegenstandsbereich der Soziologie ist (in Abgrenzung etwa zu anderen Fächern) und was die Soziologie erklären soll oder kann. Diese Fragen verweisen auf die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit soziologischer Theorie.
Einen möglichen Zugang zu den verschiedenen Ebenen und Grundpositionen soziologischer Theoriebildung stellen fundamentale Kontroversen bzw. Konfliktlinien dar, die die Soziologie wiederkehrend beschäftigen. Jene Kontroversen stecken auf markante Weise die Problemdimensionen des Fachs ab. Zugleich zeigen sie in exemplarischer Form sowohl die verschiedenen, konkurrierenden Paradigmen als auch die verbindenden Elemente der Soziologie. Anstatt also einzelne Autoren vertiefend zu lesen, soll im Seminar ein spezifischer Problemkreis gesellschaftlicher Wirklichkeitsdeutung erschlossen und diskutiert werden.
In diesem Seminar werden die Themen "Widerspruch" und "Konflikt" genutzt, um verschiedene soziologische Konzeptionen des gesellschaftlichen Wandels in den Blick zu nehmen. Das Begriffspaar verweist dabei grundsätzlich auf Spannungen, die den Wandel antreiben, die aber auf unterschiedlichen Ebenen liegen können. So unterschiedliche "Klassiker" der Soziologie wie Karl Marx oder Ralf Dahrendorf haben diese Spannungen, etwa den Klassenkampf oder den Kampf um Lebenschancen, zum Schlüssel für das Verständnis gesellschaftlicher Wandlungsdynamiken erklärt. In der daran anschließenden Diskussion wurde dann aber differenzierend gefragt, ob es dabei immer um Konflikte zwischen Gruppen geht oder auch um Widersprüche anderer Art. David Lockwoods berühmte Unterscheidung zwischen Sozial- und Systemintegration deutet diese Differenzierung an, die sich dann auch in den Gesellschaftstheorien von z.B. Jürgen Habermas oder Anthony Giddens wiederfindet. Darin werden Widersprüche zwischen System und Lebenswelt oder zwischen gesellschaftlichen Strukturprinzipien (z.B. Politik und Ökonomie) als Treiber des Wandels identifiziert, die sich zwar auch in Gruppenkonflikten niederschlagen können, aber nicht müssen. Auch die Nebenfolgen-Soziologie Ulrich Becks wäre hier zu nennen oder das Forschungsprogramm der späten Frankfurter Schule um Axel Honneth, das unter der Überschrift der "Paradoxien kapitalistischer Modernisierung" steht. Nicht zuletzt soll auch ein Blick auf verschiedene Theorieparadigmen der sozialwissenschaftlichen Forschung zu sozialen Bewegungen und Bewegungsprotest geworfen werden.
Literatur zur Einführung:
Beyer, Heiko/ Schnabel, Annette (2017): Theorien Sozialer Bewegungen. Eine Einführung. Frankfurt/New York: Campus.
Bonacker, Thorsten (Hg.) (2008): Sozialwissenschaftliche Konflikttheorien. Eine Einführung. 4. Aufl. Wiesbaden: VS.
Honneth, Axel (Hg.) (2002): Befreiung aus der Mündigkeit. Paradoxien des gegenwärtigen Kapitalismus. Frankfurt/New York: Campus.
Zapf, Wolfgang (Hg.) (1969): Theorien des sozialen Wandels. Köln/Berlin: Kiepenheuer und Witsch.
Wintersemester 2022/23
Kommentar:
In Zeiten von Krieg, folgenreichem Klimawandel, wachsenden globalen Spannungen und sozialen Ungleichheiten sowie deren Zuspitzunng zu Mehrfach-Krisen nimmt das Gefühl von existenziellen Herausforderungen und Bedrohungen wieder merklich zu. Daher ist es Zeit, sich dem Problem der Existenz gründlich zu widmen und hierbei auch soziologisch verunsichern zu lassen. Der Begriff öffnet Assoziationen in unterschiedliche Richtungen: Geht es um die ökonomische Existenz, ums "nackte Überleben", um kollektive Menschheitsfragen, also um die Zukunft der Gattung, um das Ende des Humanismus und den Übergang zum Posthumanismus, um Ökologie und irdisches Leben allgemein oder kleiner auch um wichtige biographische Entscheidungen, etwa dafür, Kinder in die Welt zu setzen, um Gesundheit und Krankeit, Leben und Tod, um die Wahrnehmung des eigenen Körpers, um Geschlechterpolitik? Existenzielle Probleme sind vielschichtige und schwer zu fassende Probleme. Diese Abgrenzungsschwierigkeiten betreffen die Lebenspraxis selbst, aber auch die Soziologie. Das Masterseminar untersucht den Problemraum, der mit dem Begriff der Existenz verknüpft ist. Es greift hierzu verschiedene soziologische Debatten und Theorieentwicklungen auf, die zur Aufhellung dieses vielschichtigen Problemraums einen Beitrag leisten können. Das sind zum einen soziologische Analysen, die sich "existenziellen Krisen" widmen und solche zu identifizieren versuchen (von der Kapitalismuskritik bis zur Klima-Soziologie), aber auch grundlegendere Ansätze, die Existenz als vielschichtiges Problem zu definieren versuchen oder neue Perspektiven in der Soziologie zu verankern trachten, indem sie sich auf neue Weise mit Ontologien befassen, das Materielle verstärkt in den Blick nehmen, eine Pluralität von Existenzweisen (Latour) rekonstruieren oder existenzielle Probleme als eine Quelle radikaler Kritik (Boltanski) entdecken. Das Seminar wird diese Felder durchstreifen, nach Zusammenhängen forschen und dabei auch auf Vorläuferdebatten, etwa zwischen Fundamentalontologie (Heidegger) und Existenzialismus (Sartre), schauen. Ziel ist es, einen Überblick über das mit "Existenz" bezeichnete Begriffsfeld zu bekommen, um so den Problemraum der Existenz soziologisch besser ausleuchten zu können.
Literatur:
Bihrer, Andreas/Franke-Schwenk, Anja/Stein, Tine (Hg.) (2016): Endlichkeit. Zur Vergänglichkeit und Begrenztheit von Mensch, Natur und Gesellschaft. Bielefeld: transcript.
Boltanski, Luc (2010): Soziologie und Sozialkritik. Berlin: Suhrkamp.
Giddens, Anthony (1991): Modernity and Self-Identity. Self and Society in the Late Modern Age. Cambridge: Polity.
Laux, Henning (Hg.) (2016): Bruno Latours Existenzweisen. Einführung und Diskussion. Bielefeld: transcript.
Latour, Bruno (2018): Das terrestrische Manifest. Berlin: Suhrkamp.
Martin, Nastassja (2021): An das Wilde glauben. Berlin: Matthes und Seitz.
Kommentar:
Bei dieser gemischten Veranstaltung handelt es sich um eine dauerhafte Einrichtung der Professur für Soziologische Theorie. Die Werkstatt steht insbesondere Studierenden der Abschlusssemester (BA und MA) sowie Doktorandinnen und Doktoranden offen, die sich eine Besprechung des theoretischen Rahmens, des Forschungsdesigns oder die gemeinsame Arbeit an empirischem Material ihrer Abschlussarbeiten, Dissertationen oder Projekte wünschen. Masterstudierenden, die ihre Masterarbeit im Fachgebiet Soziologische Theorie schreiben, kann diese Veranstaltung als Masterkolloquium anerkannt werden.
Interesse an einem Werkstatttermin bitte vorab bis spätestens 15.10.2022 per Email an den Dozenten (lamla (at) uni-kassel.de) bekunden. Besonders willkommen sind Studien, die theoretische und empirische Forschung auf innovative Weise miteinander zu verknüpfen versuchen. Auch ein bis zwei Gastvorträge sind pro Semester vorgesehen.
50% der Sitzungen werden als gemeinsamer Lektürekreis gestaltet, der einem halben Seminar entspricht (s. Bemerkung). Darin werden solche neueren Werke besprochen, von denen sich die Soziologie Impulse für die Weiterentwicklung der Gesellschaftstheorie erhoffen darf. Teilnahmevoraussetzung ist die hohe Motivation, schwierige, oftmals „dicke" Bücher vollständig zu lesen und gemeinsam zu diskutieren.
Im Wintersemester 2022/23 lesen wir das folgende Buch (Anschaffung wird dringend empfohlen): Schroer, Markus (2022): Geosoziologie. Die Erde als Raum des Lebens. Berlin: Suhrkamp (30,- EUR)
Kommentar:
Das Seminar widmet sich den für demokratische Gesellschaften unverzichtbaren kritischen Kompetenzen ihrer Bürger:innen und fragt, was diese Kompetenzen konkret auszeichnet und wie sie wissenschaftlich bestimmt werden können. Hierzu werden grundlegende und neure Texte aus dem Umfeld der kritischen Theorie sowie der Soziologie der Rechtfertigung und der damit verwandten Valuation Studies gemeinsam gelesen, vorgestellt und diskutiert. Besonderes Augenmerk wird im Seminar dabei auf die Spannungen zwischen den Anforderungen alltäglicher Lebensvollzüge und jenen der kritischen Reflexion gelegt. Das Seminar sucht nach Ansätzen und einem Begriff von kritischer Kompetenz, die diese Spannungen erhellen und mit ihnen konstruktiv umzugehen verstehen. Als ein besonderes Anwendungsfeld werden Herausforderungen digitaler Umwelten in den Blick genommen, etwa Empfehlungsalgorithmen oder Künstliche Intelligenz.
Literatur zur Einführung:
Boltanski, Luc / Thévenot, Laurent (2007): Über die Rechtfertigung. Eine Soziologie der kritischen Urteilskraft. Konstanz: UVK.
Celikates, Robin (2009): Kritik als soziale Praxis. Gesellschaftliche Selbstverständigung und kritische Theorie. Frankfurt/M.; New York: Campus.
Jaeggi, Rahel / Wesche, Thilo (Hg.) (2009): Was ist Kritik? Frankfurt/Main: Suhrkamp.
Habermas, Jürgen (1983): Moralbewußtsein und kommunikatives Handeln. Frankfurt/M.: Suhrkamp, S. 127-206.
Hirschman, Albert O. (1984): Engagement und Enttäuschung. Über das Schwanken der Bürger zwischen Privatwohl und Gemeinwohl. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
Lamla, Jörn (2021): Kritische Bewertungskompetenzen, Selbstbestimmtes Verbraucherhandeln in KI-gestützten IT-Infrastrukturen. Expertise für das Projekt „Digitales Deutschland” von JFF –Jugend, Film, Fernsehen e.V., 31.01.2021.
Kommentar:
Die Vorlesung führt grundlegend und problemorientiert in die soziologischen Theorien ein. Sie gibt einen Überblick über die wichtigsten klassischen und zeitgenössischen Beiträge zur Analyse der modernen Gesellschaft (von Marx, Durkheim, Weber und Simmel bis hin zu den komplexen Theorien von Parsons, Luhmann und Habermas sowie ergänzend auch Foucault, Bourdieu, dem Rational-Choice-Ansatz, Giddens, Latour usw.). Der Fokus wird dabei auf die in allen Theorieschulen wiederkehrenden Grundprobleme soziologischer Theoriebildung gerichtet. Sie reichen von methodologischen Problemen soziologischer Wissensgenerierung und grundbegrifflichen Bestimmungen des Sozialen über die Erklärung gesellschaftlichen Wandels und der Spezifika moderner gegenüber vormodernen Gesellschaften bis zur Zeitdiagnose aktueller Entwicklungen und zur wissenschaftlichen Begründung von normativen Haltungen zu gesellschaftlichen Missständen. Die Studierenden sollen an verschiedenen einflussreichen Positionen die Herausforderungen der Komposition einer komplexen Gesellschaftstheorie kennenlernen.
Literatur:
In der Vorlesung wird folgendes Lehrbuch verwendet:
Rosa, Hartmut/Strecker, David/Kottmann, Andrea (2018): Soziologische Theorien. 3., aktualisierte Aufl. Konstanz: UVK (Reihe: UTB basics).
Sommersemester 2022
Kommentar:
Beim bedingungslosen Grundeinkommen handelt es sich um eine steuerfinanzierte Existenzsicherung, welche qua Status als Staatsbürgerin oder Staatsbürger allen Individuen, ob jung oder alt, ob arm oder reich, ob lohnarbeitswillig oder nicht, bedingungslos ausgezahlt wird. Verschiedene Modelle eines solchen BGE unterscheiden sich darin, wie die staatliche Transferleistung genau ausgestaltet oder finanziert werden soll. Aber der Kern der Bedingungslosigkeit eint sie alle: Ein existenzsicherndes Einkommen wird als unveräußerliches Grundrecht angesehen, das an keine weiteren Bedingungen oder Gegenleistungen geknüpft werden darf. Es unterscheidet sich damit stark von solchen sozialstaatlichen Institutionen, die stark an die Erwerbsarbeit gekoppelt sind, wie im bundesdeutschen Sozialversicherungssystem (z.B. Rentenleistungen abhängig von der Lebensarbeitszeit, Versicherung gegen Arbeitslosigkeit oder eine Sozialhilfe, mit der Kürzungssanktionen bei fehlender Bereitschaft zur Suche und Aufnahme von Lohnarbeit verknüpft sind).
Soziologisch ist die schon lange währende Debatte um dieses materielle Grundrecht ausgesprochen interessant, weil in ihr kontroverse normative Gesellschaftsvorstellungen artikuliert und begründet werden. Sie ist ein Beispiel dafür, wie in der Gesellschaft alternative Gesellschaftsentwürfe entstehen, kommuniziert und kritisiert werden. Die Auseinandersetzung mit dem bedingungslosen Grundeinkommen ist dabei nicht nur lehrreich für jene, die von einer solchen Idee fasziniert sind und um ihre gesellschaftliche Realisierung sowie mit Fragen ihre praktischen Realisierbarkeit ringen? Vielmehr lernen an ihr auch die Gegner einer solchen Idee sowie jene, die ihr skeptisch gegenüber stehen. Denn in diesem Fall hilft die Debatte dabei, die Normativität der eigenen Gesellschaftsvorstellungen sichtbar zu machen und der kritischen Reflexion auszusetzen, etwa meritokratische Annahmen oder solche über die Vernunftfähigkeit der Mitmenschen, über ihre Dispositionen, etwa zur Faulheit, oder über die sinnstiftende Kraft von Berufsarbeit in der Moderne.
Im Seminar sollen wesentliche Schlüsseltexte dieser Debatte um das BGE gemeinsam gelesen und diskutiert werden. Es ist als ein Lektüreseminar angelegt, welches sich überwiegend mit der Zusammenstellung klassischer Texte zum BGE durch Philip Kovce (einem Befürworter des BGE) und Birger Priddat (einem Gegner des BGE) befasst. Eine Anschaffung des unten genannten Buches wird daher empfohlen. In einzelnen Sitzungen werden aber auch andere Debattenbeiträge hinzugenommen sowie Seitenblicke geworfen, etwa auf Vorschläge, die eher eine offensive alternative Infrastrukturpolitik vorschlagen und damit kollektive Garantieleistungen in den Vordergrund rücken.
Lektüre (Anschaffung empfohlen, Taschenbuch, 26,- Euro):
Kovce, Philip/ Priddat, Birger (Hg.) (2019): Bedingungsloses Grundeinkommen. Grundlagentexte. Berlin: Suhrkamp.
Kommentar:
Das Seminar befasst sich mit einem Übergangsbereich, der Grauzone zwischen Soziologie und Sozialphilosophie. Es fragt danach, wie Aspekte der Gerechtigkeit und die Konzeptualisierung von Gesellschaft in einen gemeinsamen Theorierahmen integriert werden können. Es ist zu einfach, hier von einer strikten Arbeitsteilung auszugehen und Gerechtigkeit als Problem normativer Art allein der sozialphilosophischen Theoriebildung zu überantworten, wohingegen sich die Soziologie lediglich mit der empirisch gegebenen gesellschaftlichen Wirklichkeit zu befassen habe. In einem solchen, strikt arbeitsteiligen Verständnis sucht und findet die Moral- oder Sozialphilosophie überzeitlich geltende "universelle" Regeln. Die Soziologie dagegen fragt dann allenfalls nach vorhandenden oder sich wandelnden Gerechtigkeitseinstellungen und -vorstellungen in der Bevölkerung oder diagnostiziert ein vom normativen Sollen so und so weit entfernten Zustand des gesellschaftlichen Seins. Tatsächlich kommen sozialphilosophische Gerechtigkeitstheorien aber ebensowenig ohne Annahmen über Gesellschaft aus wie soziologische Theorien der Gesellschaft zwangsläufig zu kurz greifen, sofern sie sich nicht auch der spezifischen Logik, Bildung und Wirkungsweise moralischer Normen und Gerechtigkeitsprinzipien in ihren kulturellen und institutionellen Strukturen zuwendet.
Tatsächlich enthalten also sozialphilosophische Theorien der Gerechtigkeit implizite oder explizite Gesellschaftstheorien und wenden sich zahlreiche soziologische Ansätze dem Eigensinn des Normativen und speziell der Gerechtigkeit als Kernelement des gesellschaftlichen Wandels und Zusammenhalts zu. Dafür will das Seminar sensibilisieren. Das Vorhandensein solcher Übergangszonen bedeutet freilich nicht, dass hiermit schon ein gemeinsames oder auch nur ähnliches Verständnis von Gerechtigkeit und Gesellschaft vorliegt. Eben deshalb sind verschiedene Ansätze daraufhin zu vergleichen und kritisch zu diskutieren, wie sie denn Gerechtigkeit und Gesellschaft genau zusammendenken. Beispielhaft sei etwa auf die Theorie der Gerechtigkeit von John Rawls verwiesen, die von funktionierenden institutionellen Grundstrukturen einer liberalen Marktgesellschaft ausgeht, oder auf die "Sphären der Gerechtigkeit" bei Michael Walzer, die eher das Bild einer funktional differenzierten Gesellschaft im Sinne Luhmanns zu erkennen geben. Wieder anders zeigt sich das Spannungsverhältnis von Faktizität und Geltung als Theorierahmen für das Wirken prozeduraler Gerechtigkeitsprinzipien in der Demokratie- und Rechtsstaatstheorie bei Jürgen Habermas oder die Idee des "Kampfes um Anerkennung" als verbindendes Theoriestück im Werk von Axel Honneth. Kommunitaristische Theorien der Gemeinschaft enthalten ebenso soziologische Annahmen und Deutungsrahmen für ihre Gerechtigkeitsargumente wie politische Theorien des modernen Sozialstaats in beide Richtungen, also Soziologie und Sozialphilosophie, ausgreifen müssen. Im Ergebnis will das Seminar aufzeigen, welche verschiedenen Aspekte mit dem normativen Gerechtigkeitskonzept verbunden sind. So sollen etwa Aspekte wie Leistungsgerechtigkeit, Bedarfsprinzip oder auch menschenrechtliche Gleichheitsvorstellungen konturiert und diskutiert werden. Ebenso soll deutlich werden, wie diese Aspekte in unserer Gegenwartsgesellschaft verankert sind und in ihrem Wirken empirisch erfasst und soziologisch nachgezeichnet werden können.
