27.09.2019 | Porträts und Geschichten

Hei­li­ge Tex­te: Wie man sie liest und wie bes­ser nicht

Für viele predigen sie den Frieden, andere sehen sie als Aufruf zur Gewalt: Heilige Texte. Wie man sie lesen und analysieren kann, zeigt Prof. Dr. Ilse Müllner vom Fachgebiet Biblische Theologie.

Bild: Uni Kassel.

Die Philister staunten wohl nicht schlecht. Simson, der Mann mit den übermenschlichen Kräften, erschlug 1000 ihrer Krieger. Mit einem Eselskiefer! Das ist weder ein Fantasy-Roman noch ein Tarantino-Film. So steht es im Buch der Richter im Alten Testament. Was macht man als Leserin oder Leser mit einem solchen Text? Besonders, wenn man bedenkt, dass viele Menschen heilige Texte wörtlich lesen. Dr. Ilse Müllner ist Professorin am Fachgebiet Biblische Theologie/Altes Testament. Hier erforscht sie, wie man einen heiligen Text lesen und verstehen kann. Und wie besser nicht.    

„Jeder weiß, was eine Hiobsbotschaft ist“

Müllner erforscht das Alte Testament der Bibel. Dabei beschäftigt sie sich mit der biblischen Narratologie, der Erzählwissenschaft. „Ich sehe biblische Texte erstmal als Erzählungen und zwar als sehr gute Erzählungen“, sagt sie. „Es sind oft großartige literarische Texte.“ Das Geschichtenerzählen ist kein Selbstzweck. Die Erzählungen der Vergangenheit dienen der Gegenwart. „Biblische Erzählungen stellten und stellen auch heute noch Grundmuster zur Verfügung, nach denen wir unser Leben gestalten können“, so die Theologin. „Das Leben ist keine reine Abfolge von Ereignissen. Erst Erzählungen verbinden Ereignisse und geben ihnen Sinn.“

Um das zu verstehen, müsse man nicht einmal religiös sein. Tatsächlich finden wir biblische Motive überall in unserem Alltag wieder. „Jeder weiß, was eine Hiobsbotschaft ist“, sagt Müllner. „Anderes Beispiel: Sie wissen sofort, was gemeint ist, wenn ich von ‚David gegen Goliath‘ spreche.“ Stimmt. Ob Bundesliga-Spiel oder politischer Wahlkampf. Dieses Sprachbild kennt man. Zwar sei das Wissen um biblische Inhalte bei jüngeren Leuten deutlich zurückgegangen. Aber es gebe bei den Studierenden eine große Lust daran, die antiken Schriften für sich zu entdecken, so Müllner. „Gerade für die junge Zielgruppe hat die Bibel viele Anknüpfpunkte. Die Fernsehserie Game of Thrones beispielsweise scheint stark von den Machtkämpfen des Alten Testaments und anderer antiker Literatur inspiriert.“

Was will uns der Erzähler sagen?

Aber was machen wir nun mit Simson? Hat er nun im Alleingang eine Unzahl von Kriegern erschlagen? Wohl eher nicht. „Wir sollten uns immer fragen, was die Erzähler sagen wollen“, so Müllner. In der Antike habe es andere Erzählkonventionen gegeben als heute. „3000 Jahre alte Geschichten sind eben anders als Geschichten von 2019.“ Das merke man zum Beispiel an den Figuren. „Anders als heutige Film- oder Romancharaktere sind biblische Figuren weniger individualistisch“, erklärt sie. „Menschen im alten Orient wurden immer im Kontext ihrer sozialen Beziehungen gedacht.“ Häufig treten ganze Völker als handelnde Charaktere auf.

Die richtige Frage sei also nicht, ob Simson das wirklich getan hat, ob Jonas wirklich tagelang im Bauch eines großen Fischs gelebt hat oder ob Adam und Eva für ihren Ungehorsam aus dem Paradies geworfen wurden. Die richtige Frage ist: Was ist die Absicht des Erzählers?

