In­te­gra­ti­ve Bio­phi­los­phie

Er­kennt­nis als le­ben­di­ge Ver­samm­lung – Goe­thes Mor­pho­lo­gie als epis­te­mo­lo­gi­sches Leit­bild für Ernst Cas­si­rer und Kurt Gold­stein

Doktorandin: Victoria-Katharina Martinelli

Betreuung: Prof. Dr. Dr. Kristian Köchy 

Förderung: Promotionsstipendium des Otto-Braun-Fonds (April 2021)

Projektbeschreibung

Das vorliegende Dissertationsprojekt widmet sich der Rezeption von Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) durch den Kulturphilosophen Ernst Cassirer (1874-1945) und den Neurologen Kurt Goldstein (1878-1965). Beide Denker sind nicht nur über verwandtschaftliche Bande miteinander verbunden und entwickeln ihre epistemologischen Konzepte in engem Austausch. Sie vereint vor allem ihre Bezugnahme auf Goethe.

Das Projekt will diese Rezeptionen nicht nur rekonstruieren und ihre Dimensionen untersuchen, es folgt auch der Annahme, dass sich eine spezifische Leitidee aus Goethes morphologischen Schriften paradigmatisch auf beide Erkenntnistheorien ausgewirkt hat. Mit dieser Idee, nach der jedes Lebendige kein Einzelnes, sondern eine Mehrheit ist, charakterisiert Goethe organische Individuen als ‚Versammlungen‘. Obwohl primär auf das Verhältnis von Teil und Ganzem in Lebewesen bezogen, erweitert schon Goethe den Versammlungsbegriff in Übertragung auf Mensch-Welt-Verhältnisse. Damit erhält seine Konzeption eine epistemologische Tragweite, die im Projekt ergründet werden soll.

Die Untersuchung verfolgt sechs aufeinander aufbauende Leitfragen: (1) Was sind die zentralen Axiome, Prämissen und Thesen der Erkenntnistheorien Cassirers und Goldsteins? (2) In welchen argumentativen Zusammenhängen nehmen sie jeweils Bezug auf Goethe? (3) Wie prägt der fachspezifische Hintergrund von Cassirer und Goldstein die Goethe-Rezeption? (4) Welche sachlichen Gründe sprechen für ihre Beschäftigung mit Goethe und wie wird die Forschungsmethode dadurch angeregt? (5) Wie wird die poetisch-bildhafte Dimension von Goethes Naturanschauung berücksichtigt? (6) Inwiefern erklärt der intellektuelle Austausch über Goethe Übereinstimmungen und Unterschiede in Cassirers und Goldsteins epistemologischen Modellen? Zur Klärung dieser Fragen kombiniert die Arbeit hermeneutische Textanalyse mit wissenschaftshistorischen und bildhermeneutischen Ansätzen, um anhand der ausgewählten Fallbeispiele zu erörtern, unter welchen Gesichtspunkten Goethes Vorstellung einer ‚lebendigen Versammlung‘ eine epistemologische Leitbildfunktion zuzusprechen ist.