Literatur zur Einführung:
Corsten, Michael/ Rosa, Hartmut/ Schrader, Ralph (Hg.) (2005): Die Gerechtigkeit der Gesellschaft. Wiesbaden: VS Verl. für Sozialwiss.
Heidenreich, Felix (2011): Theorien der Gerechtigkeit. Eine Einführung. Opladen: Barbara Budrich (UTB).
Müller, Hans-Peter/ Wegener, Bernd (Hg.) (1995): Soziale Ungleichheit und soziale Gerechtigkeit. Opladen: Leske und Budrich.
Kommentar:
Bei dieser gemischten Veranstaltung handelt es sich um eine dauerhafte Einrichtung der Professur für Soziologische Theorie. Die Werkstatt steht insbesondere Studierenden der Abschlusssemester (BA und MA) sowie Doktorandinnen und Doktoranden offen, die sich eine Besprechung des theoretischen Rahmens, des Forschungsdesigns oder die gemeinsame Arbeit an empirischem Material ihrer Abschlussarbeiten, Dissertationen oder Projekte wünschen. Masterstudierenden, die ihre Masterarbeit im Fachgebiet Soziologische Theorie schreiben, kann diese Veranstaltung als Masterkolloquium anerkannt werden.
Interesse an einem Werkstatttermin bitte vorab bis spätestens 15.04.2022 per Email an den Dozenten (lamla (at) uni-kassel.de) bekunden. Besonders willkommen sind Studien, die theoretische und empirische Forschung auf innovative Weise miteinander zu verknüpfen versuchen. Auch ein bis zwei Gastvorträge sind pro Semester vorgesehen.
50% der Sitzungen werden als gemeinsamer Lektürekreis gestaltet, der einem halben Seminar entspricht (s. Bemerkung). Darin werden solche neueren Werke besprochen, von denen sich die Soziologie Impulse für die Weiterentwicklung der Gesellschaftstheorie erhoffen darf. Teilnahmevoraussetzung ist die hohe Motivation, schwierige, oftmals „dicke" Bücher vollständig zu lesen und gemeinsam zu diskutieren.
Im Sommersemester 2022 lesen wir das folgende Buch (Anschaffung wird dringend empfohlen): Ehrenberg, Alain (2019): Die Mechanik der Leidenschaften. Gerhin, Verhalten, Gesellschaft. Berlin: Suhrkamp (34,- EUR).
Kommentar:
Was ist damit gemeint und was muss man darunter verstehen, wenn die Soziologie dem Wortsinn nach die »Lehre von der Gesellschaft« ist? Betreibt und studiert man Soziologie, ist man mehr als in anderen Fächern mit dem Problem konfrontiert, den genauen Gegenstandsbereich des eigenen Faches zu bestimmen. Um über »die Gesellschaft« zu forschen, bedarf es daher immer auch theoretischer Grundannahmen darüber, was der Gegenstandsbereich der Soziologie ist (in Abgrenzung etwa zu anderen Fächern) und was die Soziologie erklären soll oder kann. Diese Fragen verweisen auf die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit soziologischer Theorie.
Einen möglichen Zugang zu den verschiedenen Ebenen und Grundpositionen soziologischer Theoriebildung stellen fundamentale Kontroversen bzw. Konfliktlinien dar, die die Soziologie wiederkehrend beschäftigen. Jene Kontroversen stecken auf markante Weise die Problemdimensionen des Fachs ab. Zugleich zeigen sie in exemplarischer Form sowohl die verschiedenen, konkurrierenden Paradigmen als auch die verbindenden Elemente der Soziologie. Anstatt also einzelne Autoren vertiefend zu lesen, soll im Seminar ein spezifischer Problemkreis gesellschaftlicher Wirklichkeitsdeutung erschlossen und diskutiert werden.
In diesem Seminar werden die Themen "Widerspruch" und "Konflikt" genutzt, um verschiedene soziologische Konzeptionen des gesellschaftlichen Wandels in den Blick zu nehmen. Das Begriffspaar verweist dabei grundsätzlich auf Spannungen, die den Wandel antreiben, die aber auf unterschiedlichen Ebenen liegen können. So unterschiedliche "Klassiker" der Soziologie wie Karl Marx oder Ralf Dahrendorf haben diese Spannungen, etwa den Klassenkampf oder den Kampf um Lebenschancen, zum Schlüssel für das Verständnis gesellschaftlicher Wandlungsdynamiken erklärt. In der daran anschließenden Diskussion wurde dann aber differenzierend gefragt, ob es dabei immer um Konflikte zwischen Gruppen geht oder auch um Widersprüche anderer Art. David Lockwoods berühmte Unterscheidung zwischen Sozial- und Systemintegration deutet diese Differenzierung an, die sich dann auch in den Gesellschaftstheorien von z.B. Jürgen Habermas oder Anthony Giddens wiederfindet. Darin werden Widersprüche zwischen System und Lebenswelt oder zwischen gesellschaftlichen Strukturprinzipien (z.B. Politik und Ökonomie) als Treiber des Wandels identifiziert, die sich zwar auch in Gruppenkonflikten niederschlagen können, aber nicht müssen. Auch die Nebenfolgen-Soziologie Ulrich Becks wäre hier zu nennen oder das Forschungsprogramm der späten Frankfurter Schule um Axel Honneth, das unter der Überschrift der "Paradoxien kapitalistischer Modernisierung" steht. Nicht zuletzt soll auch ein Blick auf verschiedene Theorieparadigmen der sozialwissenschaftlichen Forschung zu sozialen Bewegungen und Bewegungsprotest geworfen werden.
Literatur zur Einführung:
Beyer, Heiko/ Schnabel, Annette (2017): Theorien Sozialer Bewegungen. Eine Einführung. Frankfurt/New York: Campus.
Bonacker, Thorsten (Hg.) (2008): Sozialwissenschaftliche Konflikttheorien. Eine Einführung. 4. Aufl. Wiesbaden: VS.
Honneth, Axel (Hg.) (2002): Befreiung aus der Mündigkeit. Paradoxien des gegenwärtigen Kapitalismus. Frankfurt/New York: Campus.
Zapf, Wolfgang (Hg.) (1969): Theorien des sozialen Wandels. Köln/Berlin: Kiepenheuer und Witsch.
Sommersemester 2021
Kommentar:
"Gesellschaft als soziale Maschine" soll den Metamorphosen der Maschinenmetapher durch das Denken von Gesellschaft in verschiedenen Epochen nachgespürt werden und sollen sodann deren Einflüsse auf das soziale Leben selbst theoriegeschichtlich aufgearbeitet werden. In der Industrialisierung und bei soziologischen Denkern wie Saint Simon, Comte oder Durkheim, aber auch Marx und in kritischer Absicht bei Adorno und vielen anderen sind solche Einflüsse unübersehbar. Ein Schwerpunkt des Seminars wird dann aber auf der Diskussion liegen, wie sich diese Zusammenhänge in der Gegenwart umfassender Digitalisierung darstellen (s. Literaturauswahl). So sollen auch Utopien, Dystopien und die Sichtweisen verschiedener Gruppen (z.B. der Eliten des Silicon Valley) analysiert und hinterfragt werden. Durch die systematische Verknüpfung von technisch gestalteten digitalen Umgebungen mit Erkenntnissen zur Steuerung und Programmierung des (sozialen) Verhaltens, so lautet eine mögliche Hypothese, werden heute neue Kontroll- und Überwachungsformen geschaffen sowie menschliche und künstliche Intelligenz zunehmend verschmolzen (hybridisiert). Doch welche Verluste an sozialer und demokratischer Intelligenz gehen mit einer solchen neuen Logik der maschinellen Organisation des Sozialen einher? Das wollen wir herauszufinden versuchen.
Literatur:
Bächle, Thomas Christian (2015): Mythos Algorithmus. Die Fabrikation des computerisierbaren Menschen. Wiesbaden: Springer VS.
Bischof, Michael (2017): Soziale Maschinen bauen. Epistemische Praktiken der Sozialrobotik. Bielefeld: transcript.
Engemann, Christoph; Sudmann, Andreas (Hg.) (2017): Machine Learning – Medien, Infrastrukturen und Technologien der Künstlichen Intelligenz. Bielefeld: transcript.
Nassehi, Armin (2019): Muster. Theorie der digitalen Gesellschaft. München: C.H. Beck.
Seyfert, Robert; Roberge, Jonathan (2017): Algorithmuskulturen. Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit. Bielefeld: transcript.
Shadbolt, Nigel; O’Hara, Kieron; Roure, David de; Hall, Wendy (2019): Theory and Practice of Social Machines. Springer Nature (eBook).
Weyer, Johannes (2019): Die Echtzeitgesellschaft. Wie smarte Technik unser Leben steuert. Frankfurt/Main, New York: Campus.
Zuboff, Shoshana (2019): The age of surveillance capitalism. The fight for a human future at the new frontier of power. New York: PublicAffairs.
Kommentar:
Bei dieser gemischten Veranstaltung handelt es sich um eine dauerhafte Einrichtung der Professur für Soziologische Theorie. Die Werkstatt steht insbesondere Studierenden der Abschlusssemester (BA und MA) sowie Doktorandinnen und Doktoranden offen, die sich eine Besprechung des theoretischen Rahmens, des Forschungsdesigns oder die gemeinsame Arbeit an empirischem Material ihrer Abschlussarbeiten, Dissertationen oder Projekte wünschen. Masterstudierenden, die ihre Masterarbeit im Fachgebiet Soziologische Theorie schreiben, kann diese Veranstaltung als Masterkolloquium anerkannt werden.
Interesse an einem Werkstatttermin bitte vorab bis spätestens 12.04.2021 per Email an den Dozenten (lamla (at) uni-kassel.de) bekunden. Besonders willkommen sind Studien, die theoretische und empirische Forschung auf innovative Weise miteinander zu verknüpfen versuchen. Auch ein bis zwei Gastvorträge sind pro Semester vorgesehen.
50% der Sitzungen werden als gemeinsamer Lektürekreis gestaltet, der einem halben Seminar entspricht (s. Bemerkung). Darin werden solche neueren Werke besprochen, von denen sich die Soziologie Impulse für die Weiterentwicklung der Gesellschaftstheorie erhoffen darf. Teilnahmevoraussetzung ist die hohe Motivation, schwierige, oftmals „dicke" Bücher vollständig zu lesen und gemeinsam zu diskutieren.
Im Sommersemester 2021 wird folgendes Buch gelesen: Stäheli, Urs (2021): Soziologie der Entnetzung. Berlin: Suhrkamp (stw 2337, Kosten: 28,- Euro).
Kommentar:
Die Vorlesung Soziologische Theorien II schließt an die Vorlesung Soziologische Theorien des Wintersemesters an und gibt einen einführenden Überblick über weitere und vor allem neuere soziologische Theorieströmungen. Sie richtet sich zum einen an alle Interessierten, die gern einen breiteren Überblick über die soziologische Theorienlandschaft bekommen möchten als ihn die VL im Winter zu liefern vermag. Zum anderen können die Leistungen, die für das Bestehen der VL Soziologische Theorien im Haupt- oder Nebenfach Soziologie erforderlich sind, im Rahmen dieser Veranstaltung an neuem Stoff wiederholt werden, falls erforderlich (s. Bemerkung unten). Inhaltlich werden neben einigen Klassikern der Soziologischen Theorie, die im Winter allenfalls angerissen werden konnten (etwa Gabriel Tarde, Norbert Elias, Harold Garfinkel, Erving Goffman, Ralf Dahrendorf u.a.) wichtige Theorien und Theoriedebatten vorgestellt, etwa die Theorie der Strukturierung (Anthony Giddens), die Akteur-Netzwerk-Theorie (Bruno Latour u.a.), neuere pragmatistische Theorieentwicklungen, feministische Theorieansätze, die Theorie der Risikogesellschaft, Weiterentwicklungen der Kritischen Theorie (Axel Honneth u.a.) u.v.m.
Literatur:
Als einführende Literatur kann neben dem Lehrbuch des Wintersemesters (s.u. Rosa et al. 2018) nachfolgende Literatur empfohlen werden:
Gertenbach, Lars/Laux, Henning (2019): Zur Aktualität von Bruno Latour. Einführung in sein Werk. Wiesbaden: Springer VS.
Joas, Hans/Knöbl, Wolfgang (2004): Sozialtheorie. Zwanzig einführende Vorlesungen. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
Lamla, Jörn (2003): Anthony Giddens. Frankfurt/New York: Campus (Reihe: Campus-Einführungen).
Lamla, Jörn/Laux, Henning/Rosa, Hartmut/Strecker, David (Hg.) (2014): Handbuch der Soziologie. Konstanz (Reihe: UTB).
Rosa, Hartmut/Strecker, David/Kottmann, Andrea (2018): Soziologische Theorien. 3., aktualisierte Aufl. Konstanz: UVK (Reihe: UTB basics).
Wintersemester 2020/21
Kommentar:
Das Projektseminar widmet sich dem Berufsfeld des Verbraucherschutzes mit einer professionssoziologischen Perspektive. Es fragt gegenstandsnah und empirisch, wie sich dieses Berufsfeld verändert und welche Kompetenzen hierfür typischerweise mitgebracht und zukünftig gebraucht werden. Hintergrund dieser Fragestellung ist der erhebliche Wandel der Ansprache und Einbeziehung von Verbraucherinnen und Verbrauchern im Zuge der gesellschaftlichen Digitalisierung. Von Verbraucherinnen und Verbrauchern werden digitale Profile erstellt, sie werden über Social Media in Produktbewertungsprozesse einbezogen und mit algorithmisch generierten Empfehlungen konfrontiert. Auch durch Robotik, Künstliche Intelligenz und das Internet der Dinge verändert sich der Verbraucheralltag stark. Im Seminar soll ausgehend von der Entstehungsgeschichte des Politik- und Berufsfeldes und grundlegenden Texten zu gesellschaftlichen Professionalisierungsbedarfen und -prozessen in vergleichbaren Feldern erforscht werden, was einen professionellen digitalen Verbraucherschutz ausmacht.
Um diese Forschung praxisnah durchführen zu können, ist eine Kooperation mit dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) geplant. Das BSI baut gerade eine große Abteilung für digitalen Verbraucherschutz neu auf und sucht hierfür die Kooperation mit den interdisziplinären Verbraucherwissenschaften. Kontakte des Seminarleiters zu dieser Abteilung bestehen bereits. Seminarteilnehmende können folglich durch digitale Interviews mit Expertinnen und Experten aus Wissenschaft und Praxis an der professionellen Ausgestaltung des Berufsfeldes aktiv mitdenken und mitwirken. Zugleich lernen sie ein Berufsfeld kennen, das auch für Soziologinnen und Soziologen zunehmend relevant und attraktiv werden dürfte.
Das BSI bietet auch an, ausgewählte Bachelor- oder Masterarbeiten zu Themen des digitalen Verbraucherschutzes zu fördern und mit zu betreuen. Nähere Informationen hierzu werden in der ersten Sitzung mitgeteilt.
Kommentar:
Bei dieser gemischten Veranstaltung handelt es sich um eine dauerhafte Einrichtung der Professur für Soziologische Theorie. Die Werkstatt steht insbesondere Studierenden der Abschlusssemester (BA und MA) sowie Doktorandinnen und Doktoranden offen, die sich eine Besprechung des theoretischen Rahmens, des Forschungsdesigns oder die gemeinsame Arbeit an empirischem Material ihrer Abschlussarbeiten, Dissertationen oder Projekte wünschen. Masterstudierenden, die ihre Masterarbeit im Fachgebiet Soziologische Theorie schreiben, kann diese Veranstaltung als Masterkolloquium anerkannt werden.
Interesse an einem Werkstatttermin bitte vorab bis spätestens 23.10.2020 per Email an den Dozenten (lamla (at) uni-kassel.de) bekunden. Besonders willkommen sind Studien, die theoretische und empirische Forschung auf innovative Weise miteinander zu verknüpfen versuchen. Auch ein bis zwei Gastvorträge sind pro Semester vorgesehen.
50% der Sitzungen werden als gemeinsamer Lektürekreis gestaltet, der einem halben Seminar entspricht (s. Bemerkung). Darin werden solche neueren Werke besprochen, von denen sich die Soziologie Impulse für die Weiterentwicklung der Gesellschaftstheorie erhoffen darf. Teilnahmevoraussetzung ist die hohe Motivation, schwierige, oftmals „dicke" Bücher vollständig zu lesen und gemeinsam zu diskutieren.
Im Wintersemester 2020/21 wird folgendes Buch gelesen: Descola, Philippe (2018): Jenseits von Natur und Kultur. 2. Aufl. Berlin: Suhrkamp (28,- Euro).
Kommentar:
Das Seminar widmet sich den für demokratische Gesellschaften unverzichtbaren kritischen Kompetenzen ihrer Bürger:innen und fragt, was diese Kompetenzen konkret auszeichnet und wie sie wissenschaftlich bestimmt werden können. Hierzu werden grundlegende und neure Texte aus dem Umfeld der kritischen Theorie sowie der Soziologie der Rechtfertigung und der damit verwandten Valuation Studies gemeinsam gelesen, vorgestellt und diskutiert. Die gemeinsame Literaturarbeit und vergleichende Diskussion der Texte steht im Seminar im Vordergrund, so dass regelmäßige Lektüre unabdingbar ist.
Literatur zur Einführung:
Boltanski, Luc / Thévenot, Laurent (2007): Über die Rechtfertigung. Eine Soziologie der kritischen Urteilskraft. Konstanz: UVK.
