12.06.2019 | Porträts und Geschichten

Die Uni Kas­sel wird ein Zen­trum der La­tein­ame­ri­ka-For­schung

Unsere Universität koordiniert eines der umfang­reichsten Forschungsprojekte zu Lateinamerika, die mit Mitteln aus Deutschland gefördert werden.

Bild: Mense
Gruppenbild bei einem CALAS-Vorbereitungstreffen 2017. Im blauen Sakko Prof. Dr. Hans-Jürgen Burchardt.

Lateinamerika ist in den Medien: Sei es wegen der politischen Unruhen in Venezuela, der politischen Entwicklung in Brasilien oder der Androhung einer Mauer zwischen den USA und Mexiko. Solche  Phänomene lassen vergessen, dass Lateinamerika nicht nur von Krisen geschüttelt wird, sondern oft kreative Lösungen entwickelt, die auch für Europa wichtige Anregungen anbieten. Wie entstehen in Lateinamerika Krisen und wie werden sie gelöst? Zu dieser Frage fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) das Verbundprojekt CALAS in den kommenden sechs Jahren mit 12 Millionen Euro. Die Universität Kassel koordiniert das „Maria Sibylla Merian Centre for Advanced Latin American Studies in the Humanities and Social Sciences“ (CALAS) mit Sitz an der Universität Guadalajara (Mexiko) gemeinsam mit der Universität Bielefeld. Es ist eines der umfangreichsten Forschungsprojekte zu Lateinamerika, die mit Mitteln aus Deutschland gefördert werden. Auf der deutschen Seite sind die Universitäten Kassel, Bielefeld, Hannover und Jena beteiligt. In Lateinamerika sind neben der Universität Guadalajara die Regionalstandorte San José (Costa Rica), Quito (Ecuador) und Buenos Aires (Argentinien) dabei.

Im Fokus steht der Umgang mit sozialen, politischen und ökologischen Krisen. Geforscht wird in den vier Clustern „Sozial ­ökologische Transformation“, „Soziale Ungleichheiten“, „Gewalt und Konfliktlösung“ sowie „Identität“. Innerhalb des Forschungsverbundes koordiniert die Universität Kassel unter anderem ein umfangreiches Forschungsprogramm zu Fragen der sozialen Ungleichheit in den Bereichen Elitenforschung, Ungleichheit und Bildung sowie sozial ­ökologische Ungleichheiten, forscht zur Zukunft der Arbeit, um langfristig und in internationaler Perspektive ökonomisch produktive, sozial verträgliche und ökologisch nachhaltige Jobs zu schaffen, und erarbeitet mit argentinischen und kubanischen Partnern Lehrmodule für nachhaltige Entwicklung.

„Mit ihnen forschen, nicht über sie“

Der Schwerpunkt des CALAS liegt auf Lösungsstrategien für gesellschaftspolitische Krisen, betont Prof. Dr. Hans-­Jürgen Burchardt, Leiter des Fachgebiets Internationale und intergesellschaftliche Beziehungen in Kassel und einer der beiden deutschen Direktoren des CALAS: „Wie kaum eine andere Region des globalen Südens zeichnet sich Lateinamerika durch die kreative Suche nach kulturellen und politischen Strategien der Bewältigung vielfacher Herausforderungen aus, die gesellschaftlichen Wandel begleiten und neue Entwicklungspfade aufzeigen. Diese wollen wir untersuchen und dabei feststellen, was auch wir davon lernen können. Im Zentrum steht der wissenschaftliche Austausch mit Kolleginnen und Kollegen – wir wollen mit ihnen forschen, nicht über sie. Ich bin überzeugt, dass das CALAS innerhalb der nächsten fünf Jahre einer der wichtigsten europäischen Forschungsverbünde mit Lateinamerika sein wird, und freue mich, dass mit Kassel auch Hessen an der Lösung der Probleme mitarbeitet, die über die Zukunft der Menschheit entscheiden werden, im Sinne von mehr sozialer Gerechtigkeit und mehr nachhaltiger Entwicklung.“

„Name der Uni bekommt einen besonderen Klang“

Der Präsident der Universität Kassel, Prof. Dr. Reiner Finkeldey, gratulierte Prof. Burchardt und dem gesamten CALAS-­Team zur Einwerbung und positiven Evaluierung des Projekts: „Dieser Forschungsverbund leistet einen wichtigen Beitrag zur Verständigung zwischen Nord und Süd. Durch das CALAS bekommt der Name der Universität Kassel in der gesellschaftswissenschaftlichen Community Lateinamerikas einen besonderen Klang. Der Austausch in diesem Projekt wird darüber hinaus der Internationalisierung unserer Universität weiterhelfen. Aus diesem Grund unterstützt die Universität den Forschungsverbund mit der Einrichtung des Kasseler Lateinamerikazentrums CELA, das die internationalen Aktivitäten des CALAS mit der Stadt, der Region und mit ganz Hessen koppeln will.“ Offizieller Auftakt der Hauptphase des CALAS war der 1. März 2019. In der Aufbauphase wurde der Verbund bereits seit 2017 gefördert. Neben dem Fachgebiet von Prof. Burchardt sind weitere Kasseler Fachgebiete aus den Gesellschaftswissenschaften, der Romanistik sowie dem Institut für Berufsbildung beteiligt. Knapp 6 der 12 Millionen Euro Förderung gehen nach Kassel. Das CALAS wurde innerhalb der BMBF ­Förderlinie „Maria Sibylla Merian Centres“ bewilligt. Mit diesen Forschungsverbünden will das BMBF die Internationalisierung der Geistes­-, Kultur-­ und Sozialwissenschaften in Deutschland durch enge bi-­ und multilaterale Kooperationsprojekte an Standorten außerhalb Deutschlands voranbringen. Das CALAS wurde 2017 als zweites Zentrum überhaupt in Deutschland innerhalb dieser Förderlinie bewilligt.

 

Das Centro de Estudios Latinoamericanos CELA
Seit seiner Gründung im Jahr 2017 bündelt das „Centro de Estudios Lantinoamerikanos (CEL A)“ die lateinamerikanische Forschung an der Universität Kassel. Das Forschungszentrum bildet eine Dachstruktur für mehrere Teilbereiche: Ein Schwerpunkt liegt im vom BMBF geförderten Forschungsverbund CALAS. Einen weiteren Teilbereich des CELA bildet das Argentinienforum, welches seiteinigen Jahren den wissenschaftlichen Austausch der Kasseler Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bündelt, die mit argentinischen Partneruniversitäten zusammenarbeiten. Das Forum hatte in den letzten Jahren einen Schwerpunkt im Bereich der Geistes- und Kulturwissenschaften, weitete sein Fächerspektrum jedoch in den letzten Jahren kontinuierlich aus. An Bedeutung gewinnt der Bereich der universitären Bildung und Didaktik, zu nennen sind hier berufliche Bildung und Studiengänge, die künftige Lehrer und Lehrerinnen ausbilden. Das CELA versteht sich als interdisziplinäres Forschungszentrum und ist für unterschiedliche Formen der Zusammenarbeit offen. Das Direktorium bilden Prof. Burchardt und Prof. Dr. Angela Schrott.

 

Von Sebastian Mense

Dieser Artikel ist in der Publik 02/2019 erschienen. Hier geht es zur vollständigen Ausgabe.