02.03.2022 | Pressemitteilung

Psy­cho­lin­gu­is­tik: Das Gen­der-Stern­chen lässt uns be­vor­zugt an Frau­en den­ken

Psychologinnen und Psychologen der Universitäten Kassel und Würzburg haben untersucht, welche kognitiven Auffassungen von biologischem bzw. sozialem Geschlecht verschiedene Sprachformen hervorrufen. Ein Ergebnis: Auch das geschriebene Gender-Sternchen (Bürger*innen) führt nicht zu einer gleichstarken kognitiven Repräsentation beider Geschlechter.

Campus Holländischer Platz der Universität Kassel.Bild: Uni Kassel.
Campus Holländischer Platz der Universität Kassel.

Eine Vielzahl psycholinguistischer Experimente zeigt, dass das sogenannte generische Maskulinum (z.B. Nachbarn) dazu führt, dass viele Lesende dazu tendieren, die genannten Personen für Männer zu halten. Nachbarn sind also in unseren Vorstellungen eher Männer als Frauen. Man spricht von einem Male Bias. Auf diese Studien stützen sich auch die aktuellen Diskurse um Gleichberechtigung in der Sprache.

Die Ergebnisse einer von Kasseler und Würzburger Psychologinnen und Psychologen durchgeführten Studie bestätigen diese Ergebnisse. Neu an der Studie ist, dass auch die Genderstern-Variante (z.B. Nachbar*innen) untersucht wurde. Ergebnis war, dass die Genderstern-Variante zugunsten von Frauen verstanden wird, dass Lesende also dazu tendieren, Nachbar*innen als Nachbarinnen und nicht als Nachbarn zu interpretieren. Dieser sogenannte Female Bias ist geringer als der oben beschriebene Male Bias. Dass ein Female Bias vorhanden ist, zeigt jedoch, dass man dem Problem einer ungleichen Repräsentation von Frauen und Männern auch durch die Verwendung dieser Form nicht entkommt. Eine gleichstarke Vorstellung von Männern und Frauen wird erzielt, wenn sowohl die weibliche als auch die männliche Form (z.B. Nachbarinnen und Nachbarn) genannt werden.

An der Studie nahmen in zwei Durchgängen rund 600 Versuchspersonen teil. Sie lasen Sätze über Personengruppen in jeweils einer der drei Varianten. Im jeweils zweiten Satz wurde auf einen männlichen oder weiblichen Teil der Gruppe verwiesen. Ein Beispiel:

1aDie Autor*innen waren schon am Flughafen.

1b Die Autoren waren schon am Flughafen.

1c Die Autorinnen und Autoren waren schon am Flughafen.

2a Man konnte beobachten, dass einige der Männer erschöpft waren.

2b Man konnte beobachten, dass einige der Frauen erschöpft waren.

 

Die Forschenden erfassten, wie häufig und wie schnell die Versuchspersonen erkennen konnten, dass der zweite Satz eine mögliche Fortsetzung des ersten Satzes ist. Wenn beispielsweise im ersten Satz die Genderstern-Form gelesen wurde (Satz 1a), funktionierte dieses Erkennen im nächsten Satz richtiger und schneller, wenn dort von Frauen (Satz 2b) als von Männern die Rede war (Satz 2a). Das zeigt, dass beim Lesen des Gendersterns Frauen stärker repräsentiert sind als Männer.

“Kognitionspsychologische Studien wie diese zeigen, wie genderbezogene Informationen von Lesenden tatsächlich verarbeitet werden“, betont Dr. Anita Körner, Erstautorin der Studie. „Diese und ähnlich Forschung kann im gesellschaftlichen Diskurs helfen, evidenzbasiert zu entscheiden, welche Sprachformen zu einer Gleichbehandlung der Geschlechter beitragen können.“

 

Veröffentlichung: https://doi.org/10.1177/0261927X221080181

 

Pressekontakt:

Sebastian Mense
Universität Kassel
Kommunikation, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
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