Celikates, Robin (2009): Kritik als soziale Praxis. Gesellschaftliche Selbstverständigung und kritische Theorie. Frankfurt/M.; New York: Campus.
Jaeggi, Rahel / Wesche, Thilo (Hg.) (2009): Was ist Kritik? Frankfurt/Main: Suhrkamp.
Habermas, Jürgen (1983): Moralbewußtsein und kommunikatives Handeln. Frankfurt/M.: Suhrkamp, S. 127-206.
Kommentar:
Die Vorlesung führt grundlegend und problemorientiert in die soziologischen Theorien ein. Sie gibt einen Überblick über die wichtigsten klassischen und zeitgenössischen Beiträge zur Analyse der modernen Gesellschaft (von Marx, Durkheim, Weber und Simmel bis hin zu den komplexen Theorien von Parsons, Luhmann und Habermas sowie ergänzend auch Foucault, Bourdieu, dem Rational-Choice-Ansatz, Giddens, Latour usw.). Der Fokus wird dabei auf die in allen Theorieschulen wiederkehrenden Grundprobleme soziologischer Theoriebildung gerichtet. Sie reichen von methodologischen Problemen soziologischer Wissensgenerierung und grundbegrifflichen Bestimmungen des Sozialen über die Erklärung gesellschaftlichen Wandels und der Spezifika moderner gegenüber vormodernen Gesellschaften bis zur Zeitdiagnose aktueller Entwicklungen und zur wissenschaftlichen Begründung von normativen Haltungen zu gesellschaftlichen Missständen. Die Studierenden sollen an verschiedenen einflussreichen Positionen die Herausforderungen der Komposition einer komplexen Gesellschaftstheorie kennenlernen.
Literatur:
In der Vorlesung wird folgendes Lehrbuch verwendet:
Rosa, Hartmut/Strecker, David/Kottmann, Andrea (2018): Soziologische Theorien. 3., aktualisierte Aufl. Konstanz: UVK (Reihe: UTB basics).
Sommersemester 2020
Kommentar:
An Kontroversen um Dinge wie das Laborfleisch lassen sich gesellschaftliche Probleme und Konflikte wie unter einem Brennglas studieren. Laborfleisch (oder auch: Cultured Meat, In Vitro Meat oder Clean Meat) steht für "künstlich" gewachsenes "echtes" Fleisch, das aus einer durch Biopsie entnommenen tierischen Stammzelle hervorgeht, die außerhalb des Tierkörpers und damit ohne Tierschlachtung im Labor zum Wachsen gebracht wird. Soziologisch spannend ist diese technische Innovation, weil sich in ihr gesellschaftliche Konflikte manifestieren, etwa der Konflikt zwischen exzessivem Fleischkonsum und der damit einhergehenden Klimabelastung (insbesondere durch Gülle und den Methan-Ausstoß von Wiederkäuern). Darüber hinaus reagiert das Laborfleisch aber auch auf den Konflikt um die industrielle Massentierhaltung und die Frage nach einem angemessenen Verhältnis zwischen Mensch und Tier. Auch die Frage, inwiefern die heutigen gesellschaftlichen Probleme durch Technik mehr oder weniger unbemerkt (zumindest an der Fleischtheke im Supermarkt) gelöst werden können oder aber umfassende Einstellungs- und Verhaltensänderungen in der gesamten Bevölkerung erfordern, spielt hier hinein. Sodann schließlich auch die Kontroverse über Risiken und unbekannte Auswirkungen einer solchen Umstellung der Fleischproduktion und des Fleischkonsums auf High-Tech-Produkte. Hinzu kommen Konflikte und Differenzen zwischen Religionen und ihren Ernährungstraditionen und -konventionen, Konflikte zwischen Generationen und gesellschaftlichen Subgruppen (etwa Veganismus vs. Hobby-Grillen) usw.
Ziel des Empiriepraktikums ist es, diese Konfliktlandschaft der Kontroverse gemeinsam und arbeitsteilig zu kartographieren und einzuschätzen. Hierfür kommen qualitative Methoden der Situationsanalyse (Adele Clarke) sowie narrativer Interviews und Expert_inneninterviews zum Einsatz, die in der Veranstaltung erläutert und erprobt werden. Die Studierenden sollen sich jeweils einer bestimmten Gruppierung, die in die Konfliktlandschaft einbezogen ist (z.B. Konsumierende, konventionelle Landwirtschaft, Labortechnik oder Tierschutz), zuwenden und deren Haltung zum Laborfleisch vor dem Hintergrund ihrer jeweiligen Praktiken und Interessen erheben und analysieren. Diese Positionen sollen anschließend gemeinsam zueinander ins Verhätnis gesetzt und soziologisch eingeschätzt werden (Arena-Analyse): Welche Positionen setzen sich vermutlich durch? Welche neuen Bündnisse entstehen, welche alten zerfallen? Welchen Einfluss haben die Konflikte auf den Verlauf der Kontroverse um das Laborfleisch?
Literatur:
Clarke, Adele E. (2012): Situationsanalyse. Grounded Theory nach dem Postmodern Turn. Wiesbaden: Springer VS.
Wintersemester 2019/20
Kommentar:
An Kontroversen um Dinge wie das Laborfleisch lassen sich gesellschaftliche Probleme und Konflikte wie unter einem Brennglas studieren. Laborfleisch (oder auch: Cultured Meat, In Vitro Meat oder Clean Meat) steht für "künstlich" gewachsenes "echtes" Fleisch, das aus einer durch Biopsie entnommenen tierischen Stammzelle hervorgeht, die außerhalb des Tierkörpers und damit ohne Tierschlachtung im Labor zum Wachsen gebracht wird. Soziologisch spannend ist diese technische Innovation, weil sich in ihr gesellschaftliche Konflikte manifestieren, etwa der Konflikt zwischen exzessivem Fleischkonsum und der damit einhergehenden Klimabelastung (insbesondere durch Gülle und den Methan-Ausstoß von Wiederkäuern). Darüber hinaus reagiert das Laborfleisch aber auch auf den Konflikt um die industrielle Massentierhaltung und die Frage nach einem angemessenen Verhältnis zwischen Mensch und Tier. Auch die Frage, inwiefern die heutigen gesellschaftlichen Probleme durch Technik mehr oder weniger unbemerkt (zumindest an der Fleischtheke im Supermarkt) gelöst werden können oder aber umfassende Einstellungs- und Verhaltensänderungen in der gesamten Bevölkerung erfordern, spielt hier hinein. Sodann schließlich auch die Kontroverse über Risiken und unbekannte Auswirkungen einer solchen Umstellung der Fleischproduktion und des Fleischkonsums auf High-Tech-Produkte. Hinzu kommen Konflikte und Differenzen zwischen Religionen und ihren Ernährungstraditionen und -konventionen, Konflikte zwischen Generationen und gesellschaftlichen Subgruppen (etwa Veganismus vs. Hobby-Grillen) usw.
Ziel des Empiriepraktikums ist es, diese Konfliktlandschaft der Kontroverse gemeinsam und arbeitsteilig zu kartographieren und einzuschätzen. Hierfür kommen qualitative Methoden der Situationsanalyse (Adele Clarke) sowie narrativer Interviews und Expert_inneninterviews zum Einsatz, die in der Veranstaltung erläutert und erprobt werden. Die Studierenden sollen sich jeweils einer bestimmten Gruppierung, die in die Konfliktlandschaft einbezogen ist (z.B. Konsumierende, konventionelle Landwirtschaft, Labortechnik oder Tierschutz), zuwenden und deren Haltung zum Laborfleisch vor dem Hintergrund ihrer jeweiligen Praktiken und Interessen erheben und analysieren. Diese Positionen sollen anschließend gemeinsam zueinander ins Verhätnis gesetzt und soziologisch eingeschätzt werden (Arena-Analyse): Welche Positionen setzen sich vermutlich durch? Welche neuen Bündnisse entstehen, welche alten zerfallen? Welchen Einfluss haben die Konflikte auf den Verlauf der Kontroverse um das Laborfleisch?
Literatur:
Clarke, Adele E. (2012): Situationsanalyse. Grounded Theory nach dem Postmodern Turn. Wiesbaden: Springer VS.
Kommentar:
Inwiefern werden das Denken und die Organisation von Gesellschaft durch Maschinen-Metaphern geprägt? Und was folgt daraus heute, angesichts der enormen Ausweitung der Digitalisierung? Diesen Fragen will das Masterseminar nachgehen. Mit dem heuristischen Konzept der "Gesellschaft als soziale Maschine" soll den Metamorphosen der Maschinenmetapher durch das Denken von Gesellschaft in verschiedenen Epochen nachgespürt werden und sollen sodann deren Einflüsse auf das soziale Leben selbst theoriegeschichtlich aufgearbeitet werden. In der Industrialisierung und bei soziologischen Denkern wie Saint Simon, Comte oder Durkheim, aber auch Marx und in kritischer Absicht bei Adorno und vielen anderen sind solche Einflüsse unübersehbar. Ein Schwerpunkt des Seminars wird dann aber auf der Diskussion liegen, wie sich diese Zusammenhänge in der Gegenwart umfassender Digitalisierung darstellen (s. Literaturauswahl). So sollen auch Utopien, Dystopien und die Sichtweisen verschiedener Gruppen (z.B. der Eliten des Silicon Valley) analysiert und hinterfragt werden. Durch die systematische Verknüpfung von technisch gestalteten digitalen Umgebungen mit Erkenntnissen zur Steuerung und Programmierung des (sozialen) Verhaltens, so lautet eine mögliche Hypothese, werden heute neue Kontroll- und Überwachungsformen geschaffen sowie menschliche und künstliche Intelligenz zunehmend verschmolzen (hybridisiert). Doch welche Verluste an sozialer und demokratischer Intelligenz gehen mit einer solchen neuen Logik der maschinellen Organisation des Sozialen einher? Das wollen wir herauszufinden versuchen.
Literatur:
Bächle, Thomas Christian (2015): Mythos Algorithmus. Die Fabrikation des computerisierbaren Menschen. Wiesbaden: Springer VS.
Bischof, Michael (2017): Soziale Maschinen bauen. Epistemische Praktiken der Sozialrobotik. Bielefeld: transcript.
Deleuze, Gilles; Guattari, Félix (1992): Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie II. Berlin: Merve.
Engemann, Christoph; Sudmann, Andreas (Hg.) (2017): Machine Learning – Medien, Infrastrukturen und Technologien der Künstlichen Intelligenz. Bielefeld: transcript.
Nassehi, Armin (2019): Muster. Theorie der digitalen Gesellschaft. München: C.H. Beck.
Seyfert, Robert; Roberge, Jonathan (2017): Algorithmuskulturen. Über die rechnerische Konstruktion der Wirklichkeit. Bielefeld: transcript.
Shadbolt, Nigel; O’Hara, Kieron; Roure, David de; Hall, Wendy (2019): Theory and Practice of Social Machines. Springer Nature (eBook).
Weyer, Johannes (2019): Die Echtzeitgesellschaft. Wie smarte Technik unser Leben steuert. Frankfurt/Main, New York: Campus.
Zuboff, Shoshana (2019): The age of surveillance capitalism. The fight for a human future at the new frontier of power. New York: PublicAffairs.
Kommentar:
Bei dieser gemischten Veranstaltung handelt es sich um eine dauerhafte Einrichtung der Professur für Soziologische Theorie. Die Werkstatt steht insbesondere Studierenden der Abschlusssemester (BA und MA) sowie Doktorandinnen und Doktoranden offen, die sich eine Besprechung des theoretischen Rahmens, des Forschungsdesigns oder die gemeinsame Arbeit an empirischem Material ihrer Abschlussarbeiten, Dissertationen oder Projekte wünschen. Interesse an einem Werkstatttermin bitte vorab bis spätestens 14.10.2019 per Email an den Dozenten (lamla (at) uni-kassel.de) bekunden. Besonders willkommen sind Studien, die theoretische und empirische Forschung auf innovative Weise miteinander zu verknüpfen versuchen. Auch ein bis zwei Gastvorträge sind pro Semester vorgesehen.
50% der Sitzungen werden als gemeinsamer Lektürekreis gestaltet. Darin werden solche neueren Werke besprochen, von denen sich die Soziologie Impulse für die Weiterentwicklung der Gesellschaftstheorie erhoffen darf. Teilnahmevoraussetzung ist die hohe Motivation, schwierige, oftmals „dicke" Bücher vollständig zu lesen und gemeinsam zu diskutieren.
Kommentar:
Die Vorlesung führt grundlegend und problemorientiert in die soziologischen Theorien ein. Sie gibt einen Überblick über die wichtigsten klassischen und zeitgenössischen Beiträge zur Analyse der modernen Gesellschaft (von Marx, Durkheim, Weber und Simmel bis hin zu den komplexen Theorien von Parsons, Luhmann und Habermas sowie ergänzend auch Foucault, Bourdieu, dem Rational-Choice-Ansatz, Giddens, Latour usw.). Der Fokus wird dabei auf die in allen Theorieschulen wiederkehrenden Grundprobleme soziologischer Theoriebildung gerichtet. Sie reichen von methodologischen Problemen soziologischer Wissensgenerierung und grundbegrifflichen Bestimmungen des Sozialen über die Erklärung gesellschaftlichen Wandels und der Spezifika moderner gegenüber vormodernen Gesellschaften bis zur Zeitdiagnose aktueller Entwicklungen und zur wissenschaftlichen Begründung von normativen Haltungen zu gesellschaftlichen Missständen. Die Studierenden sollen an verschiedenen einflussreichen Positionen die Herausforderungen der Komposition einer komplexen Gesellschaftstheorie kennenlernen.
Literatur:
In der Vorlesung wird folgendes Lehrbuch verwendet:
Rosa, Hartmut/Strecker, David/Kottmann, Andrea (2018): Soziologische Theorien. 3., aktualisierte Aufl. Konstanz: UVK (Reihe: UTB basics).
Wintersemester 2018/19
Kommentar:
Bei dieser gemischten Veranstaltung handelt es sich um eine dauerhafte Einrichtung der Professur für Soziologische Theorie. Die Werkstatt steht insbesondere Studierenden der Abschlusssemester (BA und MA) sowie Doktorandinnen und Doktoranden offen, die sich eine Besprechung des theoretischen Rahmens, des Forschungsdesigns oder die gemeinsame Arbeit an empirischem Material ihrer Abschlussarbeiten, Dissertationen oder Projekte wünschen (Interesse an einem Werkstatttermin bitte vorab bis spätestens 15.10.2017 per Email an den Dozenten bekunden). Besonders willkommen sind Studien, die theoretische und empirische Forschung auf innovative Weise miteinander zu verknüpfen versuchen. Auch ein bis zwei Gastvorträge sind pro Semester vorgesehen.
50% der Sitzungen werden als gemeinsamer Lektürekreis gestaltet. Darin werden solche neueren Werke besprochen, von denen sich die Soziologie Impulse für die Weiterentwicklung der Gesellschaftstheorie erhoffen darf. Teilnahmevoraussetzung ist die hohe Motivation, schwierige, oftmals „dicke" Bücher vollständig zu lesen und gemeinsam zu diskutieren.
Literatur:
Im Wintersemester 2018/19 wird folgendes Buch gemeinsam gelesen:
Reckwitz, Andreas (2017): Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne. Berlin: Suhrkamp
ergänzend wird gelesen:
Mau, Steffen (2017): Das metrische Wir. Über die Quantifizierung des Sozialen. Berlin: Suhrkamp
Kommentar:
Die Vorlesung führt grundlegend und problemorientiert in die soziologischen Theorien ein. Sie gibt einen Überblick über die wichtigsten klassischen und zeitgenössischen Beiträge zur Analyse der modernen Gesellschaft (von Marx, Durkheim, Weber und Simmel bis hin zu den komplexen Theorien von Parsons, Luhmann und Habermas sowie ergänzend auch Foucault, Bourdieu, dem Rational-Choice-Ansatz, Giddens, Latour usw.). Der Fokus wird dabei auf die in allen Theorieschulen wiederkehrenden Grundprobleme soziologischer Theoriebildung gerichtet. Sie reichen von methodologischen Problemen soziologischer Wissensgenerierung und grundbegrifflichen Bestimmungen des Sozialen über die Erklärung gesellschaftlichen Wandels und der Spezifika moderner gegenüber vormodernen Gesellschaften bis zur Zeitdiagnose aktueller Entwicklungen und zur wissenschaftlichen Begründung von normativen Haltungen zu gesellschaftlichen Missständen. Die Studierenden sollen an verschiedenen einflussreichen Positionen die Herausforderungen der Komposition einer komplexen Gesellschaftstheorie kennenlernen.
In der Vorlesung wird folgendes Lehrbuch verwendet:
Rosa, Hartmut/Strecker, David/Kottmann, Andrea (2013): Soziologische Theorien. 2., überarb. Aufl. Konstanz: UVK (Reihe: UTB basics).
Sommersemester 2018
Kommentar:
Die sogenannten "Science and Technology Studies" (STS) sind ein stark aufstrebendes Forschungsfeld, das nicht nur die Produktion wissenschaftlichen Wissens in ein neues Licht gerückt hat, sondern mit dem veränderten Blick auf die soziale Wirkmacht von Technik und materiellen Artefakten auch die Vorstellung von Gesellschaft und ihren Institutionen irritiert und modifiziert. Die soziologische Theorie erhält folglich starke und innovative Impulse ausgehend von diesen Studien. Sie verändern die Sicht auf immer mehr Bereiche des gesellschaftlichen Lebens, etwa auf die Wirtschaft, das Zusammenleben mit Tieren oder den Körper und sein Geschlecht. Dabei darf nicht übersehen werden, dass es eine einheitliche Theorie dieser Wissenschafts- und Technikforschung gar nicht gibt. Vielmehr hat sich die Forschungsrichtung der STS über mehrere Stufen und in Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Theorieströmungen und Problemstellungen schrittweise entwickelt, wobei es bis heute unterschiedliche Ausrichtungen und Stoßrichtungen gibt. Im Seminar soll diese Entwicklung ausgehend von klassischen Positionen der Science and Technology Studies nachgezeichnet werden. Dazu bietet sich ein 2017 neu erschiener Sammelband mit deutschen Übersetzungen grundlegender Arbeiten der STS an, der im Seminar von allen Teilnehmenden gemeinsam durchgearbeitet werden soll (Lektüreseminar).
