Franz-Ro­sen­zweig-Gast­pro­fes­sur

Die deutschlandweit einmalige Franz-Rosenzweig-Gastprofessur setzt sich mit Werk und Vermächtnis des aus Kassel stammenden jüdischen Religionsphilosophen Franz Rosenzweig auseinander. Die Professur wird jeweils zum Sommersemester vergeben. In der Regel werden neben einer öffentlichen Antrittsvorlesung zwei Seminare angeboten. Mit der Gastprofessur wurden bis heute zahlreiche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Philosophie, Geschichts-, Literatur- und Religionswissenschaft aus Israel, Europa und Nordamerika geehrt. 

In den letzten Jahren diente die Professur verstärkt der Vergegenwärtigung der durch den Nationalsozialismus zerstörten Kultur des europäischen Judentums und der Auseinandersetzung mit der jüdischen Gegenwart. Die Franz-Rosenzweig-Gastprofessur wird von der Universität Kassel seit 1987 verliehen. Sie wurde im Anschluss an einen internationalen Kongress ins Leben gerufen, der zum 100. Geburtstag des bedeutenden Religionsphilosophen 1986 stattfand.

    Im Jahr 2019 wurde die Gastprofessur nicht besetzt. 

    Dr. Felicitas Heimann-Jelinek ist Judaistin und Kunstwissenschaftlerin und eine profilierte Expertin für die Darstellung jüdischer Geschichte und Kunst. Von 1993 bis 2011 war sie als Chef-Kuratorin für das Jüdische Museum der Stadt Wien tätig. Daneben wirkte sie an zahlreichen Ausstellungen anderer Museen mit und machte sich insbesondere um die Aus- und Weiterbildung von Kuratorinnen und Kuratoren an jüdischen Museen verdient. In Gastprofessuren und Lehraufträgen setzte Heimann-Jelinek sich immer wieder wissenschaftlich mit Fragen der Darstellung jüdischer Kunst, Geschichte und Identität auseinander. Sie ist u.a. Board Member der Association of Jewish Museums und Board Member der Rothschild Foundation Europe.

    Prof. Dr. Hanna Liss ist Professorin für Bibel und jüdische Bibelauslegung an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg. In ihrer wissenschaftlichen Arbeit beschäftigt sie sich vor allem mit der mittelalterlichen jüdischen Bibel- und Kommentarliteratur und mit mittelalterlichen Bibelcodices in Westeuropa. Ihr ist es ein Anliegen, immer wieder Brücken zu schlagen zwischen der akademischen Welt und einer breiteren Öffentlichkeit. So veröffentlichte sie neben zahlreichen wissenschaftlichen Schriften beispielsweise ein Lehrbuch zum Tanach und eine fünfbändige kommentierte Tora für Kinder und Jugendliche. Liss wurde 1995 mit einer Arbeit zum mittelalterlichen jüdischen Theologen Eleasar von Worms promoviert. 2002 habilitierte sie sich im Fach Judaistik/Jüdische Studien an der Martin-Luther-Universität in Halle-Wittenberg zum Thema Die unerhörte Prophetie. Kommunikative Strukturen prophetischer Rede im Buch Yesha’yahu. 2002 war sie Moosnick Distinguished Professor of Hebrew Bible & Jewish Studies am Lexington Theological Seminary, Kentucky, und ein Jahr später Harry Starr Research Fellow am Center for Jewish Studies der Harvard University.

    Der Philosoph und Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Micha Brumlik ist eine wichtige Stimme im interreligiösen Dialog, er hat sich immer wieder auch in die aktuelle Debatte um die Integration von Migranten eingeschaltet. Der gebürtige Schweizer studierte Philosophie an der Hebrew University Jerusalem sowie Philosophie und Pädagogik an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Von 1981 bis 2000 hatte er den Lehrstuhl für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Sozialpädagogik an der Universität Heidelberg inne und war von 2000 bis 2013 Professor für Theorien der Bildung und Erziehung am Institut für Allgemeine Erziehungswissenschaft an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Von 2000 bis 2005 amtierte er außerdem als Direktor des Fritz-Bauer-Instituts, des Forschungs- und Dokumentationszentrums zur Geschichte des Holocaust an der Goethe-Universität Frankfurt. Seit 2013 ist er Senior Professor am Zentrum Jüdische Studien Berlin/Brandenburg.

    Die Kunst- und Kulturhistorikerin und Kuratorin Doreet LeVitte-Harten studierte Kunstgeschichte und vergleichende Religionswissenschaft in Jerusalem und arbeitete danach als Journalistin und Kunstkritikerin für die israelische Zeitung Ha’aretz sowie als Dozentin an der Bezalel Art Academy, Jerusalem, und am Visual Center, Beer Sheva. Seit 1980 kuratiert sie Ausstellungen in Deutschland und Israel, zuletzt „About Stupidity, The Phenomena of Stupidity as Observed by Artists“,Petach Tikva Museum of Art, Israel (2013) und „Conflicts, the Problems of Other People”, Herzliya Museum of Contemporary Art, Israel (2014).

    Die Gastprofessur ging im Sommersemester 2014 erstmals an einen Musikwissenschaftler. Prof. Dr. Philip Vilas Bohlmann hielt an der nordhessischen Hochschule neben Veranstaltungen zur jüdischen Musik der Moderne auch ein Seminar zu „Nationalismus im Spiegel des Eurovision Song Contest“. Bohlman, geboren 1952 in Wisconsin (USA), ist seit 1999 Professor für Musik an der University of Chicago. Er studierte Musikwissenschaft und Musikethnologie an der University of Illinois Urbana-Champaign, wo er 1984 promovierte. Seit 1987 gehört er zum Kollegium der University of Chicago. 1999 wurde er dort zum Mary Werkman Professor in the Humanities and Music berufen, seit 2007 ist er Mary Werkman Distinguished Service Professor of Music and the Humanities. Von 2003 bis 2006 hatte er an der Universität Chicago überdies den Chair der Jewish Studies inne. Philip Bohlman ist Honorarprofessor der Hochschule für Musik und Theater Hannover und bekleidete eine Gastprofessur an der Universität Wien (1995/96). Darüber hinaus unterrichtete er an den Universitäten Berkeley, Yale, Newcastle, Freiburg und an der Humboldt Universität Berlin. Zu Bohlmans Forschungsschwerpunkten zählen die jüdische Musik und Kultur in der Moderne, insbesondere die Musik der jüdischen Gemeinschaften in Mittel- und Ostmitteleuropa, des weiteren Musik und kulturelle Identität in der Moderne sowie Kanonbildung und Nationalismen in der Musik.  

    Der Historiker und Kulturwissenschaftler Prof. Dr. Frank Stern forscht insbesondere zur deutsch-jüdischen Literatur- und Filmgeschichte. Geb. 1944 in Ostpreußen, zählt er zu den renommiertesten Kennern der deutsch-jüdischen Geschichte. Nach einem Studium der Germanistik, Geschichte und Politikwissenschaft in Berlin und Jerusalem und Tätigkeiten an Hochschulen und in der Erwachsenenbildung wurde Stern 1989 an der Universität Tel Aviv promoviert. 1997 übernahm er eine Professur für moderne deutsche und europäische Geschichte an der Ben-Gurion-Universität in Beer-Sheva, seit 2004 ist er Professor für visuelle Zeit- und Kulturgeschichte an der Historisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien. Er hat darüber hinaus eine große Zahl von Gastprofessuren in Deutschland, Österreich, den USA und Israel innegehabt.

    Liliane Weissberg, PhD
    Christopher H. Browne Distinguished Professor in Arts and Sciences and Professor of German and Comparative Literature

    University of Pennsylvania, Philadelphia, PA

    She is also a member of the Jewish Studies Program, the Art History Graduate Group, the English Graduate Group, the Program in Visual Studies, the Program in Gender, Sexuality, and Women's Studies, and the Graduate Group in Religious Studies.

    Weissberg's interests focus on late eighteenth-century to early twentieth-century German literature and philosophy. Much of her work has concentrated on German, European, and American Romanticism, but she has also written on the notion of representation in realism, on photography, and on literary and feminist theory. Among her more recent books are a critical edition of Hannah Arendt's Rahel Varnhagen: The Life of a Jewess (1997), the anthologies Cultural Memory and the Construction of Identity (with Dan Ben-Amos, 1999), and Romancing the Shadow: Poe and Race (with J. Gerald Kennedy, 2001),   Hannah Arendt, Charlie Chaplin und die verborgene jüdische Tradition (2009), the anthology Affinität wider Willen? Hannah Arendt, Theodor W. Adorno und die Frankfurter Schule (2011) and the forthcoming Picture This! Writing with Photography (with Karen Beckman, 2012).

    Im Jahr 2011 wurde die Gastprofessur nicht besetzt. 

    Dr. Jakob Hessing
    Schriftsteller und Germanist
    an der Hebräischen Universität in Jerusalem, Israel

    Jakob Hessing (auch: Jaakov Hessing) ist der Sohn ostjüdischer Eltern und wurde am 5. März 1944 in einem Versteck im Außenlager eines deutschen Konzentrationslagers Lyssowce, Oberschlesien geboren. Nach der Befreiung durch die Rote Armee ging seine Familie nach Berlin, wo er aufwuchs. Er besuchte die Volksschule und das Gymnasium, an dem er 1964 das Abitur machte. Im gleichen Jahr wanderte Hessing nach Israel aus. Dort arbeitete er zwei Jahre lang in einem Kibbuz. Ab 1968 studierte er Geschichte, Anglistik und Germanistik an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Er schloss dieses Studium 1974 mit dem Grad eines Bachelors in Anglistik ab. Von 1970 bis 1978 gab er im Auftrag des israelischen Außenministeriums die deutschsprachige Ausgabe der Zeitschrift „Ariel“ heraus. Ab 1991 schrieb er Rezensionen für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“. 1992 promovierte er an der Technischen Hochschule Aachen mit einer Arbeit zur Rezeption Else Lasker-Schülers im Nachkriegsdeutschland zum Doktor der Philosophie. Im gleichen Jahr erhielt er eine Dozentenstelle in Jerusalem, seit 1995 ist er „Associate Professor“ an der Hebräischen Universität Jerusalem, und ab 2004 leitete er die dortige Germanistische Abteilung.

    Jakob Hessing verfasst neben literaturwissenschaftlichen Facharbeiten Romane und Essays in deutscher Sprache; von 1993 bis 1999 gab er den „Jüdischen Almanach“ heraus. Daneben übersetzt er aus dem Hebräischen ins Deutsche.

    Wichtigste Publikationen in deutscher Sprache: Else Lasker-Schüler, Karlsruhe 1985; Der Fluch des Propheten, Rheda-Wiedenbrück 1989; Der Zensor ist tot, Weinheim [u.a.] 1990; Die Heimkehr einer jüdischen Emigrantin, Tübingen 1993; Mir soll's geschehen, Berlin 2005; Der Traum und der Tod, Göttingen 2005; Verlorene Gleichnisse. Heine, Kafka, Celan, Göttingen/Oakville, Connecticut 2011.

    Dr. Harry Redner
    Philosoph
    an der Monash University in Melbourne, Australien

    Harry Redner wurde am 1. Februar 1937 in Tlumacz bei Stanislawow in Galizien (damals Polen, heute Ukraine) geboren. Gemeinsam mit seiner Mutter überlebte er die Besetzung Galiziens durch die Nazis im Untergrund. 1946 emigrierten sie über Zwischenstationen nach Melbourne in Australien, wo er 1954 die High School abschloss. Seine akademische Ausbildung erhielt Harry Redner zwischen 1955 und 1965 vor allem in England und Australien, wo er Musik – insbesondere Komposition bei Felix Werder, Alexander Goehr und Luciano Berio – sowie Philosophie (B.A. und M.A. an der Melbourne University) studierte. Nach einem weiteren postgraduierten Studium an der Oxford University bei Elizabeth Anscombe begann er seine eigene universitäre Berufslaufbahn in den Jahren 1965 bis 1967 am Department of Philosophy der Adelaide University als Research Fellow. Von 1967 bis zu seiner Emeritierung 1996 war er in unterschiedlichen akademischen Positionen (Lecturer, Senior Lecturer, Reader, zuletzt als Professorial Fellow) am Department of Politics der Monash University in Melbourne tätig. Zahlreiche Gastprofessuren führten ihn in die Vereinigten Staaten (Yale University, Berkeley, Harvard), nach Israel (Haifa), Frankreich (École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris) und Deutschland (Darmstadt). 2009 nahm er die Franz-Rosenzweig-Gastprofessur an der Universität Kassel wahr. In deutscher Sprache erschien bisher sein Buch Wie kann man moralisch leben: Geschichte und Gegenwart ethischer Kulturen (Stuttgart 2006), weitere Übersetzungen werden vorbereitet.

    Dr. Karol Sauerland
    Professor und Leiter des Lehrstuhls für Germanistik
    an der Universität Thorn, Polen

    Professor Dr. Karol Sauerland, 1936 als Sohn deutscher Emigranten in Moskau geboren, studierte nach dem Abitur in Halle / Saale von 1955 bis 1957 zunächst Philosophie an der Humboldt-Universität in Ost-Berlin. Nachdem er dieses Studium auf Grund seines Engagements für den politischen Umbruch in Polen aus politischen Gründen abbrechen mußte, arbeitete er zunächst eine Zeitlang als Hilfsarbeiter in Ost-Berlin, übersiedelte dann aber nach Polen, wo er bald die polnische Staatsbürgerschaft annahm. Von 1958-63 studierte er in Warschau Mathematik und Germanistik. Mit einer Arbeit zu Wilhelm Diltheys Erlebnisbegriff[1] wurde er im Jahre 1970 promoviert. 1975 habilitierte er sich an der Universität Warschau mit einer Arbeit zu Adornos Ästhetik[2].

    Bereits im Jahr der Habilitation zum Universitätsdozenten ernannt (in Polen gilt die Dozentur wie eine erste Professur), leitete Karol Sauerland seit 1977 die Abteilung für deutsche Literatur am Institut für Germanistik der Warschauer Universität. Von 1979 bis 1986 hatte er den Lehrstuhl für Germanistik an der Copernikus-Universität in Toruñ (Thorn) inne, den er –  1980 der Gewerkschaftsbewegung Solidarność beigetreten und bald in deren Vorstand an der Universität Toruñ gewählt – aus politischen Gründen bald wieder verlor. Erst 1989 wurde er durch den Staatsratsvorsitzenden Polens offiziell zum Professor ernannt, obwohl ein entsprechender Antrag auf Verleihung der Professur bereits 1982 von der Fakultät gestellt und vom Senat bestätigt, von der kommunistischen Partei Polens jedoch blockiert worden war. Seither leitete er bis zum Jahre 2005 die Abteilung für Literaturwissenschaft seiner Universität.

    Obgleich Karol Sauerland in den Jahre 1983 bis 1987 verschiedensten staatlichen Schikanen (Hausdurchsuchungen, Verhöre, achtundzwanzigmalige Ablehnung von Anträgen auf Auslandsreisen etc.) ausgesetzt war, entwickelte er mit bis heute unverminderter Schöpfungskraft und Originalität ein breites philosophisches und literaturwissenschaftliches Œuvre, wie das Verzeichnis seiner Publikationen zeigt. Von seinen weit über 200 Veröffentlichungen seien hier im Blick auf die Institution der Franz-Rosenzweig-Gastprofessuren nur seine zahlreichen Artikel zur Wahrnehmung des Judentums in der Literatur und zur neueren Geschichte des Judentums in Polen sowie das Buch Polen und Juden zwischen 1939 und 1968. Jedwabne und die Folgen[3] ausdrücklich genannt.

