08.06.2022 | Porträts und Geschichten

Das Morgen von ges­tern - War­um wir von der Zu­kunft träu­men

Während sich Herr B. die Zähne putzt, bereitet sich sein Frühstück vollautomatisch zu. Er nimmt ein Tablett aus dem Spezialofen, mit einer fertigen Tasse Kaffee und einem heißen, von Alufolie ummantelten Gericht. Gleichzeitig aktiviert sich sein Zeitungsdrucker selbstständig und liefert ihm die neuesten Nachrichten. Er schaltet das Fernsehen ein; zwischen 19 Programmen kann er inzwischen wählen. Statt wie gewöhnlich in Tele-Arbeit, geht er heute ins Büro. Immerhin 25 Stunden die Woche arbeiten Menschen noch. Per Münzeinwurf mietet er sich ein Elektroauto – Privatfahrzeuge wie in seiner Kindheit gibt es nicht mehr.

Bild: Adobe Stock

So präsentierte das ZDF vor ziemlich genau 50 Jahren in der Sendung „Richtung 2000“ eine Vision der Zukunft. Damit war der Sender nicht allein. Schon Jules Verne träumte im 19. Jahrhundert in seinen Science-Fiction-Werken vom Flug zum Mond und riesigen U-Booten wie der Nautilus: Dingen, die erst Jahrzehnte später Realität wurden.

Beispiele für den Wunsch, die Zukunft zu kennen, gibt es zahlreich. Schon die alten Griechen versuchten, über Orakel wie das in Delphi einen Blick ins Unbekannte zu erhaschen – seien es individuelle Schicksale oder der Ausgang großer Schlachten. Karten legen, Kaffeesatz lesen oder die Sterne befragen sind noch heute bekannte, wenn auch zweifelhafte Methoden. „Projektionen in die Zukunft wie auch zukunftsorientiertes Handeln sind keine Phänomene der Moderne“, weiß die Kasseler Frühneuzeithistorikerin Prof. Dr. Anne-Charlott Trepp. Sie ist Sprecherin des Forschungsprojektes „Zurück in die Zukunft“, das sich damit beschäftigt, wie und warum vergangene Gesellschaften Vorstellungen von der Zukunft entwickelten.

Aufgeklärt in die Zukunft?

Eine geläufige Annahme ist, Menschen hätten im Mittelalter bzw. in der Vormoderne keine Pläne für die fernere Zukunft gehabt. „Gemeinhin stellen wir uns diese Zeiten recht düster vor, ohne Visionen für die Zukunft, geschweige denn für Fortschritt und Innovation. Wie die Zukunft aussah, fand sich in der biblischen Erzählung“, so Trepp. Die Bibel sagt den Untergang der Welt und das glanzvolle neue Jerusalem vorher, das vom Himmel herabkommt. „Der Verlauf der Zeiten war also vorbestimmt. Daraus wurde in der Zukunftsforschung vorschnell der Schluss gezogen, die Menschen hätten kaum Gestaltungsoptionen für die eigene Zukunft gesehen. Erst mit der Aufklärung und einer grundlegenden Zurückdrängung der Religion habe sich dies geändert“, erläutert Trepp. „Diese Betrachtung auf vormoderne Zeiten greift zu kurz. Wir nehmen heutige Sichtweisen zum Maßstab und ignorieren damit nicht zuletzt auch die Zukunftsvorstellungen nicht-europäischer Gesellschaften. Wir haben vielfältige Belege dafür, dass sich Menschen schon vor der Aufklärung die Welt von morgen vorstellten und gezielt auf deren Realisierung hinarbeiteten. Welcher Zusammenhang genau zwischen Religion und Zukunftshandeln bestand, erforschen wir.“

Ein Grund, warum sich Menschen überhaupt die Zukunft vorstellen, folgt laut Trepp aus der Gewissheit der eigenen Endlichkeit: „Es scheint ein menschliches Bedürfnis zu sein, über das eigene Leben hinaus zu wirken und präsent zu sein.“ Ein stückweit schwinge hier der Wunsch nach Transzendenz mit.

Bild: Metropolitan Museum of Art
Zukunftsvisionen früher: Engel weisen den Weg ins neue Jerusalem. Holzschnit, Albrecht Dürer 1498

Paradies versus Apokalypse

Auch in der Gegenwart entstehen Entwürfe der Zukunft. Durch moderne Filmtechnik und Animationen werden sie, wenn auch nur auf der Leinwand, Realität. Das wohl bekannteste Genre für solche Filme ist die Science-Fiction. Klassiker wie Star Trek entwerfen seit Jahrzehnten Perspektiven zukünftiger Welten. „Um diese glaubhaft darzustellen, ist die Landschaft besonders bedeutend“, erklärt Friederike Meyer-Roscher vom Fachbereich Architektur, Stadtplanung und Landschaftsplanung.

Sie promoviert zur Darstellung von Landschaft im Science-Fiction-Film und leitete Seminare, in denen Studierende utopische und dystopische Welten entwarfen. „Insgesamt fällt auf, dass sich die Motive in der Science-Fiction in den letzten 100 Jahren kaum geändert haben: Menschen werden immer ärmer aufgrund einer reichen Elite, technischer Fortschritt zerstört unseren Planeten und die Stadt wird meist zum Sinnbild des Negativen, mit dichter hoher Bebauung, welche die Natur verdrängt.“

Die Münsteraner Professorin für Kunstwissenschaft Nina Gerlach entwickelte die These, dass seit 1945 die Natur im Film stets positiv bewertet und mit den guten Protagonisten verbunden wird. „Bei Bewertungen von Filmbildern untersuchen wir auch immer die Verknüpfung von Landschaft mit einem speziellen Charaktertypus. Bei Star Wars beispielsweise bewegen sich ´gute´ Charaktere auf erdähnlichen Planeten mit grüner Vegetation, die ´bösen´ auf Vulkanlandschaften oder in Fabrikbauten“, erläutert Meyer-Roscher. „Jedoch verstärkt sich der Trend, dass der klassische Held mit dystopischen Landschaften und bedrohlicher Wildnis verknüpft und der Antagonist zunehmend mit positiv konnotierten Landschaften und Gärten verbunden wird.“

Bild: Adobe Stock
Zukunftsvision heute: In vielen Science-Fiction-Filmen haben Städte etwas Düsteres.

Für Meyer-Roscher sagen diese Visionen mehr über die Gegenwart aus als über die Zukunft. „Inspiriert werden diese Landschaften oft durch real existierende Orte. Auch werden Themen aufgegriffen, die heute relevant sind, und oft ins Extreme gesteigert. Zukunftsvisionen sind viel mehr ein Spiegel der Gegenwart.“             

Auch ob die Welt in unserer Vorstellung rosig wird oder in der Apokalypse endet, entwerfen wir anhand der gegenwärtigen Lebenswirklichkeit. Trepp: „Es braucht ein positives Bild von der Zukunft, um gestaltend Einfluss zu nehmen. Angesichts der Klimakrise, der Corona-Pandemie und des Krieges in der Ukraine mag sich gegenwärtig sicher schwerlich Optimismus einstellen. Aber auch für den Umgang mit Krisenerfahrungen lohnt ein Blick in die Geschichte. Gerade Krisenzeiten bringen Mittel zur Veränderung der Zukunft hervor.“

 

Dennis Müller
Dieser Text ist aus der publik 2/2022 vom 14. Juni 2022