Über das Kernstudium

Das Hauptziel des Kernstudiums besteht in Reflexions- und Handlungsfähigkeit im pädagogischen Praxisfeld von Schule und Unterricht. Das Kernstudium bietet historische, pädagogische, politikwissenschaftliche, psychoanalytische, psychologische sowie soziologische Zugänge und Reflexionen bezogen auf die Tätigkeiten von Lehrkräften in den Bereichen Kindheit und Jugend, Schule, Unterricht und Gesellschaft sowie deren Entwicklung. Für den Studiengang „Lehramt an Grundschulen“ umfasst das Kernstudium zudem den Kompetenzbereich „Ästhetische Bildung und Bewegungserziehung“.

Ein Blick zu­rück:

Das Kernstudium im Kontext seiner Entstehungszeit

Die Gründung der Gesamthochschule Kassel, deren Lehrbetrieb zum Wintersemester 1971 startete, fiel in die Zeit der Bildungsreformära. Die Kasseler Hochschulgründung sollte einerseits die Bildungsbeteiligung in der Region steigern, andererseits  eine Hochschul- und Studienreform in verschiedenen Bereichen vorbereiten und umsetzen. Der Lehrer*innenbildung galt eine besondere Aufmerksamkeit, weil den zukünftigen Lehrer*innen eine wichtige Rolle für Umsetzung der Ziele der Bildungsreform zugedacht wurde. In der Gründungsphase entstand auch das Kernstudium als zentrales Element des „Kasseler Modells“ der Lehrer*innenbildung.

 

Die Kasseler Lehrer*innenbildung

An der neuen Hochschule wurden die bis dahin in Hessen getrennten Ausbildungswege – zukünftige Gymnasiallehrer*innen studierten an den Universitäten, Grund-, Haupt- und Realschullehrer*innen an Seminaren oder pädagogischen Hochschulen – organisatorisch und inhaltlich zusammengeführt. Mit der Zusammenführung sollte die pädagogisch-praktische Orientierung seminaristischen Ursprungs mit der wissenschaftlich-fachliche Ausrichtung der Universität verbunden werden. In den Unterrichtsfächern zeigte sich dies an der Integration fachdidaktischer Inhalte in das  Studium der künftigen Oberstufenlehrer*innen, während für Grund- und Mittelstufenlehrer*innen der Anteil der Fachwissenschaften erhöht wurde (vgl. Kather 2020, S. 66). Auch wenn die Idee, ein gleichlanges Studium für alle zu realisieren, scheitere, sollte mit der Verbindung von WissenschaftlichkeitundPraxisbezug als durchgängige Prinzipien aller Lehramtsstudiengänge in Kassel die Gleichwertigkeit der Lehrämter hervorgehoben werden (vgl. Heipke & Messner 1981, S. 266; Garlichs 1987, S. 11).

In der Reformeuphorie der späten 1960er ging man davon aus, dass das Schulwesen der Zukunft nur noch nach Stufen gegliedert und die integriert-differenzierte Gesamtschule sein zentrales Element sein soll. Die Kasseler Lehramtsstudiengänge differenzierten sich daher nicht nach Schulformen, sondern nach drei Schulstufen (Grund-, Mittel- und Oberstufe). Erst 1989 wurden die bis dahin geltenden Staatsprüfungsverordnungen für die Kasseler Lehrer*innenbildung nach einem Wechsel in der hessischen Landesregierung nicht mehr verlängert und die Kasseler Studiengänge erhielten die schulformbezogenen Bezeichnungen (Grundschule, Haupt- und Realschule sowie Gymnasium).

 

Die Anfänge des Kernstudiums

Den integrativen „Kern“ des neuen Lehrer*innnbildungsmodells bildete das gemeinsame Studium der Erziehungs- und Gesellschaftswissenschaften.Im Anschluss an die kritischen Sozialwissenschaften der 1960er galt der Anspruch, künftige Lehrer*innen für die gesellschaftliche Bedeutung ihrer Tätigkeit zu sensibilisiern und sie für eine Mitarbeit an einer Reform von Schule und Unterricht zu qualifizieren. Die Reflexion der gesellschaftlichen Bedingtheit von Schule und Unterricht sollte künftige Lehrer*innen ermutigen, aktiv für die Demokratisierung der Gesellschaft und den Abbau sozialer Ungleichheiten einzutreten. Entsprechend wurde im Kernstudium dafür Sorge getragen, dass Studierende sich auch mit Sozialisationsprozessen sowie politischen und sozioökonomische Strukturen der Gesellschaft befassen können.Im Kernstudium sollte ein gemeinsames, d.h. lehramtsübergreifendes berufliches Selbstverständnis der künftigen Lehrpersonen entwickelt werden (vgl. Heipke & Messner 1981; Garlichs 1981, 1987).

 

Der Aufbau des Kernstudiums

Entsprechend eines wissenschaftsbasieren Berufsbezugs war das Kernstudium nicht disziplinär (z.B. Soziologie, Pädagogik, Psychologie) aufgebaut, sondern interdisziplinär nach Themen und Kompetenzen im Hinblick auf das Berufsfeld organisiert. Die verschiedenen Erziehungs- und Gesellschaftswissenschaften sollten ihre Sichtweisen, Methoden und Erkenntnisse in vier praxisbezogene Studienbereiche einbringen:

  • Unterricht und Curriculum
  • Schule und Betrieb
  • Sozialisation und soziales Lernen
  • der gesellschaftlich-politische Kontext.

