16.02.2021 | Pressemitteilung

Da­ten als Fair-Tra­de-Pro­dukt

Die Palette an fair gehandelten Produkten wird seit Jahren immer größer. Angefangen bei Kaffee über Kleidung bis hin zu Smartphones überdenken immer mehr Verbraucherinnen und Verbraucher ihren Konsum. Noch weitgehend ausgenommen hiervon ist bisher der Bereich der Digitalen Dienste. Unternehmen brauchen viele Daten zur Optimierung, zur Personalisierung sowie als Ware auf einem Datenmarkt. Die Nutzenden sorgen sich um ihre Privatsphäre, zahlen ungern, produzieren die Daten aber zugleich aktiv mit. An einem Ausgleich solcher Interessen arbeitet nun das Forschungsprojekt „Faire digitale Dienste. Ko-Valuation in der Gestaltung datenökonomischer Geschäftsmodelle“ der Universität Kassel.

Bild: Niek Verlaan

Die Grundidee des Projekts ist es, ein mehrdimensionales Konzept von datenökonomischer Fairness zu entwickeln. Es soll bei der Gestaltung neuer Geschäftsmodelle für digitale Dienste breit Anwendung finden können. „Wir achten hierbei sowohl auf die Seite der Unternehmen als auch auf die der Verbraucherinnen und Verbraucher“, betont Prof. Dr. Jörn Lamla, Leiter des Fachgebiets Soziologische Theorie und Koordinator des Verbundprojekts. Ein fairer Ausgleich kann dabei zu einem gewissen Teil durch eine monetäre Verrechnung von Daten stattfinden. So könnten Apps bewusst ein kostenpflichtiges Angebot anbieten. Im Gegenzug würden so wenig Daten wie nötig gespeichert und keine Daten an Dritte weitergegeben werden.

„Jedoch gibt es auch Werte im Zusammenhang mit digitaler Datenverarbeitung, die mit Geld nicht zu verrechnen sind“, meint Prof. Lamla. „Das Verletzen des Grundrechts auf Persönlichkeitsschutz, Diskriminierung durch Algorithmen oder langfristige Nebenfolgen für Demokratie, Umwelt und Gesellschaft gehören typischerweise dazu. Ausgleich durch Verrechnung kann daher nur eine Form von Ko-Valuation sein.“ Deswegen wird auch an zwei weiteren Formen gearbeitet. Zum einen sollen neue Designkonzepte helfen, die verschiedenen Belange fair zu berücksichtigen. Verbraucher stehen häufig vor dem Problem, nicht zu wissen, welche Daten von einer App gespeichert und mit welchen Zielen diese verarbeitet werden. Technische Vorkehrungen im Sinne des „Privacy by Design“-Ansatzes und übersichtlichere Darstellungen und Bewertungen sollen hier für mehr Schutz und Transparenz sorgen. Zum anderen soll die Idee einer digitalen Fairnesskultur etabliert werden, wo digitale Dienste auf Social-Media und Plattformarchitekturen zur Datenproduktion zurückgreifen. Das Ziel ist es, das Vertrauensverhältnis zwischen allen daran Beteiligten und davon Betroffenen zu stärken.

Faire Geschäftsmodelle schaffen nicht nur einen Interessenausgleich zwischen Unternehmen und Nutzenden. Langfristig sieht Prof. Lamla auch Potenziale für die Entwicklung eines europäischen Pfads für die Datenökonomie. Dieser setzt verstärkt auf eine demokratische Aushandlung von Wertkonflikten: „Wir haben aktuell zwei große Modelle der Datenökonomie. Auf der einen Seite sind die USA, wo einige wenige Unternehmen die Kontrolle über alle Daten haben. Auf der anderen steht China, wo der Staat über eine Datenkontrolle in das Leben seiner Bürger eingreift. Wir wollen einen dritten Weg untersuchen für eine faire und verantwortungsbewusste Datenökonomie.“

Dabei ist der Verzicht auf Datenverarbeitung ebenso problematisch wie die umfassende und unkontrollierte Erfassung und Beeinflussung der privaten Lebensführung. Für Prof. Lamla kann ein restriktiver Datenschutz nicht Endzweck, aber legitimes (Druck-)Mittel für den Übergang zu einer fairen Datenökonomie sein. „Um die Chancen und Gewinne der Digitalisierung für alle Seiten zu erhöhen, muss das Zusammenwirken verschiedener Akteure einschließlich der selbstlernenden Informationstechnik letztlich so überdacht und neu ausgestaltet werden, dass die pluralen Werte darin gut koexistieren können.“ Hierfür gelte es Wege zu neuen Geschäftsmodellen zu bahnen.

Um dies zu erreichen, kommen die Projektmitglieder sowohl aus der Wissenschaft als auch aus der Praxis. Neben dem Fachgebiet Soziologische Theorie sind das an der Universität Kassel die Fachgebiete Wissensverarbeitung und Gender/Diversity des Fachbereichs Elektrotechnik/Informatik. Hinzu kommen das Institut Wirtschaftsinformatik und Neue Medien der LMU München sowie zwei Praxispartner, ebenfalls aus München das Unternehmen BurdaForward und aus Berlin der Verein Institut für Technik und Journalismus, kurz ITuJ e.V.

Das Projekt ist ausgelegt auf drei Jahre. Es wird mit gut 1,5 Millionen Euro vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert, von denen etwas mehr als 1 Million Euro an die Beteiligten der Universität Kassel gehen.

 

Kontakt:
Prof. Dr. Jörn Lamla
Universität Kassel
Fachbereich 05 Gesellschaftswissenschaften
Fachgebiet Soziologische Theorie
Telefon: +49-561 804-2185
E-Mail: lamla[at]uni-kassel[dot]de

 

Sebastian Mense
Universität Kassel
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Telefon: +49 561 804 -1961
E-Mail: presse[at]uni-kassel[dot]de