    Karol Sauerlands wissenschaftliches Werk hat in Deutschland breite Anerkennung erfahren, die sich u.a. 1993 in der Berufung in den Wissenschaftlichen Beirat des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) und 1995 in der Verleihung des Humboldt-Preises der Alexander-von-Humboldt-Stiftung niederschlug. Zudem wurden ihm zahlreiche Einladungen zur Wahrnehmung von Gastprofessuren zuteil. 1988 lehrte er als Vertreter von Adolf Muschg an der ETH Zürich, im Wintersemester 1988/89 hatte er eine Gastprofessur am Schwerpunkt Polen der Universität Mainz inne. 1994 war er Fellow am Wissenschaftskolleg in Berlin sowie Gastprofessor an der dortigen Freien Universität und 1997 nahm er wiederum eine Gastprofessur an der Universität Mainz wahr. Im Wintersemester 2004/05 lehrte er für zwei Semester am Fritz-Bauer-Institut der Universität Frankfurt am Main und im Wintersemester 2005/06 an der Universität Hamburg.

    Mit Karol Sauerland gewinnt die Universität Kassel einen international renommierten Gelehrten, dessen Forschung jenen Geist der Erinnerung an eine definitiv verlorene deutsch-jüdische Normalität in besonderem Maße verkörpert, für den die Institution der Franz-Rosenzweig-Gastprofessuren symbolisch steht.

    Moshe I. Zimmermann PhD
    Professor für Deutsche Geschichte
    an der Hebrew University of Jerusalem

    Moshe I. Zimmermann wurde 1943 in Jerusalem geboren, er studierte an der dortigen Hebräischen Universität Politikwissenschaft und Geschichte, 1977 erwarb er den Ph.D. Nach Lehraufträgen an der Hebräischen Universität und der Universität Beer Sheba, wurde er zunächst zum Lecturer für Geschichte, sodann zum Senior Lecturer und schließlich 1986 zum Professor für Deutsche Geschichte an der Hebräischen Universität in Jerusalem berufen. Herr Zimmermann ist seit 1986 Mitglied des Advisory Board des Leo-Baeck-Instituts in Jerusalem, von 1980 bis 1985 ist er Mitglied der deutsch-israelischen Schulbuchkonferenz gewesen. 1983/84 war er Gastprofessor an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg, 1987 am Zentrum für Interdisziplinäre Forschung in Bielefeld, 1987/88 am Institute for Advanced Study,  Princeton, 1995 an der Martin-Luther-Universität Halle, 1996 an der Ludwig Maximilian Universität München, 1997 an der Universität Saarbrücken, 1998/99 an der Universität Göttingen; 1990 hat er den Rudolf-Küstermeier-Preis der Deutsch-Israelischen Gesellschaft für die Förderung des Verständnisses zwischen Deutschen und Israelis erhalten.

    Seine Forschungen decken ein außerordentlich breites Spektrum von Themen der jüdisch-deutschen Geschichte ab. Dies erstreckt sich auf die Epochen zwischen den Anfängen der Emanzipation und der Gegenwart. Daraus sind zahlreiche Bücher und Aufsätze erwachsen, beginnend mit seiner 1979 publizierten Dissertation, die auf der Basis eines reichen, erstmals erschlossenen empirischen Materials unter dem TitelHamburgischer Patriotismus und deutscher Nationalismus die Emanzipation der Juden in der Hansestadt zwischen 1830 und 1865 einer detaillierten Analyse unterzogen hat. Die Studie behandelt die jüdische Geschichte nicht isoliert, sondern als integralen Aspekt der Gesamtgeschichte. Wollte man die Problemspannung personalisieren, so verdichtet sich die Entwicklung in zwei Personen: in Gabriel Riesser, der die ‚jüdische Frage’ und deren Lösung eingebettet sah in das bürgerlich liberale Streben nach einem national geeinten Verfassungsstaat, sowie in Wilhelm Marr, einem der Väter des modernen Antisemitismus in Deutschland, dem Herr Zimmermann 1982 (hebr., 1986 engl.) eine umfassende Biographie widmete.

    1997 folgt dann in der Reihe „Enzyklopädie deutscher Geschichte“ ein überaus informativer, kritisch resümierender und kommentierender Forschungsüberblick über Die deutschen Juden 1914 – 1945. Schon der Titel gibt das Selbstverständnis der Mehrheit der in Deutschland lebenden Juden wieder: die Weimarer Republik galt ihnen als Höhepunkt und Abschluss der Emanzipation, der Antisemitismus erschien als Überrest einer längst überwundenen Epoche, selbst das Jahr 1933 erschütterte diese Überzeugungen zunächst nicht. Auch in diesem Buch plädiert Herr Zimmermann eindringlich dafür, die jüdische Geschichte nicht zu „ghettoisieren“, sondern in steter Wechselwirkung mit dem allgemeinen Geschehen zu begreifen, dabei den Beziehungen zwischen Juden und Nicht-Juden in den verschiedensten Konstellationen gebührenden Raum zu gewähren.

    Mit gewichtigen Beiträgen zu Erinnerung und Erinnerungspolitik ist Prof. Zimmermann seit Jahren im Bereich der Geschichte der Stereotypen hervorgetreten. Neben Arbeiten, die sich der deutsch-israelischen Beziehungsgeschichte widmen, hat Moshe Zimmermann auch solche vorgelegt, die sich mit Problemen der israelischen Gesellschaft beschäftigen. Hervorzuheben ist hier ein sehr instruktiver Aufsatz über Militär, Militarismus und Zivilgesellschaft in Israel (1997), der am Ende einen skeptischen Blick auf die Zukunft des israelischen Modells als das eines nicht-militarisierten Gemeinwesens richtet. Mit Kommentaren zu aktuellen Fragen der israelischen Politik und zum deutsch-israelischen Verhältnis tritt Herr Zimmermann darüber hinaus regelmäßig in der Presse hervor, die er 2004 in einem kleinen Bändchen auch auf Deutsch veröffentlicht hat: Goliaths Falle.

    Carl S. Ehrlich PhD
    Professor für Hebräische Bibel und Judaistik
    an der York University in Toronto, Ontario

    Carl S. Ehrlich wurde 1956 in New Haven, Connecticut, USA geboren; er studierte an der University of Massachusetts in Amherst sowie in Freiburg i. B. und Jerusalem Jüdische Studien, Biblische Archäologie und Orientalistik, erwarb 1984 den Titel eines Master of Arts im Fach »Near Eastern Languages and Civilizations« an der Harvard University und  wurde dort im Jahre 1991 mit einer Arbeit zum Thema From Defeat to Conquest: A History of the Philistines in Decline c. 1000-730 B.C.E. promoviert. Seit 1996 ist er Professor of Humanities an der York University in Toronto.

    Carl S. Ehrlich hat zahlreiche Publikationen zu biblischen, religionsphilosophischen und jüdisch-theologischen Themen vorgelegt, die größtenteils in überaus renommierten Organen wie dem Journal of Biblical Literature, der Zeitschrift des deutschen Palästina-Vereins, European Judaism, Trumah, Foi et vie, dem Anchor Bible Dictionary, dem New Interpreters' Dictionary of the Bible oder dem Oxford Companion to the Bible publiziert worden sind. Von seinen Büchern seien hier die Arbeiten The Philistines in Transition: A History from ca. 1000-730 BCE (1996), Bibel und Judentum. Beiträge aus dem christlich-jüdischen Gespräch (2004)[1]  und Judentum (2005) genannt sowie die Editionen erwähnt: Saul in Story and Tradition (2006) und From an Antique Land: An Introduction to Ancient Near Eastern Literature (2009).

    Dass die wissenschaftliche Arbeit von Carl S. Ehrlich international die ihr gebührende Wertschätzung erfährt, bekunden zahlreiche Preise und Forschungsstipendien ebenso wie Einladungen zu Gastprofessuren, von denen hier nur die deutschen erwähnt seien: von 2000-2001 lehrte er an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg sowie je für ein Semester an der Humboldt Universität in Berlin (1993) und an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal (1996).

    In der Person von Carl Ehrlich wird die Zäsur in der Folge der Franz-Rosenzweig-Gastprofessoren manifest, denn war die Franz-Rosenzweig-Gastprofessur ursprünglich eingerichtet worden, um ehemals in die Emigration getriebene Wissenschaftler einzuladen, um ihnen unsere Verbundenheit mit ihrer Verfolgungsgeschichte zu dokumentieren und ihnen zugleich Gelegenheit zu geben, ihre Forschung vor Studierenden und Kollegen in Deutschland vorzutragen, so es nunmehr möglich, auch Persönlichkeiten an die Universität Kassel einzuladen, die durch die Verfolgung der Nationalsozialisten nicht mehr direkt betroffen sind, aber gleichwohl mit ihren Forschungen in der Tradition der deutsch-jüdischen Geschichte stehen.

    Gerade an der Person von Carl. S. Ehrlich zeigt sich, dass dieser Einschnitt nicht als radikaler Bruch zu verstehen ist, sondern als ein Übergang, in dem sich Kontinuität und Neubeginn verbinden. Denn für die Kasseler Tradition der Franz-Rosenzweig-Gastprofessuren verkörpert er in mindestens doppelter Hinsicht beides: Einmal in biographischer Hinsicht, weil er als Sohn des Franz-Rosenzweig-Gastprofessors des Jahres 1988, Leonard Ehrlich, doch noch in die Reihe jener gehört, deren Lebensweg ohne die historische Katastrophe des Nationalsozialismus zweifellos ganz anders verlaufen wäre, er aber zugleich auch der erste Franz-Rosenzweig-Gastprofessor ist, der die Verfolgung nicht mehr am eigenen Leibe erleben musste. Kontinuität und Neubeginn verkörpert er aber auch in wissenschaftlicher Hinsicht, weil sich sein wissenschaftliches Werk als Biblischer Archäologe und Judaist einerseits aus dem Geiste jener hermeneutisch-kritischen Auseinandersetzung mit der jüdischen Tradition speist, die im 19. Jahrhundert in Deutschland unter dem Namen ‚Wissenschaft des Judentums’ entstand, andererseits aber auch den Standards, Themen und Problemen der modernen angelsächsischen Jewish Studies verpflichtet ist.

    An der Universität Kassel hielt Prof. Carl S. Ehrlich im Rahmen des Lehrprogramms des Faches Theologie, jedoch offen für Hörer aller Studienrichtungen eine Vorlesung „Zur Archäologie des Heiligen Landes“, begleitet wurde diese Vorlesung durch das Seminar „Probleme in der Geschichte des biblischen Israel“. Weiterhin bot Prof. Carl S. Ehrlich ein allgemein kulturgeschichtliches Seminar „Moses durch die Jahrhunderte“ an, das sich mit der wechselvollen Geschichte des Moses-Bildes aus verschiedenen Epochen und Religionen auseinandersetzte.

    Dr. Michael Löwy
    Directeur de recherche (1ère classe)
    Centre National de Recherche Scientifique (CNRS) Paris

    Michael Löwy wurde 1938 in Sao Paulo, Brasilien geboren. Seine Eltern waren 1934 aus wirtschaftlichen und politischen Gründen im austro-faschistischen Österreich von Wien nach Brasilien ausgewandert, dabei spielte auch ihre richtige Einschätzung der Gefahr des von Deutschland aus expandierenden Nationalsozialismus eine entscheidende Rolle. Weitere Familienangehörige – wie die Großeltern und die Geschwister der Eltern – flohen nach dem Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich ebenfalls nach Brasilien, so daß die ganze weitere Familie der Shoah in Europa entging. 

    Michael Löwy wuchs in Brasilien auf, besuchte in Sao Paulo die Schule und schloß hier auch sein Studium der Sozialwissenschaften an der Universität Sao Paulo mit dem Magister ab. 1961 bekam er ein Stipendium, um seine Studien an der Universität in Paris fortzusetzen. Unter der Betreuung von Prof. Lucien Goldmann schloß er 1964 seine Promotion mit der Arbeit La théorie de la revolution chez le jeune Marx ab. Nach dem Unfalltod des Vaters war seine Mutter zu ihrem älteren Sohn nach Israel übersiedelt, wohin Michael Löwy nach der Promotion ebenfalls zog. Hier arbeitete er zunächst an den Universitäten in Haifa und Jerusalem bis er an der Universität Tel Aviv eine Stelle als Lecturer bekam, die er bis 1968 innehatte. Eine Einladung von Prof. Peter Worsley ermöglichte es ihm, für ein Studienjahr an der Universität in Manchester Soziologie zu lehren. Danach kehrte Michael Löwy nach Paris zurück, wo er als Assistent von Nikos Poulantzas an der Universität Paris VIII auf dem Campus Vincennes unterrichtete. Nun konnte er an die Ausarbeitung seiner Habilitation zur politischen Entwicklung des jungen Lukács gehen. Dazu wurden Forschungsaufenthalte in Budapest erforderlich, wo er auch mit der sog. „Budapester Schule“ – Agnes Heller, Ferenc Fehér, Mihály Vajda, György Márkus – zusammentraf, die ihm bei der Sichtung des Archiv-Materials behilflich waren. Auch Ernst Bloch konnte er noch über dessen Freundschaft mit Georg Lukács 1974 in Tübingen interviewen. 1975 wurde seine Habilitationsschrift fertig, sie erschien unter dem Titel Pour une sociologie des intellectuels révolutionaires. L´évolution politique des György Lukács 1909–1929

    Seit 1977 ist Michael Löwy mit eigenen Forschungsprojekten am Centre national de Recherche Scientifique (CNRS) tätig, wobei sich sein Forschungsschwerpunkt mehr und mehr auf die Soziologie der Religion verlagerte. Die wichtigste Veröffentlichung auf diesem Gebiet ist sein auch ins Deutsche übersetztes Buch Erlösung und Utopie. Jüdischer Messianismus und libertäres Denken (1988; dt. 1997)[1], die Michael Löwy international bekannt machte. Er geht darin der Entstehung religiöser und a-religiöser Eschatologien und geschichtsphilosophischer Utopien nach, arbeitet deren gemeinsame Herkunft aus dem jüdischen Messianismus und die Differenzen ihrer Befreiungsperspektiven heraus. Weitere große Arbeiten in dieser Richtung folgten: so gemeinsam mit Robert Sayre das Buch Revolte et Melancolie. Le romantisme à contrecourant de la modernité (1992) sowie die Forschungsarbeit The War of Gods. Religion and Politics in Latin America (1996), in der Michael Löwy den verschiedenen Wurzeln der Theologie der Befreiung in Lateinamerika nachgeht. Auch hier arbeitet Michael Löwy die Nähe zwischen Walter Benjamin und Ernst Bloch einerseits sowie Gustavo Gutierrez andererseits heraus.

    Gerade diese Rückverweise veranlassten ihn, sich in jüngster Zeit nochmals intensiver mit der jüdisch-deutschen Kultur im frühen 20. Jahrhundert auseinander zu setzen, dabei spielt die Verbindung des jüdischen Messianismus mit den politisch-geschichtsphilosophischen Visionen, wie sie besonders von Walter Benjamin gezogen wurde, eine grundlegende Rolle, wie Michael Löwy in seinem Buch Walter Benjamin: avertissement d´incendie. Une lecture des thèses „sur le concept d´histoire“ (2001) aufzeigt. Eine deutsche Übersetzung dieses Buches ist in Vorbereitung, an ihr orientierte Michael Löwy seine Hauptvorlesung in Kassel. Weitere Themen seiner Seminare waren zum einen Franz Kafkas Judentum: die Religion der Freiheit sowie zum anderen die Romantischen Strömungen im Werk von Karl Marx.

    Die Franz-Rosenzweig-Gastprofessur an der Universität Kassel wird auch über das Jahr 2005 hinaus fortgesetzt, allerdings nun ohne Bindung an ein Emigrantenschicksal.

     

    [1] Michael Löwy, Erlösung und Utopie. Jüdischer Messianismus und libertäres Denken. Eine Wahrverwandtschaft, Berlin 1997.