Der Nahe Osten war bereits in der Antike ein umstrittenes Gebiet. Assyrer, Babylonier, Israeliten, Perser, später auch Griechen und Römer kämpften um die Vorherrschaft. Viele alttestamentliche Erzählungen dienten dazu, die Gruppenzugehörigkeit des Volkes Israel in stürmischen Zeiten zu festigen. „Es handelt sich oft um Trauma-Erzählungen.“ Das Volk Israel des Alten Testaments litt unter fremden Eroberern und Feinden aus der näheren Umgebung. Mit Erzählungen stärkte es die eigene Identität. Es versicherte sich seiner Handlungsfähigkeit. Die Botschaft ist klar: Wir sind wer!

„Es gibt viele Arten, einen Text zu interpretieren“

Wie die Texte entstanden sind, interessiert einige jedoch nicht. Fundamentalisten aller Religionen etwa legen ihre heiligen Texte oft wörtlich aus. Ohne jeden Kontext. Für Müllner macht das wenig Sinn. „Wörtliche Interpretation? Das scheitert doch schon an den vielen Übersetzungen. Sie müssen sich ja erstmal fragen: Welche Bibel nehmen Sie? Den althebräischen oder altgriechischen Originaltext? Selbst den gibt es oft in mehreren Versionen. Die Lutherbibel? Die aktuelle Einheitsübersetzung? Bibel in gerechter Sprache?“ Mit jeder Übersetzung fließe eine neue Deutung in den Text.

Es gibt zahlreiche Ansätze, einen Text zu interpretieren, so Müllner. Seit der Aufklärung im 18. Jahrhundert hat man angefangen, die Bibel auch kritisch zu lesen. „Am Fachgebiet Biblische Theologie stehen wir für eine kulturgeschichtliche, historisch verantwortete Auslegung der Bibel.“ Das heißt, immer den kulturellen und zeitlichen Kontext mitdenken! Wann ist ein Text wo entstanden? Welche sozialen Regeln galten dort zu dieser Zeit? Wie erzählte man Geschichten? „Man darf die jeweiligen Kulturspezifika nicht aus den Augen verlieren.“

Auch die katholische Kirche lehnt die wörtliche Auslegung ab. 1993 hat eine päpstliche Kommission die Vielfalt der verschiedenen Bibel-Auslegungen gutgeheißen. Nur eine nicht: den Fundamentalismus. Aber warum ist die wörtliche Auslegung für viele so anziehend? „Einigen Menschen fällt es schwer, Gott und Religion mit Ambivalenzen zusammenzubringen“, meint Müllner. Aber sie betont: „Die Bibel ist ambivalent.“ Man nehme die biblische Gestalt König Davids. Einerseits galt er als frommer Held, andererseits schickte er einen seiner Offiziere in einen blutigen Krieg, weil er in dessen Frau verliebt war. Heilig geht anders.

„Es geht um Befreiung“

Wichtig sei aber auch, dass heilige Texte mehr seien als Erzählungen, sagt Müllner. Sie sind außerdem historische Quellen und helfen uns, die Vergangenheit zu verstehen. „Einen König David zum Beispiel gab es ja wirklich.“ Und sie seien für viele Menschen ja nicht nur literarische, sondern vor allem religiöse Texte. Von religiösen Menschen käme oft der Vorwurf, wer die Bibel wissenschaftlich lese, habe keinen Respekt vor ihr. „Das stimmt selbstverständlich nicht“, sagt die Forscherin. „Wir würdigen den Text mitsamt seiner Herkunft und seiner Entstehungsgeschichte.“

Die heiligen Schriften sind also voll von großartigen, sinngebenden Erzählungen. „Das Leben will erzählt werden“, ist sich Müllner sicher. Gibt es bei der Vielzahl solcher berühmten Bilder vielleicht ein Grundmotiv? Ein Bild, das die ganze Bibel durchzieht? „Die Bibel besteht aus vielen Büchern“, sagt sie. „Als Theologinnen und Theologen legen wir Wert auf diese Vielfalt.“ Eine typische Erzählung ziehe sich jedoch durch die ganze Bibel: die Befreiung. „Es ist das Exodus-Motiv – Das Volk Israel wird aus der Sklaverei befreit, der Sünder wird von der Sünde befreit. Es geht um Befreiung.“

 

Text: David Wüstehube