12.12.2023 | Porträts und Geschichten

Lehre statt Leere

Wie ein studentisches Startup die Bildungslandschaft verbessern will

Bild: Lisa-Maxine Klein
Von links: Alex Noll (23), Eren Aslan (27), Alejandra Lukas (23) und Kay Clobes (24) wollen mit ihrem Startup „Schoolutions“ eine Win-Win-Situation für Lehramtsstudierende und Schulen schaffen.

Wir wissen es alle aus den Nachrichten der letzten Monate und Jahre: Es herrscht Lehrkräftemangel. Wo man hinhört, fehlt es Schulen an Lehrerinnen und Lehrern. Auch wenn bereits Lehramtsstudierende einspringen, sind Vertretungen schwer zu bekommen oder können oftmals den Unterricht nicht angemessen ersetzen; die Qualität der Bildung leidet oder Stunden fallen aus. In Zukunft könnte es anders aussehen: Schulen könnenfachspezifisch und pass genau mit nur wenigen Klicks angehende Lehrkräfte für die Unterrichtsvertretung engagieren, Studierende sammeln wichtige Praxiserfahrung und Schülerinnen und Schüler gehen auch aus Vertretungsstunden mit Lernerfolgen heraus. Genau dafür setzt sich ein neues Gründungsteam aus der Universität Kassel ein – vier Studierende, drei von ihnen angehende Lehrkräfte, feilen an einer Vermittlungsplattform, um junge Lehramtsstudierende wie sie selbst und Schulen zusammenzubringen. Getauft haben sie ihr Projekt „Schoolutions“ – z sammengesetzt aus „School“ und „Solutions“. Der Ideengeber ist Kay Clobes. Er studiert Gymnasiallehramt und arbeitet als Ganztagsbetreuer an einer Gesamtschule. „Ich habe oft selbst bei Ausfällen an der Schule die Aufgabe übernommen, Vertretungskräfte zu vermitteln“, erzählt er. „Das Problem ist, dass die Verbindung zwischen Schulen und der Uni fehlt – aber die Lehramtsstudierenden sind natürlich genau diese Brücke.“ Häufig wünschten diese sich mehr Möglichkeiten, während des Studiums schon praktische Erfahrung zu sammeln. „So kam mir die Idee, dass man das Ganze auch größer aufziehen könnte.“

Im Mai 2023 holt er dafür Alejandra Lukas und Eren Aslan an Bord, die er bereits aus dem Studium kennt. Bei einem CoCreation-Stammtisch des Science Parks erhalten die drei viel Zuspruch für ihren Plan und setzen sich direkt an die Ausarbeitung. Schnell merken sie, dass die Umsetzung viel technische Kompetenz erfordert, also erweitern sie ihr Team um Alex Noll, der im Bachelor Informatik studiert. „Mich an dem Projekt zu beteiligen, bietet mir die Chance, genau die Erfahrung im Programmieren zu sammeln, die ich für meine berufliche Zukunft brauche: Ich baue die Plattform von Grund auf selbst auf“, betont er.

Die Schoolutions-Plattform soll drei Aufgaben erfüllen. An erster Stelle baut das Team eine Datenbank auf, die einerseits Lehramtsstudierende in höheren Fachsemestern und andererseits Kasseler Schulen umfasst. Erstere geben bei der Registrierung ihre Fächer und ihren Wohnort an, so können sie als Vertretungskräfte an genau die Schulen vermittelt werden, an denen sie gebraucht werden. „Wenn wir diese Prozesse der Vertretungssuche digitalisieren und gleichzeitig zentralisieren, bedeutet das eine enorme bürokratische Entlastung für die Institution Schule“, erklärt Eren Aslan, Student der Wirtschaftspädagogik mit Lehrauftrag an einer beruflichen Schule. „Außerdem können wir für mehr Bildungsgerechtigkeit sorgen, weil wir besonders Schulen in sozial weniger privilegierten Orten unterstützen.“

Ein weiteres wichtiges Ziel der Plattform ist es, ein Netzwerk unter Lehramtsstudierenden zu schaffen.„DerErfahrungsaustausch und die Zusammenarbeit, die im Lehrberuf eigentlich so wichtig sind, kommen in der Praxis, vor allem als Vertretungskraft, oft viel zu kurz“, bringt Alejandra Lukas an. Sie arbeitet selbst neben ihrem Gymnasiallehramtsstudium als Vertretungslehrerin und findet, wichtige Inhalte wie die konkrete Unterrichtsplanung oder der Umgang mit Krisen oder schwierigen Situationen im Berufsalltag könne man noch stärker thematisieren. Die Plattform soll dafür spezielle Module anbieten, in denen sich Studierende Input und Tipps von Expertinnen und Experten und erfahrenen Lehrkräften holen können. Zu guter Letzt werden über die Plattform auch frei verfügbare Lern- und Lehrmaterialien bereitgestellt, um die Studierenden bei der Vorbereitung von Unterrichtseinheiten und Vertretungsstunden zu unterstützen. Zunächst baut das Schoolutions-Team seine Datenbank im Raum Kassel aus. Haben sie sich hier erstmal etabliert, können sie sich auch vorstellen, ihr Projekt regional oder national auszuweiten. Die Kosten für die erste Projektphase deckt das Hessen Ideen Stipendium, das die Gruppe für ihre Idee einwerben konnte. Und auch für die langfristige Finanzierung des Projekts hat das Team schon einige Ideen. Bei einem sind sie sich dabei alle einig: Das Angebot soll für Studierende dauerhaft kostenlos bleiben.

 

Dieser Beitrag erschien im Universitäts-Magazin publik 2023/4. Text: Lisa-Maxine Klein