22.04.2021 | Pressemitteilung

So viel NS­DAP-Ver­gan­gen­heit hat­te die Bon­ner Eli­te der Ade­nau­er­zeit

Wenige überzeugte Nazis, viele Mitläufer, wenige Widerständler prägten den Politik- und Verwaltungsapparat der Adenauerzeit - so lässt sich ein Ergebnis einer Studie der Universität Kassel zusammenfassen, die mehr als 3.500 Karrieren aller Spitzenbeamten und Regierungspolitiker von der Kaiserzeit bis ins gegenwärtige Deutschland untersucht hat. Interessant sind auch die Ergebnisse zum Bildungsabschluss und zu anderen Merkmalen wie Geschlecht, Herkunft oder politischen Mandaten.

Bild: Peter Schubart.
Prof. Dr. Sylvia Veit leitete die Studie.
Bild: Jared Enos/CC BY-NC-ND 2.0
Konrad Adenauer 1966.

Von einer unbelasteten bundesdeutschen Elite nach dem Krieg könne man nur sehr bedingt sprechen, erläutert Prof. Dr. Sylvia Veit, Leiterin des Projekts. So sei ein beträchtlicher Teil des politischen und administrativen Personals zwischen 1949 und 1963 zuvor in der NSDAP gewesen: Von 283 Spitzenbeamten in den Bonner Bundesministerien und im Kanzleramt waren es 105 (bei weiteren 99 Personen ist dies nicht bekannt, kann aber auch nicht ausgeschlossen werden). Auch von 51 Ministern derselben Periode ist bei 13 eine Mitgliedschaft in Hitlers Partei bekannt (einmal unklar).

In einem zentralen Amt der NSDAP wirkten hingegen nur 15 Personen (von den insgesamt 334 Spitzenbeamten und Regierungspolitikern) mit; gemeint sind hier beispielsweise das Hauptamt für Volksgesundheit oder das Hauptamt für Kommunalpolitik. Von 46 Personen sind nationalsozialistische Äußerungen dokumentiert; von sieben Personen gar Gewaltanwendungen für den Nationalsozialismus, beispielsweise die Teilnahme an einem Pogrom oder die Genehmigung von Deportationen in Konzentrationslager. Elf Männer waren Offiziere bei SS, SA oder SD.

Auf der anderen Seite kamen nur sehr wenige der Spitzenbeamten und Politiker aus der Opposition gegen das Dritte Reich: 21 der 334 Personen waren in Haft, 60 erlitten materielle Schäden, etwa weil ihnen Vermögen entzogen wurde. 17 Personen sind als ehemaliges Mitglied einer Widerstandsorganisation bekannt.

„Unsere Ergebnisse bestätigen, dass die junge Bundesrepublik sich in beträchtlichen Teilen auf ein politisches und administratives Spitzenpersonal stürzte, das sich zuvor mit dem Dritten Reich arrangiert hatte“, kommentierte Prof. Dr. Sylvia Veit, die an der Universität Kassel das Fachgebiet Public Management leitet. „Weder war es so, dass bruchlos überzeugte Nationalsozialisten in den demokratischen Institutionen weiterarbeiteten; genauso wenig lässt sich aber sagen, dass ein Neustart mit Personal unternommen wurde, das aus dem Widerstand gegen den Faschismus kam. Zum ersten Mal belegen wir das mit einer umfangreichen Erfassung aller Karriereverläufe des Spitzenpersonals.“

 

Männlich, promoviert, Jurist

Die Kasseler Forscherinnen und Forscher untersuchten aber nicht nur Parteizugehörigkeiten, sondern erhoben auch Daten zur Sozialstruktur. Dass so gut wie alle Politiker und Spitzenbeamte in der Ära Adenauer männlich waren, erstaunt wenig. Auch dass beinahe die Hälfte aller Politiker aus Bayern (23,5 %) oder Nordrhein-Westfalen (21,6 %) kamen, lässt sich mit der Größe der Bundesländer erklären. Ins Auge fällt aber beispielsweise, dass etwa jeder zweite Beamte Jura studiert hatte; und annähernd zwei Drittel aller Beamten zwischen 1949 und 1963 (und sogar rund 70 Prozent in der ersten Amtsperiode Adenauer) hatten in diesem oder einem anderen Fach promoviert oder gar habilitiert – ein Wert, der inzwischen auf unter 40 Prozent gesunken ist. 

Die Studie zur Adenauerzeit ist Teil eines größeren Forschungsprojekts und wurde jetzt als Working Paper veröffentlicht unter https://kobra.uni-kassel.de/handle/123456789/12535. Das Gesamt-Forschungsprojekt „Neue Eliten – etabliertes Personal? (Dis-)Kontinuitäten deutscher Ministerien in Systemtransformationen“ wird von 2017 bis 2021 von der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien im Rahmen des Forschungsprogramms zur Aufarbeitung der NS-Vergangenheit zentraler deutscher Behörden gefördert und am Fachgebiet Public Management der Universität Kassel unter der Leitung von Prof. Dr. Sylvia Veit durchgeführt. Ausgewertet wurden die Biographien aller Personen, die 1913, 1920, 1927, 1934, 1939 oder 1944 sowie seit 1949 Regierungsmitglied oder Staatsoberhaupt des Deutschen Reichs, der Bundesrepublik bzw. der DDR waren (Politikerinnen und Politiker) oder eine leitende Funktion in einem Ministerium der obersten staatlichen Ebene hatten (politische Beamtinnen und Beamte).

Ausgewertet wurden so mehr als 3.500 Biographien. Als Quellen dienten u. a. Personal- und Kaderakten im Bundesarchiv sowie Akten der NSDAP, der SED und der jeweils angeschlossenen Verbände, öffentlich zugängliche Lebensläufe, Zeitungsarchive sowie die Handbücher der Bundesregierung, die Handbücher für das Deutsche Reich und die von der CIA publizierten Directories of East German Officials. Der hier besprochenen Teilstudie zur Regierungszeit von Bundeskanzler Konrad Adenauer lagen 334 Biographien zugrunde (51 Politikerinnen und Politiker, 283 Beamtinnen und Beamte).

 

DOI: doi:10.17170/kobra-202102183292

Link zu den Studienergebnissen: https://kobra.uni-kassel.de/handle/123456789/12535

Link zu weiteren Ergebnissen des Forschungsprojekts: https://kobra.uni-kassel.de/handle/123456789/11789

 

Zu weiteren Ergebnissen der Studie finden Sie ab Anfang Mai einen Podcast auf www.uni-kassel.de/go/podcasts.

 

Kontakt:

Prof. Dr. Sylvia Veit
Universität Kassel
Fachgebiet Public Management
E-Mail: sveit[at]uni-kassel[dot]de

 

Pressekontakt:

Sebastian Mense
Universität Kassel
Kommunikation, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Tel.: +49 561 804-1961
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