16.12.2019 | Porträts und Geschichten

Big Da­ta-Spe­zia­lis­ten fürs Fi­nanz­amt

Die hessischen Finanzbehörden schicken Auszubildende zum Informatik-Studium an die Uni Kassel. Mit ihren Fähigkeiten sollen sie zukünftig helfen, große Datenmengen wie die Panama Papers auszuwerten

Bild: lucky_sun/cc BY-SA 2.0

3,2 Terabyte Daten, 49 Millionen Dateien, Unterlagen von 271.000 (Schein-)Firmen – es sind diese Dimensionen, die die Steuerfahnderinnen und Steuerfahnder des Finanzamts Kassel II an die Grenzen des bislang Machbaren bringen. Nur wenige 100 Meter vom zentralen Campus der Universität am Holländischen Platz entfernt kämpft sich eine achtköpfige Ermittlergruppe durch die Daten der so genannten Panama Papers.

Das Bundeskriminalamt hatte die Datenträger vor zwei Jahren von einem Whistleblower angekauft, kurze Zeit nachdem ein weltweites Konsortium investigativer Journalisten über ein riesiges Geflecht von Scheinfirmen berichtet hatte: Sie offenbarten, wie eine panamaische Kanzlei vermögenden Kunden half, mithilfe von Briefkasten-Firmen Steuern zu vermeiden oder zu hinterziehen. Die steuerliche Auswertung der Panama Papers hat das Land Hessen federführend übernommen und dafür im Finanzamt Kassel II-Hofgeismar eine eigene Ermittlungsgruppe gegründet. Ihre Aufgabe ist es, die Panama Papers zu durchsuchen und relevante Fälle an die zuständigen Finanzbehörden im In- und Ausland abzugeben.

In der Zukunft könnten sich Absolventinnen und Absolventen der Universität Kassel an der Auswertung derartiger Daten-Leaks beteiligen. Denn seit kurzem bietet das Land Hessen in Zusammenarbeit mit dem Fachbereich 16 unserer Universität ein Duales Studium IT-Forensik/ Steuerfahndung an. Das heißt: abwechselnd Praxisphasen im Finanzamt sowie Studium an der Uni. Die ersten Studierenden – vier Frauen und ein Mann – haben ihr Bachelor-Studium Informatik im vergangenen Oktober am Standort Wilhelmshöher Allee begonnen.

„Natürlich arbeiten wir bereits mit IT-Experten und starker Unterstützung durch intelligente Computer-Programme", sagt Andreas Bauer, Leiter der Steuerfahndung im Finanzamt II. „Aber unser Bedarf wird in den kommenden Jahren noch massiv steigen. Deshalb sichern wir uns mit dem Dualen Studium hochqualifizierte Leute.“ Es gehe auch nicht nur um spektakuläre Fälle wie die Panama Papers. Der Stellvertretende Sprecher des Finanzministeriums Moritz Josten spricht von einer „Flut von elektronischen Daten“, die bei allen Ermittlungsbehörden, ganz besonders aber bei Finanzämtern inzwischen anfallen. Bauer erläutert: „Denken Sie an digitale Kassenbücher, Steuer-Erklärungen und und und. Mit gewöhnlichen Computerprogrammen stoßen Sie da schnell an Grenzen. Wir brauchen fortlaufend neueste Methoden und Leute, die mit ihnen umgehen können.“

„Das Dekanat hat uns den Weg geebnet“

Innerhalb Hessens beschäftigt sich das Finanzamt am Kasseler Altmarkt intensiv mit der Bearbeitung digitaler Massendaten. Fast 50 Steuerfahnderinnen und Steuerfahnder und IT-Forensiker bilden dort eine schlagkräftige Einheit. Zudem wurde vor Kurzem eine Forschungsstelle für den Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der Steuerverwaltung eingerichtet. Da lag es nahe, dass das Land Hessen auch sein neues Duales Studium in Kassel ansiedelte – damit konzentriert sich das Informatik-Knowhow der hessischen Finanzbehörden weiter an der Fuldabrücke.

Es gab aber auch weitere gute Gründe: „Die Universität Kassel ist für uns ein hervorragender Partner mit einem sehr guten Lehrangebot in Informatik“, lobt Bauer. „Hinzu kommt: Das Dekanat des Fachbereichs hat unsere Pläne offen aufgenommen und uns den Weg geebnet – bis hin zu Ratschlägen, worauf wir bei der Auswahl der Bewerberinnen und Bewerber achten sollen.“

Lara Yörük, Studienbetreuerin im Finanzamt und Verantwortliche für das Projekt, stimmt in das Lob ein: „Es zeichnet den Fachbereich Elektrotechnik/Informatik aus, dass er immer offen ist für neue Wege, gerade wenn es darum geht, gute Studierende an die Uni zu holen.“ Yörük weiß, wovon sie spricht. Die Informatikerin absolvierte selbst 2017 an der Uni Kassel und arbeitete anschließend als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Prof. Dr. Martin Lange im Fachgebiet Formale Methoden. „Eine weitere Stärke des Fachbereichs ist der enge Austausch zwischen den Fachgebieten; das ist in der Informatik sehr wichtig. Es geht darum, nicht nur in eine Richtung zu denken, sondern auch die Schnittstellen zu sehen. Genau das erwarten wir auch von unseren Studierenden.“