    Dr. Mihály Vajda
    Prof. für Philosophie an der Kossuth Lajos Universität in Debrecen
    Mitglied der Ungarischen Akademie der Wissenschaften

    Mihály Vajda wurde 1935 in Budapest geboren. Er war 9 Jahre alt als die deutschen Truppen Ungarn im März 1944 besetzten. Während in ganz Ungarn im Laufe des Jahres 1944 nahezu 400.000 Juden zusammengetrieben, nach Auschwitz abtransportiert und dort ermordet wurden, überlebte die Mehrheit der Budapester Juden den Holocaust, da sie wegen der Umzingelung von Budapest durch die Russen nicht mehr abtransportiert werden konnten. Zwar waren sie auch hier der Willkür und den Schikanen der ungarischen Pfeilkreuzler ausgeliefert, vor allem nachdem diese ab Oktober 1944 die Regierung bildeten, aber die Familie Vajda überlebte mit mehreren tausend anderen jüdischer Familien die letzten Kriegsmonate in Budapest und der Einmarsch der Russen wurde von ihnen unbeschränkt als Befreiung erlebt.

    Mihály Vajda schloß sich schon als Jugendlicher der kommunistischen Bewegung an und es dauerte lange und bedurfte vieler Ausgrenzungen und Zurücksetzungen, bis er endgültig von dieser Ideologie Abschied nahm. Nach Abschluß der achtjährigen allgemeinen Schule trat er in ein technisches Gymnasium ein, um Chemie zu studieren und baldmöglichst zum Unterhalt der verarmten Familie beitragen zu können. Von dort wechselte er aber zum Studium des Marxismus und – als ihm erste Zweifel kamen, es war das Jahr nach Stalins Tod – zur Philosophie. Hier fand er gute philosophische Lehrer, die überzeugte Marxisten waren, aber in Gegnerschaft zur Staatsideologie standen. Aus dieser Sicht verstand der junge Vajda auch die ungarische Revolution von 1956 als einen Befreiungsversuch zu einem wahren Sozialismus. Nach ihrer Niederschlagung schloß er sich nur noch dichter an die sog. „Budapester Schule“ um Georg Lukács an, zu der neben anderen Agnes Heller, Ferenc Fehér und György Márkus gehörten. 1958 schloß er sein Philosophiestudium mit einem ersten Diplom ab. Da er als „Revisionist“ keine wissenschaftliche Anstellung bekommen konnte, wurde er Lehrer an einer Budapester Schule. Erst nach den Liberalisierungen in den 60er Jahren bekam er eine wissenschaftliche Mitarbeiterstelle an der Ungarischen Akademie der Wissenschaften und konnte sich so auf seine geplante Dissertation zur Philosophie von Edmund Husserl konzentrieren, die unter dem Titel Wissenschaft „in Klammern“ 1968 erschien. Schon ein Jahr später erschien auch noch seine zweite Arbeit zu Husserl und Scheler An der Grenze von Mythos und Ratio (1969).

    1973 verloren die Mitglieder der sog. Budapester Schule als ideologische Abweichler ihre Stellen und bekamen Publikationsverbot. Schon die von Vajda 1970 geschriebene Studie über den Faschismus konnte in Ungarn nicht mehr erscheinen, da sie als eine verkappte Kritik am kommunistischen Regime gelesen wurde, sie erschien 1976 in englischer und 1979 in französischer Sprache. Einige der Mitglieder der Gruppe verließen Ungarn ganz, auch Mihály Vajda nahm das Angebot einer zweijährigen Gastprofessur an der Universität Bremen wahr, in dieser Zeit war er auch erstmals zu einem Gastvortrag nach Kassel eingeladen. Weitere Gastaufenthalte an der New School for Social Research in New York, an der Trent University in Peterborough, Canada und der Universität Gesamthochschule Siegen schlossen sich an. In den 80er Jahren gab Mihály Vajda seine Bindungen an den Marxismus ganz auf – seine Abrechnung mit dieser Ideologie legte er in seinen Büchern Russischer Sozialismus in Mitteleuropa (1989, dt. 1992) und Frei nach Marx (1990) nieder. 1989 wurde er in Ungarn offiziell rehabilitiert und auf den Lehrstuhl für Philosophie der Kossuth Lajos Universität in Debrecen berufen, wo er von 1996 bis 2000 Direktor des Instituts für Philosophie war.

    Nach Jahren der Suche fand er in den 90er Jahren über erneute phänomenologische Studien einen neuen Zugang zur Existenzphilosophie Heideggers – Studien hierzu erschienen in deutscher Sprache unter dem Titel Die Krise der Kulturkritik (1996). In jüngster Zeit hat sich Prof. Mihály Vajda historisch wie kulturgeschichtlich intensiver mit dem Judentum in Osteuropa und den Folgen der Shoah auseinandergesetzt – dies thematisierte er in seinem Seminar „Die Rolle der Juden in Mitteleuropa bis zu ihrer Vernichtung“. Die Vorlesung und ein weiteres Seminar griffen Themen aus seinem jüngsten Buch auf.[1]

     

    [1] Mihály Vajda, Die Krise der Kulturkritik, Wien 1996.

    Chaim Schatzker PhD
    em. Prof. für Geschichtswissenschaft der Erziehung
    Universität Haifa

    Karl Schatzker wurde 1928 in Lemberg (Lwow) in Polen geboren. 1931 zog seine Mutter mit ihm nach Wien, wo er von 1934 bis 1938 zunächst die Volkschule und kurz noch das Chajes-Realgymnasium besuchte. Nach dem Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich schien, da die Familie nicht begütert war, zunächst keine Möglichkeit der Flucht zu bestehen. Im November 1939 gelang es der Mutter, sich mit ihm einem illegalen Transport anzuschließen, der sie auf Schiffen über Ungarn, Jugoslawien und Rumänien übers Schwarze Meer bis nach Palästina bringen sollte. Doch blieben die Schiffe im Winter in Jugoslawien im Eis stecken, mußten bei Kladovo anlegen und bekamen keine Erlaubnis zur Weiterfahrt. Mehr als tausend Flüchtlinge mußten über ein Jahr auf den Schiffen und später wenigstens die Frauen und Kinder in Lagern auf dem Land auf ihr Schicksal warten. Wenige Tage vor der Invasion der deutschen Truppen in Jugoslawien bekamen die 200 Kinder die Erlaubnis, auf dem Landweg über Griechenland, die Türkei, Syrien und den Libanon nach Palästina auszureisen, wo der Kindertransport Ende April 1941 ankam. Die in Kladovo Zurückgebliebenen – darunter auch die Mutter von Karl Schatzker wurden von den einrückenden Deutschen ermordet. 

    Ohne alle Verwandte in Palästina wurde Chaim Schatzker zunächst in einem Kinderdorf untergebracht, absolvierte ein Gymnasium und wurde dann im Befreiungskrieg zum Militärdienst eingezogen. Danach studierte er an der Hebrew University in Jerusalem Geschichte und Erziehungswissenschaft und schloß diese Studien – nachdem er vorher schon als Teacher an einer High School und als Lecturer an der Universität Haifa tätig war – 1969 an der Hebrew University in Jerusalem mit dem PhD ab.

    Schon während seiner Tätigkeit als Senior Lecturer an der Hebrew University in Jerusalem konzentrierten sich seine Forschungen auf die Holocaust-Studien sowie auf die Frage der Vermittlung des Holocaust in den Schulen. 1981 wurde Chaim Schatzker in die israelische Delegation der Deutsch-Israelischen Lehrbuchkommission berufen. Nach weiteren Forschungsaufenthalten und Gastprofessuren in Duisburg und Heidelberg bekam er 1984 einen Ruf auf die ordentliche Professur für moderne jüdische Geschichte an der Universität Haifa und wurde Direktor des dortigen Strochlitz Chair for Holocaust Studies. 1989 wurde er Head of the Department für Jüdische Geschichte an der Universität Haifa. Gastprofessuren in Heidelberg und Dresden schlossen sich an. 1997 wurde Prof. Chaim Schatzker emeritiert, aber blieb weiterhin als israelisches Mitglied im Beirat verschiedener deutscher Gedenkstätten, so beispielsweise für die KZ-Ausstellung in Dachau.

    Die Forschungsschwerpunkte von Chaim Schatzker lassen sich deutlich an seinen Hauptwerken ablesen, von denen viele in deutscher Sprache erschienen sind: Zur Bildungs- und Sozialgeschichte in Deutschland erschien sein Buch Jüdische Jugend im zweiten Kaiserreich 1870 – 1917 (1988) sowie die Abhandlung „Die jüdische Jugendbewegung in Deutschland zwischen den beiden Weltkriegen“ (1974). Zum Holocaust als Gegenstand politischer und historischer Bildung gab er gemeinsam mit Yisrael Gutman den Textband The Holocaust and its Significance (1984) heraus und verfaßte zusammen mit Dieter Schmidt-Sinns das BuchJudentum und Israel in der politischen Bildung (2000). Zum Bild der Juden in deutschen Geschichtsbüchern legte Chaim Schatzker die Untersuchungen Jüdische Geschichte in deutschen Geschichtsbüchern (1963),Die Juden in den deutschen Geschichtsbüchern (1981) sowie Juden, Judentum und Staat Israel in den Geschichtsbüchern der DDR (1994) vor. Zum Bild von Deutschland in israelischen Geschichtsbüchern erschien sein Buch Das Deutschlandbild in israelischen Geschichtsbüchern (1979) sowie neben vielen anderen seine Abhandlung „Der Holocaust im israelischen Geschichtsunterricht“ (1995).

    An der Universität Kassel bot Prof. Chaim Schatzker eine Vorlesung zur neueren jüdischen Geschichte sowie zwei Seminare zur jüdischen Jugend in Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert und zu Juden, Judentum und Israel in den Geschichtsbüchern der Bundesrepublik Deutschland an, die von den Studierenden mit bemerkenswertem Interesse und aktiven Eifer besucht wurden.

    Ze´ev Levy PhD
    em. Prof. für Philosophie und Jüdisches Denken
    Universität Haifa

    Ze´ev Levy wurde 1921 in Dresden geboren. Väterlicherseits stammte seine Familie aus Hamburg, wohin sie zu Beginn des 19. Jahrhunderts aus Amsterdam gekommen war, mütterlicherseits seit mehreren Generationen aus der Gegend von Braunschweig. Ein Jahr nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten emigrierte die Familie – die Eltern und zwei Kinder – im Februar 1934 nach Palästina, wohin ihnen dann auch die väterlichen Großeltern folgten. Der mütterliche Großvater starb im Lager Theresienstadt. Nach Beendigung der Schule in Tel-Aviv und einem halben Jahr als Druckereiarbeiter schloß sich Ze´ev Levy 1939 dem Kibbuz Cheftzi-bah an, wo er sich mit landwirtschaftlicher Arbeit, hauptsächlich der Schaf- und Ziegenzucht, betätigte. Aber nebenher interessierten ihn Bücher und vor allem philosophische Abhandlungen, die er mit Leidenschaft verschlang. Von 1946 bis 1948 wurde er durch die Kibbuzbewegung als Schaliach (Gesandter) für Jugenderziehung nach Europa geschickt. Ende 1961 siedelte er mit seiner Frau und seinen Kinder in den Kibbuz Hama´apil über, wo er bis heute lebt.

    1963 begann Ze´ev Levy im Seminar der Kibbuzbewegung Haschomer Hatzair in Giv´at Haviva philosophische Seminare zu leiten. Diese Aufgabe faszinierte ihn so sehr, daß er – inzwischen 43jährig – beschloß, ein formales Studium der Philosophie aufzunehmen. 1969 schloß er sein Philosophiestudium an der Universität in Tel Aviv mit einer Magisterarbeit über Franz Rosenzweig ab – Franz Rosenzweig: Ein Vorläufer des jüdischen Existentialismus (hebr.), der ersten Arbeit über Rosenzweig in Israel – und fügte dem noch ein postgraduales Studium an der Hebrew University in Jerusalem an, das er 1973 mit einer DissertationStructuralism – between Method and Theory abschloß.

    Von 1972 bis 1974 lehrte Ze´ev Levy Philosophie an der Universität Tel Aviv und von 1973 bis zu seiner Emeritierung 1989 – zuletzt als Professor (Ordinarius) – Philosophie und Jüdisches Denken an der Universität Haifa. Nebenher unterrichtete er zwei Jahre an der Universität Bar-Ilan in Ramat Ganund fünf Jahre an der akademischen Sektion des Lehrerseminars der Kibbuz-Bewegung in Oranim. 1983 und 1990-1991 war er Gastprofessor an der Universität Heidelberg und der ihr angeschlossenen Hochschule für Jüdische Studien und 1987 Visiting Professor an der State University of New York in Binghamton und am Queens College in New York.

    Levys Arbeitsgebiete umfassen einerseits die jüdische Philosophie der Neuzeit, mit besonderer Betonung von Spinoza, Mendelssohn, Nachman, Krochmal, Cohen, Buber, Rosenzweig und Lévinas sowie andererseits Hermeneutik und Ethik sowohl aus allgemeiner als auch aus jüdischer Sicht. Seine Bücher, die auch in englischer und deutscher Sprache vorliegen: Probleme moderner jüdischer Hermeneutik und Ethik (1997) sowieBaruch Spinoza: Seine Aufnahme durch die jüdischen Denker in Deutschland (2001), genießen auch in Deutschland und Amerika hohes Ansehen. Ze´ev Levy hat 14 Bücher auf Hebräisch, Englisch und Deutsch veröffentlicht sowie mehrere wissenschaftliche Bücher zu den genannten Forschungsfeldern ediert. Jüngst veröffentlichte Ze´ev Levy gemeinsam mit seinem Sohn, dem Zoologen Nadav Levy, das Buch Ethics, Emotions and Animals (2002), das sich besonders auch mit Fragen von Tierethik befaßt.

    Prof. Ze´ev Levy, der bereits 1986 auf dem Internationalen Franz-Rosenzweig-Kongreß vortrug, war von uns bereits zweimal in den 90er Jahren zur Wahrnehmung der Franz-Rosenzweig-Gastprofessur eingeladen worden, beide Male mußte er wegen der schweren Erkrankung seiner Frau bzw. ihrem erst kurz zurückliegenden Tod absagen. Als sich im April 2002 kurzfristig ergab, daß Prof. Dr. Zygmunt Bauman, der die Wahrnehmung der Franz-Rosenzweig-Gastprofessur für einen Monat im Sommersemester 2002 zugesagt hatte, wegen einer Erkrankung seiner Frau sein Kommen absagen mußte, fragten wir erneut bei Prof. Ze´ev Levy an, ob er zu einem verkürzten, aber komprimierten Gastaufenthalt in Kassel bereit sei. Zu unserer großen Freude konnte er diesmal – auch von seinen Kindern darin bestärkt – kurz entschlossen zusagen. Er bot in diesen vier Wochen zwei Vorlesungen mit begleitenden Kolloquien zu Baruch Spinoza und seiner Rezeption sowie zur Hermeneutik und Ethik aus jüdischer Perspektive an.

    Prof. Ze´ev Levy verstarb am 16.3.2010. 

    Dr. Feliks Tych
    em. Professor am Institut für Geschichte an der Polnischen Akademie der Wissenschaften
    Direktor des Jüdischen Historischen Instituts in Warschau

    Feliks Tych wurde 1929 als neuntes Kind der Familie in Warschau geboren. Bis zum Kriegsausbruch besuchte er die polnische Volksschule in Radomsko in der Nähe der deutschen Grenze, wo der Vater eine kleine Metallfabrik besaß. Der Historische Marktplatz dieser kleinen Stadt wurde bereits am zweiten Tag des deutschen Überfalls aus der Luft zerstört, und am nächsten Tag rückten die deutschen Truppen ein. Hier wurde noch im Dezember 1939 eines der ersten Ghettos des Generalgouvernements für die besetzten polnischen Gebiete errichtet. Im Sommer 1942 verdichteten sich die Anzeichen einer bevorstehenden „Aktion“ gegen die Bewohner des Ghettos. Vorsorglich entschieden sich die Eltern, Feliks heimlich zu einem polnischen Bekannten fliehen zu lassen, der bereit war, ihn zu seiner im Untergrund in Warschau lebenden, verheirateten Schwester zu bringen. Die Flucht gelang und Feliks wurde von seiner Schwester in Warschau an eine polnische Gymnasiallehrerin weitergereicht, die es auf sich nahm, ihn mit gefälschten Papieren als verwaisten Neffen neben ihren beiden eigenen Kindern aufzuziehen. Alle Beteiligten dieser Rettungsaktion wußten, was ihnen blühte, wenn sie aufgeflogen wären. Feliks Tych überlebte die deutsche Okkupation in seiner Pflegefamilie, bei der er auch in der Nachkriegszeit bleiben konnte, denn seine Eltern waren im Vernichtungslager Treblinka ermordet worden.

