16.12.2019 | Porträts und Geschichten

Von Ve­ge­ta­ri­ern und Frei­heits­kämp­fern

Was der Fleischverzicht mit dem indischen Unabhängigkeitsstreben zu tun hatte

Bild: AP Foto
Überzeugter Vegetarier: Mahatma Gandhi 1931.

Essen ist politisch – das hat nicht zuletzt der Streit um das Bratwurst-Verbot auf dem Kasseler „Tag der Erde“ gezeigt. Auch die Diskussion rund um den „Veggie Day“ vor einigen Jahren hat die politische Sprengkraft demonstriert, die in dem Thema Ernährung steckt, insbesondere wenn es um den Verzehr von Fleisch geht.

Das Thema fleischlose Ernährung ist aber nicht erst seit Kurzem ein Politikum, sondern schon seit seinen Anfängen als organisierte Bewegung ist Vegetarismus eng mit politischen Ideen verknüpft. Welche Ziele Befürworter und Gegner vom Beginn des organisierten Vegetariertums in den 1840er-Jahren bis in die späten 1950er Jahre verfolgten, das erforscht Prof. Dr. Julia Hauser am Fachgebiet „Globalgeschichte / Geschichte von Globalisierungsprozessen“ an der Universität Kassel.

Die Juniorprofessorin interessiert dabei vor allem der Austausch zwischen Vegetariern in Indien und Europa. „Ungefähr zur selben Zeit, zu der es in Europa zur Gründung der ersten Vegetarier-Gesellschaften kam, gab es auch in Indien ein verstärktes Interesse an dem Thema“, so Hauser. „Fleischlose Ernährung hat unter Hindus der oberen Kasten zwar eine jahrhundertelange Tradition, die eng mit dem Kastensystem verbunden war. Seit dem späten 19. Jahrhundert gab es in Indien aber verstärkte Bemühungen, auch Angehörige unterer Kasten und Kastenlose für den Vegetarismus zu gewinnen.“

Während in Europa in dieser Zeit vor allem die Frage diskutiert wurde, wie sich insbesondere ärmere Bevölkerungsschichten in Zeiten der industriellen Revolution gesund ernähren könnten, war der Vegetarismus in Indien seit dem späten 19. Jahrhundert eng mit der Diskussion um die britische Kolonialmacht verknüpft.

„Nur ein starker Körper überwindet den Kolonialismus“

 „Viele Briten in Indien verzehrten demonstrativ Rindfleisch und führten die vermeintliche körperliche Schwäche der Hindus, die angeblich Resultat ihrer vegetarischen Ernährung war, als Argument für deren koloniale Unterwerfung an“, erklärt Hauser. Im späten 19. Jahrhundert übernahmen indische Nationalisten dieses Argument. „Manche von ihnen argumentierten, dass Fleischverzehr unumgänglich sei, um dem Kolonialismus ein Ende zu setzen – nur durch Fleisch könne der Körper der Nation in spe erstarken, und nur ein starker Körper könne den Kolonialismus überwinden“, schreibt sie in einem Aufsatz.

Andere Vertreter der indischen Nationalbewegung hielten dagegen die vegetarische Ernährung für überlegen, sowohl moralisch als auch gesundheitlich. Der bekannteste Vertreter dieser Gruppe von Anti-Kolonialisten ist Mohandas Karamchand Gandhi, besser bekannt unter dem Namen Mahatma Gandhi, der während seines Jurastudiums in Großbritannien Mitglied der London Vegetarian Society wurde und Vegetarismus zum zentralen Punkt in seinem politischen Programm entwickelte.

„Besonders interessant finde ich, dass beide Seiten Bezug aufeinander genommen haben – in indischen Veröffentlichungen zum Thema Vegetarismus finden sich also plötzlich Argumentationsmuster von europäischen Vegetariern wieder, etwa über die physiologischen Auswirkungen von Vegetarismus“, erklärt Hauser. „Und auch in die Gegenrichtung gab es einen Austausch – europäische Vegetarier ließen sich von den indischen Konzepten von Spiritualität und Reinheit inspirieren“, erklärt die Juniorprofessorin.

Der „frugale Orientale“ – ein deutscher Trugschluss

In Deutschland lag der Fokus eher auf dem Nahen Osten. „Der Stereotyp des ‚frugalen Orientalen‘, der sich hauptsächlich von Brot, Zwiebeln und Salz ernährt, gelangte um 1900 zu einiger Bekanntheit“, erklärt die Kasseler Forscherin. Diese Wahrnehmung beruhe allerdings auf einem Missverständnis: „Es ist wahrscheinlich, dass die Forschungsreisenden in dieser Zeit einfach nicht von den Menschen nach Hause eingeladen wurden – denn im Kontext der Gastfreundschaft genoss Fleisch einen hohen Stellenwert in der Region, während im Straßenbild tatsächlich nur das Einnehmen von kleinen Snacks zu sehen war“, schildert sie. Die vermeintlich frugalen „Orientalen“ waren also keineswegs so genügsam, wie die Besucher aus Deutschland dachten.

Auch mit der vermeintlichen Friedfertigkeit von vegetarisch lebenden Hindus war es nicht so weit her. In hinduistisch-nationalistischen Kreisen habe die Tötung einer Kuh ebenso schwer gewogen wie die Tötung eines Brahmanen. „Menschen zu töten, die Kühe schlachteten, war demnach mehr als legitim“, so Hauser. Gandhi hingegen setzte sich in seiner Politik klar von dieser Meinung ab und betonte die Notwendigkeit, die verschiedensten Bevölkerungsgruppen Indiens zum Schutz der Kühe zusammenzubringen und dabei jede Form von Gewalt zu vermeiden. Dennoch: Allein seit 2015 wurden mindestens 44 Menschen in Indien von selbsternannten Kuh-Schützern getötet.

Text: Markus Zens, publik 4/2019