Ein Überblick über Entwicklung und Bedeutung der wichtigsten Probleme erlaubt es, aus den zunächst kurzfristigen Einflüssen auf aktuelle Politik sich ein mittelfristiges Themenprofil zu machen, das Bild einer Themenlandschaft zu zeichnen. Die kumulierten Politibarometer der Forschungsgruppe Wahlen erlauben es, sich einen derartigen Überblick zu verschaffen. Gefragt wird jeweils in offener Form, ohne Antwortvorgabe, nach den wichtigsten Themen, wobei bis zu zwei Themen genannt werden können. Diese monatliche Frage erfaßt die momentan bewegenden Themen, wobei Ablehnung oder Zustimmung für diese ungerichtete Fragestellung keine Rolle spielen. Diese Standardfrage der monatlichen Politbarometer liefert sodann ein Bild des Themenhaushaltes, auf den sich die politische Meinungsbildung bezieht. (Vgl. Dieter Roth, Empirische Wahlforschung, Opladen 1998, S. 117 f.)
Die kumulierten Politbarometer ab 1986 zeigen, daß und wie sich
die Themenlandschaft seit 1992 immer mehr auf das bestimmende Großthema
"Arbeitslosigkeit" konzentriert. Andere Themen spielen eine verschwindende
Rolle oder weisen - wie 1992 das Thema Rechtsradikalismus - nur einen "eruptiven"
Boom auf, verschwinden dann wieder in einer dichten Palette unbedeutenderer
Themen, die Aufmerksamkeitsweite bis zu 15/20 % erzielen. Demgegenüber
spielt Arbeitslosigkeit seit 1996 für rd. 80 % die Rolle des wichtigsten
Themas, alle anderen Themen spielen lediglich eine begleitende oder eine,
je nach Sachlage erfolgende (z.B. die Bewertung des Kosovo-Krieges im April
und Mai 1999) aktuelle Rolle. Ab 1992 steigen die Nennungen für das
wichtigste Thema "Arbeitslosigekeit" an, diese Bewegung überlagert
alle anderen Themen:

Längerfristig zeigen die kumulierten Politbarometer, wie sehr sich
"Arbeitslosigkeit" fest etabliert, wie sich demzufolge die Themenlandschaft
monopolisiert, "materialisiert" und/oder entdifferenziert. Daß dies
auf die Kompetenzanforderungen an Politik(er) Rückwirkungen hat, dürfte
evident sein, daß dies die Anhänger der Parteien beeinflußt
oder daß die Zuneigung zu einer Parteie mit thematischen Präferenzen
einhergeht, läßt sich zeigen. Nur Personen mit einer Parteineigung
für B90 / Die Grünen weisen z.B. dem Thema "Umweltschutz" die
Bedeutung eines gleichermaßen wichtigen Themas zu; das Thema "Ruhe
und Ordnung" ist weitgehend nur bei den Anhängern der Großparteien
aufgehoben.


Bereits die absoluten Nennungen für "Arbeitslosigkeit" und "Umweltschutz"
als wichtige Themen liefern ein Indiz, wie sich die Themeneinschätzung
verändert, wie "Arbeitslosigkeit" zum dominierenden Thema wird:
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1987 1988 1989 1990 1991 1992 1993 1994 1995 |
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Arbeitslosigkeit, Umweltschutz und Parteineigung
Die folgenden Graphiken addieren die Politbarometer von 1986 bis 1995 und bilden demzufolge eine mittelfristige Orientierung ab. Durch die Kumulation wird ferner eine große Zahl von Befragten aus jeweils repräsentativen Umfragen erfaßt.
Die Parteineigung bildet die längerfristige Parteibindung der Befragten ab. Die Frage nach den wichtigsten Problemen wird offen gestellt, genannt werden können zwei Themenbereiche. Von den vielen Problemnennungen werden zwei, nämlich Arbeitslosigkeit als ein wichtiges materielles, Umweltschutz als wichtiges postmaterielles Themenfeld, ausgewählt und bezüglich der Parteineigung der Befragten dargestellt.

Legende:
Von 1986 bis 1995 entscheiden sich 6659 Personen mit SPD - Parteineigung für Arbeitslosigkeit und 2067 für Umweltschutz als wichtigstes Thema. - Von den Personen mit Neigung zu den Grünen wird Arbeitslosigkeit 898mal und Umweltschutz 869mal als das wichtigste Problem genannt.
Der statistische Zusammenhang zwischen der Problempräferenz und den Parteineigungen ist signifikant (bei einem Freiheitsgrad von 4 beträgt Cramer’s V = ,19). Dieser signifikante Zusammenhang erlaubt die Schlußfolgerung von der Parteineigung auf die Wahl der beiden Problemgebiete; dieser Zusammenhang kommt zustande, weil Personen mit Parteineigung für SPD und CDU das Thema Arbeitslosigkeit, Personen mit einer Parteineigung zu den Grünen den Umweltschutz als Problem bevorzugen. Besonders die Personen mit einer Neigung zur CDU und den Grünen weichen stark von der statistischen Gleichverteilung ab; die Differenzen zwischen den tatsächlichen, gemessenen und den statistisch zu erwartenden Werten betragen 305 (CDU) bzw. 417 Fälle (Grüne).
Betrachtet man nur die Anhänger von CDU und der Grünen (N = 7.172) bezüglich der genannten beiden Themen "Arbeitslosigkeit" und "Umweltschutz", so handelt es sich um einen bedeutsameren Zusammenhang bzw. um recht deutliche Folgerungen von der Parteineigung auf die Themenpräferenz (Cramer's V = .30).
Parteineigung und wichtigste Themen
A-1: Grüne, 2: CDU by B-1: Umwelt, 2: Arbeitslosigkeit
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