05.06.2020 | Pressemitteilung

Deutsch­lands Fu­ß­ab­drü­cke sind zu groß

Bioökonomie ist als Schlagwort in aller Munde – was aber steckt eigentlich hinter diesem Begriff? Aufschluss darüber gibt der erste Pilotbericht zum Monitoring der deutschen Bioökonomie, der am 5. Juni erscheint.

Bild: Achim Manche.

Der Bericht wurde unter Leitung von Prof. Dr. Stefan Bringezu erstellt, Leiter des Center for Environmental Systems Research (CESR) der Universität Kassel, in Zusammenarbeit mit dem Johann Heinrich von Thünen-Institut. „Einfach gesagt bezeichnet Bioökonomie den Teil der Wirtschaft, der mit der Produktion, Verarbeitung oder dem Verbrauch von biologischen Produkten befasst ist“, sagt Prof. Bringezu. Darunter fällt sowohl die Biomasse, die in Landwirtschaft, Fortwirtschaft, Fischerei, im Garten- und Landschaftsbau erzeugt wird als auch ihre Verwendung im verarbeitenden Gewerbe, bei Dienstleistungen und Konsum. „Nicht zu vernachlässigen sind zudem die biogenen Rest- und Abfallstoffe, die in der Abfallwirtschaft anfallen“, erklärt Prof. Bringezu.

All diese Materialien und Dienstleistungen sind über komplexe Prozesse miteinander verknüpft. „Um diese Komplexität in verständliche Bilder und politisch handhabbare Orientierungsgrößen zu übersetzen, haben wir das Modell der Fußabdrücke gewählt“, sagt Prof. Bringezu. Insgesamt fünf unterschiedliche Fußabdrücke hat er gemeinsam mit seinem Team und Partnerinstituten des SYMOBIO-Forschungskonsortiums untersucht, um den ökologischen Gesamt-Fußabdruck für Deutschland zu ermitteln.

Neben den bekannten Klima- und Wasserfußabdrücken gehören dazu auch der Forstfußabdruck, der biotische Materialfußabdruck und der globale Agrarfußabdruck. „Mit Hilfe dieser Indikatoren können wir Trends in der Bioökonomie erkennbar machen, um sowohl Politik und Wirtschaft aber auch den einzelnen Verbrauchern Fakten für ihre Entscheidungen an die Hand zu geben“, schildert Prof. Bringezu.   

Zu den wichtigsten Ergebnissen gehört für Prof. Bringezu die Tatsache, dass Deutschland in den 2000er Jahren durch seine Nachfrage nach Nahrungsmitteln, Futtermitteln und Bioenergie erheblich zur Umwandlung von Naturflächen in anderen Regionen beigetragen hat. „Deutschland hat 2015 weltweit für seinen Konsum mehr als 50 Mio. Hektar Agrarfläche belegt. Zum Vergleich: unsere inländische Landwirtschaftsfläche umfasst 17 Mio. Hektar“, berichtet Prof. Bringezu.

Der Wasserfußabdruck wurde zudem erstmals in Beziehung gesetzt zur Wasserverfügbarkeit in den Regionen, aus denen Deutschland seine Agrarimporte bezieht. Zwar wird die Gesamtmenge an Bewässerungswasser in den kommenden Jahren insgesamt sinken, aber der Anteil, der aus Regionen mit hoher Wasserknappheit stammt, dürfte steigen.

Ebenfalls eine wichtige Erkenntnis ist die Tatsache, dass rund 60 Prozent des in Deutschland angebauten Getreides verfüttert werden. „Der Konsum landwirtschaftlicher Produkte hat den größten Anteil der Klimagasemissionen der Bioökonomie. Mehr als die Hälfte davon wird durch Fleisch- und Molkereiprodukte verursacht.“

„Einige dieser Fakten sind bereits bekannt oder geistern als Schlagworte durch die Medien – das Neue an unserem Pilotbericht ist die Zusammenführung der verfügbaren Daten und die wissenschaftlich systematische und umfassende Analyse“, erklärt Prof. Bringezu. „Der Pilotbericht hat zunächst die Perspektive erweitert und wichtige Zusammenhänge und Trends aufgezeigt. Die Ergebnisse lassen sich letztlich so verstehen, dass die laufenden politischen Aktivitäten in Richtung Ressourceneffizienz und Klimaschutz verstärkt werden sollten. Verabschieden sollten wir uns von der Vorstellung, dass möglichst viele mineralische Rohstoffe durch nachwachsende ersetzt werden sollten. Dazu ist der Planet zu klein. Die Zukunft liegt in der effizient kombinierten Nutzung biotischer und nicht-biotischer Ressourcen.“

Hintergrund

Die Erstellung wurde gefördert im Rahmen des Projekts SYMOBIO vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. Die Arbeiten des Thünen-Instituts wurden gefördert durch das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft über die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR). Die Arbeiten von FhG-ISI basieren auf der Forschungsstudie „Ermittlung wirtschaftlicher Kennzahlen und Indikatoren für ein Monitoring des Voranschreitens der Bioökonomie“ die vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie in Auftrag gegeben wurde (Konsortium unter Leitung des ifo-Instituts). Begleitet wurde die Erstellung von der Steuerungsgruppe zum Monitoring der Bioökonomie, in der die drei genannten Ministerien vertreten waren.

 

Pressekontakt

Markus Zens
Pressesprecher

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