Literatur:
Folgendes Buch wird als Seminargrundlage zum Kauf empfohlen (Es dient als zentrale Seminarlektüre und kostet 26,- Euro):
Bauer, Susanne/Heinemann, Torsten/Lemke, Thomas (Hg): Science and Technology Studies. Klassische Positionen und aktuelle Perspektiven. Berlin: Suhrkamp 2017. (ISBN: 978-3-518-29793-3)
Weitere Literatur wird zu Beginn des Seminars über einen Seminarplan bekannt gemacht und in einem Handapparat in der Universitätsbibliothek sowie über Moodle bereitgestellt.
Kommentar:
Was ist damit gemeint und was muss man darunter verstehen, wenn die Soziologie dem Wortsinn nach die »Lehre von der Gesellschaft« ist? Betreibt und studiert man Soziologie, ist man mehr als in anderen Fächern mit dem Problem konfrontiert, den genauen Gegenstandsbereich des eigenen Faches zu bestimmen. Um über »die Gesellschaft« zu forschen, bedarf es daher immer auch theoretischer Grundannahmen darüber, was der Gegenstandsbereich der Soziologie ist (in Abgrenzung etwa zu anderen Fächern) und was die Soziologie erklären soll oder kann. Diese Fragen verweisen auf die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit soziologischer Theorie.
Einen möglichen Zugang zu den verschiedenen Ebenen und Grundpositionen soziologischer Theoriebildung stellen fundamentale Kontroversen bzw. Konfliktlinien dar, die die Soziologie wiederkehrend beschäftigen. Jene Kontroversen stecken auf markante Weise die Problemdimensionen des Fachs ab. Zugleich zeigen sie in exemplarischer Form sowohl die verschiedenen, konkurrierenden Paradigmen als auch die verbindenden Elemente der Soziologie. Anstatt also einzelne Autoren vertiefend zu lesen, soll im Seminar ein spezifischer Problemkreis gesellschaftlicher Wirklichkeitsdeutung erschlossen und diskutiert werden.
In diesem Seminar werden mit Bewegung und Konflikt zwei grundlegende theoretische Perspektiven auf Instabilitäten und Wandel von Gesellschaften behandelt. Auf den ersten Blick scheinen sich diese weitreichend zu überschneiden, stellen doch Protestbewegungen eine verbreitete Form gesellschaftlicher Konfliktartikulation dar. Aber bei genauerer Betrachtung wird deutlich, dass sich Bewegung und Konflikt je nach theoretischem Zugang sehr unterschiedlich konzeptionalisieren und deuten lassen. Ziel des Seminars ist es, einen Überblick über das Spektrum dieser konzeptionellen Zugänge zu erhalten.
Literatur:
Zur Vorbereitung und allgemeinen Einführung in den Gegenstandsbereich der soziologischen Theorie sind empfohlen:
Jörn Lamla/Henning Laux/Hartmut Rosa/David Strecker (Hg.): Handbuch der Soziologie. Konstanz: UVK (Reihe: UTB), 2014.
Hans Joas/ Wolfgang Knöbl: Sozialtheorie. 20 einführende Vorlesungen, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2004 (2. Aufl.).
Hartmut Rosa/ David Strecker/ Andrea Kottmann: Soziologische Theorien, Konstanz: UVK, 2013 (2. Aufl.).
Georg Kneer/Stephan Moebius (Hg.): Soziologische Kontroversen - Beiträge zu einer anderen Geschichte der Wissenschaft vom Sozialen, Frankfurt: Suhrkamp, 2010.
Lars Gertenbach/Heike Kahlert/Stefan Kaufmann/Hartmut Rosa/Christine Weinbach: Soziologische Theorien, Stuttgart: UTB (Fink), 2009.
Zur Einführung in den Themenkomplex "Bewegung und Konflikt" eignen sich:
Bonacker, Thorsten (Hrsg.): Sozialwissenschaftliche Konflikttheorien. 4. Auflage. Wiesbaden 2008.
Hellmann, Kai-Uwe/Koopmans, Ruud (Hrsg.): Paradigmen der Bewegungsforschung. Opladen 1998.
Wintersemester 2017/18
Kommentar:
Bei dieser gemischten Veranstaltung handelt es sich um eine dauerhafte Einrichtung der Professur für Soziologische Theorie. Die Werkstatt steht insbesondere Studierenden der Abschlusssemester (BA und MA) sowie Doktorandinnen und Doktoranden offen, die sich eine Besprechung des theoretischen Rahmens, des Forschungsdesigns oder die gemeinsame Arbeit an empirischem Material ihrer Abschlussarbeiten, Dissertationen oder Projekte wünschen (Interesse an einem Werkstatttermin bitte vorab bis spätestens 15.10.2017 per Email an den Dozenten bekunden). Besonders willkommen sind Studien, die theoretische und empirische Forschung auf innovative Weise miteinander zu verknüpfen versuchen. Auch ein bis zwei Gastvorträge sind pro Semester vorgesehen.
50% der Sitzungen werden als gemeinsamer Lektürekreis gestaltet. Darin werden solche neueren Werke besprochen, von denen sich die Soziologie Impulse für die Weiterentwicklung der Gesellschaftstheorie erhoffen darf. Teilnahmevoraussetzung ist die hohe Motivation, schwierige, oftmals „dicke" Bücher vollständig zu lesen und gemeinsam zu diskutieren.
Literatur:
Im Wintersemester 2017/18 wird folgendes Buch gemeinsam gelesen:
Latour, Bruno (2017): Kampf um Gaia. Acht Vorträge über das neue Klimaregime. Berlin: Suhrkamp.
Kommentar:
Die Vorlesung führt grundlegend und problemorientiert in die soziologischen Theorien ein. Sie gibt einen Überblick über die wichtigsten klassischen und zeitgenössischen Beiträge zur Analyse der modernen Gesellschaft (von Marx, Durkheim, Weber und Simmel bis hin zu den komplexen Theorien von Parsons, Luhmann und Habermas sowie ergänzend auch Foucault, Bourdieu, dem Rational-Choice-Ansatz, Giddens, Latour usw.). Der Fokus wird dabei auf die in allen Theorieschulen wiederkehrenden Grundprobleme soziologischer Theoriebildung gerichtet. Sie reichen von methodologischen Problemen soziologischer Wissensgenerierung und grundbegrifflichen Bestimmungen des Sozialen über die Erklärung gesellschaftlichen Wandels und der Spezifika moderner gegenüber vormodernen Gesellschaften bis zur Zeitdiagnose aktueller Entwicklungen und zur wissenschaftlichen Begründung von normativen Haltungen zu gesellschaftlichen Missständen. Die Studierenden sollen an verschiedenen einflussreichen Positionen die Herausforderungen der Komposition einer komplexen Gesellschaftstheorie kennenlernen.
In der Vorlesung wird folgendes Lehrbuch verwendet:
Rosa, Hartmut/Strecker, David/Kottmann, Andrea (2013): Soziologische Theorien. 2., überarb. Aufl. Konstanz: UVK (Reihe: UTB basics).
Sommersemester 2017
Kommentar:
Das Masterseminar führt am Beispiel der Neubestimmung des Politischen und des Ökonomischen in die Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT) ein. Entstanden im Kontext der Wissenschafts- und Technikforschung hat sich die ANT inzwischen zu einem umfassenden Theorieansatz entwickelt, der überraschende Perspektiven auch auf das klassische Feld der "Politischen Ökonmie" eröffnet: Mit diesem Ansatz werden neue Wege für die Wirtschafts- oder Verbraucherdemokratie denkbar, werden die transnationalen ökonomischen Verflechtungen und Wertschöpfungsketten als Orte politischer (Neu-)Versammlung konzipierbar und gerät zudem das Materielle, die Dingwelt, einschließlich ihrer ökologischen Interdependenzen auf neue Weise ins Zentrum der theoretischen und praktischen Auseinandersetzung. Anhand von grundlegenden Beiträgen von Bruno Latour, Michel Callon, Noortje Marres, Graham Harman u.a. werden die verschiedenen Anläufe in diesem Themenkomplex vergleichend gelesen und besprochen.
Literatur:
Belliger, A./Krieger, D. J. (Hg.) (2006): ANThology. Ein einführendes Handbuch zur Akteur-Netzwerk-Theorie. Bielefeld: transkript.
Braun, B./ Whatmore,Sarah J. (Eds.) (2010): Political Matter: Technoscience, Democracy, and Public Life. Minneapolis/London: University of Minnesota Press.
Callon, M., Lascoumes, P. & Barthe, Y. (2011). Acting in an Uncertain World. An Essay on Technical Democracy. Cambridge, MA/London: MIT Press.
Gertenbach, Lars (2016): Politik – Diplomatie – Dezisionismus. Über das Politische in den neueren Schriften von Bruno Latour, in: Soziale Welt. Zeitschrift für sozialwissenschaftliche Forschung und Praxis, Jg. 67, H. 3, S. 281-297.
Harman, G. (2014): Bruno Latour. Reassembling the Political, London: Pluto Press.
Lamla, J. (2013): Arenen des Demokratischen Experimentalismus. Zur Konvergenz von nordamerikanischem und französischem Pragmatismus. Berliner Journal für Soziologie, Jg. 23, H. 3-4, S. 345-365.
Lamla, J. (2016): Die Politik der Moderne(n). In: Laux, H. (Hg.): Bruno Latours Existenzweisen. Einführung und Diskussion. Bielefeld: Transcript, S. 79-94.
Lamla, J. (2016): Repression, Konstitution und Transformation: Das Politische als Neuversammlung gesellschaftlicher Macht. In: Soziologische Revue, Bd. 39, Heft 1, S. 41-59.
Lamla, J./Laser, S. (2016): Nachhaltiger Konsum im transnationalen Wertschöpfungskollektiv. Versammlungsdynamiken in der Politischen Ökonomie des Elektroschrotts. Berliner Journal für Soziologie Jg. 26, Heft 2, S. 249-271.
Latour, B. (2005): Von der „Realpolitik” zur „Dingpolitik” oder wie man Dinge öffentlich macht. Berlin: Merve.
Latour, B. (2010 [1999]): Das Parlament der Dinge. Für eine politische Ökologie. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
Latour, B.; Lépinay, V. (2010): Die Ökonomie als Wissenschaft der leidenschaftlichen Interessen. Berlin: Suhrkamp.
Latour, B. (2014): Existenzweisen. Eine Anthropologie der Modernen. Berlin: Suhrkamp.
Laux, H. (2016): Die politische Theorie der Akteur-Netzwerke: Bruno Latour. In: Brodocz, A./Schaal, G. (Hg.): Politische Theorien der Gegenwart, Bd. 3, Opladen: UTB, 442-474.
Lemke, Th. (2010): ”Waffen sind an der Garderobe abzugeben”. Bruno Latours Entwurf einer politischen Ökologie. In: Bröckling, U./Feustel, R. (Hg.): Das Politische denken. Zeitgenössische Positionen, Bielefeld: transcript, 273-293
Marres, N. (2007): The Issues Deserve More Credit. Pragmatist Contributions to the Study of Public Involvement in Controversy. Social Studies of Science 37, S. 759–780.
Marres, N. (2005): No Issue, No Public. Democratic Deficits after the Displacement of Politics. Ph.D. dissertation, University of Amsterdam, URL: http://dare.uva.nl/document/2/38026.
Stengers, I. (2010/11): Cosmopolitics I+II. PostHumanities. Minneapolis/London: University of Minnesota Press.
Tellmann, U. (2016). Organisieren, Verbinden, Moralisieren. Latours Soziologie des Ökonomischen. In Laux, H. (Hg.). Bruno Latours Existenzweisen. Einführung und Diskussion. Bielefeld: transcript, S. 231-249.
Kommentar:
Was ist damit gemeint und was muss man darunter verstehen, wenn die Soziologie dem Wortsinn nach die »Lehre von der Gesellschaft« ist? Betreibt und studiert man Soziologie, ist man mehr als in anderen Fächern mit dem Problem konfrontiert, den genauen Gegenstandsbereich des eigenen Faches zu bestimmen. Um über »die Gesellschaft« zu forschen, bedarf es daher immer auch theoretischer Grundannahmen darüber, was der Gegenstandsbereich der Soziologie ist (in Abgrenzung etwa zu anderen Fächern) und was die Soziologie erklären soll oder kann. Diese Fragen verweisen auf die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit soziologischer Theorie.
Einen möglichen Zugang zu den verschiedenen Ebenen und Grundpositionen soziologischer Theoriebildung stellen fundamentale Kontroversen bzw. Konfliktlinien dar, die die Soziologie wiederkehrend beschäftigen. Jene Kontroversen stecken auf markante Weise die Problemdimensionen des Fachs ab. Zugleich zeigen sie in exemplarischer Form sowohl die verschiedenen, konkurrierenden Paradigmen als auch die verbindenden Elemente der Soziologie. Anstatt also einzelne Autoren vertiefend zu lesen, soll im Seminar ein spezifischer Problemkreis gesellschaftlicher Wirklichkeitsdeutung erschlossen und diskutiert werden.
In diesem Seminar werden mit Bewegung und Konflikt zwei grundlegende theoretische Perspektiven auf Instabilitäten und Wandel von Gesellschaften behandelt. Auf den ersten Blick scheinen sich diese weitreichend zu überschneiden, stellen doch Protestbewegungen eine verbreitete Form gesellschaftlicher Konfliktartikulation dar. Aber bei genauerer Betrachtung wird deutlich, dass sich Bewegung und Konflikt je nach theoretischem Zugang sehr unterschiedlich konzeptionalisieren und deuten lassen. Ziel des Seminars ist es, einen Überblick über das Spektrum dieser konzeptionellen Zugänge zu erhalten.
Literatur zur Einführung:
Bonacker, Thorsten (Hrsg.): Sozialwissenschaftliche Konflikttheorien. 4. Auflage. Wiesbaden 2008.
Hellmann, Kai-Uwe/Koopmans, Ruud (Hrsg.): Paradigmen der Bewegungsforschung. Opladen 1998.
Sommersemester 2016/17
Kommentar:
Wie verbinden wir uns miteinander in der Welt von heute? Über soziale Medien haben wir augenscheinlich immer mehr Möglichkeiten, mit anderen in Kontakt zu treten. Die rechnerische Verwaltung großer Datenmengen erlaubt es, immer genauer zu bestimmen, was bei den Einzelnen der Fall ist. Wir interagieren immer selbstverständlicher mit intelligenten Maschinen, die dadurch unentwegt selbst lernen, sich auf neue Situationen einzustellen. Wir spielen mit Apps, mit denen man über Bilder auf begehrenswerte Partner jeden Geschlechts in der näheren Umgebung aufmerksam wird. Gleichzeitig steigt der Bedarf nach Gemeinschaft, orientiert sich aber häufig eher am situativen Erleben und wird als Event konsumiert. Zuschauersportarten wie Fußball, Eishockey oder Tennis größeren Zuspruch denn je. Stand-Up-Comedians füllen Hallen, die Popmusik entwickelt immer neue Genres mit intimen Kenntnissen von Effekten und Historien, die Pop-Präferenzen zeigen sich in enorm differenzierten Szenen mit stillen Zeichen und impliziten Verpflichtungen. Schließlich verkörpert eine globale Ikone wie Papst Franziskus die sozialmoralische Sensibilität selbst für Nicht-Christen. Wie hängt das alles zusammen?
Von Emile Durkheim, der mit Büchern über die sozialen Determinanten des Selbstmords und die Netzwerkeffekte der Arbeitsteilung im Umbruch vom 19. zum 20. Jahrhundert die Soziologie als Wissenschaft mitbegründet hat, stammt die vielstimmige Metapher des sozialen Bandes. Durkheim hatte keine Untergangslust. Für ihn war die Menschen in der modernen Gesellschaft mit Individualismus, Korporatismus und Industrialismus viel fester und zugleich viel elastischer miteinander verbunden als in den vormodernen Gesellschaften mit feudalen Abhängigkeiten, ländlichen Gemeinschaften und in sich abgeschlossenen Manufakturen.
Wir wollen mit dieser Ringvorlesung die Metapher von Durkheim für unsere gegenwärtigen Gesellschaftserfahrungen aufgreifen. Wir vergesellschaften uns offenbar auf ganz neue und ganz alte Weisen zugleich. Das soziale Band der Gegenwart geht über den nationalen Container hinaus, es bezieht die maschinellen Akteure, das Internet der Dinge und die ökologische Sphäre mit ein. Und gleichzeitig unterläuft es die nationalstaatliche Solidaritätsgemeinschaft, indem es sich an Erlebnismilieus bildet oder auf geschlossene Gruppen und umgrenzte Gemeinschaften reduziert. Ausgehend von diesen Beobachtungen fragt die Ringvorlesung nach dem aktuellen Wandel der Formen und Gestalten sozialer Bindung, den alten und neuen Weisen des sozialen Zusammenhalts und dem Zerfall und der Neugründung sozialer Ordnungen.
Programm:
08.11.2016 Heinz Bude/Jörn Lamla (Kassel): Das soziale Band der Gegenwartsgesellschaft
15.11.2016 Oliver Nachtwey (Darmstadt): Konturen der Abstiegsgesellschaft und die Folgen für die soziale Integration
22.11.2016 Ewald Frie (Tübingen): Bedrohte Ordnungen und soziale Bänder. Vergleichende Überlegungen
29.11.2016 Hartmut Rosa (Jena/Erfurt): Hören und Antworten – Eine Kritik der Resonanzverhältnisse
06.12.2016 Philipp Staab (Hamburg): Das soziale Band im digitalen Kapitalismus
10.01.2017 Ulrich Dolata (Stuttgart): Schwärme, Gemeinschaften, Bewegungen: Kollektives Handeln im Internet
17.01.2017 Thomas Bedorf (Hagen): Das politische und das soziale Band
24.01.2017 Stephen Petermann (Büro AMO/OMA): Architektur und Ikonographie Europas. Zur Konstruktion europäischer Macht in Brüssel
31.01.2017 Manuela Boatcâ (Freiburg): Staatsbürgerschaft, Gemeinschaft und globale Ungleichheiten
Kommentar:
MA) sowie Doktorandinnen und Doktoranden offen, die sich eine Besprechung des theoretischen Rahmens, des Forschungsdesigns oder die gemeinsame Arbeit an empirischem Material ihrer Abschlussarbeiten, Dissertationen oder Projekte wünschen (Werkstatttermin bitte vorab bis spätestens 15.10.2016 per Email reservieren). Besonders willkommen sind Studien, die theoretische und empirische Forschung auf innovative Weise miteinander zu verknüpfen versuchen. Auch ein bis zwei Gastvorträge sind pro Semester vorgesehen.