In diesen Inhaltsbereichen sollten Studierende durch die Reflexion eigener Erfahrungen und Realitäten (z.B. die eigene Sozialisation, Motive der Berufswahl), die Vermittlung von Wissen, den Aufbau von Einstellungen und Haltungen sowie den Erwerb kritischer Handlungs- und Praxiskompetenzen auf ihre künftige Tätigkeit vorbereitet werden. Gerade in der Anfangszeit des Kernstudiums hielt man das Studium in Projekten für die geeignetste Lehr- und Lernform.

Die vier Inhaltsbereiche wurden daher bewusst offen formuliert. Sie waren als ein Rahmen gedacht, der durch die Lehrenden und Studierenden erarbeitet, gefüllt und überprüft werden sollte. Ziel war es, einerseits einen Raum für eigene Bedürfnisse, Lerninteressen und Lernziele der Studierenden zu eröffnen, andererseits die Reaktion auf veränderte oder aktuelle didaktische, schulische sowie gesellschaftliche Entwicklungen zu ermöglichen.

Zu den Reformelementen der Kasseler Lehrer*innenbildung, sowohl im Kernstudium als auch in den Fachdidaktiken, gehörten von Beginn an die mehrstufigen und wissenschaftlich begleiteten Schulpraktischen Studien (SPS). Das Kasseler Konzept der SPS übernahm eine Vorreiterrolle für die Reform der Gymnasiallehrer*innenausbildung in Hessen und wurde 1979 im ganzen Bundesland eingeführt (vgl. Garlichs 1987, S.11).

 

Kontinuität und Wandel im Kernstudium

Die westdeutsche Bildungsreform geriet im Laufe der 1970er Jahre ins Stocken und das Ziel, über Schule und Bildung die Gesellschaft zu reformieren und zu demokratisieren, verlor angesichts gesellschaftlicher Krisenerscheinungen an Priorität und Konsens. Die Umsetzung der Reformkonzepte und ihre Erhaltung gestalteten deutlich schwieriger als anfangs gedacht. Das Kernstudium blieb seinen Grundeinstellungen und seiner Organisationsform treu, legte den Fokus des Studiums aber nun verstärkt auf individuelle Sinn- und Lebensfragen sowie die Förderung des Einzelnen in der Tradition von Aufklärung, Neuhumanismus und Demokratiebewegungen (vgl. Messner 1988).

Auch nach der Modularisierung des Kernstudiums in den Jahren 2004/2005 blieben die zentralen Charakteristika erhalten. Die vier Studienkomplexe des Kernstudium wurden inhaltlich überarbeitet und umbenannt in Anlehnung an die KMK-Standards für Bildungswissenschaften. Seitdem hat das Kernstudium folgende zentrale Kompetenzbereiche für alle Lehramtsstudierenden (Lehramt an Grundschulen, Lehramt an Haupt- und Realschulen, Lehramt an Gymnasien sowie Berufs- und Wirtschaftspädagogik) in an der Uni Kassel:

  • Lehren, Lernen, Unterrichten
  • Beobachten, Beraten, Fördern im pädagogischen Feld
  • Schule und Bildungseinrichtungen entwickeln und mitgestalten
  • Bildung und Erziehung im gesellschaftlichen Kontext.

Seit dem Wintersemester 2015/2016 nimmt das Kernstudium am hessischen Modellversuch Praxissemester teil, für die Studierenden des Lehramts an Grundschulen sowie des Lehramts an Haupt- und Realschulen ersetzt das Praxissemester seither die Schulpraktischen Studien. 

 

Literatur

Garlichs, Ariane (1981). Das Kernstudium in der Kasseler Lehrerausbildung. In Prisma (27), S. 26-27.

Garlichs, Ariane (1987). Lehrerausbildung. Eine Herausforderung nicht nur für die GhK. Einwände gegen eine Wende. Kassel: Zentrale Druckerei der GhK

Heipke, Klaus & Messer, Rudolf (1981). Entstehung, Stagnation und Perspektiven der Kasseler Stufenlehrerausbildung. In: Norbert Kluge, Aylâ Neusel, Christoph Oehler & Ulrich Teichler (Hrsg.), Gesamthochschule Kassel 1971-1981. Rückblick auf das erste Jahrzehnt (S. 262-298). Kassel: Johannes Stauda.

Kather, Alexander & Glaser, Edith (2020). Demokratischer Fachunterricht durch demokratische Lehrerbildung? Zur Wissensgeschichte einer veränderten Fremdsprachenlehrerausbildung im Reformprojekt Gesamthochschule Kassel. (In Vorbereitung)

Kather, Alexander (2020). Romanistik an einer Reformuniversität. Entstehung und Entwicklung eines neuen Modells der Fremdsprachenlehrerausbildung in Zeiten der Bildungsreform.Kassel: kassel university press.

Messner, Rudolf (1988). Herkunft, Entwicklung und Perspektiven: Das „Kasseler Modell“ der Lehrerbildung. In: Publik, 11(7), S. 3-4.