Zu jenen, die in einigen Jahren die digitale Schlagkraft des Finanzamts erhöhen sollen, zählt Marina Jaspers (Name geändert). Sie hatte bereits in der Schule drei Jahre Informatik-Unterricht und fand daran Gefallen. Das Gesamt-Paket des neuen Studien-Angebots stimmte aus ihrer Sicht: „Vorteile sind für mich der Standort Kassel mit der Universität Kassel, die einen grundständigen Informatik-Studiengang zunächst ohne Spezialisierung anbietet, der Praxisbezug in den Semesterferien und die Perspektive im öffentlichen Dienst. Bei Fragen und Problemen gibt es nicht nur diverse Anlaufstellen in der Universität, sondern auch im Finanzamt, wo unsere Studienbetreuerin bereits im Vorfeld aufkommende Fragen, etwa zur Erstellung eines Stundenplans, ausführlich beantworten konnte und mir dadurch den Einstieg erleichtert hat.“

Die ersten Wochen an der Uni erlebte Jaspers als abwechslungsreich und vielversprechend, aber auch als herausfordernd: „Das Informatik-Studium scheint mir sehr vielschichtig und breit gefächert zu sein. In den ersten Vorlesungstagen haben sich hilfsbereite, aber auch fordernde Professoren vorgestellt. Ihnen ist daran gelegen, dass wir Studierende neugierig sind und uns gemeinsam die neuen Inhalte aneignen. Ein Alleingänger wird es in diesem Studiengang wohl eher schwer haben.“

Teamplay hilft auf jeden Fall, denn einfach ist ein Duales Studium nicht. Anders als bei vielen anderen Modellen eines Dualen Studiums andernorts sind die jungen Leute an der Universität Kassel ganz normal eingeschrieben. Einen Rabatt bekommen sie bei den Prüfungen nicht. Zusätzlich zum Studium absolvieren sie in den vorlesungsfreien Zeiten blockweise die Praxisphasen, in diesem Fall im Finanzamt. Es mag Synergie-Effekte geben, beispielsweise wenn Projektarbeiten für das Studium im Rahmen der Ausbildung entstehen. Dennoch kann die Doppelbelastung auf die lange Strecke schon mal an den Kräften zehren. Auf der anderen Seite ist der Berufseinstieg quasi schon geschafft und der Übergang aus der Universität in eine Karriere geebnet.

Gute Systeme erkennen Zusammenhänge

Das Land Hessen will in den nächsten Jahren weitere Jahrgänge dual Studierender an die Uni schicken. Das Dekanat des Fachbereichs freut’s. „Wir machen sehr gute Erfahrungen mit dem Dualen Studium. In der Regel sind dies hochmotivierte Studierende, die trotz der höheren Belastung oft sichtbar überdurchschnittliche Leistungen erbringen“, sagt Studiendekan Prof. Dr.-Ing. Peter Zipf. Und Dekan Prof. Dr.-Ing. Axel Bangert fügt hinzu: „Ein Informatik-Studium bei uns eröffnet vielseitige Berufsmöglichkeiten, bis hinüber in Teilbereiche der Elektrotechnik. Wir freuen uns ganz besonders, dass wir über die Bewerberauswahl des Finanzamts Studentinnen und Studenten bekommen, die bereits eine klare Vorstellung von ihrer beruflichen Zukunft haben. Bei uns können sie ihre Studieninteressen hierfür frei ausleben und ihren Neigungen folgen.“ In welche Richtung sich die jungen Leute im Verlauf ihres Informatik-Studiums schließlich spezialisieren, dazu macht das Land Hessen mit seinem Dualen Studium keine Vorgaben: „Wir wollen bewusst ein breites Spektrum an Experten“, erklärt Steuerfahnder Bauer. Denn auch das Einsatzgebiet wird breit sein, bis hin zur Programmierung eigener Systeme.

Als Erstsemester hat Marina Jaspers noch Zeit, Spezialgebiete zu entwickeln. Nach den ersten Einführungsveranstaltungen findet sie das Thema neuronale Netze sehr spannend. „Außerdem interessieren mich die Bereiche Cybersicherheit und Methoden zur Auswertung von großen Datenmengen.“ Also genau das, was ihre Kollegen bei der Auswertung der Panama Papers anwenden; hier kommt bereits künstliche Intelligenz zum Einsatz. Beispielsweise lassen sich so nicht nur die Dokumente nach Namen durchforsten, sondern auch Querbezüge zwischen Dokumenten herstellen. Gute Systeme können dabei lernen, ob und wann bestimmte Namen gemeinsam in bestimmen Zusammenhängen auftauchten. Selbst unterschiedliche Schreibweisen sind kein Problem mehr.

Doch trotz noch so intelligenter Programme bleibt die Arbeit mühsam. Im vergangenen Frühjahr erklärte Finanzminister Thomas Schäfer, in den vergangenen Monaten seien etwa 350.000 Dokumente an die zuständigen Finanzbehörden im In- und Ausland weitergereicht, deutschlandweit über 4,3 Mio. Euro Steuern festgesetzt worden. Es bleibt also noch genug Arbeit übrig für die künftigen Absolventen der Uni Kassel.

Infos zum Dualen Studium an der Uni Kassel:

www.uni-kassel.de/go/duales-studium

Text: Sebastian Mense, publik 4/2019