    Nach Beendigung des Gymnasiums 1948 begann Feliks Tych ein Studium der Geschichte an der Universität Warschau, das er 1952 mit einer Magisterarbeit über die Anfänge der polnischen Arbeiterbewegung abschloß. Aufgrund der Qualität seiner Arbeit erhielt er ein Stipendium für ein weiterführendes Studium an der Lomonossow-Universität in Moskau. Dort erwarb er 1955 den Doktorgrad mit einer Dissertation über die Revolution von 1905 bis 1907 im Königreich Polen, die in einer erweiterten polnischen Fassung als Buch veröffentlicht wurde. Aufgrund dieser Qualifikationen erhielt Felks Tych wissenschaftliche Mitarbeiterstellen sowohl am Institut für Geschichte der Polnischen Akademie der Wissenschaften als auch am Institut für Geschichte der Arbeiterbewegung beim ZK der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei (PVA). 1957 gründete er die erste polnische Zeitschrift für Sozialgeschichte, deren Chefredakteur er jahrelang war. 1970 wurde er zum außerordentlichen Professor und 1982 zum ordentlichen Professor für Geschichtswissenschaft ernannt. Bei den 1968 einsetzenden Säuberungswellen, die auch eine antisemitische Stoßrichtung hatten, wurden Feliks Tych und ebenso auch seine Frau Lucyna, geb. Berman als Theaterregisseurin aus ihren Anstellungen gedrängt. Von 1971 bis 1987 wurde Prof. Feliks Tych im Zentralen Historischen Archiv beim ZK der PVA mit der Aufgabe der Leitung der Abteilung für Quelleneditionen und Bibliographie betraut, wo er seit 1973 die Reihe Archiv der Arbeiterbewegung herausgab. Doch auch hier wurde er aus politischen Gründen 1987 vorzeitig pensioniert, seither organisiert er seine historischen Forschungsprojekte auf privater Basis.

    Nach 1990 nahm er mehrfach Gastprofessuren an verschiedenen deutschen Universitäten wahr. Für seine Arbeiten zur Sozialgeschichte der Arbeiterbewegung erhielt Prof. Tych 1990 den Österreichischen Victor-Adler-Staatspreis. Mehr und mehr treten nun auch die historische Aufarbeitung des Holocaust und Untersuchungen über die Folgewirkungen für die osteuropäischen Länder ins Zentrum seiner Forschungen – siehe hierzu sein Buch in polnischer Sprache: Der lange Schatten des Holocaust (1999). 1996 wurde er Direktor des Jüdisch Historischen Instituts in Warschau, das er neu aufbaute. Unter seiner Betreuung konnten inzwischen wertvolle Bestände aufgearbeitet und ediert werden, so beispielsweise das Ringelblum-Archiv aus dem Warschauer Ghetto. Aufgrund seiner vielfältigen Verpflichtungen konnte Prof. Dr. Feliks Tych die Franz-Rosenzweig-Gastprofessur 2002 nur für zwei Monate annehmen. Trotz dieser verknappten Zeitspanne gelang es ihm in seinen Veranstaltungen eindrucksvoll, den Studierenden einen Einblick in die Geschichte der Juden Osteuropas, in das Ausmaß des Holocausts sowie in die verheerenden moralischen und kulturellen Folgewirkungen in den osteuropäischen Nachkriegsgesellschaften zu vermitteln, von denen sie bisher keine Kenntnisse hatten.

    Gerda Elata-Alster PhD
    em. Professorin für Literaturwissenschaft
    Ben Gurion Universität in Beer Sheva

    Gerda Thau wurde als die Älteste von drei Geschwistern 1930 in Wien geboren. In Wien wurde sie noch eingeschult. Nach dem Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich 1938 emigrierte der Vater – um Schlimmerem zu entgehen – nach Holland und holte die Familie Ende 1938 nach. Hier kam Gerda nach mehreren Umzügen und Schulwechseln in eine jüdische Schule in Haag. Bereits in Kindheitsjahren lernte sie in mehreren Sprachen zugleich zu Hause zu sein: Deutsch, Niederländisch und Jiddisch, das sie mit ihrer Großmutter sprach. Nach der Okkupation Hollands durch die deutschen Truppen mußte die Familie erneut mehrfach den Wohnort wechseln und verbarg sich schließlich unter falscher Identität, der Sekte der Karaïten angehörend, in Hilversum. So blieb die ganze Familie wie durch ein Wunder von Verfolgung, Deportation und Ermordung verschont. Nach der Befreiung stellte sich heraus, daß ihre Nachbarn sehr wohl von dieser Tarnung wußten, den Deutschen aber nichts davon verrieten.

    Nach dem Zweiten Weltkrieg schloß Gerda Thau 1948 das altsprachliche Lyzeum ab und nahm nebenher – wie ihre Geschwister – Privatstunden in Hebräisch. 1952 heiratete sie Mordechai Alster, gemeinsam wollten sie nach Israel auswandern, aber zunächst hatte ihr Mann das Geschäft seines Vaters zu übernehmen, so kamen ihre drei Kinder in Holland zur Welt. In dieser Zeit schloß Gerda Alster auch ihr Studium in semitischer Philologie an der Universität Amsterdam ab und war zeitweise als Dozentin für Hebräisch an mehreren niederländischen Universitäten tätig. Erst als ihr Mann an Krebs erkrankte, entschlossen sie sich 1964 nach Israel zu reisen. Mordechai Alster verstarb dort 1965 und Gerda Alster blieb mit den Kindern dauerhaft in Israel. An der Bar Ilan Universität in Ramat Gan bekam sie eine Stelle als Lecturer für Allgemeine und Hebräische Literaturwissenschaft. 1973 heiratete sie in zweiter Ehe Chaim Elata, der als Professor für Ingenieurwissenschaft an der Ben Gurion Universität in Beer Sheva tätig war und später Präsident der dortigen Universität wurde. Gerda Elata-Alster erwarb 1981 den PhD an der Bar Ilan Universität und hatte danach verschiedene Stellen als Senior Lecturer und als Gastprofessorin an mehreren Universitäten in England und den USA inne, bevor sie 1989 für Fremdsprachige Literatur und Linguistik an die Ben Gurion Universität in Beer Sheva berufen wurde.

    Die Forschungen von Gerda Elata-Alster bewegen sich weit über die engeren Grenzen der Sprach- und Literaturwissenschaft hinaus, sie beziehen religionswissenschaftliche, philosophische, psychoanalytische und literaturtheoretische Fragestellungen grundlegend mit ein. Eine besondere Eigenart ihrer Forschungsmethode ist die Verknüpfung der Hermeneutik mit der aus der Tradition des Midrash gewonnenen Kunst auslegender Wiedererzählung. Hiervon zeugen ihre Arbeiten: Vertical and Horizontal Readings of the Biblical Text (1988), The Deconstruction of Genre in the Book of Jonah (1989), Biblical Covenants as Performative Language (1993), From Black Hole to Miracle: Auschwitz as the Postmodern “Condition” (1996) sowie The Book Was Given to Be Questioned (2001). Was die Literatur im engeren Sinne betrifft, so bezeugen ihre Publikationen eine enorme Spannweite von der griechischen Literatur und Tragödie, mit der sich ihre Dissertation befaßt, über die italienische Renaissance bis hin zur heutigen hebräischen und europäischen Gegenwartsliteratur.

    Prof. Gerda Gerda Elata-Alster, die bereits auf dem ersten Internationalen Franz-Rosenzweig-Kongreß zusammen mit Prof. Benyamin Maoz über Rosenzweigs Schriften aus psycho­analytischer Sicht vortrug, stellte in ihrer Vorlesung – einem geplanten Buch Talk of the Town: Jewish Attitudes to Civic Discourse[1] vorgreifend – mit Rückgriffen auf literarische Vorlagen den politisch-kulturellen Riß in der modernen israelischen Gesellschaft dar. In ihren ebenfalls gut besuchten Seminaren behandelte sie jüdische Traditionen des Auslegens biblischer und literarischer Texte sowie die literarische Bearbeitung der Gestalt von Amalek, einer biblischen Erinnerungsfigur des Feindes Israels und des Bösen, wobei Gerda Elata-Alster auch hier wiederum bis zu psychoanalytischen Fragestellungen und Deutungen vorstieß.

     

    [1] Gerda Elata-Alster, Talk of the Town: Jewish Attitudes to Civic Discourse, (in Vorbereitung).

    Kurt Rudolf Fischer PhD
    ehem. Professor für Philosophie University of Pennsylvania at Millersvill,
    Honorarprofessor an der Universität Wien

    Kurt Rudolf Fischer wurde 1922 in Wien geboren und besuchte dort das Realgymnasium und die Textilschule bis zur vorletzten Klasse. Nach dem Anschluß Österreichs ans Deutsche Reich floh er zunächst zu Verwandten nach Brünn, wo er weiter die Textilschule besuchte, jedoch bald von den Deutschen Truppen, die die Tschechoslowakei besetzten, eingeholt wurde. Als bereits alle Grenzen für jüdische Flüchtlinge nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs gesperrt waren, erhielten seine Eltern und er die Ausreisegenehmigung nach Shanghai, dem allerletzten Zufluchtsort, der noch Flüchtlinge aufnahm. In Shanghai schlug er sich mit allerlei Jobs durch – unter anderem als Übersetzer, Nachtwächter und Boxer.

    An der dortigen St. John´s University konnte er nach dem Zweiten Weltkrieg ein Studium aufnehmen. Mittellos, aber mit guten Studienleistungen erhielt er 1949 eine Einreisebewilligung in die USA, wo er an der University of California in Berkeley seine Studien fortsetzte und zunächst mit dem Master of Arts in Germanistik (1952) und dann noch mit dem PhD in Philosophie (1964) abschloß. Nach mehreren Stellen als Teaching Assistent, Lecturer in Philosophy in Berkeley und Assistant Professor in Harvard und Chicago wurde er 1967 als Full Professor an die University of Pennsylvania in Millersvill berufen, wo er auch über zehn Jahre Chairman of the Department of Philosophy war. Einladungen nach Wien führten schließlich dazu, daß er ganz in seine Geburtsstadt zurückkehrte, wo er heute noch an der Universität als Honorarprofessor Philosophie lehrt.

    In den USA arbeitete er vor allem die europäischen Wurzeln der amerikanischen Philosophie heraus und verfolgte die analytische Philosophie in ihrer Entwicklungsgeschichte. Mit seiner Monographie Franz Brentano´s Philosophy of Evidenz (1964) führte er in den Vereinigten Staaten die Diskussion über die historischen Quellen der Phänomenologie Edmund Husserls und der Gegenstandstheorie Alexius von Meinongs ein. Beide waren sie schulebildende Schüler von Franz Brentano, der selber – obwohl der bedeutendste und einflußreichste Philosoph in Österreich um die Jahrhundertwende – als Strafmaßnahme von Kaiser und katholischer Kirche an der Universität Wien fünfzehn Jahre lang nur als Privatdozent lehren durfte, bevor er dann 1895 Wien im Zorn verließ. Kurt Rudolf Fischer hat sich in den USA aber auch zu der von Walter Kaufmann eröffneten Auseinandersetzung über Friedrich Nietzsche und seinen philosophischen Einfluß auf die verschiedenen im 20. Jahrhundert aufbrechenden Bewegungen geäußert, die kontrovers diskutiert wurden. Sie erschienen in deutscher Sprache unter dem Titel Nietzsche und das 20. Jahrhundert. Existentialismus – Nationalsozialismus – Psychoanalyse – Wiener Kreis (1986).

    Nachdem Kurt Rudolf Fischer als entpflichteter Professor in seine Geburtsstadt Wien zurückgekehrt war und an der Wiener Universität als Honorarprofessor tätig wurde, brachte er eine Reihe von wichtigen Arbeiten zur angloamerikanischen Philosophie und ihren österreichischen Quellen heraus – siehe hierzu die Arbeiten: Philosophie aus Wien (1991), Aufsätze zur angloamerikanischen und österreichischen Philosophie (1999) sowie die Edition Das goldene Zeitalter der österreichischen Philosophie (1995, 1999). Ein weiteres Thema seiner Forschungen stellt der Nationalsozialismus dar – in einer mit Franz Wimmer herausgegebenen EditionDer geistige Anschluß. Philosophie und Politik an der Universität Wien (1993) erschloß er die erste öffentlich geführte Debatte über die Wiener Universität in der Zeit des Nationalsozialismus.

    In Kassel war Prof. Kurt Rudolf Fischer bereits früher schon zu Gastvorträgen eingeladen: Einmal 1982 im Zusammenhang mit der Gastprofessur seines Freundes Paul Feyerabend und zum anderen 1991 als einer der Hauptvortragenden des großen, an der Universität Kassel durchgeführten Kongresses: Die Wiener Jahrhundertwende[1]. Die Lehrveranstaltungen, die Prof. Kurt Rudolf Fischer in seinem Franz-Rosenzweig Gastsemester anbot, entstammten alle den oben angeführten Themenkomplexen: „Auschwitz als philosophisches Problem“, „Das Goldene Zeitalter der österreichischen Philosophie – Von Franz Brentano zum Wiener Kreis“ und „Einführung in die angloamerikanische Philosophie des 20. Jahrhunderts“.

    Prof. Kurt Rudolf Fischer PhD verstarb am 22.3. 2014 in Lancaster, PE, USA

     

    [1] Jürgen Nautz, Richard Vahrenkamp (Hg.), Die Wiener Jahrhundertwende. Einflüsse – Umwelt – Wirkungen, Wien 1993, darin: Kurt Rudolf Fischer: „Zur Theorie des Wiener Fin de siècle“, S. 110-127.

    Albert H. Friedlander PhD DD h. c. OBE
    Rabbiner an der Westminster Synagoge
    Dekan des Leo Baeck College

    Albert H. Friedlander wurde 1927 in Berlin geboren, wo er die ersten zwölf Kindheitsjahre verbrachte. Nach 1933 erfuhren er und seine Geschwister erste Anfeindungen in der Schule und entgingen mehrfach nur knapp schlimmeren Verfolgungen. Der Reichspogrom der „Kristallnacht“ brachte die Eltern endgültig zur Einsicht, die Emigration der Familie zu forcieren. Diese gelang dann auch Anfang 1939 zunächst nach Kuba und schließlich in die USA. In Vicksburg, Mississippi schloß Albert Friedlander seine Schulausbildung ab. Dank der guten intellektuellen und sportlichen Leistungen bekam er ein Stipendium für ein Studium in Religionswissenschaft, Geschichtswissenschaft und Jüdische Studien, das er an der University of Chicago begann, nebenher arbeitete er in allerlei Nebenjobs.

    Sein Studium als Rabbiner schloß Albert H. Friedlander 1952 am Hebrew Union College in Cincinnati ab und wurde danach zunächst Rabbiner in Fort Smith, einem kleinen Städtchen in Arkansas. Später wechselte er auf die Stellen des Studentenrabbiners an der Columbia University sowie als Rabbiner in East Hampton, N.Y., um so seine Dissertation Leo Baeck: Teacher of Theresienstadt ausarbeiten zu können, mit der er 1956 den PhD erwarb. Nach seiner Heirat 1961 mit Evelyn Philipp nahm Albert H. Friedlander 1966 den Ruf als liberaler Rabbiner in London an, wo er ab 1971 in der Westminster Synagoge tätig war und zugleich als Dozent am Leo Baeck College lehrte, dessen Dekan er seit 1982 war.