50% der Sitzungen werden als gemeinsamer Lektürekreis gestaltet. Darin werden solche neueren Werke besprochen, von denen sich die Soziologie Impulse für die Weiterentwicklung der Gesellschaftstheorie erhoffen darf. Teilnahmevoraussetzung ist die hohe Motivation, schwierige, oftmals „dicke" Bücher vollständig zu lesen und gemeinsam zu diskutieren.
Literatur:
Rosa, Hartmut (2016): Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Berlin: Suhrkamp.
Kommentar:
Die Vorlesung führt grundlegend und problemorientiert in die soziologischen Theorien ein. Sie gibt einen Überblick über die wichtigsten klassischen und zeitgenössischen Beiträge zur Analyse der modernen Gesellschaft (von Marx, Durkheim, Weber und Simmel bis hin zu den komplexen Theorien von Parsons, Luhmann und Habermas sowie ergänzend auch Foucault, Bourdieu, dem Rational-Choice-Ansatz, Giddens, Latour usw.). Der Fokus wird dabei auf die in allen Theorieschulen wiederkehrenden Grundprobleme soziologischer Theoriebildung gerichtet. Sie reichen von methodologischen Problemen soziologischer Wissensgenerierung und grundbegrifflichen Bestimmungen des Sozialen über die Erklärung gesellschaftlichen Wandels und der Spezifika moderner gegenüber vormodernen Gesellschaften bis zur Zeitdiagnose aktueller Entwicklungen und zur wissenschaftlichen Begründung von normativen Haltungen zu gesellschaftlichen Missständen. Die Studierenden sollen an verschiedenen einflussreichen Positionen die Herausforderungen der Komposition einer komplexen Gesellschaftstheorie kennenlernen.
In der Vorlesung wird folgendes Lehrbuch verwendet:
Rosa, Hartmut/Strecker, David/Kottmann, Andrea (2013): Soziologische Theorien. 2., überarb. Aufl. Konstanz: UVK (Reihe: UTB basics)
ergänzend und zur Vertiefung wird folgendes Handbuch empfohlen:
Lamla, Jörn/Laux, Henning/Rosa, Hartmut/Strecker, David (Hrsg.) (2014): Handbuch der Soziologie. Konstanz: UVK (Reihe: UTB).
Kommentar:
Die Philosophie des Pragmatismus entstand zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts in den USA und ist mit den Namen Charles Sanders Peirce, William James, George Herbert Mead und John Dewey verbunden. Die Pragmatisten waren „at home in modernity“. Sie verfolgten einen praxisbezogenenund auf Problemlösungen orientierten Ansatz, der den naturwissenschaftlichen Experimentalismus in die Felder der Politik und Öffentlichkeit, der Kunst und der Forschung ausdehnte. Nachdem der Pragmatismus über einige Dekaden fast totgeglaubt schien, hat er seit den 1990er Jahren eine erstaunliche Renaissance vor allem in der internationalen Soziologie erfahren. Das Seminar stellt die grundlegenden Thesen des Pragmatismus in seiner Historie bis in die Gegenwart vor. Dabei wird die Theoriediskussion mit unterschiedlichen empirischen Anwendungsfeldern verknüpft.
Die SeminarteilnehmerInnen sollten Neugier auf empirische Explorationen mitbringen, die anhand von Fallstudien aus der Wissenschafts- und Technikforschung (STS) diskutiert werden. Weitere Teilnahmevoraussetzungen: Aktive und regelmäßige Teilnahme, regelmäßige Lektürekommentare auf Moodle, Bereitschaft zu englischsprachiger Lektüre
Sommersemester 2016
Kommentar:
Visualisierung: Von Konfliktkartierung als Analysewerkzeug zur öffentlichen Soziologie!
Die Konfliktlandschaften gegenwärtiger Gesellschaften werden immer komplizierter und unübersichtlicher; ihre öffentliche Nachvollziehbarkeit wird somit immer schwieriger und umso wichtiger. Beispiele hierfür sind grenzüberschreitende Konflikte aufgrund zunehmender globaler Abhängigkeiten und Wechselwirkungen (in Bereichen wie Migration, Konsum, Finanzmärkte usw.), Risikokonflikte (Gentechnik, Nahrungsergänzungsmittel usw.) oder Konflikte, bei denen sich unterschiedliche Gerechtigkeitsmaßstäbe (Gleichheit, Leistung, Bedarf, ökologische, ökonomische und soziale Nachhaltigkeit usw.) vielfältig überlagern. In solchen Situationen kann die soziologische Analyse entsprechender Konflikte von Methoden der Visualisierung sehr profitieren. Solche Methoden der Visualisierung, insbesondere des "Mapping of Controversies", werden derzeit in unterschiedlichen Bereichen erprobt. Insbesondere die digitalen Medien sind hierbei nicht nur willkommener Konflikt- und Analysegegenstand (etwa wenn es um das Sammeln privater Daten, um digitales Eigentum, um Plattformen wie Wikileaks oder Praktiken des Whistleblowings geht). Darüber hinaus sind digitale Medien auch für die Verbesserung von Visualisierungs- und Analysetools interessant. So können (digitale) Tools zur Kartierung von Kontroversen nicht zuletzt als Mittel der Wissenschaftskommunikation zum Einsatz kommen und damit die Schnittstelle von Soziologie und Öffentlichkeit bereichern (vgl. Beck 2013).
Kooperation mit der Kunsthochschule Kassel!
Ziel des zweisemestrigen Empiriepraktikums "Kontroversen kartographieren" ist es, den wissenschaftlichen Diskussionsstand zu Einsatzmöglichkeiten visueller Methoden aufzuarbeiten und die vorhandenen Tools zur Kartierung/Visualisierung von Konflikten auszuprobieren bzw. durch eigene Vorschläge zu ergänzen. In der Veranstaltung soll hierfür an selbstgewählten Beispielkonflikten mit den Möglichkeiten der kartographischen Analyse experimentiert werden. Die soziologischen Konfliktanalysen lehnen sich dabei an die Methode der Situationsanalyse (Clarke 2012) an und weisen damit Bezüge zur Ethnographie, zur Diskursanalyse, zur Grounded Theory und zur Akteur-Netzwerk-Theorie auf, können aber auch weitere methodische Verfahren einbeziehen. Bei der Erprobung/Entwicklung von Visualisierungsstrategien wird die Veranstaltung vom Fachgebiet "Neue Medien" (Prof. Joel Baumann und Mitarbeitende, Visuelle Kommunikation) der Kunsthochschule Kassel sowie hinsichtlich der technischen Umsetzung zusätzlich von studentischen Hilfskräften (QSL-Mittel) unterstützt. Außerdem wird das Empiriepraktikum von Mitarbeitenden des Forschungsprojekts "Kartographie und Analyse der Privacy-Arena" (gefördert vom BMBF) und von weiteren Projektmitarbeitenden des Fachgebiets Soziologische Theorie begleitet, die mit Mappingverfahren arbeiten oder experimentieren. Studierende können Teilfragestellungen dieser Projektzusammenhänge aufgreifen und Teams bilden oder andere Konfliktgegenstände für eigene Analysen auswählen.
Literatur:
Beck, Gerald (2013): Sichtbare Soziologie. Visualisierung und soziologische Wissenschaftskommunikation in der Zweiten Moderne. Bielefeld: transcript.
Clarke, Adele E. (2012): Situationsanalyse. Grounded Theory nach dem Postmodern Turn. Wiesbaden: VS.
Kommentar:
Sind Märkte moralisch oder können sie es werden? Oder stellen sie die Antithese zur Moral dar und werden dies auch immer bleiben? Scheren sie alle Werte über einen Kamm, nämlich die Geldrechnung? Oder bieten sie Platz für die politische Aushandlung zwischen verschiedenen Wertordnungen (z.B. nachhaltige Entwicklung, sozialer Zusammenhalt, Freiheit, Gerechtigkeit und wirtschaftliche Prosperität)? Nicht erst seit der Finanzkrise und den Bankenskandalen bewegen diese Fragen die Gemüter und die Öffentlichkeit. Sie betreffen auch das alltägliche Handeln von Konsumentinnen und Konsumenten, die sich fragen, ob und wie sie mit ihrem Einkauf einen moralischen Unterschied machen und Gutes bewirken können (und denen ein solches gemeinwohlorientiertes Entscheidungsverhalten auch immer häufiger zugemutet wird). Das sind Gründe genug, sich mit klassischen und neuren Positionen zum Verhältnis von Markt, Moral und Politik auseinanderzusetzen. Im ersten Teil des Seminars werden wir das Spektrum solcher Positionen abstecken. Anschließend werden wir das Feld des Konsums als Anwendungsbeispiel diskutieren.
Literatur:
Boltanski, Luc / Chiapello, Ève: Der neue Geist des Kapitalismus. Konstanz: UVK 2003.
Herzog, Lisa / Honneth, Axel (Hg.): Der Wert des Marktes. Ein ökonomisch-philosophischer Diskurs vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Berlin: Suhrkamp 2014.
Lamla, Jörn: Verbraucherdemokratie. Politische Soziologie der Konsumgesellschaft. Berlin: Suhrkamp 2013.
Stehr, Nico: Die Moralisierung der Märkte. Eine Gesellschaftstheorie. Frankfurt/Main: Suhrkamp 2007.
Wintersemester 2015/16
Visualisierung: Von Konfliktkartierung als Analysewerkzeug zur öffentlichen Soziologie!
Die Konfliktlandschaften gegenwärtiger Gesellschaften werden immer komplizierter und unübersichtlicher; ihre öffentliche Nachvollziehbarkeit wird somit immer schwieriger und umso wichtiger. Beispiele hierfür sind grenzüberschreitende Konflikte aufgrund zunehmender globaler Abhängigkeiten und Wechselwirkungen (in Bereichen wie Migration, Konsum, Finanzmärkte usw.), Risikokonflikte (Gentechnik, Nahrungsergänzungsmittel usw.) oder Konflikte, bei denen sich unterschiedliche Gerechtigkeitsmaßstäbe (Gleichheit, Leistung, Bedarf, ökologische, ökonomische und soziale Nachhaltigkeit usw.) vielfältig überlagern. In solchen Situationen kann die soziologische Analyse entsprechender Konflikte von Methoden der Visualisierung sehr profitieren. Solche Methoden der Visualisierung, insbesondere des "Mapping of Controversies", werden derzeit in unterschiedlichen Bereichen erprobt. Insbesondere die digitalen Medien sind hierbei nicht nur willkommener Konflikt- und Analysegegenstand (etwa wenn es um das Sammeln privater Daten, um digitales Eigentum, um Plattformen wie Wikileaks oder Praktiken des Whistleblowings geht). Darüber hinaus sind digitale Medien auch für die Verbesserung von Visualisierungs- und Analysetools interessant. So können (digitale) Tools zur Kartierung von Kontroversen nicht zuletzt als Mittel der Wissenschaftskommunikation zum Einsatz kommen und damit die Schnittstelle von Soziologie und Öffentlichkeit bereichern (vgl. Beck 2013).
Kooperation mit der Kunsthochschule Kassel!
Ziel des zweisemestrigen Empiriepraktikums "Kontroversen kartographieren" ist es, den wissenschaftlichen Diskussionsstand zu Einsatzmöglichkeiten visueller Methoden aufzuarbeiten und die vorhandenen Tools zur Kartierung/Visualisierung von Konflikten auszuprobieren bzw. durch eigene Vorschläge zu ergänzen. In der Veranstaltung soll hierfür an selbstgewählten Beispielkonflikten mit den Möglichkeiten der kartographischen Analyse experimentiert werden. Die soziologischen Konfliktanalysen lehnen sich dabei an die Methode der Situationsanalyse (Clarke 2012) an und weisen damit Bezüge zur Ethnographie, zur Diskursanalyse, zur Grounded Theory und zur Akteur-Netzwerk-Theorie auf, können aber auch weitere methodische Verfahren einbeziehen. Bei der Erprobung/Entwicklung von Visualisierungsstrategien wird die Veranstaltung vom Fachgebiet "Neue Medien" (Prof. Joel Baumann und Mitarbeitende, Visuelle Kommunikation) der Kunsthochschule Kassel sowie hinsichtlich der technischen Umsetzung zusätzlich von studentischen Hilfskräften (QSL-Mittel) unterstützt. Außerdem wird das Empiriepraktikum von Mitarbeitenden des Forschungsprojekts "Kartographie und Analyse der Privacy-Arena" (gefördert vom BMBF) und von weiteren Projektmitarbeitenden des Fachgebiets Soziologische Theorie begleitet, die mit Mappingverfahren arbeiten oder experimentieren. Studierende können Teilfragestellungen dieser Projektzusammenhänge aufgreifen und Teams bilden oder andere Konfliktgegenstände für eigene Analysen auswählen.
Literatur:
Beck, Gerald (2013): Sichtbare Soziologie. Visualisierung und soziologische Wissenschaftskommunikation in der Zweiten Moderne. Bielefeld: transcript.
Clarke, Adele E. (2012): Situationsanalyse. Grounded Theory nach dem Postmodern Turn. Wiesbaden: VS.
Kommentar:
Bei dieser gemischten Veranstaltung handelt es sich um eine dauerhafte Einrichtung der Professur für Soziologische Theorie. Die Werkstatt steht insbesondere Studierenden der Abschlusssemester (BA und MA) sowie Doktorandinnen und Doktoranden offen, die sich eine Besprechung des theoretischen Rahmens, des Forschungsdesigns oder die gemeinsame Arbeit an empirischem Material ihrer Abschlussarbeiten, Dissertationen oder Projekte wünschen (Werkstatttermin bitte vorab per Email reservieren). Besonders willkommen sind Studien, die theoretische und empirische Forschung auf innovative Weise miteinander zu verknüpfen versuchen. Auch ein bis zwei Gastvorträge sind pro Semester vorgesehen.
50% der Sitzungen werden als gemeinsamer Lektürekreis gestaltet. Darin werden solche neueren Werke besprochen, von denen sich die Soziologie Impulse für die Weiterentwicklung der Gesellschaftstheorie erhoffen darf. Teilnahmevoraussetzung ist die hohe Motivation, schwierige, oftmals „dicke" Bücher vollständig zu lesen und gemeinsam zu diskutieren.
Im Wintersemester 2015/16 wird nun folgendes Buch gelesen:
Sassen, Saskia (2008): Das Paradox des Nationalen: Territorium, Autorität und Rechte im globalen Zeitalter. Berlin: Suhrkamp (36,80 EURO).
Kommentar:
Die Vorlesung führt grundlegend und problemorientiert in die soziologischen Theorien ein. Sie gibt einen Überblick über die wichtigsten klassischen und zeitgenössischen Beiträge zur Analyse der modernen Gesellschaft (von Marx, Durkheim, Weber und Simmel bis hin zu den komplexen Theorien von Parsons, Luhmann und Habermas sowie ergänzend auch Foucault, Bourdieu, dem Rational-Choice-Ansatz, Giddens, Latour usw.). Der Fokus wird dabei auf die in allen Theorieschulen wiederkehrenden Grundprobleme soziologischer Theoriebildung gerichtet. Sie reichen von methodologischen Problemen soziologischer Wissensgenerierung und grundbegrifflichen Bestimmungen des Sozialen über die Erklärung gesellschaftlichen Wandels und der Spezifika moderner gegenüber vormodernen Gesellschaften bis zur Zeitdiagnose aktueller Entwicklungen und zur wissenschaftlichen Begründung von normativen Haltungen zu gesellschaftlichen Missständen. Die Studierenden sollen an verschiedenen einflussreichen Positionen die Herausforderungen der Komposition einer komplexen Gesellschaftstheorie kennenlernen.
In der Vorlesung wird folgendes Lehrbuch verwendet:
Rosa, Hartmut/Strecker, David/Kottmann, Andrea (2013): Soziologische Theorien. 2., überarb. Aufl. Konstanz: UVK (Reihe: UTB basics)
ergänzend und zur Vertiefung wird folgendes Handbuch empfohlen:
Lamla, Jörn/Laux, Henning/Rosa, Hartmut/Strecker, David (Hrsg.) (2014): Handbuch der Soziologie. Konstanz: UVK (Reihe: UTB).
Wintersemester 2014/15
Kommentar:
Bei dieser gemischten Veranstaltung handelt es sich um eine dauerhafte Einrichtung der Professur für Soziologische Theorie. Die Werkstatt steht insbesondere Studierenden der Abschlusssemester (BA und MA) sowie Doktorandinnen und Doktoranden offen, die sich eine Besprechung des theoretischen Rahmens, des Forschungsdesigns oder die gemeinsame Arbeit an empirischem Material ihrer Abschlussarbeiten, Dissertationen oder Projekte wünschen (Werkstatttermin bitte vorab per Email reservieren). Besonders willkommen sind Studien, die theoretische und empirische Forschung auf innovative Weise miteinander zu verknüpfen versuchen. Auch ein bis zwei Gastvorträge sind pro Semester vorgesehen.
Die verbleibenden Sitzungen werden als gemeinsamer Lektürekreis gestaltet. Darin werden solche neueren Werke besprochen, von denen sich die Soziologie Impulse für die Weiterentwicklung der Gesellschaftstheorie erhoffen darf. Teilnahmevoraussetzung ist die hohe Motivation, schwierige, oftmals „dicke" Bücher vollständig zu lesen und gemeinsam zu diskutieren.
In den vergangenen Semestern wurden u.a. folgende Bücher gelesen:
Honneth, Axel (2011), Das Recht der Freiheit. Grundriß einer demokratischen Sittlichkeit, Berlin: Suhrkamp (Sommersemester 2013).
Stehr, Nico (2007), Die Moralisierung der Märkte. Eine Gesellschaftstheorie, Frankfurt/M.: Suhrkamp (Sommersemester 2013)
Renn, Joachim (2006): Übersetzungsverhältnisse. Perspektiven einer pragmatistischen Gesellschaftstheorie. Weilerswist: Velbrück Wissenschaft (Wintersemester 2013/14)
Latour, Bruno (2013): An Inquiry into Modes of Existence. An Anthropology of the Moderns. Cambridge, MA: Harvard University Press (Sommersemester 2014).
