04.11.2021 | Pressemitteilung

Ex­pe­ri­ment zeigt, wie Vo­ka­le Emo­tio­nen trans­por­tie­ren

Wie hängt die Bedeutung von Wörtern mit ihrem Klang zusammen? Das diskutierte bereits der große Philosoph Sokrates. Eine Teilantwort liefern nun Experimente von Psychologen der Universität Kassel: Wir verknüpfen Wörter mit positiven oder negativen Emotionen aufgrund der beim Aussprechen von Vokalen verwendeten Gesichtsmuskeln.

Artikulation der Vokale "o", "i" und "ü". Bild: Uni Kassel.
Artikulation der Vokale "o", "i" und "ü".

Wörter, die den Vokal „i“ enthalten, werden als angemessener zur Beschreibung positiv konnotierter Objekte empfunden als Wörter, die den Vokal „o“ enthalten. Soviel ist aus einer Vorläuferuntersuchung, die ebenfalls an der Universität Kassel durchgeführt wurde, bekannt. Dass aber die Artikulation und nicht die Tonhöhe eines Vokals ausschlaggebend für die emotionale Bewertung von Sprache ist, konnten Dr. Anita Körner und Prof. Ralf Rummer (Fachgebiet Allgemeine Psychologie) in einer Serie von Experimenten demonstrieren, die jetzt in der renommierten Zeitschrift Journal of Experimental Psychologie: General dokumentiert wurden. Denn beim Artikulieren des Lautes „i“ werden Gesichtsmuskeln kontrahiert, die auch beim Lächeln dafür verantwortlich sind, die Mundwinkel nach oben zu ziehen. Das nutzen zum Beispiel Fotografen bei der Aufforderung „Cheese“ zu sagen.  Das „o“ hingegen beansprucht die Gegenspieler dieser Muskeln und verhindert dadurch das Lächeln.

Die Forschenden testeten die Valenz der Vokale „i“ und „o“ und untersuchten zusätzlich den Vokal „ü“. Das „ü“ hat für die Klärung des Phänomens interessante Eigenschaften: Die Anspannung von Gesichtsmuskeln beim Sprechen von „ü“ und „o“ ähneln sich – beide mit runden Lippen, was ein Lächeln verhindert. Wenn der Effekt an durch artikulatorische Mechanismen wird, müsste der Vokal „ü“ also ähnlich negativ bewertet werden wie „o“. Bezüglich der Tonhöhe ähnelt das „ü“ allerdings dem „i“. Folgt man der Theorie, dass höhere Töne positivere Emotionen wecken, würden Wörter mit „ü“ mit ähnlich positiven Gefühlen einhergehen wie „i“.

In der Kasseler Studie beurteilten deutschsprachige Probandinnen und Probanden die mögliche Bedeutung von Pseudo-Wörtern, die entweder „i“, „o“ oder „ü“ enthielten. Zunächst sollten sie sich vorstellen, die Wörter seien aus einer Fremdsprache und sie sollten ihre mögliche Bedeutung eher positiven oder eher negativen Dingen zuzuordnen. Das Ergebnis: Wörter mit „i“ wurden häufiger positiven Dingen zugeordnet als Wörter mit „o“ und Wörter mit „ü“. Das zweite Experiment verfolgte einen subtileren Ansatz. Beim Zuordnen von erfundenen Namen wählten die Probanden für Pseudo-Namen mit dem Vokal „i“ häufiger Personen mit positiven Gesichtsausdrücken zu als für Namen mit den Vokalen „o“ oder „ü“. Selbst wenn sich die Gesichter hinsichtlich ihrer Attraktivität – und nicht hinsichtlich ihres emotionalen Ausdrucks – voneinander unterschieden, wurden die Pseudo-Namen mit „i“ signifikant häufiger den positiveren Gesichtern zugeordnet. Im letzten Experiment wurden den Probanden die Pseudowörter vorgesprochen, was zum gleichen Ergebnis wie schriftliche Darbietung führte. So liefern alle Ergebnisse eine Bestätigung dafür, dass die Valenz von Vokalen wesentlich vom Gesichtsausdruck beim Sprechen und nicht von der Tonhöhe beeinflusst wird.

„Im Laufe der individuellen und sprachgeschichtlichen Entwicklung haben sich diese unterschiedlichen Laute daher offenbar mit positiven bzw. negativen Emotionen verknüpft“, erklärt Prof. Rummer. In einer Studie aus 2019 konnte er bereits zeigen, dass die emotionalen Eigenschaften eines Objekts einen Einfluss auf das Erfinden neuer Wörter haben. Für positive Dinge werden auffällig häufig neue Wörter erfunden, die den Vokal „i“ enthalten. Neue Bezeichnungen für negative Dinge hingegen enthalten öfter den Vokal „o“. Spuren dieses Prinzips lassen sich im deutschen Wortschatz bis heute finden. Auch in anderen Sprachen konnten Forschende bereits die Artikulations-Theorie für Vokale nachweisen. Rummer vermutet, dass auch in anderen Sprachen derselbe Mechanismus zugrunde liegt.

Dr. Ralf Rummer ist seit März 2018 Professor für Allgemeine Psychologie an der Universität Kassel. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Kognitionspsychologie, insbesondere in den Bereichen Sprach-, Gedächtnis- und Instruktionspsychologie. Frau Dr. Körner ist seit Oktober 2018 Wissenschaftliche Mitarbeiterin des Fachgebiets Allgemeine Psychologie und forscht insbesondere zu den Themen Sprache und Moral.

 

Publikation:
Körner, A., & Rummer, R. (2021). Articulation contributes to valence sound symbolism.Journal of Experimental Psychology: General. DOI: 10.1037/xge0001124

Kontakt:

Dr. Anita Körner
Universität Kassel
Fachgebiet Allgemeine Psychologie
Tel.: 0561 804-3582
E-Mail: anita.koerner[at]uni-kassel[dot]de

Prof. Dr. Ralf Rummer
Universität Kassel
Fachgebiet Allgemeine Psychologie
Tel.: 0561 804- 3592
E-Mail: rummer[at]uni-kassel[dot]de

 

Pressekontakt:

Sebastian Mense
Universität Kassel
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