    Die wissenschaftlichen Arbeiten von Albert H. Friedlander lassen sich in drei Schwerpunkte gliedern: Ohne Zweifel ist er der bedeutendste Interpret und auch Nachfolger von Leo Baeck, der großen Leitfigur des liberalen Judentums in Deutschland. Leo Baeck hat das Leid der deutschen Juden bis in die schwerste Zeit der Verfolgung hinein mitgetragen: er überlebte im KZ-Theresienstadt. Trotz dieser Leidenszeit gehörte Leo Baeck nach dem Krieg zu den ersten, die den christlich-jüdischen Dialog in Deutschland wiedereröffneten. Albert H. Friedlander hat mit seinem Buch Leo Baeck: Teacher of Theresienstadt (1968; dt. 2. Aufl. 1991) und mit der Leo-Baeck-Werkausgabe in sechs Bänden Leben und Werk dieses bedeutenden deutsch-jüdischen Denkers bleibend erschlossen. Ein zweites Thema kreist um die geschichtliche und religionsphilosophische Aufarbeitung der Shoah. Hier sind vor allem die Bücher Out of the Whirlwind: The Literature of the Holocaust (1968, 1996), Das Ende der Nacht: Jüdische und christliche Denker nach der Shoah (1995)[1] und zusammen mit Elie Wiesel The Six Days of Destruction (1988) zu nennen. Albert H. Friedlander geht es dabei um die gedankliche Besinnung und Bewältigung der Erfahrung unserer jüngsten Geschichte, damit eine Shoah in Europa nicht mehr möglich werden kann. Hieran knüpfen drittens Friedlanders Bemühungen um den christlich-jüdischen Dialog an. Seit 1979 ist er als jüdischer Dialogpartner auf allen Kirchentagen in Deutschland, aber auch im Dialog mit der Anglikanischen Kirche in England aktiv. Hierzu seien vor allem die Bücher Ein Streifen Gold (1989; engl. 1991) sowie Riders Toward the Dawn: from Pessimism to Tempered Optimism (1993) erwähnt. Für sein Engagement auf dem Gebiet des christlich-jüdischen Dialogs erhielt er sowohl vom Bundespräsidenten das Verdienstkreuz I. Klasse der Bundesrepublik Deutschland als auch von der Queen den Orden Officer of the Royal Order of the British Empire (OBE). Im Jahre 1997 war er Fellow am Wissenschaftskolleg in Berlin und neben vielen anderen Gastprofessuren zweimal auch Martin-Buber-Gastprofessor an der Universität in Frankfurt a.M.

    Die Vorlesungen und Seminare von Albert H. Friedlander zu Leben und Werk von Leo Baeck sowie zur literarischen Aufarbeitung des Holocaust und zum christlich-jüdischen Dialog haben alle Teilnehmer tief beeindruckt und nachhaltig geprägt. Als langjähriger Freund der Kasseler Rosenzweig-Forschung seit dem ersten Franz-Rosenzweig-Kongreß 1986 sprach Rabbiner Albert H. Friedlander auf dem zweiten Internationalen Franz-Rosenzweig-Kongreß 2004 die Dankesworte beim Empfang durch den Oberbürgermeister der Stadt Kassel. Drei Monate später verstarb Rabbiner Albert H. Friedlander am 6. Juli 2004, mitten aus seinen vielfältigen Arbeiten herausgerissen, an plötzlichem Herzversagen.

     

    [1] Albert H. Friedlander, Das Ende der Nacht: Jüdische und christliche Denker nach der Shoah, Gütersloh 1995.

    Rafael N. Rosenzweig
    Ökonom und Agrarwirtschaftler
    Tel Aviv und Zürich 

    Rafael Rosenzweig wurde 1922 als Sohn von Franz und Edith Rosenzweig in Frankfurt a.M. geboren. Als er heranwuchs, war sein Vater bereits von einer totalen Lähmungserkrankung befallen. Aber er erlebte, wie berühmte Gelehrte seinen Vater am Krankenbett aufsuchten, und durfte dabei sein, wenn Martin Buber und sein Vater gemeinsam an der Verdeutschung der Schrift arbeiteten. Bereits in diesen Jahren, aber auch in den Jahren nach dem Tode seines Vaters 1929, verbrachte er viele Monate bei seiner Großmutter väterlicherseits in Kassel.

    Seine Mutter gehörte zum Kreis jener deutschen Juden, die auch nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten und der beginnenden Judenverfolgung in Deutschland ausharren wollten, da sie - leider zu Unrecht - hofften, die sittliche Substanz der deutschen Kultur werde Schlimmeres als die anfänglichen Zurücksetzungen und Benachteiligungen nicht zulassen. Erst nach dem Reichspogrom im November 1938 willigte sie ein, daß ihr damals noch minderjähriger Sohn nach Palästina auswandern durfte. 1939 folgte sie auf dem letzten Schiff mit jüdischen Emigranten.

    Nach dem Abitur schloß sich Rafael Rosenzweig der Kibbuzbewegung an und steckte seine ganze Kraft in die landwirtschaftliche Aufbauarbeit des Kibbuz Schaar Hagolan. Von 1944 bis 1946 war er Soldat in der jüdischen Brigade der British Army. So kam er nach 1945 wieder zum ersten Mal in die zerstörten deutschen Städte Frankfurt a.M. und Kassel zurück und mußte erfahren, daß viele seiner Verwandten und Freunde ermordet worden waren.

    1954 wurde er von seinem Kibbuz zum Studium der Nationalökonomie freigestellt. Er schloß dieses Studium mit dem Diplom der London School of Economics ab. 1963 wurde er zum Leiter der Ausbildungsabteilung für Experten in der Entwicklungshilfe des israelischen Landwirtschaftsministeriums und 1966 schließlich zum Senior Economic Advisor im Büro des landwirtschaftlichen Attachés der U.S. Botschaft in Tel Aviv berufen. Seit seiner Pensionierung im Jahre 1987 konnte sich Rafael Rosenzweig verstärkt wieder wissenschaftlichen Arbeiten zuwenden.

    Nach seinem Eröffnungsvortrag „Deutscher und Jude. Franz Rosenzweigs Weg zum jüdischen Volk“ 1986 auf dem Internationalen Franz-Rosenzweig-Kongreß lud die damalige Hessische Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, Frau Dr. Vera Rüdiger, unterstützt vom damaligen Präsidenten der Universität Gesamthochschule Kassel, Prof. Dr. Franz Neumann, Rafael Rosenzweig zu einem Gastsemester nach Kassel ein. Dieser Einladung wollte Rafael Rosenzweig jedoch nicht gleich nachkommen, da er nicht bloß als Sohn seines berühmten Vaters, sondern aufgrund seiner eigenen wirtschaftswissenschaftlichen Arbeiten eingeladen werden wollte, die er nach seiner Pensionierung abschließen wollte.

    Bereits in seinen allerersten wissenschaftlichen Arbeiten als ökonomischer Berater in der israelischen Friedensbewegung hatte Rafael Rosenzweig herausgearbeitet, daß eine Zukunft für Israel nur in einer langfristigen Kooperation mit den arabischen Nachbarn denkbar sei. Diese frühen Studien hat Rafael Rosenzweig nach seiner Pensionierung wieder aufgenommen und wissenschaftlich ausgebaut; so in der Studie The Economic Consequences of Zionism (1989) und nun in seinem Hauptwerk The Quest for Security (1996), das rechtzeitig zu Beginn seiner Franz-Rosenzweig-Gastprofessur unter dem Titel Das Streben nach Sicherheit zu Beginn des Jahres 1998 erscheinen konnte.

    Auf Einladung des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaften nahm Rafael Rosenzweig die Franz-Rosenzweig-Gastprofessur 1998 wahr und trug dabei in der Hauptvorlesung die Grundzüge seines Buches Das Streben nach Sicherheit[1] vor, weiterhin bot er ein Seminar „Kooperation in Israel, unter besonderer Betonung der Kibbuzbewegung“ an. Darüber hinaus thematisierte er in einer Lehrveranstaltung für Hörer aller Fakultäten „Die Folgen der Judenverfolgung für Deutschland“, um damit auf die Folgen einzugehen, die die Zerstörung des Judentums in Europa gerade auch für die deutsche Kultur und Geistesgeschichte hat.

    Völlig unerwartet, mitten aus seiner Arbeit gerissen, verstarb Rafael N. Rosenzweig am 2. Dezember 2001 in Forch bei Zürich. 

     

    [1] Rafael N. Rosenzweig, Das Streben nach Sicherheit, Marburg 1998.

    Dr. h. c. Emil L. Fackenheim PhD
    em. Professor für Philosophie und Rabbiner
    Jerusalem

    Emil Ludwig Fackenheim wurde 1916 in Halle an der Saale geboren. 1935 konnte er dort am Stadtgymnasium noch das Abitur abschließen. Um für sich gegen die immer brutaler werdende Ausgrenzung von Juden in Deutschland ein Zeichen des Widerstands zu setzen, entschloß er sich zum Rabbinatsstudium an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin, das er mit der Ordination zum Rabbiner auch noch abschließen konnte. Nebenher studierte er - soweit es damals für jüdische Studenten noch möglich war - Philosophie und Arabistik an der Universität Halle. Beim Reichspogrom im November 1938 wurde Emil Fackenheim zusammen mit vielen anderen ins Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt, wo er bis Februar 1939 interniert war. Bald nach seiner Entlassung gelang ihm die Emigration nach Schottland, wo er zunächst an der University of Aberdeen sein Philosophie-Studium wieder aufnehmen konnte, dann aber als deutscher Staatsbürger in Britannien und Kanada interniert wurde. Erst 1942 wurde ihm erlaubt, sein Studium der Philosophie an der University of Toronto erneut aufzunehmen, so daß er es 1945 mit dem PhD abschließen konnte.

    Seit 1943 bereits als Rabbiner in Hamilton tätig, bekam Emil Fackenheim 1948 eine Stelle als Lecturer für Philosophie an der University of Toronto. 1961 wird er dort zum Professor für Philosophie berufen - eine Professur, die er bis zu seiner Emeritierung 1981 innehat. Nach zwei Jahren als Visiting Professor an der Hebrew University in Jerusalem übersiedelt Emil Fackenheim 1983 endgültig nach Jerusalem. Emil Fackenheim erfuhr mehrere Ehrungen, 1992 erschien in Toronto für ihn die Festschrift Emil Fackenheim: German Philosophy and Jewish Thought.

    Mit Emil Fackenheim hat das Fachgebiet Philosophie im Fachbereich Erziehungswissenschaft/Humanwissenschaften einen der bedeutendsten jüdischen Religionsphilosophen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf die Franz-Rosenzweig-Gastprofessur berufen können. Schon 1986 war Emil Fackenheim zum Internationalen Franz-Rosenzweig-Kongreß in die Heimatstadt seiner Großeltern gekommen und hatte über die Verbindungslinien seines eigenen Denkens zu Rosenzweigs Existenzphilosophie aus jüdischen Quellen referiert.

    Emil Fackenheims frühe philosophische Arbeiten zur mittelalterlichen und zur klassischen deutschen Philosophie - so beispielsweise seine Bücher Metaphysics and Historicity (1961) und The Religious Dimension in Hegels Thought (1967) - gehören auch heute noch zu den angesehendsten philosophischen Interpretationen auf ihrem Gebiet. Ein weiterer Hauptstrang seiner frühen Studien gilt dem jüdischen Denken, wie beispielsweise sein Buch Paths to Jewish Belief (1960). Dies sind die beiden Wurzeln seines Denkens, die Emil Fackenheim - miteinander verschränkt - seit 1967 ganz und gar auf das philosophische und theologische Bedenken des geschichtlichen Einschnitts von Auschwitz konzentriert. Ohne sich dem grauenvollen Geschehen von Auschwitz zu stellen, kann es kein ungebrochenes Wiederanknüpfen an die sittliche Dimension der abendländischen Philosophie geben, aber selbst der jüdische Glaube eines Bundes mit Gott wird durch die Shoa vor eine äußerste Belastungsprobe gestellt. Dies ist keineswegs eine Absage an diese Traditionen, sondern ihre höchste Herausforderung: sich im Denken wider Auschwitz sittlich und religiös zu bewähren. Das ist auch das Thema der Hauptwerke von Emil Fackenheim Encounters Between Judaism and Modern Philosophy (1973), To Mend the World (1982), The Jewish Bible after the Holocaust (1991).

    Alle drei Lehrveranstaltungen, die Emil Fackenheim in Kassel als Franz-Rosenzweig-Gastprofessor anbot, kreisten um diese grundlegende Thematik des Bedenkens von Auschwitz. In „Was ist Judentum“ stellte er sein eben in den Druckfahnen der deutschen Übersetzung vorliegendes Buch What is Judaism (1987) vor.[1] In „Jüdisches Denken im 20. Jahrhundert“ setzte er sich mit Franz Rosenzweig und Martin Buber auseinander und befragte sie darauf, inwieweit ihr Denken auch Antwort zu geben vermag auf das Geschehen von Auschwitz. Im Seminar „Grundlagen jüdischen Denkens nach dem Holocaust“ behandelte Emil Fackenheim schließlich Themen aus seinem Hauptwerk To Mend the World.

    Auf dem zweiten Kasseler Franz-Rosenzweig-Kongreß im März 2004 sollte Emil Fackenheim einen der zentralen Plenumsvorträge halten. Er verstarb unerwartet ein halbes Jahr davor am 19. September 2003. Anstelle seines Vortrags fand auf dem Internationalen Kongreß sodann ein Fackenheim Memorial statt, das in den Kongreßakten erscheint.[2]

     

    [1] Emil L. Fackenheim, Was ist Judentum? Eine Deutung für die Gegenwart, Berlin 1999.

    [2] „Emil L. Fackenheim Memorial“, in: Wolfdietrich Schmied-Kowarzik (Hg.), Franz Rosenzweigs „neues Denken“. Internationaler Kongreß Kassel 2004, 2 Bde., Freiburg/München 2006, Bd. S. 597-641.

    Dr. Dr. h. c. Hans Keilson
    Psychotherapeut, Psychoanalytiker
    und Schriftsteller, Bussum

    Hans Keilson wurde 1909 in Bad Freienwalde/Oder geboren. Nach dem Abitur absolvierte er zunächst eine Sportlehrerausbildung und studierte danach Medizin und Musik in Berlin, konnte aber nach seinem medizinischen Staatsexamen im nationalsozialistischen Deutschland nicht als Arzt arbeiten. 1933 erschien im Fischer Verlag sein erster Roman Das Leben geht weiter, in dem er die Geschichte vom wirtschaftlichen Niedergang eines kleinen Kaufmanns - seines Vaters - erzählt. Das Buch wurde mit vielen anderen kurz danach verboten und verbrannt. 1936 emigrierte Hans Keilson mit seiner Frau in die Niederlande, wo er im sozial­pädagogischen Bereich tätig wurde. Als die Niederlande durch die Deutschen okkupiert wurden, tauchte er unter und arbeitete in Kooperation mit einer holländischen Widerstandsgruppe bei der medizinischen, psychotherapeutischen und pädagogischen Betreuung versteckter jüdischer Kinder und Jugendlichen mit. Nach dem Zweiten Weltkrieg knüpfte er an diese Arbeit an. Mit anderen zusammen gründete er die Organisation „Le Ezrat HeJeled“, die sich um die jüdischen Waisenkinder, die Überlebenden des Holocaust, kümmerte.

    1947 holte er das niederländische Arztexamen nach und schloß eine psychoanalytische Ausbildung an. 1959 erschien sein zweiter Roman Der Tod des Widersachers, in dem er seine eigenen Erfahrungen während der Nazi-Herrschaft in Deutschland und in den Niederlanden verarbeitet. Ab 1967 begann er an der kinderpsychiatrischen Universitätsklinik mit der umfangreichen Langzeit-Untersuchung über die Traumatisierungen bei Holocaust-Waisen. Mit den Aufsehen erregenden und erschütternden Ergebnissen seiner Forschungsarbeit wurde Hans Keilson im Alter von 70 Jahren 1979 promoviert. Das umfangreiche Buch Sequentielle Traumatisierung bei Kindern ist - inzwischen in mehrere Sprachen übersetzt - zu einem Standardwerk der Traumaforschung geworden. Seine Forschungen haben Erkenntnisse über Entstehung, Verlauf und Verstärkung von schwersten Traumatisierungen bei Kindern in der Entwicklungsphase erbracht, die von einer Reihe von internationalen Studien inzwischen berücksichtigt und weitergeführt worden sind.