Die Lektüre für das Wintersemester 2014/2015 wird im Laufe des September gemeinsam mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern über den Moodle-Kurs zu dieser Veranstaltung festgelegt.
Kommentar:
Praktiken der Kritik und Rechtfertigung stehen im Mittelpunkt einer neuen "pragmatischen Soziologie". Deren zentrale Ausgangsannahme besteht in der konventionellen Verankerung und interaktiven Reproduktion einer Pluralität von kohärenten Rechtfertigungsordnungen. Es gibt sozusagen mehrere Kritikmuster, die in ihren sozialen Welten jeweils gut funktionieren, aber miteinander nicht ohne weiteres kompatibel sind. Das Seminar widmet sich grundlegenden Arbeiten und empirischen Anwendungsfeldern dieser Theorieströmung um Luc Boltanski und Laurent Thévenot. Darüber hinaus werden weitere aktuelle Diskussionsstränge aufgegriffen, etwa zur öffentlichen Rolle der Soziologie (insbes. die Thesen von Michael Burawoy) oder philosophische Positionen zu den Bedingungen der Möglichkeit sozialwissenschaftlicher Gesellschaftskritik (z.B. von Jürgen Habermas, Rainer Forst, Rahel Jaeggi). Ziel ist es, die Kompatibilität bzw. Inkompatibilität dieser verschiedenen Theorien der Kritik und Rechtfertigung zu klären sowie zu diskutieren, inwiefern sich resultierende Spannungen zwischen kritischer Soziologie und Soziologie der Kritik abbauen oder überwinden lassen.
Literatur:
Boltanski, Luc (2010): Soziologie und Sozialkritik. Frankfurter Adorno-Vorlesungen 2008. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
Boltanski, Luc/Thévenot, Laurent (2007): Über die Rechtfertigung. Eine Soziologie der kritischen Urteilskraft. Hamburg: Hamburger Edition.
Burawoy, Michael (2005): For Public Sociology. In: American Sociological Review 70 (1): 4–28.
Diaz-Bone, Rainer (Hrsg.) (2011): Soziologie der Konventionen. Grundlagen einer pragmatischen Anthropologie. Frankfurt/New York: Campus.
Forst, Rainer (2011): Kritik der Rechtfertigungsverhältnisse. Perspektiven einer kritischen Theorie der Politik. Frankfurt/M.
Habermas, Jürgen (2004): Wahrheit und Rechtfertigung. Philosophische Aufsätze. Erweiterte Ausgabe. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
Jaeggi, Rahel/Wesche, Tilo (Hg.) (2009): Was ist Kritik? Frankfurt/M.
Vobruba, Georg (2009): Die Gesellschaft der Leute. Kritik und Gestaltung der sozialen Verhältnisse. Wiesbaden.
Vobruba, Georg (2013): Soziologie und Kritik. In: Soziologie 42 (2): 147–168.
zur Einführung:
Boltanski, Luc/Thévenot, Laurent (2011): Die Soziologie der kritischen Kompetenzen. In: Diaz-Bone, Rainer (Hrsg.): Soziologie der Konventionen. Grundlagen einer pragmatischen Anthropologie. Frankfurt/New York: Campus, S. 43-68.
Celikates, Robin (2009): Kritik als soziale Praxis. Gesellschaftliche Selbstverständigung und kritische Theorie. Frankfurt/New York: Campus.
Lamla, Jörn (2014): Öffentlichkeit: Soziologie, Zeitdiagnose und Gesellschaftskritik. In: Lamla, J. et al. (Hrsg.): Handbuch der Soziologie. Konstanz: UVK (Reihe: UTB), S. 491-505 (im Erscheinen).
Kommentar:
Die Vorlesung führt grundlegend und problemorientiert in die soziologischen Theorien ein. Sie gibt einen Überblick über die wichtigsten klassischen und zeitgenössischen Beiträge zur Analyse der modernen Gesellschaft (von Marx, Durkheim, Weber und Simmel bis hin zu den komplexen Theorien von Parsons, Luhmann und Habermas und sofern Zeit bleibt auch Giddens, Bourdieu, dem Rational-Choice-Ansatz, Latour usw.). Der Fokus wird dabei auf die in allen Theorieschulen wiederkehrenden Grundprobleme soziologischer Theoriebildung gerichtet. Auf diesem Wege wird in der Vorlesung Einführendes zu grundlegenden Weichenstellungen im soziologischen Denken, etwa zum Gegensatz von Natur(wissenschaft) und Kultur(wissenschaft), von Gemeinschaft und Gesellschaft oder von Ordnung und Wandel, zu methodologischen Fragen, zu unterschiedlichen sozialtheoretischen Grundpositionen, zu Varianten der Komposition einer komplexen Gesellschaftstheorie, zu Diagnosen aktueller Entwicklungen und Pathologien in der kapitalistischen Moderne usw. gesagt.
In der Vorlesung wird folgendes Lehrbuch verwendet:
Rosa, Hartmut/Strecker, David/Kottmann, Andrea (2013): Soziologische Theorien. 2., überarb. Aufl. Konstanz: UVK (Reihe: UTB basics)
ergänzend und zur Vertiefung wird folgendes Handbuch empfohlen:
Lamla, Jörn/Laux, Henning/Rosa, Hartmut/Strecker, David (Hrsg.) (2014): Handbuch der Soziologie. Konstanz: UVK (Reihe: UTB).
Kommentar:
Die gemeinsame Veranstaltung der Fachgruppen für Soziologie (Lamla) und Geschichte (Torp) widmet sich den Herausforderungen unserer immer komplexer werdenden Konsumgesellschaft. Sie wirft dazu einen Blick zurück auf die Entstehung von Verbraucherschutz und Verbraucherpolitik im 19. und 20. Jahrhundert und verfolgt diesen Wandel bis in die Gegenwart des 21. Jahrhunderts. Dabei soll deutlich werden, dass die sozialen und ökonomischen Verhältnisse unseres Konsumalltags schon immer Gegenstand öffentlicher Debatten und politischer Experimente waren, die zu unterschiedlichen institutionellen und kulturellen Arrangements mit jeweils neuen Folgeproblemen geführt haben. Themen der Veranstaltung sind u.a.:
- die Geschichte von Konsumboykotten
- Experimente mit Konsumgenossenschaften
- die Anfänge und der Wandel staatlicher Verbraucherpolitik
- historisch sich wandelnde und abgrenzbare Verantwortungszumutungen an Unternehmen und Konsument_innen (Stichwort: Idealtyp des "Consumer Citizen")
- publizistische Diskurse zur Kritik der Konsumgesellschaft
- Chancen und Herausforderungen des Verbraucherschutzes, die mit der Digitalisierung einhergehen
- nachhaltiger Konsum und Postwachstum sowie
- die Zukunftsperspektiven einer "Verbraucherdemokratie".
Literatur:
Haupt, Heinz-Gerhard/Torp, Claudius (Hg.) (2009): Die Konsumgesellschaft in Deutschland 1890 bis 1990. Ein Handbuch. Frankfurt/New York: Campus.
Lamla, Jörn (2013): Verbraucherdemokratie. Politische Soziologie der Konsumgesellschaft. Berlin: Suhrkamp.
Torp, Claudius (2012): Wachstum, Sicherheit, Moral. Politische Legitimationen des Konsums im 20. Jahrhundert. Göttingen: Wallstein.
Sommersemester 2014
Kommentar:
Im Seminar soll über den Zusammenhang von Demokratie und Konflikt neu nachgedacht werden. Üblicherweise werden Konflikte als gesellschaftlicher Ausgangspunkt politischer Kämpfe und Aushandlungsprozesse betrachtet und die Demokratie als eine Lösung oder Verfahrensweise angesehen, die einen zivilen und legitimen Umgang mit diesen Konflikten gestattet. Aber man könnte es auch umgekehrt sehen: Die Konflikte könnten durch demokratische Prozesse und Institutionen erzeugt sein und verhindern, dass diese zu Lösungen gesellschaftlicher Probleme führen können, also in Selbstblockaden gesellschaftlicher Lern- und Wandlungsfähigkeit münden.
Diese Fragen grundlegend zu diskutieren und zu klären ist besonders interessant, weil eine Reihe von soziologischen und politischen Schriften gegenwärtig den Anbruch eines postdemokratischen Zeitaltersdiagnostizieren. Sie befürchten den totalen Ausverkauf demokratischer Willensbildungs- und Entscheidungsfähigkeit durch Prozesse der Delegation an die Privatwirtschaft, die nicht nur an Macht enorm gewonnen habe, sondern zunehmend direkt die Gesetze schreibe, während in den Parlamenten und in der Regierung politische Auseinandersetzungen nur noch medial für ein passives Wählenden-Publikum inszeniert werden (vgl. Crouch 2008). Was damit verloren gegangen sei, so lautet eine These, ist die politische Fähigkeit, grundlegende gesellschaftliche Konflikte auszutragen (vgl. etwa Mouffe 2007). Aber stimmt dieses Bild? Trifft es die Probleme demokratischer Politik in der komplexen Gesellschaft? Oder müssen wir in andere Richtungen denken und Demokratie jenseits einer sozialen Konfliktzentriertheit oder -versessenheit neu entdecken, um ihr im 21. Jahrhundert eine Zukunft geben zu können (vgl. Brunkhorst 1998; Latour 2010; Lamla 2013)? Wie sind diesbezüglich die Beiträge von Protestbewegungen wie "Occupy" oder die Vorschläge für eine "Liquid Democracy" seitens der Piratenpartei einzuschätzen? Das wollen wir herausfinden.
Literatur:
Blühdorn, Ingolfur (2013): Simulative Demokratie. Neue Politik nach der postdemokratischen Wende. Frankfurt/M.
Brunkhorst, Hauke (Hrsg.) (1998): Demokratischer Experimentalismus. Politik in der komplexen Gesellschaft. Frankfurt/M.
Crouch, Colin (2008): Postdemokratie. Frankfurt/M.
Lamla, Jörn (2013): Verbraucherdemokratie. Politische Soziologie der Konsumgesellschaft. Frankfurt/M.
Latour, Bruno (2010): Das Parlament der Dinge. Für eine politische Ökologie. Frankfurt/M.
Michelsen, Danny/Walter, Franz (2013): Unpolitische Demokratie. Zur Krise der Repräsentation. Frankfurt/M.
Mill, John Stuart (2013 [1861]): Betrachtungen über die Repräsentativregierung. Frankfurt/M.
Mouffe, Chantal (2007): Über das Politische. Wider die kosmopolitische Illusion. Frankfurt/M.
Rancière, Jacques (2002): Das Unvernehmen. Politik und Philosophie. Frankfurt/M.
Toqueville, Alexis de (1985 [1835/1840]): Über die Demokratie in Amerika. Stuttgart.
Kommentar:
Kaum eine Frage ist gegenwärtig mit derart vielen Ungewissheiten behaftet wie die, was noch als privat gelten kann und was nicht. Nicht nur die Enthüllungen des ehemaligen Mitarbeiters der National Security Agency (NSA) der Vereinigten Staaten von Amerika, Edward Snowdon, haben deutlich gemacht, dass sich die Grenzen zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen derzeit massiv verschieben, dass staatliche Überwachung bereits in alle Bereiche des Lebens hineinragt und die Vertrauensgrundlagen demokratischer Staaten auf breiter Front zu erschüttern vermag. Auch die Massenanwendungen des Social Web selbst haben zur Verunsicherung beigetragen: Persönliche Profile auf den Seiten Sozialer Netzwerke, Datenspuren beim Online-Einkauf, Ortungsmöglichkeiten bei der Nutzung mobiler Endgeräte des Internetzeitalters, die Sammelwut der datenaufarbeitenden Industrie, etwa mit dem Ziel, personalisierte Werbung anbieten zu können - all das hat mit dazu beigetragen, dass der Schutz der eigenen Privatsphäre zu einer Herausforderung geworden ist, der kaum noch jemand gewachsen zu sein scheint. Kein Wunder, dass manche die alten Vorstellungen von Privatheit bereits aufgeben wollen und vom Anbrechen eines neuen Post-Privacy-Zeitalters sprechen. Andere wie die Piratenpartei geben den Kampf noch nicht verloren und mobilisieren Gegenbewegungen im Netz, die auf Kryptoparties ihr Wissen über Verschlüsselungstechnologien an die Nutzenden vermitteln oder eine kritische Öffentlichkeit im Netz zu entwickeln versuchen. Dieses komplexe dynamische Kräftefeld zu analysieren und theoretisch einzuordnen, soll Aufgabe und Gegenstand des Seminars werden.
Bemerkung:
Zentraler Baustein des Seminarkonzeptes ist dabei die gemeinsame Exkursion zur re:publica14 vom 6. bis 8. Mai 2014 in Berlin, für die Mittel zur Qualitätssicherung in der Lehre (QSL)eingeworben werden konnten. Diese Mittel stehen für 15 Studierende bereit, denen 70% der Teilnahme-, Reise- und Übernachtungskosten erstattet werden können.
Die re:publica ist eine der wichtigsten Internet-Konferenzen rund um das Web 2.0 und findet seit 2007 jährlich in Berlin statt. An drei Tagen treffen sich Wissenschaftler, Netzaktivisten, Blogger u.a., um sich in Workshops und Vorträgen über die Entwicklung der digitalen Welt auszutauschen. Das diesjährige Motto „INTO THE WILD“ setzt sich mit der Grenzverschiebung von Privatheit und Öffentlichkeit auseinander: Wenn wir in einer Zeit leben, in der uns Algorithmen zu berechenbaren Menschen machen, wie durchbricht man dann diese Strukturen? Welche Wege gibt es, sich im Web frei zu bewegen und zu vernetzen? Wo setzt man die Grenzen für ein freies Netz? Infos zur Veranstaltung finden Sie hier: re-publica.de
Kommentar:
Bei dieser gemischten Veranstaltung handelt es sich um eine dauerhafte Einrichtung der Professur für Soziologische Theorie. Die Werkstatt steht insbesondere Studierenden der Abschlusssemester (BA und MA) sowie Doktorandinnen und Doktoranden offen, die sich eine Besprechung des theoretischen Rahmens, des Forschungsdesigns oder die gemeinsame Arbeit an empirischem Material ihrer Abschlussarbeiten, Dissertationen oder Projekte wünschen (Werkstatttermin bitte vorab per Email reservieren). Besonders willkommen sind Studien, die theoretische und empirische Forschung auf innovative Weise miteinander zu verknüpfen versuchen. Auch ein bis zwei Gastvorträge sind pro Semester vorgesehen.
Die verbleibenden Sitzungen werden als gemeinsamer Lektürekreis gestaltet. Darin werden solche neueren Werke besprochen, von denen sich die Soziologie Impulse für die Weiterentwicklung der Gesellschaftstheorie erhoffen darf. Teilnahmevoraussetzung ist die hohe Motivation, schwierige, oftmals „dicke" Bücher vollständig zu lesen und gemeinsam zu diskutieren.
In diesem Semester wird das neue Buch von Bruno Latour gelesen, das mit eine einer Untersuchung der Existenzweisen ein grundlegend neues Licht auf die modernen Menschen und Praktiken zu werfen verspricht.
Literatur:
Latour, Bruno (2013): An Inquiry into Modes of Existence. An Anthropology of the Moderns. Cambridge, MA: Harvard University Press. (ISBN: 978-0674724990, 486 Seiten, Euro 29,70)
Kommentar:
Die Geburt der Soziologie im 19. Jahrhundert ist eng verknüpft mit der Frage nach »der Gesellschaft«. Doch was ist damit gemeint und was muss man darunter verstehen, wenn die Soziologie dem Wortsinn nach die »Lehre von der Gesellschaft« ist? Betreibt und studiert man Soziologie, ist man mehr als in anderen Fächern mit dem Problem konfrontiert, den genauen Gegenstandsbereich des eigenen Faches zu bestimmen. Um über »die Gesellschaft« zu forschen, bedarf es daher immer auch theoretischer Grundannahmen darüber, was der Gegenstandsbereich der Soziologie ist (in Abgrenzung etwa zu anderen Fächern) und was die Soziologie erklären soll oder kann. Diese Fragen verweisen auf die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit soziologischer Theorie, die im Seminar exemplarisch an zwei Autoren stattfinden soll.
Die Veranstaltung ist dabei konzipiert als intensives Lektüreseminar, das zwei bedeutende soziologische Theoriepositionen vorstellen, diskutieren und kritisch reflektieren will, darüber hinaus gleichzeitig aber auch einen Einblick in die soziologische Theoriebildung im Allgemeinen liefern möchte. Die Veranstaltung will also einerseits in die zentralen Annahmen und Theorien beider Autoren einführen und zugleich an diesen beiden Autoren die Argumentationsweise und den Gegenstandsbereich soziologischen Denkens verdeutlichen. Das Ziel ist es dabei, den ersten Umgang mit der Argumentationsweise und dem Gegenstandsbereich soziologischer Theorie zu erleichtern und die spezifische Fragerichtung soziologischen Denkens zu verdeutlichen und „einzuüben“.
Mit den Theorien von Alfred Schütz einerseits und Jürgen Habermas werden Theorievorhaben unterschiedlicher Reichweite behandelt. Während bei Schütz insbesondere methodologische und sozialtheoretische Untersuchungen im Vordergrund stehen, die sich mit dem angemessenen soziologischen Zugang zur Welt subjektiven Sinns befassen und mit dem phänomenologischen Konzept der "Lebenswelt" eine wichtige Grundlage für die Theorie des kommunikativen Handelns von Habermas gelegt haben, greift letztere darüber weit hinaus und liefert eine Großtheorie der modernen Gesellschaft, ihrer Rationalisierungs- und Differenzierungsdynamik und ihrer Pathologien. Beide Theorien sollen zunächst in Grundzügen vorgestellt und in ihren wesentlichen Annahmen und Aussagen nachvollzogen werden. Ein wesentliches Ziel des Seminars liegt dabei in der Einführung in die bzw. Darstellung der Themen, Fragestellungen und Grundbegrifflichkeiten der beiden Theorien.
Literatur zur Einführung:
Endreß, Martin (2006): Alfred Schütz. Konstanz: UVK (Klassiker der Wissenssoziologie)
Iser, Mattias/Strecker, David (2010): Jürgen Habermas zur Einführung. Hamburg: Junius.
