Ma­xim Bil­ler

„Mauern, gegen die ich lief“
Grimm-Professor Maxim Biller zeigt sich nachdenklich


„Der gebrauchte Jude" hieß das Referat, mit dem im Dezember 2008 der Grimm-Professor Maxim Biller im Eulensaal der Murhardschen Bibliothek seine Veranstaltungsreihe eröffnete. Wer jedoch von Referat und Seminar flammende Polemik oder eine Grundsatzrede über die (Un)möglichkeit biografischen Schreibens erwartet hatte, wurde enttäuscht. Der Autor, der mehr als durch seine Romane mit seinen Kolumnen und zuletzt durch den spektakulären Schadensersatzprozess um sein Buch „Esra" die Öffentlichkeit beschäftigt hatte, gab sich in diesem literarischen Angebot der Uni Kassel, bei dem akademisches und städtisches Publikum sich jedes Jahr drei Tage lang mischen, eher nachdenklich und fast philosophisch. Die scharfe Polemik, für die er berühmt ist, schien er hinter sich gelassen zu haben oder für die Rolle des Literaturprofessors auf Zeit nicht angemessen zu finden. Ein durchgehendes Thema seines Werks ist das Verhältnis von Juden und Deutschen in allen seinen Aspekten, vom historischen bis zum schwer fassbaren heutigen realen Leben in Deutschland, in dessen genaue Beschreibung er seine ganz persönlichen Erfahrungen einbringt. Diese Problematik stand auch im Mittelpunkt seines Auftaktreferats und Seminars. Biller beschrieb vor allem sein Verhältnis zu Deutschland anhand seines eigenen Lebenslaufs als Student in München und sich entwickelnder Schriftsteller, wobei er sich über seinen eigenen Standort sowohl in der Literatur als auch in der Gesellschaft klar zu werden versuchte. Die Definition des "Jüdischen" gerade auch im Kontrast zum Antisemitismus nahm dabei breiten Raum ein. Dabei beschäftigte ihn die Umsetzung seiner Erfahrungen und Erkenntnisse ins Schreiben, die Beschreibung der „Mauern, gegen die ich lief". Literarisch wurde Philipp Roth, wie er erläuterte, zu seinem Anreger und Vorbild. Aber Biller fühlte sich auch betroffen zum Kommentar seiner Schwester: „Romane bestehen nur aus Worten, nicht aus Wirklichkeit". Einen Teil seiner kritischen Distanz zum heutigen Deutschland mag auch in der frühen Spracherfahrung liegen: Biller las bis zum Jugendlichen-Alter zunächst tschechisch, später erst wurde Deutsch die Sprache, in der er denkt und schreibt. Die Geschichte sieht er als „Steinbruch" für spannende Geschichten, die er erzählen will. Die dem Seminar aufgegebene Frage, ob es eine spezifische „jüdische Literatur" im heutigen Deutschland gibt, blieb letztlich ungeklärt.

Claudia v. Dehn; Publik 27. 1. 2009

Prei­se und Aus­zeich­nun­gen (Aus­wahl):

  • 1994 Tukan-Preis der Stadt München
  • 1996 Preis des Europäischen Feuilletons
  • 1996 Otto-Stoessl-Preis
  • 1999 Theodor-Wolff-Preis
  • 2012 Würth-Literaturpreis