    Auf Einladung des Fachgebiets der Psychoanalytischen Psychologie im Fachbereich Erziehungswissenschaft/Humanwissenschaften trug Hans Keilson als Franz-Rosenzweig-Gastprofessor in einer Vorlesung „Traumatisierung durch man-made-disaster und das Konzept der sequentiellen Traumatisierung“ die Ergebnisse seiner großen Forschungsarbeit vor. Weiterhin bot er ein Seminar „Vorurteil und Haß“ an, in dem er nicht nur verschiedene Aspekte der Entstehung von Vorurteilen, ihre Tradierung in Geschichtsbildern und ihre politische Ausnutzung behandelte - wobei er nicht vor Tabuthemen wie dem „linken Antisemitismus“ zurückschreckte -, sondern auch ihre Wurzeln psychoanalytisch aufzuhellen versuchte.

    In Kooperation mit einigen Kollegen verschiedenster Fachgebiete von der Philosophie über die Geschichts-, Politik- und Erziehungswissenschaft bis hin zur Psychoanalyse führte Hans Keilson eine Vorlesungsreihe mit Kolloquium zum Thema „Was war der Nationalsozialismus? Was bedeutet es, sich an ihn zu erinnern?“ vor über hundertfünfzig Teilnehmern durch, die nachhaltig in der Diskussion unter Studenten und Kollegen fortwirkte.

    Eindrucksvoll und bewegend aber waren auch seine öffentlichen Lesungen im Rahmen der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, des Evangelischen Forums sowie anläßlich der Eröffnung des Instituts für Psychoanalyse an der Universität Gesamthochschule Kassel, in denen Hans Keilson vor allem aus seinem Roman Der Tod des Widersachers sowie aus seinem Gedichtband Sprachwurzellos vortrug. 

    Seine Kasseler Vorträge erschienen 1998 im Band Wohin die Sprache nicht reicht. Zu seinem 90. Geburtstag veranstaltete die Universität Kassel ihm zu Ehren ein Symposion „Gedenk und vergiß – im Abschaum der Geschichte“. Die gesammelten literarischen Werke des vielfach geehrten Schriftstellers Hans Keilson erschienen inzwischen in zwei Bänden im S. Fischer Verlag.[1]

    Prof. Dr. Hans Keilson verstarb am 31. 5. 2011 in Hilversum

     

    [1] Hans Keilson, Wohin die Sprache nicht reicht. Essays – Vorträge – Aufsätze 1936-1996. Mit einem Nachwort von Wolfdietrich Schmied-Kowarzik, Giessen 1998; Marianne Leuzinger-Bohleber und Wolfdietrich Schmied-Kowarzik (Hg.), „Gedenk und vergiß – im Abschaum der Geschichte“. Trauma und Erinnern. Hans Keilson zu Ehren, Tübingen: edition diskord 2001; Hans Keilson, Werke in zwei Bänden. I: Romane und Erzählungen, II: Gedichte und Essays, Frankfurt a. M.: S. Fischer 2005.

    Rivka Horwitz PhD
    em. Professorin für Jüdische Geistesgeschichte
    Ben Gurion University, Beer Sheva

    Rivka Horwitz, geb. Goldschmidt, wurde 1926 in Bad Homburg geboren; ihre väterliche Familie stammt aus Kassel. Um den Schikanen zu entgehen, emigrierte die Familie im Herbst 1933 nach Palästina. Nach Beendigung der Schulzeit und des Militärdienstes studierte sie Jüdische Philosophie, Religiöse Mystik und Philosophiegeschichte zunächst in Jerusalem und dann in New York. 1962 schloß sie ihr Studium mit dem PhD in Philosophy an der University of Pennsylvania (Bryn Mawr) mit einer Arbeit über Franz Rosenzweigs Sprachphilosophie ab.

    Nach mehreren Anstellungen seit 1965 als Lecturer, Senior Lecturer und Associate Professor an verschiedenen Universitäten in den Vereinigten Staaten und Israel ist Rivka Horwitz seit 1975 an der Ben Gurion University in Beer Sheva tätig, seit 1981 ist sie Professorin für Jewish Thought im Department of History. 1982/83 war sie Visiting scholar im Department of Religion der Harvard University und 1987/88 Gastprofessorin an der Hochschule für Jüdische Studien an der Universität Heidelberg.

    Ihr Arbeitsgebiet umfaßt die gesamte Traditionslinie jüdischen Denkens in der europäischen Geistesgeschichte, doch liegt ihr spezieller Forschungsschwerpunkt in der Erforschung der jüdischen Philosophie und Religion des 19. und 20. Jahrhunderts im deutschen Sprachraum. Auf diesem Gebiet genießen ihre Forschungen hohes internationales Ansehen. Ihre wichtigsten Arbeitsschwerpunkte sind die Geschichte des jüdischen Denkens und deren Erneuerung im 19. Jahrhundert sowie die Aktualität der religions­philosophischen Werke von Franz Rosenzweig und Martin Buber.

    Diese Arbeitsschwerpunkte standen auch im Mittelpunkt der Lehrveranstaltungen, die Prof. Rivka Horwitz als Franz-Rosenzweig-Gastprofessorin im Fachgebiet Religion des Fachbereichs Erziehungswissenschaft/Humanwissenschaften anbot. Ihre Hauptvorlesung widmete sie „Rosenzweigs Sprachdenken“. Mit einer Arbeit über Speech and Time in the Philosophy of Franz Rosenzweig hatte Rivka Horwitz 1962 den PhD erworben. Nach der Dissertation von Else Freund Die Existenzphilosophie Franz Rosenzweigs, die 1933 in Breslau erschien, aber gleich nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wieder eingezogen wurde, war Rivka Horwitz' Arbeit eine der ersten Einstiege in die philosophische Interpretation der Werke Rosenzweigs. Auch in den Jahren danach hatte Rivka Horwitz über Franz Rosenzweig weiter geforscht. So referierte sie auf dem Internationalen Franz-Rosenzweig-Kongreß 1986 in Kassel über das Thema „Warum ließ sich Rosenzweig nicht taufen?“ und ein Jahr später gab sie mit einer großen Einleitung eine Auswahl von Rosenzweigs Briefen und Tagebüchern in Hebräisch heraus. All dies floß nun in ihre Interpretation von Rosenzweigs Sprachdenken ein, die sie in Kassel vortrug.

    In einem weiteren Seminar „Sind Bubers dialogisches Denken und seine chassidische Botschaft noch aktuell?“ führte sie ihre Hörer in Grundmotive der Religionsphilosophie Bubers ein. Auch hier konnte Rivka Horwitz auf langjährige eigene Forschungsarbeiten zurückgreifen. So hatte sie erstmals die spannende Entstehungsgeschichte von Martin Bubers philosophischem Hauptwerk Ich und Du (1923) nachgezeichnet. Ursprünglich aus einer Vorlesung „Religion als Gegenwart“ hervorgegangen, zu der Rosenzweig Buber 1921 überredet hatte, zeigt die weitere Entwicklung Spuren der kritischen Auseinandersetzungen mit Rosenzweig, durch die ihre Freundschaft und spätere Zusammenarbeit begründet wurde. Es war faszinierend mitzuerleben, wie es Rivka Horwitz gelang, diese spannenden geistesgeschichtlichen Zusammenhänge in ihrer Aktualität zu verlebendigen.

    In einer dritten Lehrveranstaltung „Moses Mendelssohn: 'Jerusalem' und der Briefwechsel mit Lavater“ ging Rivka Horwitz nicht nur auf Mendelssohns Eröffnung der Bewegung zur Emanzipation der Juden in Deutschland ein, sondern auch auf die Widerstände, die ihrer Emanzipation von Anfang an in den Weg gestellt wurden. Dies war auch Thema einer Reihe von öffentlichen Vorträgen, die Prof. Rivka Horwitz in Kassel hielt. Einige ihrer Kasseler Vorträge und Abhandlungen sind inzwischen in einem Sammelband erschienen.[1]

    Prof. Rivka Horwitz verstarb am 4.1.2007.

     

    [1] Rivka Horwitz, Multiple Faceted Judaism, Beer Sheva 2002.

    Dr. med. Dr. phil. Benyamin Maoz
    em. Professor für Psychiatrie und Psychotherapie
    Ben Gurion University, Beer Sheva

    Benyamin Maoz wurde 1929 in Kassel geboren; er entstammt der alteingesessenen und angesehenen Kasseler Familie Mosbacher. Nach vielen Repressionen und Erniedrigungen, welche die Familie erleiden mußte, emigrierte sie 1937 nach Palästina. Nach der Schulzeit und dem Militärdienst nahm er sein Studium der Medizin zunächst an der Hebrew University Jerusalem auf, wechselte dann an die Universität Amsterdam, wo er 1959 mit dem Dr. med. abschloß. Ab 1959 war er zunächst als praktischer Arzt im Kupat-Holim Kibbuz tätig, danach seit 1970 in verschiedenen Kliniken. Nach einer weiteren Ausbildung in Sozialpsychiatrie wurde er 1973 auch noch zum Dr. phil. promoviert. Seit 1979 ist er Head of the Psychiatric Department des Soroka Medical Center in Beer-Sheva. Parallel dazu war er als Lecturer und Senior Lecturer an der Universität Tel Aviv tätig und ist seit 1978 Professor für Psychiatrie an der Ben Gurion University in Beer-Sheva. Einladungen zu Gastprofessuren führten ihn in die Vereinigten Staaten, nach Kanada, in die Niederlande und an die Universität Marburg (1989).

    Benyamin Maoz ist Sozialpsychiater und Psychotherapeut; auf diesem Gebiet ist er ein international ausgewiesener und anerkannter Spezialist für die Trauma- und Lebenskrisenforschung. Mit Prof. Benyamin Maoz berief der Fachbereich Sozialwesen einen zweiten aus Kassel stammenden Wissenschaftler auf die Franz-Rosenzweig-Gastprofessur. Schon 1986 war Benyamin Maoz zum Internationalen Franz-Rosenzweig-Kongreß erstmals in seine Geburtsstadt Kassel zurückgekommen und referierte damals zusammen mit Gerda Elata-Alster über psychotherapeutische Aspekte im Denken von Franz Rosenzweig.

    Obwohl - ähnlich wie bei William W. Hallo, dem Jugendfreund aus seinen Kindheitstagen in Kassel - auch die Psychiatrie als Fach einer Medizinischen Fakultät in Kassel nicht vertreten ist, sah es Benyamin Maoz aufgrund seiner speziellen Interessen in der Sozialpsychiatrie von Anbeginn als eine besondere Herausforderung an, im Studienschwerpunkt „Soziale Therapie“ des Fachbereichs Sozialwesen zu lehren. Insofern stießen auch seine fachspezifischen Vorlesungen „Psychiatrische und psychosomatische Erkrankungen in systemtheoretischer Sicht“ und sein Seminar „Posttraumatische Reaktionen in der ersten und zweiten Generation - Unglücks- und Kriegsneurosen, Terror und Holocaust“ auf regen Zuspruch bei den Studierenden. Ihm ging es vor allem darum, über die rein theoretischen Kenntnisse hinaus, den Studierenden Orientierungen für eine sozialtherapeutische Kompetenz zu vermitteln, um sie dadurch zu eigenen Entscheidungen und Handlungen zu befähigen.

    Benyamin Maoz nahm die Franz-Rosenzweig-Gastprofessur auch deshalb an, weil er etwas vom „neuen Lernen“ im Sinne Rosenzweigs realisieren wollte. Schon im Freien Jüdischen Lehrhaus hatte Franz Rosenzweig in den zwanziger Jahren gerade auch Ärzte zu Vorträgen und zu Arbeitsgemeinschaften über Fragen „jüdischer Ethik“ im medizinischen Bereich eingeladen. In diese Tradition stellte Benyamin Maoz sein Seminar „Biblische Gestalten im Lichte einer modernen psychologischen Analyse sowie Probleme einer 'jüdischen Ethik'“, wobei er anhand von biblischen Texten und der Ethik von Maimonides alltägliche Lebensentscheidungen im familiären, aber auch beruflichen Bereich behandelte und diskutieren ließ.[1]

    Auch seine öffentlichen Vorträge im Philosophischen Forum sowie im Rahmen der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit waren ein wichtiger Bestandteil seiner Wahrnehmung der Franz-Rosenzweig-Gastprofessur, denn gerade dadurch, daß Benyamin Maoz dabei anschaulich vom Leben seiner Familie in Kassel vor und während der Nazi-Zeit berichtete, das Leben in den ersten Jahren in Palästina schilderte oder aus ärztlicher Sicht von den traumatischen Spätfolgen der Überlebenden der Shoa sprach, wurde für die Hörer schlagartig und erschütternd das Ungeheuerliche der gerade erst 50 bis 60 Jahre zurückliegenden Nazi-Verbrechen bewußt, an das zu erinnern wir nicht nachlassen dürfen.

    Prof. Dr. Dr. Benyamin Maoz verstarb am 28. 8. 2014 in Tel Aviv.

     

    [1] Davon zeugen auch seine zahlreichen medizinischen, psychotherapeutischen und ethischen Einzelveröffentlichungen in englischer und deutscher Sprache, die oftmals aus gemeinsamen Kolloquien hervorgehend mehrere Mitautoren ausweisen, auf die hier nicht detailliert hingewiesen werden kann.

    Dr. Dr. h. c. Jacob Goldberg
    em. Professor für Osteuropäische Geschichte
    The Hebrew University, Jerusalem

    Jacob Goldberg wurde 1924 in Lodz geboren, in der Zeit der Nazi-Okkupation Polens wurde er zunächst im Ghetto in Lodz, dann in einem Außenlager des KZ Buchenwald unter schrecklichen Bedingungen zum Arbeitseinsatz in einer Munitionsfabrik gezwungen. Nach der Befreiung aus dem Konzentrationslager kehrte er in seine Heimatstadt Lodz zurück. Er war der einzige seiner Familie, der den Holocaust überlebt hatte. An der Universität Lodz begann er das Studium der Geschichtswissenschaft und wurde - nach seiner Promotion zum Dr. Ph. - dort selber Hochschullehrer. Als sich in Polen ein erneuter Antisemitismus erhob, emigrierte er nach Israel, wo er seit 1968 an der Universität Jerusalem Osteuropäische Geschichte lehrt; seit 1989 ist er Direktor des dortigen Zentrums zur Erforschung der Geschichte und Kultur der Juden Osteuropas.

    Jacob Goldberg ist unbestritten einer der besten Kenner und angesehendsten Forscher der Geschichte des osteuropäischen Judentums. In seinen Forschungen hat er sich vornehmlich auf die Wirtschafts- und Sozialgeschichte und die Situation der jüdischen Gemeinden in Polen des 17. und 18. Jahrhunderts konzentriert. In seinen zahlreichen wissenschaftlichen Veröffentlichungen arbeitet er die bisher noch viel zu wenig bekannte rechtliche, ökonomische, kulturelle und religiöse Lebenssituation des osteuropäischen Judentums und ihres enormen Einflusses auf die westeuropäischen Länder heraus. Für sein Werk Jewish Privileges in the Polish Commonwealth wurde er mit einem angesehenen Preis geehrt, von der Universität Warschau wurde er 1992 mit der Ehrendoktorwürde ausgezeichnet. Er war Gastprofessor in den USA, England und Polen sowie in Köln, München und Berlin.

