02.07.2020 | Porträts und Geschichten

"In Deutschland ha­be ich ei­nen Neu­start ge­wagt"

Portrait: Nour Al Din Al-Kadro

„In einem fremden Land neu anzufangen und dort sein Studium fortzusetzen, ist eine große Herausforderung. Man muss die Sprache lernen und sich in einem anderen Hochschul-System zurechtfinden, Kontakte knüpfen und seinen Lebensunterhalt selbst finanzieren. Ein Stipendium des HessenFonds - einem Programm des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst - war da eine große Unterstützung. Es hat mir geholfen, mich ein Jahr lang auf mein Studium zu konzentrieren. An der Universität Kassel wurden im vergangenen Jahr insgesamt 46 hochqualifizierte, asylberechtige Studierende und Doktoranden mit einem monatlichen Zuschuss gefördert.

Vor vier Jahren kam ich nach Deutschland, weil ich in meiner Heimat Syrien trotz eines guten Bachelor-Abschlusses in Maschinenbau keinerlei Perspektive sah. In Deutschland habe ich einen Neustart gewagt - auch, weil meine fünf Brüder ebenfalls hier leben. Die größte Hürde war natürlich zunächst die Sprache. Doch dank mehrerer Kurse und viel Kontakt zu Deutschen habe ich sehr schnell gelernt, sodass ich 2017 mein Maschinenbau-Studium an der Universität Kassel fortsetzen konnte. Meine Studienleistungen aus Syrien wurden zum großen Teil anerkannt. Ich musste lediglich einige Themen - zum Beispiel Thermodynamik - nachholen, weil sie in Syrien nicht auf dem Lehrplan stehen.

Für das Hessenfonds-Stipendium habe ich mich beworben, weil es eine gute Möglichkeit bietet, im Studium schnell voranzukommen. Bei der Bewerbung wurden nicht nur meine bisherigen Studienleistungen beurteilt, auch meine ehrenamtliche Tätigkeit für den Arbeiter-Samariter-Bund wirkte sich positiv aus. Mich für andere einzusetzen, ist für mich selbstverständlich. In Frielendorf, wo meine erste Station in Deutschland war, bin ich beispielsweise auch heute noch im Arbeitskreis „mitMenschen" aktiv, um andere Flüchtlinge auf ihrem Weg zu begleiten.   

Heute arbeite ich neben meinem Studium beim Kasseler Fraunhofer-Institut, wo ich auch meine Masterarbeit im Bereich Automatisierung und Systemdynamik schreiben werde. Ob ich nach meinem Masterabschluss promoviere oder direkt ins Berufsleben starte, weiß ich noch nicht. Fest steht aber, dass ich in Deutschland bleiben und hier meine berufliche und private Zukunft gestalten möchte."