Wintersemester 2013/14
Kommentar:
Der Konsum ist in erster Linie eine private Angelegenheit einzelner Individuen und Haushalte -- oder? Über diese Sichtweise lohnt es sich nachzudenken. Trifft sie überhaupt zu? Und warum erscheint uns das so? Es gibt genauer besehen viele Gründe zu bezweifeln, dass der Konsum wirklich eine Sache individueller Entscheidung und Autonomie ist. Zunächst einmal sind sehr viele daran beteiligt (z.B. Industrie, Handel, Werbung, Entsorgungsunternehmen usw.). Dann gibt es viele Überschneidungen in den Konsumstilen, die z.B. auf regionale oder kulturelle Traditionen, auf soziale Milieus und Statusgruppen oder aber auf kulturindustrielle Standards (Stichwort: Massenkonsum) hindeuten. Auch kollektive Folgen des Konsums lassen sich nicht leugnen und werden entscheidungsrelevant, wie an der Überfischung der Meere oder am Klimawandel deutlich wird. Nicht zuletzt konsumieren wir oftmals kollektiv, etwa wenn wir ins Theater gehen oder ins öffentliche Schwimmbad fahren. Nicht nur, dass dort auch andere zugegen sind und klatschen oder plantschen, macht diesen Konsum zu einem kollektiven Konsum. Vielmehr können selbst noch die politischen Entscheidungen, ein Theater zu bauen, ein Schwimmbad zu sanieren oder die Straßen dorthin als öffentliche Infrastruktur bereitzustellen und den Unterhalt aus Steuermitteln zu finanzieren, als Form des kollektiven Konsums bezeichnet werden. Und die vielen neuen Sharing-Angebote im Internet sind in dieser Aufzählung noch gar nicht mitberücksichtigt.
Im Seminar werden diese kollektiven Aspekte und Formen des Konsums in Augenschein genommen. Dazu werden verschiedene soziologische Theorien besprochen, die einen Beitrag zur Erhellung des kollektiven Konsums leisten können. Das Spektrum reicht hierbei von Analysen der rationalen Entscheidungstheorie zum Allmende-Problem über stadtsoziologische Konzepte und sozialstrukturelle Theorien bis hin zur Akteur-Netzwerktheorie. Aber auch empirische Anwendungsbeispiele werden im Seminar keinesfalls zu kurz kommen.
Literatur:
Lamla, Jörn (2013): Verbraucherdemokratie. Politische Soziologie der Konsumgesellschaft. Berlin: Suhrkamp.
Kommentar:
Bei dieser gemischten Veranstaltung handelt es sich um eine dauerhafte Einrichtung der Professur für Soziologische Theorie. Die Werkstatt steht insbesondere Studierenden der Abschlusssemester (BA und MA) sowie Doktorandinnen und Doktoranden offen, die sich eine Besprechung des theoretischen Rahmens, des Forschungsdesigns oder die gemeinsame Arbeit an empirischem Material ihrer Abschlussarbeiten, Dissertationen oder Projekte wünschen (Werkstatttermin bitte vorab per Email reservieren). Besonders willkommen sind Studien, die theoretische und empirische Forschung auf innovative Weise miteinander zu verknüpfen versuchen. Auch ein bis zwei Gastvorträge sind pro Semester vorgesehen. Die verbleibenden Sitzungen werden als gemeinsamer Lektürekreis gestaltet. Darin werden solche neueren Werke besprochen, von denen sich die Soziologie Impulse für die Weiterentwicklung der Gesellschaftstheorie erhoffen darf. Teilnahmevoraussetzung ist die hohe Motivation, schwierige, oftmals „dicke" Bücher vollständig zu lesen und gemeinsam zu diskutieren.
In diesem Semester wird der Entwurf zu einer pragmatistischen Gesellschaftstheorie von Joachim Renn gelesen und diskutiert.
Literatur:
Renn, Joachim (2006): Übersetzungsverhältnisse. Perspektiven einer pragmatistischen Gesellschaftstheorie. Weilerswist: Velbrück Wissenschaft (ISBN: 978-3938808030, 567 Seiten, 45,- Euro).
Kommentar:
Die Vorlesung führt grundlegend und problemorientiert in die soziologischen Theorien ein. Sie gibt einen Überblick über die wichtigsten klassischen und zeitgenössischen Beiträge zur Analyse der modernen Gesellschaft (von Marx, Durkheim, Weber und Simmel bis hin zu den komplexen Theorien von Parsons, Luhmann und Habermas und sofern Zeit bleibt auch Giddens, Bourdieu, dem Rational-Choice-Ansatz, Latour usw.). Der Fokus wird dabei auf die in allen Theorieschulen wiederkehrenden Grundprobleme soziologischer Theoriebildung gerichtet. Auf diesem Wege werden in der Vorlesung Themen wie das gesellschaftliche Naturverhältnis, Sozialisationsprozesse, soziale Ungleichheit, der Unterschied von Gemeinschaft und Gesellschaft, Ordnung und Wandel, Kultur, Kapitalismus, Medien, gesellschaftliche Fehlentwicklungen, die Möglichkeiten soziologischer Kritik u.v.m. angesprochen und beleuchtet.
In der Vorlesung werden folgende Lehrbücher verwendet:
Rosa, Hartmut/Strecker, David/Kottmann, Andrea (2013): Soziologische Theorien. 2., überarb. Aufl. Konstanz: UVK (Reihe: UTB basics)
Corsten, Michael (2011): Grundfragen der Soziologie. Konstanz: UVK (Reihe: UTB basics)
Kommentar:
Netzwerke haben Konjunktur. Das gilt nicht nur für das digitale Leben, sondern auch für die soziologische Theorie. Der Begriff des (sozialen) Netzwerkes ist zum Schlüsselbegriff der Soziologie geworden und taucht in den unterschiedlichsten Feldern dieser Disziplin auf. Egal, ob es um den flexiblen Kapitalismus, die Informationsgesellschaft, Korruption, die Soziologie der Märkte, soziale Ungleichheit, Wissenschafts- und Technikforschung oder den Wandel von Freundschaftsbeziehungen geht -- Netzwerke sind stets ganz zentral mit dabei.
Aber was wird darunter jeweils verstanden? Hat die Soziologie einen einheitlichen Netzwerkbegriff oder verwendet ihn jede Theorie auf ganz eigene Weise? Diesen Fragen will das Seminar nachgehen, indem es die verschiedenen Verwendungsweisen des Netzwerkbegriffs innerhalb soziologischer Theorien vergleicht. Dazu wird es sich u.a. mit Theorien der Netzwerkgesellschaft (Castells), klassischen und neueren Ansätzen der relationalen Soziologie (Simmel, Elias, Bourdieu, White, Granovetter u.a.), der Akteur-Netzwerktheorie (Latour, Callon u.a.), Verbindungen von System- und Netzwerktheorie (Baecker, Holzer, Schneider u.a.) sowie spezielleren Theorien zum "Social Web" befassen.
Literatur:
Holzer, Boris (2006): Netzwerke. Bielefeld: transcript.
Stegbauer, Christian/Häußling, Roger (Hg.) (2010): Handbuch Netzwerkforschung. Wiesbaden: VS.
Sommersemester 2013
Kommentar:
Der Medienbegriff weist innerhalb der soziologischen Theoriediskussion äußerst viele Facetten auf. Darunter fallen nicht nur die Schrift, der Buchdruck, die Zeitung, das Fernsehen oder das Internet, mittels derer sich Informationen über Raum und Zeit hinweg verbreiten lassen. Auch viele andere Vermittler der Kommunikation werden darunter gefasst, etwa symbolisch generalisierte Medien wie das Geld, das Recht, die Meinungen von Expertinnen und Experten oder auch technologische Artefakte, die als Erfolgsmedien bezeichnet werden können, insofern sie die Annahme von Kommunikationsangeboten erleichtern. Das Masterseminar will die verschiedenen theoretischen Zugänge zum Verhältnis von Medien und Kommunikation sortieren und diskutieren, d.h. zentrale Unterschiede und Gemeinsamkeiten herausarbeiten. Dies soll insbesondere mit Blick auf aktuelle gesellschaftliche Wandlungstendenzen geschehen, in denen „die Medien“ bei aller Unterbestimmtheit fraglos eine tragende Rolle spielen.
Kommentar:
Bei dieser gemischten Veranstaltung handelt es sich um eine dauerhafte Einrichtung der Professur für Soziologische Theorie. Die Werkstatt steht insbesondere Studierenden der Abschlusssemester (BA und MA) sowie Doktorandinnen und Doktoranden offen, die sich eine Besprechung des theoretischen Rahmens, des Forschungsdesigns oder die gemeinsame Arbeit an empirischem Material ihrer Abschlussarbeiten, Dissertationen oder Projekte wünschen. Besonders willkommen sind Studien, die theoretische und empirische Forschung auf innovative Weise miteinander zu verknüpfen versuchen. Auch ein bis zwei Gastvorträge sind pro Semester vorgesehen. Die verbleibenden Sitzungen werden als gemeinsamer Lektürekreis gestaltet. Darin werden solche neueren Werke besprochen, von denen sich die Soziologie Impulse für die Weiterentwicklung der Gesellschaftstheorie erhoffen darf. Teilnahmevoraussetzung ist die hohe Motivation, schwierige, oftmals „dicke" Bücher vollständig zu lesen und gemeinsam zu diskutieren.
In diesem Semester werden gesellschaftstheoretische Entwürfe von Axel Honneth beziehungsweise Nico Stehr gelesen und diskutiert, die ganz verschiedene Sichtweisen auf das Verhältnis von Markt und Moral entfalten.
Literatur:
Honneth, Axel (2011), Das Recht der Freiheit. Grundriß einer demokratischen Sittlichkeit, Berlin: Suhrkamp.
Stehr, Nico (2007), Die Moralisierung der Märkte. Eine Gesellschaftstheorie, Frankfurt/M.: Suhrkamp
Kommentar:
Warum beschenken wir uns an Weihnachten? Kann man sich Anerkennung von Freunden erkaufen? Hängt das friedliche Zusammenleben in Europa von der Bereitschaft der reichen Länder ab, die Schulden der ärmeren Länder zu tilgen? Die übergreifende Fragestellung, unter der wir uns den soziologischen Theorien von Marcel Mauss und Pierre Bourdieu annähern wollen, dreht sich um das Verhältnis zwischen ökonomischen und nicht-ökonomischen Handlungs- und Beziehungsformen im sozialen Leben. An den Werken dieser zwei französischen Theoretiker kann die Idee der „nicht-vertraglichen Grundlagen des Vertrags“, mit der Emile Durkheim, der berühmte Onkel von Marcel Mauss, seine Soziologie der Solidarität und Moral begründet hat, weiterverfolgt und vertieft werden. Dabei lenkt Mauss unsere Aufmerksamkeit zunächst auf den Unterschied zwischen einer Ökonomie des Tauschens und einer Zeremonie der Gabe, der sich bei unterschiedlichsten Völkern und zu allen Zeiten beobachten lasse. Handelt es sich hierbei also um eine anthropologische Grundkonstante sozialen Zusammenlebens? Oder hat sich der Gabentausch in der Moderne verändert? Sind die Unterschiede in Wahrheit vielleicht gar nicht so groß oder nur eine Täuschung? Folgen die freundliche Geste, das überreichte Geschenk, entgegengebrachtes Vertrauen oder die ausgelassene Party womöglich ihrerseits Logiken der Kapitalinvestition? Letzteres vermutet Bourdieu, der eine Theorie der gesellschaftlichen Praxis ausgearbeitet hat, in der die fein abgegrenzten Handlungs- und Beziehungsformen von Gabe und Tausch in Abwandlung und Weiterführung von Marx als zwar differenziertere, aber letztlich dennoch kapitalistische Ökonomie erscheinen.
Literatur:
Adloff, Frank/Mau, Steffen (Hrsg.) (2005): Vom Geben und Nehmen. Zur Soziologie der Reziprozität. Frankfurt/New York: Campus.
Bourdieu, Pierre (1976): Entwurf einer Theorie der Praxis auf der ethnologischen Grundlage der kabylischen Gesellschaft. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
Bourdieu, Pierre (1991): Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. 4. Auflage. Frankfurt/Main.
Mauss, Marcel (1968): Die Gabe. Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
Moebius, Stephan/Papilloud, Christian (Hrsg.) (2006): Gift – Marcel Mauss‘ Kulturtheorie der Gabe. Wiesbaden: VS.
Kommentar:
Die Wirtschaft wird heute als komplexes soziales Geschehen angesehen, das mit den neoklassischen Theorien des homo oeconomicus oder der Preisbildung durch Angebot und Nachfrage nicht erfasst werden kann. Soziologische Theorieansätze werden daher nötig, um zu erklären, was an den Börsen vor sich geht, wie Geld eingeteilt wird, wo ökonomische Mythen produziert werden oder warum sich Vertragspartner wechselseitig vertrauen. Das Seminar führt in die Problemstellungen der neueren Wirtschaftssoziologie ein und behandelt neben einigen klassischen Grundpositionen (z.B. über die unternehmerische Logik der schöpferischen Zerstörung bei Joseph A. Schumpeter oder über die große historische Transformation zur modernen Marktwirtschaft bei Karl Polanyi) insbesondere Beiträge zur „Soziologie der Märkte“, zur „Soziologie des Geldes“ und zu den „Spielarten des Kapitalismus“.
Literatur:
Beckert, Jens (1996): Was ist soziologisch an der Wirtschaftssoziologie? Ungewißheit und die Einbettung wirtschaftlichen Handelns. In: Zeitschrift für Soziologie, Jg. 25, H. 2, S. 125-146.
Deutschmann, Christoph (2000): Geld als „absolutes Mittel“. Zur Aktualität von Simmels Geldtheorie. In: Berliner Journal für Soziologie, Jg. 10, H. 3, S. 301-313.
Fligstein, Neil (2011): Die Architektur der Märkte. Wiesbaden: VS.
Granovetter, Mark (2000): Ökonomische Institutionen als soziale Konstruktionen. Ein Analyserahmen. In: Bögenhold, Dieter (Hg.): Moderne amerikanische Soziologie. Stuttgart: Lucius&Lucius, S. 199-217.
Hall, Peter A./ Gingerich, Daniel W. (2004): „Spielarten des Kapitalismus“ und institutionelle Komplementaritäten in der Makroökonomie. In: Berliner Journal für Soziologie Jg. 14, H. 3, S. 5-32.
Polanyi, Karl (1978): The Great Transformation. Politische und ökonomische Ursprünge von Gesellschaften und Wirtschaftssystemen. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
Schumpeter, Joseph A. (1987): Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie. 6. Aufl. Tübingen: Francke.
Willke, Gerhard (2006): Kapitalismus. Frankfurt/New York: Campus.
Wintersemester 2012/13
Kommentar:
Die Akteur-Netzwerk-Theorie gehört zu den viel diskutierten und stark umstrittenen soziologischen Theorien der Gegenwart. Sogar die documenta (13) in Kassel hat vielfach auf sie verwiesen. Verknüpft ist diese Theorie mit den Namen und Werken von Bruno Latour und Michel Callon sowie John Law, Madeleine Akrich und anderen. Hervorgegangen aus Laborstudien im Rahmen der Wissenschaftsforschung ist die Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT) insbesondere wegen ihrer Gleichbehandlung von menschlichen und nicht-menschlichen Handlungsträgern angegriffen worden, die vielen als zu radikal erscheint. Aber auch die Vertreter_innen der ANT sind nicht zimperlich und verwerfen große Teile der älteren soziologischen Theorie von Durkheim bis Bourdieu. Jenseits solcher Auseinandersetzungen soll die ANT in diesem Master-Seminar als soziologische Großtheorie ernst genommen und auf ihre zentralen Argumente hin untersucht werden. Das schließt ein, neben wesentlichen Grundlagentexten der ANT auch die wichtigsten Bezugstheorien ihrer Hauptvertreter_innen zu konsultieren. Dazu zählen die Philosophie von Alfred N. Whitehead, die Kommunikationstheorie von Michel Serres, die narrative Semiotik von Algirdas J. Greimas, die Ethnomethodologie von Harold Garfinkel, der amerikanische Pragmatismus usw.
Literatur zur Einführung:
Belliger, Andréa/Krieger, David J. (Hrsg.): ANThology. Ein einführendes Handbuch zur Akteur-Netzwerk-Theorie. Bielefeld: transcript 2006.
Kneer, Georg: Akteur-Netzwerk-Theorie. In: Ders./Schroer, Markus (Hrsg.): Handbuch Soziologische Theorien. Wiesbaden: VS 2009, S. 19-39.
Kneer, Georg/Schroer, Markus/ Schüttpelz, Erhard (Hrsg.): Bruno Latours Kollektive. Kontroversen zur Entgrenzung des Sozialen. Frankfurt/Main: Suhrkamp 2008.
Kommentar:
Die Etiketten der Kleidung oder Typenschilder der Notebooks offenbaren den Grad an transnationaler Vergesellschaftung in den gegenwärtigen Praktiken des Konsums. Dies betrifft nicht nur die Bedingungen westlicher Konsummuster, deren Ströme von Waren und Dienstleistungen, Preisniveaus, Vielfalt und ständige Verfügbarkeit ohne die grenzüberschreitende globale Arbeitsteilung nicht denkbar wären. Es gilt auch für deren Nebenfolgen, die sich in lokalen sozialen Missständen, weltregionalen Ungleichheiten sowie globalen ökologischen Krisen manifestieren. Transnational ist zudem der konsumistischeLebensstil, dessen globale Verallgemeinerung die identitätsstiftenden Differenzen und die ethische Heterogenität der kulturellen Lebensstile gleichwohl nicht aufhebt, sondern sich als inhärent pluralistisch erweist. Ausgehend von dieser Konflikthaftigkeit soll im Blockseminar der Frage nachgegangen werden, ob neue Formen demokratischer Regulierung in der transnationalen Konsumgesellschaft entstehen. Dazu werden die demokratietheoretischen Ansätze von John Dewey und Bruno Latour aufgegriffen, die sich beide unter dem Begriff „Demokratischer Experimentalismus“ zusammenfassen lassen. Damit wird eine theoretische Position bezeichnet, die unter Demokratie keine ein für allemal feststehende Staatsform versteht, sondern einen andauernden problembezogenen Suchprozess nach immer wieder neuen, der jeweiligen Zeit angemessenen Staats- und Regierungsformen. Deren Analyse muss von den jeweils typischen Streitfragen, die sich in einer Gesellschaft aktuell stellen, ihren Ausgang nehmen. Im Seminar wollen wir dazu umstrittene Dinge des alltäglichen Konsums (z.B. Kaffee, Mobiltelefone, T-Shirts, E10) daraufhin untersuchen, wie sie zu Objekten politischer Vernetzungs- und Aushandlungsprozesse werden.