    Auf Einladung des Fachgebiets Geschichte im Fachbereich Gesellschaftswissenschaften stellte Jacob Goldberg im Sommersemester 1993 in einer groß angelegten Vorlesung „Die soziale und kulturelle Entwicklung des osteuropäischen Judentums“ dar, die er im daran anknüpfenden Seminar „Die Juden in Polen-Litauen“ noch detaillierter an Beschreibungen der Lebenssituation der Juden im Stetl unter polnisch-litauischer und russischer Herrschaft entfaltete. Inzwischen erschien eine Teilstudie aus diesen Franz-Rosenzweig-Gastvorlesungen: „Jüdische Stadtbevölkerung im frühneuzeitlichen Ostmitteleuropa“.[1] Jacob Goldberg vergegenwärtigte in seinen Veranstaltungen eine Welt, von der wir in Westeuropa kaum Kenntnis genommen haben und die inzwischen nicht nur geschichtlich versunken ist, sondern deren Spuren durch die Deutschen unter dem Nationalsozialismus restlos vernichtet wurden. Mit den osteuropäischen Juden, die von den Deutschen ermordet wurden, versank auch die jiddische Kultur mit ihrer großen Ausstrahlungskraft, die zugleich ein so unvergleichliches Bindeglied zwischen der deutschen und der osteuropäischen Kultur darstellte.

    In einem weiteren Seminar untersuchte Jacob Goldberg dann das Bild, das von „Deutschen Osteuropareisenden“ seit dem 18. Jahrhundert in Westeuropa verbreitet wurde, und versuchte, die dadurch tradierten Verzerrungen zurechtzurücken. Unter anderem kam er dabei auch auf Georg Forster zu sprechen, der selbst, aus Nassenhuben bei Danzig stammend, nach seiner Weltumsegelung mit James Cook und nach seiner Professur für Naturgeschichte in Kassel auf seiner Reise 1784 durch Polen und bei seinem Aufenthalt als Professor für Naturkunde an der Universität Wilna die dortigen Lebensverhältnisse aufgezeichnet hatte. Auch hier war es faszinierend, von Jacob Goldberg diese Texte aus einem geographischen und geschichtlichen Gegenblick neu entschlüsselt zu bekommen.

    Weiterhin hielten Prof. Jacob Goldberg und seine Frau, die Ethnographin Dr. Olga Goldberg, in Kassel eine Reihe öffentlicher Vorträge zu verschiedenen Dimensionen des Alltagslebens im osteuropäischen Stetl, so beispielsweise über die bei uns völlig unbekannte hebräisch geschriebene jiddische Frauenliteratur vom 19. Jahrhundert bis zur Zerstörung des Judentums in Osteuropa.

    Prof. Dr. Jacob Goldberg verstarb am 15. 11. 2011 in Jerusalem.

     

    [1] Jacob Goldberg, "Jüdische Stadtbevölkerung im frühneuzeitlichen Ostmitteleuropa", in: Berliner Jahrbuch für Osteuropäische Geschichte 1 (1996).

    Dr. Zvi H. Rosen
    em. Professor für Politische Philosophie
    Tel Aviv University

    Zvi H. Rosen wurde 1925 in Danzig geboren. Schon in seiner Kindheit war er Zurücksetzungen durch deutsche Mitschüler ausgesetzt. 1939 begannen jedoch in Danzig die eigentlichen Verfolgungen, denen fast alle seine Familienangehörigen zum Opfer fielen. Durch glückliche Zufälle entging er den Häschern. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm Zvi H. Rosen sein Studium der Philosophie und Soziologie in Polen - zunächst in Wrocław, dann in Warschau - auf. Von 1953 bis 1958 war er Dozent der Philosophie an den Universitäten Wrocław und Warschau. 1957 erwarb er den Dr. Ph. an der Universität Warschau bei Leszek Kolakowski. Der erneut aufkommende Antisemitismus in Polen veranlaßte ihn endgültig zur Auswanderung nach Israel. Nach einigen Jahren Tätigkeit als Leiter der Technischen Hochschule in Tel Aviv ist Zvi H. Rosen seit 1964 Professor für Philosophie an der Universität Tel Aviv - von 1983 bis 1988 war er Dekan der Philosophischen Fakultät.

    Seine in mehreren Sprachen - Polnisch, Englisch, Hebräisch, Deutsch - verfaßten und in noch zahlreichere Sprachen übersetzten Bücher und philosophischen Abhandlungen kreisen vor allem um drei Themenfelder: 1. die philosophiegeschichtliche Erforschung der Junghegelianer - vor allem Moses Hess, Bruno Bauer und Karl Marx; 2. Studien zur politischen Philosophie von Friedrich Nietzsche; 3. die philosophische Erschließung der Kritischen Theorie, insbesondere Studien zu Max Horkheimer und Herbert Marcuse. Alle diese drei Forschungsfelder sind miteinander verschränkt, wobei es Zvi H. Rosen jeweils besonders darum geht, den Wechselbezug politischen und religiösen Denkens herauszuarbeiten.

    Zu Zvi H. Rosen bestanden schon vor seiner Berufung auf die Franz-Rosenzweig-Gastprofessur durch den Fachbereich Erziehungswissenschaft/Humanwissenschaften thematische Arbeitszusammenhänge, zum einen über seine philosophiegeschichtlichen Forschungen zu den Junghegelianern und zum anderen über seine Untersuchungen zur Kritischen Theorie - eine philosophische Richtung, die durch Ulrich Sonnemann an der Universität Gesamthochschule Kassel profiliert vertreten war.

    So war es auch ganz verständlich, daß Zvi H. Rosen in seinem ins Wintersemester 1992/93 verschobenen Gastsemester zum einen ein Seminar zu „Moses Hess' politischer und sozialer Philosophie“ anbot, um gerade auch an dessen Frühschriften und Spätwerk die innere Verschränkung von sozial-politischem und jüdisch-religiösem Denken aufzudecken, und zum anderen in dem weiteren Seminar „Max Horkheimer: Jüdischer Humanismus und Kritische Theorie“ auf die - teils von Horkheimer selbst unter Verschluß gehaltenen, teils von seinen Nachlaßverwaltern zurückgehaltenen - jüdischen Quellen im Denken Horkheimers aufmerksam zu machen. Diese Studien sind inzwischen in der Monographie Max Horkheimer[1] erschienen.

    In seiner Hauptvorlesung mit anschließendem Kolloquium ging Zvi H. Rosen auf „Friedrich Nietzsches politische Welt“ ein, eine sehr spannende und kontrovers diskutierte Interpretation, die Nietzsche gegen seine mannigfaltigen Verfälscher in Schutz zu nehmen versuchte. Auch diese Vorlesung soll in Kürze als Buch herauskommen.

    Weiterhin hielt Zvi H. Rosen eine Reihe öffentlicher Vorträge - auch bei späteren Besuchen in den folgenden Jahren -, die ebenfalls um die inneren Zusammenhänge politischer und religiöser Anschauungen bei deutschen und jüdischen Denkern in den letzten beiden Jahrhunderten kreisten.

     

    [1] Zvi Rosen, Max Horkheimer, München 1995.

    William W. Hallo PhD PhD h. c.
    em. Professor für Assyriologie
    Yale University – New Haven, Connecticut

    William W. Hallo wurde 1928 in Kassel geboren. Er entstammt einer alteingesessenen Kasseler Familie, sein Vater Dr. Rudolf Hallo - zunächst unmittelbarer Nachfolger von Franz Rosenzweig in der Leitung des Freien Jüdischen Lehrhauses - war in den zwanziger Jahren Custos am Kasseler Landesmuseum; die Spuren seines fruchtbaren Wirkens sind bis heute erhalten. Auch seine Mutter Dr. Gertrud Hallo entstammt einer angesehenen Kasseler Fabrikantenfamilie. Ende der dreißiger Jahre konnte die Familie, nachdem sie vorher Schikanen und Demütigungen ausgesetzt war, über England in die Vereinigten Staaten emigrieren.

    William W. Hallo studierte Near Eastern Languages and Literatures an der University of Chicago und an der Rijksuniversiteit Leiden und erwarb 1955 den PhD an der University of Chicago. Nach mehreren Forschungsstellen und Professuren an verschiedenen Universitäten in den USA ist er seit 1976 Professor für Assyriologie an der Yale University in New Haven und zugleich Leiter der Babylonien Collection der Sterling Memorial Library, der größten Sammlung sumerischer und babylonischer Texte. William W. Hallo ist einer der international renommiertesten Vertreter der Altorientalistik; er erhielt mehrere ehrenvolle Gasteinladungen an große Forschungsinstitutionen, ist im Vorstand mehrerer Fachgesellschaften und bekam den Ehrendoktortitel „Doctor of Humane Letters“ verliehen. Ihm verdankt die Altorientalistik nicht nur die Erstentzifferung einiger wichtiger Textfunde aus der frühesten Zeit menschlicher Schriftkultur, sondern als profunder Kenner der Sprachen und Kulturen Mesopotamiens in den ersten vier Jahrtausenden v.u.Z. hat er auch wesentlich zu einer kulturgeschichtlichen Gesamtdeutung der Menschheitsgeschichte beigetragen.

    Mit Prof. William W. Hallo wurde erstmals ein aus Kassel gebürtiger Gelehrter auf die Franz-Rosenzweig-Gastprofessur berufen. 1986 war er zum ersten Mal wieder in seine Geburtsstadt Kassel zurückgekehrt, um auf dem Internationalen Franz-Rosenzweig-Kongreß über Probleme und Erfahrungen bei der Übersetzung von Rosenzweigs Stern der Erlösung ins Englische (1971) zu referieren. Trotzdem war ihm die Annahme der Franz-Rosenzweig-Gastprofessur nicht ganz leicht gefallen, denn William W. Hallo wußte nicht so recht, was die Studierenden in Kassel von ihm als Altorientalisten erwarteten und was ihn daher an einer Universität, die keine Altorientalistik anzubieten hat, erwarten werde. Aus Achtung vor dem Werk von Franz Rosenzweig nahm William W. Hallo die Einladung des Fachbereichs Gesellschaftswissenschaften auf die Gastprofessur für das Fachgebiet Alte Geschichte an. Diese Herausforderung für beide Seiten wurde aber doch ein großes Ereignis. William W. Hallo trug vor einer großen, ihm gespannt lauschenden Hörerschaft die dreistündige Vorlesung „Ursprünge - der altorientalische Hintergrund einiger menschheitlicher Errungenschaften“ vor, wobei er besonders auf das Alltagsleben in den frühen Kulturen Mesopotamiens einging - auf die Stellung der Frau, das Schulwesen, das Finanzwesen, aber auch auf die Zeitrechnung, den Kalender und die Mythologie. Der Zwang, vor Studierenden zu sprechen, die lediglich rudimentäre allgemeingeschichtliche Vorkenntnisse aus der Zeit der frühen Hochkulturen Mesopotamiens hatten, wurde für William W. Hallo eine fruchtbare Herausforderung, diese ein breites Publikum ansprechende Darstellungsform auch für die inzwischen erschienene Ausarbeitung seiner Vorlesung im großen Buch Origins[1] zu wählen.

    In einem weiteren dreistündigen Seminar behandelte William W. Hallo „Die Schrift und ihre Übersetzungen: Theorie und Praxis der Übertragung von ihrem Ursprung bis heute“, wobei er hierin besonders auch auf die von Buber und Rosenzweig unternommene Verdeutschung der Schrift einging, jedoch auch seine eigenen reichen Erfahrungen mit Übertragungen von babylonischen Texten, die sich in der Bibel wiederfinden, bis hin zur Übersetzung von Franz Rosenzweigs Stern der Erlösung anschaulich einbringen konnte.

    Prof. Dr. William W. Hallo verstarb am 30. März 2015 in Hamden, CT, USA

     

    [1] William W. Hallo, Origins. The Ancient Near Eastern Background of Some Modern Western Institutions, Leiden/New York/Köln 1996.

    Dr. Eveline Goodman-Thau
    Professorin für Jüdische Studien
    Halle-Wittenberg/Jerusalem

    Eveline Thau wurde 1934 in Wien geboren, 1939 floh die Familie nach Holland, wo sie die Zeit der deutschen Okkupation versteckt überlebte. Nach dem Krieg besuchte sie das Gymnasium in Hilversum und begann nach dem Abitur 1953 ihr Studium in Englischer Literatur und Judaistik an der Universität Amsterdam. 1956 heiratete sie und wanderte nach Israel aus. Erst nachdem ihre fünf Kinder herangewachsen waren, nahm sie erneut ein Studium der Bibelwissenschaft, rabbinischer Texte und jüdischer Philosophie an der Hebräischen Universität in Jerusalem auf. Seit 1976 leitete Eveline Goodman-Thau dort als Lehrbeauftragte eigene Seminare in jüdischer Exegese und Theologie nach Auschwitz. Seit 1982 war sie Dozentin für jüdische Philosophie und Literatur am Martin-Buber-Institut in Jerusalem und hielt zahlreiche Gastvorlesungen in den USA und in mehreren europäischen Ländern, seit 1987 auch in der Bundesrepublik Deutschland.

    Die Schwerpunkte der wissenschaftlichen Arbeit von Eveline Goodman-Thau sind: das Studium der Bibel und ihre rabbinische Exegese, die Auseinandersetzung mit der jüdischen Philosophie, die Erfahrungen des niederländischen Judentums (von 1966 bis 1976 war sie Direktorin des Institute for Research on Dutch Jewry und erarbeitete ein Lexikon über die holländischen „Gerechten der Völker“), seit 1989 ist sie im Vorstand der European Society of Women for Theological Research.

    Auf Einladung der Studienfächer der Evangelischen und Katholischen Religion wurde Eveline Goodman-Thau 1990 als Gastprofessorin an die Universität Kassel berufen und war damit die erste Frau auf der Franz-Rosenzweig-Gastprofessur. Zwar war sie zum Zeitpunkt ihrer Berufung noch nicht promoviert, aber ihre wissenschaftlichen Arbeiten auf dem Gebiet der Bibelstudien und der Kabbala und insbesondere ihr Engagement auf dem Gebiet des christlich-jüdischen Dialogs sowie innerhalb der theologischen Frauenforschung ermöglichten es, diese formal­bürokratische Hürde zu überspringen.

    Eveline Goodman-Thau bot in dem aus terminlichen Gründen ins Wintersemester 1990/91 verschobenen Gastsemester folgende Seminare an, die alle ins Zentrum der Erforschung des jüdischen Erbes europäischer Geistesgeschichte führten und erfreulicherweise auch alle sehr gut besucht waren: „Probleme der Identität von Juden in Deutschland“, „Franz Kafka und Paul Celan - Tradition als Widerspruch“, „Franz Rosenzweig - Übersetzer der Bibel“.

    Die Besetzung der Franz-Rosenzweig-Gastprofessur 1990 erwies sich als geradezu schicksalhaft für Eveline Goodman-Thau und zugleich als besonders fruchtbar für die Fortführung der Institution der Franz-Rosenzweig-Gastprofessur. Prof. Ulrich Sonnemann bot Eveline Goodman-Thau an, sie mit einer religionsphilosophischen Arbeit, aus der sie Teilstücke in einem Kolloquium vorgetragen hatte, zu promovieren. Um ihr dies zu ermöglichen, bewilligte der Otto-Braun-Fonds Eveline Goodman-Thau Stipendienmittel für zwei weitere Forschungssemester an der Universität Gesamthochschule Kassel. Dies wiederum schuf die Grundlage dafür, daß wir in der Interdisziplinären Arbeitsgruppe für philosophische Grundlagenprobleme gemeinsam mit Eveline Goodman-Thau drei wissenschaftliche Symposien zu den Themen „Kabbala und Romantik“ (1991), „Licht und Geist - Zur Lichtmetaphorik“ (1992), „Messianismus zwischen Mythos und Macht“ (1993) planen und organisieren konnten, deren Ergebnisse in zwei Bänden vorliegen.

    Im Herbst 1992 lag dann die Dissertation von Eveline Goodman-Thau Zeitbruch. Zur messianischen Grunderfahrung in der jüdischen Tradition vor[1], und im Februar 1993 konnte am Krankenlager von Ulrich Sonnemann noch die Disputation durchgeführt werden. Wenige Wochen später erlag Ulrich Sonnemann im Alter von 81 Jahren seiner sich über ein Jahr hinziehenden Krebserkrankung.

    Nach ihren Gastsemestern in Kassel erhielt Dr. Eveline Goodman-Thau einen weiteren Ruf für ein Gastsemester in Oldenburg und sodann eine langfristige Gastprofessur an der Universität Halle­Wittenberg, von wo aus sie - weiterhin in enger Verbindung mit Kassel - auch die wissenschaftlichen Symposien „Jüdisches Denken in der europäischen Geistesgeschichte“ fortführte. Im Jahre 2000 habilitierte sich Eveline Goodman-Thau an der Universität Kassel mit der Arbeit Aufstand der Wasser. Jüdische Hermeneutik zwischen Tradition und Moderne[2] in Religionsphilosophie.

     

    [1] Eveline Goodman-Thau, Zeitbruch. Zur messianischen Grunderfahrung in der jüdischen Tradition, Berlin 1995.

    http://www.rosenzweig-gesellschaft.de/Gastprofessur.htm#_ftnref15[2] Eveline Goodman-Thau, Aufstand der Wasser. Jüdische Hermeneutik zwischen Tradition und Moderne, Berlin 2002.

    Dr. Joachim Israel
    em. Professor für Soziologie und Wissenschaftstheorie
    Universität Lund

    Joachim Israel wurde 1920 in Karlsruhe geboren; er emigrierte 1938 nach Schweden; war dort zunächst fünf Jahre als Landarbeiter tätig, bis er an der Universität Stockholm sein Studium der Philosophie, Psychologie und Soziologie aufnehmen konnte. Er wurde 1952 promoviert und habilitierte sich 1956 in Soziologie. Bis 1963 lehrte er an der Universität Stockholm, danach war er Professor für Soziologie an der Universität Kopenhagen. 1971 erhielt er einen Ruf an die Universität Lund/Schweden, wo er bis zu seiner Emeritierung 1986 Soziologie und Philosophie lehrte. Gastprofessuren führten ihn in die USA, Norwegen, Israel, Australien und in die Bundesrepublik Deutschland.

    Joachim Israel gehört zu den international bekanntesten Theoretikern einer philosophisch fundierten Soziologie; seine Bücher liegen in viele Weltsprachen übersetzt vor. In deutscher Übersetzung erschienen als Taschenbücher in hohen Auflagen: Der Begriff Entfremdung (1972), Die sozialen Beziehungen (1977), Der Begriff Dialektik (1979), Sprache und Erkenntnis (1990) - um nur die wichtigsten zu nennen. Seine Arbeiten befassen sich mit zentralen Problemen im Schnittfeld von Philosophie, Soziologie, Sozialpsychologie und Sprachwissenschaft. Die Spannweite der Themen, die Joachim Israel bearbeitet, ist außergewöhnlich und eindrucksvoll, sie reicht von wissenschaftstheoretischen Abhandlungen zu konkreten empirischen Analysen; Theorie und Praxis verweisen aufeinander.

    Joachim Israel hatte schon 1981 eine Gastprofessur an der Universität Gesamthochschule Kassel inne; seit dieser Zeit war er an der Betreuung zweier Kasseler Promotionen mitbeteiligt und kam auch sonst immer wieder zu Arbeitstagungen und Konferenzen nach Kassel, so auch zum Internationalen Franz-Rosenzweig-Kongreß 1986, so daß er, mit der Gesamthochschule bestens vertraut, von Anfang an eine große Hörerschaft hatte.

    Joachim Israel nahm die Einladung des Fachbereichs Gesellschaftswissenschaften auf die Franz-Rosenzweig-Gastprofessur 1989 jedoch vor allem als Herausforderung an, um sich erneut mit den Schriften seines philosophischen Lehrers Martin Buber auseinandersetzen zu können, wobei es ihm auch darauf ankam, Martin Buber als Mitbegründer einer kulturwissenschaftlichen Gesellschaftstheorie zu Beginn unseres Jahrhunderts und als zionistischen Sozialisten herauszustellen - eine Seite Bubers, die in der deutschen Buber-Rezeption oftmals unterschlagen wird. Die Ergebnisse dieses Seminars „Martin Buber - deutscher und jüdischer Philosoph“ liegen inzwischen in schwedischer und deutscher Sprache Martin Buber. Dialogphilosophie in Theorie und Praxis publiziert vor.[1]

    In Fortführung seiner grundlagentheoretischen Studien trug Joachim Israel in einer Vorlesung „Sprachphilosophische Probleme in erkenntnistheoretischer Sicht“ vor, die im anschließenden Kolloquium heiß diskutiert wurden - auch diese Ausführungen sind inzwischen als Buch Sprache und Erkenntnis erschienen.[2] In einem weiteren Seminar widmete sich Joachim Israel der „Motivationspsychologie und grundlegenden Fragen der Handlungstheorie“.[3]

    Für uns Kollegen waren jedoch die freien Kolloquien am eindrücklichsten, in denen uns Joachim Israel, ganz im Sinne des dialogischen Lernens, wie es Franz Rosenzweig für das Freie Jüdische Lehrhaus gefordert hatte, sokratisch an meist ethisch-politische Alltagsprobleme anknüpfend, in ein gemeinsames Philosophieren verwickelte.

    Joachim Israel verstarb nach kurzem, aber schwerem Krebsleiden im 81. Lebensjahr am 15. Mai 2001 in Halmstad/Schweden.

     

    http://www.rosenzweig-gesellschaft.de/Gastprofessur.htm#_ftnref11

    [1] Joachim Israel, Martin Buber. Dialogfilosof och sionist, Stockholm 1992 - überarbeitete deutsche Fassung: Martin Buber - Dialogphilosophie in Theorie und Praxis, Berlin 1995-

    [2] Joachim Israel, Sprache und Erkenntnis. Zur Tiefenstruktur der Alltagssprache, Frankfurt a. M. 1990.

    [3] Joachim Israel, Handlung und Interaktion. Eine Einführung aus sozialpsychologischer Perspektive, hg. von Heinrich Dauber und Wolfdietrich Schmied-Kowarzik (Kasseler Philosophische Schriften 36), Kassel 2003.

    Leonard H. Ehrlich PhD
    em. Professor für Philosophie und Judaic Studies
    University of Massachusetts at Amherst

    Leonard H. Ehrlich wurde 1924 in Wien geboren, nach dem Anschluß Österreichs emigrierte er 1939 in die Vereinigten Staaten. Im Dienste der US-Army betrat er gegen Kriegsende wieder deutschen und österreichischen Boden. Nach dem Krieg studierte er zunächst in den USA Psychologie, wechselte dann zur Philosophie, hörte von 1948 bis 1951 bei Karl Jaspers in Basel und schloß schließlich 1956 sein Studium mit dem PhD an der Yale University ab. Seit 1956 lehrt Leonard H. Ehrlich als Professor für Philosophie und Judaic Studies an der University of Massachusetts at Amherst.

    Prof. Leonard H. Ehrlich gehört zu den bedeutendsten Vertretern der Existenzphilosophie im anglo-amerikanischen Sprachraum. Er war Mitbegründer und langjähriger Vorsitzender der Internationalen Karl-Jaspers-Gesellschaft. Zusammen mit seiner ebenfalls aus Wien stammenden Frau Dr. Edith Ehrlich hat er mehrere Werke von Jaspers ins Englische übersetzt. Mit seinen philosophischen Arbeiten zu Karl Jaspers, Martin Heidegger und Franz Rosenzweig hat er sich einen international angesehenen Namen gemacht. Ein weiterer Schwerpunkt seines Forschens sind die Judaic Studies, in deren Rahmen es ihm besonders um eine kulturgeschichtliche Erforschung des europäischen Judentums sowie um eine Sichtbarmachung der Folgen seiner Zerstörung geht.

    Mit der Berufung von Leonard H. Ehrlich wurde die Einrichtung der Franz-Rosenzweig-Gastprofessur offiziell eröffnet. Zu seiner Begrüßung und Antrittsvorlesung waren nicht nur der Präsident der Universität, sondern auch viele Kollegen und Studenten aller Fachbereiche erschienen. Leonard H. Ehrlich war in Kassel kein Unbekannter, hatte er doch anderthalb Jahre vorher mit seinem Vortrag „Rosenzweigs Begriff der Zeitigung aus den Quellen des Judentums“ den Internationalen Franz-Rosenzweig-Kongreß mit eröffnet.

    Mit seiner dreistündigen Hauptvorlesung „Problematik der jüdischen Existenz angesichts der Moderne und die Zerstörung des europäischen Judentums“ drang Leonard H. Ehrlich programmatisch in das Problemfeld vor, das im Zentrum des thematischen Anliegens der Franz-Rosenzweig-Gastprofessur liegt. Er versuchte, das Thema einerseits aus dem Geiste des Denkens von Franz Rosenzweig und andererseits in schonungsloser Konfrontation mit dem Geschehen und den Folgen der Vernichtung des europäischen Judentums philosophisch zu durchdringen. Für uns alle war zwar enttäuschend, daß sich zu dieser so eindringlichen und grundlegenden Vorlesung nur eine kleine Schar von etwas mehr als einem Dutzend Studenten einfand, aber da diese Vorlesung inzwischen überarbeitet als Buch unter dem Titel Fraglichkeit der jüdischen Existenz[1] vorliegt, sind die eindrucksvollen Ausführungen Leonard H. Ehrlichs nicht mehr nur auf die anfängliche Hörerschaft in Kassel begrenzt, sondern können nun impulsgebend in die philosophisch-theologische Diskussion um den geschichtlichen Einschnitt von Auschwitz und die daraus zu ziehenden Konsequenzen einwirken.

    In einem weiteren dreistündigen Seminar „Die Existenzphilosophie Karl Jaspers'“ mußte Leonard H. Ehrlich eine ähnliche Erfahrung machen wie Peter Fuss ein Jahr zuvor mit seinem Hegel-Seminar. Leonard H. Ehrlich hoffte bei den deutschen Studenten mehr Grundkenntnisse über den existenzphilosophischen Ansatz von Karl Jaspers vorzufinden, stattdessen fand er einige zwar äußerst interessierte Studenten vor, die er jedoch - wie in seiner Heimatuniversität - allererst in die Existenzphilosophie von Jaspers einführen mußte.

    Nachhaltige und fruchtbare Diskussionen lösten seine philosophischen Vorträge im Kreise der Kollegen des Fachbereichs Erziehungswissenschaft/Humanwissenschaften sowie im Rahmen der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit aus und fanden auch in Presse und Rundfunk viel Beachtung. Über seine Erfahrungen als Franz-Rosenzweig-Gastprofessor berichtete Leonard H. Ehrlich in Vorträgen und Zeitschriftartikeln in den USA; die Übersetzung einer dieser Berichte „Als jüdischer Gastprofessor in Kassel“ erschien auch in unserer Hochschulzeitschrift Prisma.

    Prof. Leonard H. Ehrlich PHD verstarb am 8. 6. 2011 in Hingham, MA, USA

     

    [1] Leonard H. Ehrlich, Fraglichkeit der jüdischen Existenz. Philosophische Untersuchungen zum modernen Schicksal der Juden, Freiburg/München 1993.

    Peter Fuss PhD
    Professor für Philosophie
    University of Missouri – St. Louis

    Peter Fuss wurde 1932 in Berlin geboren; gerade noch rechtzeitig konnten seine Eltern mit ihm 1939 in die USA emigrieren. Er wuchs zunächst in New York auf, schloß die Harvard University mit dem PhD ab, lehrte als Lecturer für Philosophie von 1961 bis 1969 an der University of California in Riverside und ist seit 1969 Professor für Philosophie an der University of Missouri in St. Louis.

    Mit seinem philosophischen Leitproblem, Totalität anders als durch Totalitätstheorien zu denken, knüpft Peter Fuss an die Traditionen der klassischen deutschen Philosophie und der kritischen Theorie an, verbindet diese aber mit amerikanischen Traditionen politischen und spekulativen Denkens. In einem längerfristig angelegten Forschungsprojekt bereitet Peter Fuss eine erneute, philosophisch fundierte Übersetzung von G. W. F. Hegels Phänomenologie des Geistes ins Englische vor.

    Die Franz-Rosenzweig-Gastprofessur war 1987 noch ganz und gar Experiment und Vorlauf. Da die Beschlüsse der zentralen Gremien der Universität noch ausstanden, stellte der Fachbereich Erziehungswissenschaft/Humanwissenschaften zur ersten Realisierung der Idee rasch entschlossen eine gerade vakante Professur zur Verfügung, und ebenso spontan willigte Prof. Peter Fuss ein, direkt nach seinem Frühjahrs-Semester in St. Louis noch zu einem zweimonatigen kompakten Gastsemester nach Kassel zu kommen. Zu Peter Fuss, dem Neffen des an unserer Universität lehrenden Sozialphilosophen Ulrich Sonnemann, bestanden bereits enge Kontakte; kurz vorher war PD Dr. Gottfried Heinemann zu einem Gastsemester in St. Louis gewesen.

    Auch für Peter Fuss war das Gastsemester in Kassel ein Experiment. Erhoffte er sich doch, Probleme der Interpretation von Hegels Phänomenologie des Geistes, die er mit einer Arbeitsgruppe ins Englische übersetzte, in einem Seminar mit deutschen Studenten klären zu können. Mit Erstaunen stellte er fest, daß auch die deutschen Studienanfänger die Texte nicht besser verstanden als ihre Kommilitonen in den Vereinigten Staaten.

    Doch die für ihn überraschendste Erfahrung war, daß zu dem von ihm angebotenen Seminar „Zur politischen Philosophie Hannah Arendts“ nur drei Hörer erschienen, zwei Hochschullehrer und ein Student. Dies lag natürlich vor allem daran, daß nur wenige Studenten mitten im Sommersemester noch ein zusätzliches Lehrangebot wahrnehmen. Aber es offenbart auch etwas von dem Ausmaß der Zerstörung des jüdischen Erbes in Schulen und Hochschulen, denn Hannah Arendt war für viele der damaligen Studierenden noch ein unbekannter Name. Erst ein bis zwei Jahre später kam über die feministische Philosophie und dann nach dem Umbruch der politischen Verhältnisse in Mitteleuropa das Interesse an der Philosophin und politischen Denkerin Hannah Arendt auf und durchlief wie eine Modewelle die deutschen Universitäten.

    Das dritte Seminar, das sich mit „Philosophischen Implikationen in H. Melvilles Moby Dick“ befaßte, stieß bei den Studenten dagegen auf die größte Resonanz.

    Trotz dieser Anfangsschwierigkeiten, Studenten für die zusätzlichen Gastveranstaltungen zu gewinnen, war alles in allem dieser Vorlauf erfolgreich und für uns sehr ermutigend, denn mit Vorträgen und Diskussionsbeiträgen hatte sich Peter Fuss produktiv und engagiert in das gemeinsame Forschungsprojekt des Fachbereichs „Bildung und Zukunft“ eingebracht sowie im Philosophischen Forum über „Die Aporie von Platons Staat“ vorgetragen, so daß durch diese aktive Präsenz von Prof. Peter Fuss die Beantragung der Franz-Rosenzweig-Gastprofessur als einer kontinuierlichen Einrichtung eine breite Zustimmung und Unterstützung durch die Hochschulgremien fand.

    Quel­len­nach­weis

    Textbeiträge und autobiographische Skizzen der einzelnen Gastprofessorinnen und -professoren sind abgedruckt in: 

    • Wolfdietrich Schmied-Kowarzik (Hrsg.) 
      Vergegenwärtigung des zerstörten jüdischen Erbes 
      Franz-Rosenzweig-Gastvorlesungen Kassel 1987-1998
      kassel university press 1997,  ISBN 3-7281-2518-0

    • Wolfdietrich Schmied-Kowarzik (Hrsg.) 
      Auseinandersetzungen mit dem zerstörten jüdischen Erbe
      Franz-Rosenzweig-Gastvorlesungen (1999-2005)
      kassel university press 2004, ISBN 3-89958-044-3

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