Literatur:
- Dewey, John (1996): Die Öffentlichkeit und ihre Probleme. Bodenheim: Philo.
- Kettner, Matthias (1998): John Deweys demokratische Experimentiergemeinschaft. In: Brunkhorst, Hauke (Hg.): Demokratischer Experimentalismus. Politik in der komplexen Gesellschaft. Frankfurt/M.: Suhrkamp, S. 44–66.
- Lamla, Jörn (2011): Verbraucherdemokratie. Ein Zwischenbericht zur Politik der Konsumgesellschaft. In: Heidbrink, L./Schmidt, I./Ahaus, B. (Hrsg.): Die Verantwortung der Konsumenten. Über das Verhältnis von Markt, Moral und Konsum. Frankfurt/New York: Campus, S. 93-112.
- Latour, Bruno (2010): Das Parlament der Dinge. Für eine politische Ökologie. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
Kommentar:
Bekannt geworden ist Anselm L. Strauss vor allem als Vertreter des qualitativen Methodenansatzes zur empirischen Erarbeitung einer Grounded Theory, den er in den 1960er Jahren gemeinsam mit Barney Glaser entwickelte. Weniger bekannt ist dagegen, dass Strauss auf der Grundlage seiner empirischen Studien wichtige theoretische Konzepte vorgeschlagen hat, die in der Soziologie breite Anwendung finden können und speziell für die Analyse der komplex differenzierten und technologisch vernetzten Informations- und Kommunikationsgesellschaft vielversprechende Einsichten liefern. Von zentraler Bedeutung sind hier die Konzepte der Sozialen Welten und Arenen. Das Konzept der Sozialen Welten zielt auf die Beschreibung von Prozessen der Herausbildung solcher Gruppen, die nicht über wechselseitige Bekanntheit oder klare Mitgliedschaftsregeln, sondern nur noch über lockere Kommunikation und eine gemeinsame Kernaktivität zusammengehalten werden und damit kaum noch an räumliche Grenzen gebunden sind. Beispiele hierfür sind etwa Hobby-Welten (Angler, Tangotänzer_innen usw.), Online-Communities und ‑Foren, Berufsgruppen u.v.m. Theoretisch von besonderem Interesse sind die sehr dynamischen Entwicklungen, etwa internen Differenzierungen, wechselseitigen Abgrenzungen, Kämpfe um Authentizität und Legitimität (etwa um die „wahre“ Kunst des Angelns oder die „richtige“ Medizin), die Strauss mit einigen allgemeinen Prozessmustern zu fassen versucht. Nicht zuletzt gehört dazu die Herausbildung von Sozialen Arenen, in denen Vertreter_innen verschiedener Welten ihre Anliegen und Konflikte politisch aushandeln. Im Seminar wollen wir uns mit den Schriften von Anselm L. Strauss breit auseinandersetzen, um ein fundiertes Verständnis seiner Theoriekonzepte zu erlangen. Durchgeführt werden aber auch kleinere Übungen zur Anwendung seiner Konzepte, die zu einem Bestandteil von Referatsausarbeitungen (Hausarbeiten) werden können.
Literatur zur Einführung:
- Lamla, Jörn (2010): Kultureller Kapitalismus im Web 2.0. Zur Analyse von Segmentations-, Intersektions- und Aushandlungsprozessen in den sozialen Welten des Internets. Zeitschrift für Qualitative Forschung (ZQF), Jg. 11, H. 1, S. 11-36.
- Legewie, Heiner; Schervier-Legewie, Barbara (2004): „Forschung ist harte Arbeit, es ist immer ein Stück leiden damit verbunden. Deshalb muss es auf der anderen Seite Spaß machen.“ Anselm Strauß im Interview mit Heiner Legewie und Barbara Schervier-Legewie. Vol. 5, No. 3, Art. 22. In: Forum Qualitative Sozialforschung. URL: www.qualitative-research.net/index.php/fqs/article/view/562.
- Schütze, Fritz (2002): Das Konzept der sozialen Welt im symbolischen Interaktionismus und die Wissensorganisation in modernen Komplexgesellschaften. In: Keim, Inken; Kallmeyer, Werner (Hg.): Soziale Welten und kommunikative Stile. Festschrift für Werner Kallmeyer zum 60. Geburtstag. Tübingen: Narr, S. 57–83.
- Strübing, Jörg (2007): Anselm Strauss. Konstanz: UVK (Klassiker der Wissenssoziologie, Bd. 4).
Kommentar:
Die Vorlesung führt grundlegend und problemorientiert in die soziologischen Theorien ein. Gegenstand sind sowohl Klassiker wie Marx, Durkheim, Weber und Simmel als auch die nachfolgenden Generationen soziologischer Theoriebildung. Im Mittelpunkt werden solche Theorien stehen, die sich um eine komplexe Analyse der modernen Gesellschaft bemüht haben, also etwa Parsons, Luhmann und Habermas, sofern genügend Zeit bleibt aber auch Giddens, Bourdieu, Vertreter des Rational-Choice-Ansatzes, Latour und einige mehr.
Folgendes Lehrbuch wird der Veranstaltung zugrunde gelegt:
Rosa, Hartmut/ Strecker, David/ Kottmann, Andrea (2007): Soziologische Theorien. Konstanz: UVK (Reihe UTB basics).
Sommesemester 2012
Kommentar:
In dem Blockseminar (mit Workshopcharakter!) wird das Internet aus wirtschaftssoziologischer Perspektive analysiert, wobei verschiedene Theorieansätze der neueren Wirtschaftssoziologie an konkreten empirischen Phänomenen ausprobiert werden sollen. Dazu zählen zum einen solche Ansätze, die den Aushandlungscharakter von Märkten betonen, die also Marktregeln nicht als etwas überzeitlich konstant Gegebenes betrachten, sondern als etwas, das immer wieder neu erstritten und (politisch, sozial oder kulturell) konstituiert werden muss. Dies betonen etwa die Arbeiten von Michel Callon, Neil Fligstein, Clifford Geertz u.a. Zum anderen sollen solche Theorien herangezogen werden, die von der Koexistenz und Konkurrenz verschiedener „Ökonomien“, „Reziprozitätsformen“ oder „Tauschpraktiken“ bis in die Gegenwart hinein ausgehen. Darunter fallen vor allem Ansätze, die heute erneut an das Theorem des „Gabentausches“ von Marcel Mauss (dem berühmten Neffen Emile Durkheims) anschließen (etwa Alain Caillé, Marcel Hénaff u.v.m.). Hinweis: Die Teilnahme an der Einführungssitzung ist für die Zulassung zur Veranstaltung unabdingbar.
Literatur:
Adloff, Frank/Mau, Steffen (Hrsg.): Vom Geben und Nehmen. Zur Soziologie der Reziprozität. Frankfurt/New York: Campus.
Beckert, J./Diaz-Bone, R./Ganßmann, H. (2007) (Hrsg.): Märkte als soziale Strukturen. Frankfurt/New York: Campus.
Geertz, Clifford (2001 [1978]): The Bazaar Economy: Information and Search in Peasant Marketing. In: Granovetter, M./Swedberg, R. (Eds.): The Sociology of Economic Life. Cambridge: Westview Press, S. 139-145.
Kommentar:
Das Seminar dient im Anschluss an die Einführungsvorlesung zur soziologischen Theorie dazu, anhand von zwei Theorien aus verschiedenen Generationen die Fähigkeit zu schulen, sich mit teils schwierig zu lesenden theoretischenPrimärtexten auseinanderzusetzen. Die Theorien von Norbert Elias und Anthony Giddens weisen dabei einige (auch biographisch bedingte) Überschneidungen auf, unterscheiden sich aber auch in vielen Hinsichten. Die Beschränkung auf zwei Großtheorien dient vor allem dazu, ein Verständnis für die Komplexität soziologischer Theoriearbeit zu vermitteln. Es soll jeweils ein halbes Semester lang herausgearbeitet werden, wie sich die soziologischen Theorien aus methodologischen, grundlagentheoretischen, die Analyse der modernen Gesellschaft betreffenden sowie zeitdiagnostischen Komponenten zusammensetzen. Zum Seminar wird es ein Tutorium geben.
Literatur:
Lamla, Jörn (2003): Anthony Giddens. Frankfurt/New York: Campus (Reihe Campus-Einführungen).
Treibel, Annette (2008): Die Soziologie von Norbert Elias. Eine Einführung in ihre Geschichte, Systematik und Perspektiven. Wiesbaden: VS.
Kommentar:
Der Konsum und die Konsumgesellschaft sind in den vergangenen Jahren wieder verstärkt zum Gegenstand soziologischen Denkens und Forschens gemacht worden. Das Seminar zielt darauf ab, die wichtigsten soziologischen Theorien kennenzulernen und zu vergleichen. Es wird also nicht um einzelne Felder des Konsums wie Mode, Ernährung u.ä. gehen, sondern um die Weisen, sich den verschiedenen Aspekten des Konsums und der Konsumgesellschaft theoretisch anzunähern. Dazu werden Texte von Autoren wie Jean Baudrillard, Pierre Bourdieu, Colin Campbell, Michel de Certeau, Mary Douglas & Baron Isherwood, Walter Benjamin, John Kenneth Galbraith, Wolfgang Fritz Haug, Herbert Marcuse, Karl Marx, David Riesman, Georg Simmel und Thorstein Veblen gelesen.
Literatur:
Jäckel, Michael (2006): Einführung in die Konsumsoziologie. Fragestellungen – Kontroversen – Beispieltexte. 2., überarb. und erw. Aufl. Wiesbaden: VS.
Kommentar:
Entlang der Begriffe der Praxis und der Praktiken haben in der jüngeren Theoriegeschichte der Soziologie intensive Auseinandersetzungen und Versuche einer theoretischen Neufundierung stattgefunden, die in dem Masterseminar nachgezeichnet werden sollen. Diese Ansätze suchen und wählen einen Ausgangspunkt für die soziologische Theoriebildung, der solche Vorfestlegungen vermeidet, wie sie mit anderen Grundkonzepten – etwa Handeln, Kommunikation oder System – vorgenommen werden. So rücken die Perspektiven auf Praxis und Praktiken stärker die Dinglichkeit, das Körperliche, den Routinecharakter sowie die raum-zeitlichen Verbindungen des sozialen Lebens in den Blickpunkt. Wichtige Vertreter einer solchen, z.T. an Ludwig Wittgenstein, z.T. aber auch an Karl Marx anschließenden Theoriefamilie sind etwa Pierre Bourdieu, Anthony Giddens, Bruno Latour, Michel de Certeau, Theodore Schatzki, Andreas Reckwitz u.v.m. Herausgearbeitet werden im Seminar nicht nur die Unterschiede dieser verschiedenen Ansätze zu einer „Theorie sozialer Praktiken“. Vielmehr soll insbesondere auch die Frage verfolgt werden, welchen Beitrag das neue Praxisparadigma zum Verständnis des sozialen Wandels leisten kann.
Literatur:
Reckwitz, Andreas (2003): Grundelemente einer Theorie sozialer Praktiken. Eine sozialtheoretische Perspektive. In: Zeitschrift für Soziologie, Jg. 32, H. 4, S. 282–301.
Wintersemester 2011/12
Kommentar:
Der amerikanische Pragmatismus (vor allem Peirce, James, Dewey, Mead) und die Kritische Theorie der Frankfurter Schule (von Horkheimer/Adorno über Habermas bis zu Honneth) stehen in einem wechselvollen Verhältnis. Nach einer Phase der Ablehnung und Ignoranz bei Vertretern der frühen Generation der Kritischen Theorie kommt es in der mittleren Generation zu einer deutlichen Annäherung der Frankfurter Schule an den Pragmatismus, wohingegen sich heute Abwendungen von der Kritischen Theorie auf pragmatistische oder neopragmatische Argumente stützen (z.B. bei Bruno Latour, Luc Boltanski oder Richard Rorty). Das Seminar dient der weiterführenden Beschäftigung mit soziologischen Theorien und soll anhand der Beziehungen zwischen Pragmatismus und Kritischer Theorie Einblicke vermitteln, wie sich soziologische Theorien verändern und entwickeln. Im Mittelpunkt wird dabei das sozialtheoretische Grundlagenwerk von George Herbert Mead (Geist, Identität und Gesellschaft) stehen, das mit den Interpretationen und Weiterführungen verglichen wird, die es in verschiedenen Ansätzen der Kritischen Theorie erfahren hat.
Literatur:
Joas, Hans (1989): Praktische Intersubjektivität. Die Entwicklung des Werkes von G. H. Mead. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
Joas, Hans (1992): Pragmatismus und Gesellschaftstheorie. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
Habermas, Jürgen (1981): Theorie des kommunikativen Handelns. 2. Bde. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
Honneth, Axel (1992): Kampf um Anerkennung. Zur moralischen Grammatik sozialer Konflikte. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
Mead, George H. (1991): Geist, Identität und Gesellschaft aus Sicht des Sozialbehaviorismus. 8. Aufl. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
Kommentar:
Praktiken der Rechtfertigung stehen im Mittelpunkt einer neuen „pragmatischen Soziologie" in Frankreich, deren zentrale Ausgangsannahme in der konventionellen Verankerung und interaktiven Reproduktion einer Pluralität von in sich weitgehend kohärenten Rechtfertigungsordnungen besteht. Das Seminar widmet sich schwerpunktmäßig den grundlegenden Arbeiten dieser Theorieströmung um Luc Boltanski und Laurent Thévenot. Darüber hinaus werden sprachphilosophische Positionen vergleichend herangezogen, die helfen können, die Verpflichtung zur Rechtfertigung in der sozialen Praxis weiter auszuleuchten (vor allem von Jürgen Habermas, ergänzt um Robert B. Brandom). Ziel ist es, die Kompatibilität bzw. Inkompatibilität dieser verschiedenen Theorien der Rechtfertigung zu klären sowie zu diskutieren, inwiefern sich resultierende Spannungen zwischen kritischer Theorie und Soziologie der Kritik abbauen oder überwinden lassen.
Literatur:
Boltanski, Luc (2010): Soziologie und Sozialkritik. Frankfurter Adorno-Vorlesungen 2008. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
Boltanski, Luc/Thévenot, Laurent (2007): Über die Rechtfertigung. Eine Soziologie der kritischen Urteilskraft. Hamburg: Hamburger Edition.
Brandom, Robert B. (2001): Begründen und Begreifen. Eine Einführung in den Inferentialismus. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
Celikates, Robin (2009): Kritik als soziale Praxis. Gesellschaftliche Selbstverständigung und kritische Theorie. Frankfurt/New York: Campus.
Diaz-Bone, Rainer (Hrsg.) (2011): Soziologie der Konventionen. Grundlagen einer pragmatischen Anthropologie. Frankfurt/New York: Campus.
Habermas, Jürgen (2004): Wahrheit und Rechtfertigung. Philosophische Aufsätze. Erweiterte Ausgabe. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
zur Einführung:
Boltanski, Luc/Thévenot, Laurent (2011): Die Soziologie der kritischen Kompetenzen. In: Diaz-Bone, Rainer (Hrsg.): Soziologie der Konventionen. Grundlagen einer pragmatischen Anthropologie. Frankfurt/New York: Campus, S. 43-68.
Kommentar:
Die neuen digitalen Medien, insbesondere das Internet, gehören zu den maßgeblichen Trägern des gegenwärtigen sozialen Wandels - etwa im Konsumalltag, in der Partnersuche oder in den politischen Umbrüchen in der arabischen Welt. Nicht selten wird es geradezu als paradigmatisch für die Entwicklungen hin zu einer Netzwerkgesellschaft betrachtet. Im Seminar soll das Internet zum einen aus Sicht verschiedener soziologischer Theorien in den Blick genommen und analysiert werden (1. Block). Verschiedene Theorien - von der Systemtheorie über den Poststrukturalismus bis hin zur Theorie dramaturgischen Handelns - fördern interessante und wichtige Einsichten über den digitalen Kommunikationsraum und seine Nutzerinnen und Nutzer zutage. Zu diskutieren bleibt aber, ob die bestehenden Theorien der mit dem Internet verbundenen Wandlungsdynamik, insbesondere in Zeiten des sogenannten Social Web, hinreichend gerecht werden können oder ob das Internet eine neue soziologische Theorie erforderlich macht, die ausgehend von ihrem Untersuchungsgegenstand versucht, etablierte Theorie- und Denkmodelle zu überschreiten. Mit dieser Frage wendet sich das Seminar innovativen Theorieentwicklungen in der soziologischen Technik-, Kommunikations-, Netzwerk- und Medienforschung zu (2. Block).
Kommentar:
Die Vorlesung führt grundlegend und problemorientiert in die soziologischen Theorien ein. Gegenstand sind sowohl Klassiker wie Marx, Durkheim, Weber und Simmel als auch die nachfolgenden Generationen soziologischer Theoriebildung. Im Mittelpunkt werden solche Theorien stehen, die sich um eine komplexe Analyse der modernen Gesellschaft bemüht haben, also etwa Parsons, Luhmann und Habermas, sofern genügend Zeit bleibt aber auch Giddens, Bourdieu, Vertreter des Rational-Choice-Ansatzes, Latour und einige mehr.
Folgendes Lehrbuch wird der Veranstaltung zugrunde gelegt:
Rosa, Hartmut/ Strecker, David/ Kottmann, Andrea (2007): Soziologische Theorien. Konstanz: UVK (Reihe UTB basics).
Weitere Literatur:
Joas, Hans/Knöbl, Wolfgang (2004): Sozialtheorie. Zwanzig einführende Vorlesungen. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
Kneer, Georg/Schroer, Markus (Hrsg.) (2009): Handbuch Soziologische Theorien. Wiesbaden: VS-Verlag.
Lamla, Jörn (2003): Anthony Giddens. Frankfurt/New York: Campus.
Schneider, Wolfgang Ludwig (2002): Grundlagen der soziologischen Theorie. Bd. 1 und 2. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.